Vier Menschen als Raketen

Magritte, ein Meister der Illusion, als Rakete. © Ian Burt under cc

Wenn wir von Realität und Phantasie reden, dann ist deren Gewichtung zunächst relativ klar. Realität, das ist unser Anker, sie steht auf Seiten der Vernunft, gilt irgendwie auch als eine Art Lebensziel: “Werd’ endlich realistisch.” “Hör auf zu träumen, komm’ mal in der Realität an.”

Aber Realität ist nicht das dröge Anbeten des Status quo, sondern Realität heißt auch zu begreifen, dass wir keine Computer mit Ohren sind, sondern immer auch fühlende, phantasiebegabte Wesen, solche, die übrigens oft sehr wenig in “der Realität” leben (genauer: in dem oft verkürzten Bild, was man sich von “der Realität” macht), sondern, die Vergangenem nachhängen, über die Zukunft phantasieren und darüber, wie sie wohl ankommen, was andere über sie denken, ob sie sich richtig oder falsch verhalten haben. Kurz, wir sind Wesen, die immer auch in Möglichkeitsräumen unterwegs sind. Und das nicht nur für fünf Minuten am Wochenende oder wenn man mal nicht einschlafen kann, sondern in einen riesigen Bereich des Lebens. Die Realität ist, dass wir den größten Teil des Tages in Phantasiewelten spazieren, tagträumen, auch wenn wir immer wieder zu Knotenpunkten gelangen, die wir mit anderen teilen.

Die sogenannte Phantasie nimmt einen viel größeren Raum ein, als wir meinen, nur hat sie keinen guten Klang, auch in der Psychologie nicht. Phantasie, das klingt so flatterhaft, unerwachsen, nach Flausen, bloßen spontanen Endrücken, nichts, was von Dauer wäre. Diese Gewichtung verdanken wir in einem hohem Maße Freud, der stark auf die Stimme der Vernunft setzte und auf die zweifellos vorhandene Kraft deutender Ansätze. Eine Herausforderung stellen demgegenüber Ansätze dar, die mehr auf die Kraft von Imagination, Phantasie, Kreativität setzen und nicht alle Gleichungen in Richtung Vernunft und Realität auflösen wollen. Es geht nicht um den ewigen Kampf, sondern um die Frage, wie man beide Aspekte unseres Soseins sinnvoll ergänzen kann.

Realitätsprüfung

Die Realitätsprüfung ist ein neben der Identitätsdiffusion das andere bedeutende Kriterium in der psychologischen Diagnostik. Unter Realitätsverlust versteht man im psychologischen Sinne in etwa das, was man im Alltag auch darunter versteht. Jemand ist verrückt, psychotisch würden Psychologen sagen, man kommt nicht mehr zu ihm durch, er lebt (im Moment) in seiner eigenen Wahnwelt. In Ansätzen kann man diese Welt verstehen, sie ist nicht nur irre, sondern hat durchaus ihre eigene Logik, nur lässt die selten Korrekturen und Dialoge zu.

Die klassischen Elemente des Realitätsverlustes sind das Sehen von Bildern, die niemand anders sieht, Stimmen, die niemand anders hört und Größen- oder Schuldphantasien. Dazu gehört, dass man in Zeit, Raum, zum Ort oder zur Person nicht orientiert ist. Wer glaubt er sei Jesus, Alexander der Große, die Jungfrau Maria oder mit seinem Schutzengel spricht, um den sollte man sich zu dessen eigenem Schutz erst mal Sorgen machen. Doch immer wieder erleben Menschen merkwürdige Momente in Gipfelerfahrungen, mitunter hören sie Stimmen oder sehen Bilder ohne psychotisch zu sein.

Es kann sein, dass jemand im Rahmen einer Pseudohalluzination durchaus rational ansprechbar ist und sich selbst fragt, ob das was er sieht real ist oder nur seine Einbildung. Stimmen hören weit mehr Menschen, als man dachte und es ist eher die Art wie man mit ihnen umgeht, als die Tatsache, dass man sie hört, die entscheidet, ob jemand psychotisch ist, oder nicht.

Die Realitätsprüfung ist auch dann nicht misslungen, wenn man sich auffällig verhält. Das entscheidende Kriterium ist, ob man empathisch mit der gesellschaftlichen Normalität ist. Das heißt nicht, dass man sie befürworten muss, sondern dass man wissen sollte, wie eine Verhaltensweise in der Gesellschaft, mindestens im Mainstream, ankommt. Wer also eine abweichende Verhaltensweise zeigt und weiß, dass er dadurch Irritationen hervorruft, ist vielleicht ein bunter Hund, aber nicht psychotisch. Wer hingegen, auch bei einer taktvollen Nachfrage nicht darauf kommt, dass das eigene Verhalten überhaupt anstößig, sonderbar oder irgendwie verrückt wirken könnte, der leidet unter Realitätsverlust. Die schweren Formen sind für alle Menschen leicht zu erkennen, die Differentialdiagnose der subtilen Formen, die atypischen Psychosen müssen getestet werden.

Soviel Realität muss sein, wird aber auch stets vorausgesetzt. Wenn wir einem anderen Menschen begegnen, gehen wir davon aus, dass er die Welt im wesentlichen so wahrnimmt wie wir, sieht, dass das vorne ein Haus steht, weiß, was mit der Frage nach der Uhrzeit oder dem Weg gemeint ist und auch, wie man sich in der Öffentlichkeit bewegt und benimmt. Wir gehen stillschweigend davon aus, dass das funktioniert und sind schwer irritiert, wenn jemand diese gesellschaftlichen Grundlagen überhaupt nicht teilt.

Realität als Ideologie

Etwas anderes ist es, wenn jemand, oft mit heftigem Nachdruck, betont genau so und nicht anders sei die Realität. Was diese Menschen eigentlich meinen ist, dass das ihre Lesart von Realität ist, der man bitte nicht widersprechen soll. Auch ihre Sicht ist eine mögliche Interpretation, allerdings reagieren Menschen, die mit einer gewissen Rigidität von Fakten, Wahrheit und Realität reden allergisch auf Begriffe wie “Interpretation”, “Lesart” oder “Deutung”, ihnen ist es wichtig, dass ihre Art die Welt zu sehen real ist und damit die einzige vernünftige Möglichkeit dieselbe zu betrachten. Gerne benutze Wendungen in diesem Zusammenhang lauten “Tatsache ist, …”, “Fakt ist, …”, “So ist das eben!” oder auch “So einfach ist das!” Hier wird kein Widerspruch geduldet, will man nicht zu den “Realitätsverweigerern” gehören. Ein kategorialer Fehler. Diese Interpreten meinen (normativ), man dürfe etwas nicht anders sehen, man kann es (deskriptiv) nämlich durchaus, wie ihnen jeder zeigt, der ganz einfach anderer Meinung ist.

Doch so leicht wir uns im Alltag darüber verständigen können, so teuflisch ist es im Detail, wenn man der Frage, wo die Realität endet und die Phantasie beginnt wirklich nachgeht. Dicke Bücher wurden und werden darüber geschrieben und man kann die Frage nicht mal eben im Vorbeigehen klären, weil bereits unsere Sinneswahrnehmung Interpretation und keine reine Abbildung des “da draußen” in mir ist, weil kulturelle Vorgaben unsere Wahrnehmungen verändern, weil mit den Affekten/Gefühlen und der Sprache zwei Kommunikationssysteme in uns verbacken, weil wir semantisch immer mit Assoziationswolken agieren, statt mit präzisen Einzelbegriffen, weil wir psychologisch immer in Projektionen leben und philosophisch unser Welterleben ganz wesentlich von den Vorannahmen (Präsuppositionen, Prämissen) abhängt, die wir von unserer Umwelt präsentiert bekommen.

Rationalität und Irrationalität

Gerne werde bestimmte Denksysteme auch als irrational bezeichnet und darin liegt bereits eine Wertung, unter anderem auch die, dass Rationalität stets besser als Irrationalität sei. Und irgendwie auch der Realität näher. Aber wieso sollten rein rationale Konzepte für Wesen, die eben nachweislich alles andere als rein rational sind, so prima passen? Das mag für Supercomputer oder bestimmte gesellschaftliche Systeme der Fall sein, aber wir sehen aktuell, dass man sich auch zu Tode optimieren kann. Das System mag immer effizienter werden, nur der Mensch bleibt dabei immer häufiger auf der Strecke. Alles wird immer besser, man fühlt sich nur nicht wohler. Hier klafft eine gehörige Lücke.

Rationalität und Emotionen sind kein Widerspruch, können aber einer sein. In einem psychisch gesunden Menschen sollten sie weitgehend übereinstimmen und es sind die Emotionen, die bestimmte Eckpunkte unseres Erlebens markieren. Manche Dinge mag man scheinbar grundlos gut oder überhaupt nicht leiden. Das läuft unter Geschmacksfragen. Diese kann man vielleicht in einzelnen Punkten rational herleiten, doch nicht immer ist das der Fall. Vielleicht ist man vom Wickeltisch gefallen, als es in der Wohnung nach Fisch roch und seit dem mag man keinen Fisch mehr, das könnte, muss aber keine Erklärung sein. Bestimmte Namen, Menschen, Situationen evozieren vielleicht frühere, ähnliche Erfahrungen, aber auch das kann genausogut unserem Wunsch geschuldet sein, lieber irgendeine Erklärung zu haben, als keine.

Emotionen sicher innere Beteiligung, Kommunikation und sie motivieren uns. Die Rationalität der Emotionen wird derzeit wieder stärker beleuchtet. Das Affektsystem ist eine evolutionär recht junges System und insofern auch ein hochdifferenziertes. Es ist sehr nützlich, aber man kann die Gleichung unseres Lebens vermutlich so wenig nach der Seite auflösen, dass Emotionen immer recht hätten oder eine tiefere Wahrheit repräsentierten, wie zur anderen Seite, dass Emotionen stets ein Irrtum, ein Ausdruck der Irrationalität des Menschen seien, den es zu überwinden gelte. So einfach ist es dann doch nicht. Ob die eigene Rationalität der Emotionen eine ist, die man in Algorithmen erfassen und berechnen kann, ist alles andere als ausgemachte Sache. Man weiß halt nicht, welche Mischung von Emotion und Kognition den nächsten Terroristen, Heiligen oder Spitzensportler ausmacht. Was den einen motiviert, frustriert den nächsten, wo der eine seine Freiheit genießt, wird der andere orientierungslos und verunsichert.

Neben der wiederentdeckten Rationalität der Emotionen, gibt es auch eine Art Irrationalität rationaler Systemen, auch wenn das erst mal ein Widerspruch ist. So waren beispielsweise die Konzentrationslager der Nazis ein Ausdruck zutiefst rationaler Planungen gewesen, logistisch optimiert, nur eben jeden Rest an Menschlichkeit ausblendend. Die Menschlichkeit ist aber keine reine Denkleistung, sondern eine grundsätzliche Fähigkeit zum Mitgefühl, die im besten Fall auch in ideologischen Systemen nicht zerstört wird. Begriffe wie Vernunft, Klugheit oder gesunder Menschenverstand implizieren bereits, dass es um mehr als instrumentelle Vernunft und reine Rechenleistung geht, sondern auch emotionale Impulse beinhaltet.

Glauben und Wissen

Meerjungfrauen und Männer im Meer

Mischwesen haben die Phantasie stets beflügelt. Photo taken by Cybershot800i under gemeinfrei

Ein ähnlich schroffer Gegensatz wie zwischen Realität und Phantasie wird oft auch zwischen Glauben und Wissen gezogen. Dabei schwingt beim Glauben oft noch eine religiöse Komponente mit, doch eigentlich geht es nur um die Überzeugungen, die jemand hat. Diese Überzeugungen sind eigentlich selten vollkommen daneben, sondern meistens ein Resultat aus Prägungen und darauf aufbauenden eigenen Erfahrungen, die sich wechselseitig verstärken. Dass ganz andere Denksysteme jedoch ebenso ihre Berechtigung und innere Folgerichtigkeit haben, erkennen diejenigen nicht, die nur auf die innere Folgerichtigkeit ihrer Art die Welt zu sehen pochen. Doch das eine schließt das andere nicht aus.

Es gibt einen Trend, der gerade im Begriff ist zu kippen, den, dass es nur eine einzige richtige Sicht gibt, die Welt zu betrachten und zwar durch die Brille der Naturwissenschaften. Allein hier fände und arbeite man mit wahrem Wissen, Fakten, Tatsachen und dergleichen, der Rest sei ohnehin nur Glaube. Wir kritisierten diese Lesart bereits hier und hier, so dass ich darauf verweise. Wir haben eine gewisse Armut an Weltbildern und es scheint manchmal nur die Alternative zu bleiben, die Welt entweder real und durch die Brille der Wissenschaft zu sehen oder irgendwie religiös zu verklären. Andere Lesarten kommen uns kaum in den Sinn, die normativer Natur sind oder radikaler mit unseren Gewohnheiten brechen. Aus psychodynamischen Therapieformen ist längst bekannt, dass der Verweis auf “die Realität” und wie sie ist bei einem Patienten im Grunde nicht viel bringt.

Natürlich, Eckpfeiler ist auch hier die Realitätsprüfung. Therapie im engeren Sinne ist im Augenblick der psychotischen Episode kaum oder gar nicht möglich, aber auch wenn keine Psychose vorliegt kann ein Mensch die Welt sehr verzerrt wahrnehmen, im Vergleich zu anderen Menschen, aber das ist nun mal seine Art die Dinge zu sehen. Es mag Gründe dafür geben und verschiedene Konzepte, die das in unterschiedlicher Weise aufgreifen und erklären, aber jemandem zu erläutern, dass alle anderen das aber anders sehen als er und der Betreffende sich folglich irren muss, ist therapeutisch weder zielführend noch effektiv.

Statt dessen fragt man, was es für den Menschen bedeutet die Welt so zu sehen, wie er sie sieht. Was heißt es für seine Beziehungen, seine Arbeit, seine Sicht auf die Welt und dann natürlich immer, für ihn? Man frisst sich sozusagen von Innen nach Außen, versucht gemeinsam diesen Menschen und seine Sicht auf die Welt (und was sie ausmacht, antreibt, verbindet und trennt) zu erkennen. So dass er sich selbst erkennt, zumindest besser kennen lernt. Die Selbsterkenntnis, die möglichst komplette Sicht auf andere Menschen und damit auch die Abweichung von diesen ist noch immer eines der Hauptelemente der Psychotherapie. Man kann sich und zur Not anderen erklären, warum man ist, wie man ist und entspricht so dem Spiel des Gebens und Verlangens von Gründen, was uns ausmacht.

Bilder und Argumente

Und doch ist das nicht alles. Therapeutische Bestrebungen die die rationalen Aspekte weniger in der Vordergrund rückten und oft mit Bildern und Symbolen arbeiteten standen schon an der Wiege der Psychoanalyse. Der avisierte Kronprinz Carl Gustav Jung schlug diese Richtung ein prägte klassische Begriffe wie Archetypus oder Schatten, auch wenn es heute eher wenige explizite Therapieformen nach Jung gibt.

Doch nach wie vor gab und gibt es Therapien und Methoden, die auf die Kraft der inneren Bilder setzen oder Verfahren wie EMDR kommen auf, die den Intellekt fast ganz umgehen. Doch eine Entscheidung und damit ein Verwerfen der anderen Ansätze ist oft gar nicht nötig. So vereint die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie nach Luise Reddemann (hier in einem Radiointerview) stabilisierende, auf Mitgefühl, Einsicht und Stärkung der eigenen Ressourcen beruhende Ansätze mit imaginativen Elementen. Bilder und Argumente sind hier kein Gegensatz, so wenig wie Realität und Phantasie.

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte!?

Manchmal. Bilder sind stärker in der emotionalen Sphäre angesiedelt und umgehen manchmal langwierige Erklärungen. Man sieht es ja. Andererseits sprechen viele, im Zeitalter des Smartphone von einer Inflation der Bilder, der wir uns aussetzen. Alles immer schneller, immer kürzer, inklusive der Aufmerksamkeitsspanne. Was langweilig ist, wird weggeklickt. Die Bilder und Eindrücke rasen vorbei. Was taucht noch in uns auf, etwa wenn wir still werden? Oft ein Unwohlsein, eine Unruhe, die manche körperlich spüren. Langeweile, der Impuls sich abzulenken, durch Aktion oder Kommunikation. Aber ablenken wovon? Manchmal wissen wir es, oft nicht. Bilder mit denen wir heilen wollen, müssen eine andere Qualität oder Quantität haben.

Realität und Phantasie der Imaginationen

Irgendwann taucht, wenn wir innerlich und äußerlich still werden, ein Impuls auf, ein Gedanke, ein Bild. Und selbst wenn da gar nichts ist, kann man sich dieses “Nichts” beschreiben lassen. Ist es kalt, dunkel, unheimlich oder behaglich? Ist es die Ruhe der Zurückgezogenheit oder ein Gefühl nagender Einsamkeit? Nur Bilder? Wer diese Welten bereist kann ungeheuerliche Erfahrungen machen, darum haben Schamanen, Magier und Mystiker es zu allen Zeiten getan.

Nur Bilder? Gewiss, aber sind immer die Bilder des Erlebenden, es ist seine innere Welt in die er eingebunden ist. Und erstaunlicherweise – oder eben auch nicht so erstaunlich – ist die Phantasiewelt, die jemand erlebt oft gar nicht so verschieden, von der Welt, die er sonst erlebt. Eine Erkenntnis von Freud. Obendrein ist auch die vermeintlich reale Welt durchsetzt von unseren Phantasien und Projektionen.

Noch mehr verwischt die Trennung, wenn man feststellt, wie stark innere Bilder, Vorstellungen, Phantasien an Emotionen und Körperempfindungen gebunden sein können. Die platonische Idee, dass die Welt nur eine Abbild einer geistigen Welt ist, ist immer auch eine Würdigung dieser Kraft der inneren Bilder und ihrer Realität. Nur Bilder? Man sage das mal jemandem, der unter Alpträumen leidet oder Flashbacks erlebt. Oder jemandem der spirituelle Erfahrungen auf der Ebene der reinen Archetypen erlebt hat. Das sind Bilder und Eindrücke, die man eventuell nie wieder vergisst. Man sage es jemandem, der bei einer Nahtoderfahrung seine Todesangst verloren hat.

Ob wir im Kino, auf einer Fete waren oder mit dem Chef gesprochen haben, niemals fangen wir an zu klären, ob das wirklich ein Kino war, ob der andere im Sitz neben uns tatsächlich denselben Film gesehen hat, wohl aber will man wisssen, wie der andere ihn empfunden hat. Diese simple Seite der gemeinschaftlich geteilten Realität setzen wir voraus. Wir überlegen statt dessen, wie der Chef diese oder jene Bemerkung wohl meinte, wie das Verhalten von jemandem auf der Party zu bewerten ist. Darum geht es uns, nicht ob da wirklich eine Party stattgefunden hat und ob es dort tatsächlich Nudelsalat und Bier gab (und natürlich eine Guacamole). Realität und Phantasie fließen in einander. Und so wie die Realität ganz sicher Auswirkungen auf die Phantasie hat, so hat andersrum auch die Phantasie Auswirkungen auf die Realität. Das ist keine Einbahnstraße.

So wenig verwunderlich es ist, dass jemand, der täglich Sport macht, Geige spielt oder mit mathematischen Formeln umgeht das besser beherrscht, als jene die das selten oder nie tun, sollte es auch nicht verwundern, dass man das Bildern erlernen und üben kann. Auch der Besuch innerer Welten kann zur Gewohnheit werden, schleift sich ein, hinterlässt Spuren wie ein Trampelpfad zwischen den Gebüschen, die man vielleicht noch aus der Kindheit kennt.

Arten des Umgangs mit inneren Bildern

luzides Meereswesen vor dunklem HIntergrund

Science Fiction, Kunst? Meereswesen und Phantasiewesen unterscheiden sich nicht immer. © NOAA Photo Library under cc

Bilder und Phantasien nicht einfach immer dasselbe, nämlich irgendwie nichts, “nur Bilder” oder “reine Phantasie”, sondern man kennt zig verschiedene Weg des Umgang mit ihnen. Einige stelle wir kurz vor:

Freie Assoziationen

Freuds Technik der freien Assoziation lässt Bildern und Phantasien einfach freien lauf, in der Gewissheit, dass der Analysant selbst zu den Bereichen gelangt, die brisant und emotional geladen sind. Nicht nur Probleme, auch deren Lösungen sind so zu finden und die bekannte Technik des Brainstorming, alles unsortiert rauszuhauen, was einem zu einem Thema einfällt, ist bis heute eine probate Methode.

Geführte Meditationen

Geführte Meditationen nehmen den Meditierenden mit auf eine Reise nach Innen, die in gewisser Weise vorstrukturiert ist, aber immer auch Raum für eigene Erfahrungen lässt und Menschen dazu bringen kann, bestimmte Bereiche, je nach Inhalt der geführten Meditation, anzuschauen und sich mit ihnen auseinander zu setzen.

Leere oder absichtslose Meditation

Die Königsdisziplin der Spiritualität. Man setzt oder legt sich locker und bequem hin und wartet einfach ab, was passiert, nimmt das was geschieht zur Kenntnis, registriert es als Zeuge im Idealfall ohne sich dagegen zu wehren oder darin zu verlieren. Man atmet, wird still, tut überhaupt nichts und wartet ab. Eindrücke die kommen, lässt man aufsteigen und wieder vergehen. Immer und immer wieder, der Sinn ist, dass man nicht eingreift.

Reinkarnationstherapie

Die Reinkarnationstherapie, ist eine imaginative Therapie, bei der der Klient im Dialog mit dem Therapeuten seine Innenwelten bereist. Die Aufgabe des Therapeuten ist es, den Klienten zu begleiten und die Themen, die er mitbringt auf einer Bilderebene, mit emotionaler Verwicklung, zu bearbeiten. Das geschieht dadurch, dass man die Bilder laufen lässt, dann und wann aber bittet, genauer hinzuschauen oder, wenn sich jemand in Details verwickelt weiter zu gehen.

EMDR

Wie bei einem Scheibenwischer wischt man beim EMDR, durch Augenbwegeungen, die Eindrücke belastender und traumatisierender Bilder weg. Eine Adaptation der REM Phase des Schlafs, die bei Traumapatienten wirksam sein soll.

Hypnose

Bei der Hypnose werden Bilder gesetzt, denen der Klient folgen kann, später auch eigene entwickelt. Wenn sich ein Mensch darauf einlassen kann, ist die Hypnose eine Möglichkeit mit inneren Bildern Heilungsprozesse anzustoßen, neuere Verfahren der Hypnose, wie die Individuations-Therapie benutzen bewusste und unbewusste Elemente, verordnete und selbstgeschaffene Bilder zusammen.

Schützende Orte

Man kann sich durch Übung an schützende, heilende oder Wohlfühl-Orte versetzen, die ganz dem individuellen Traumbild entsprechen. Eine Insel, eine Wiese, eine Burg was immer es ist, man kann sich den Ort so gestalten wie man möchte und durch Übung immer schneller dorthin zurück kehren und den Orten immer plastischer und detaillierten werden lassen.

Hilfsmittel und Krafttiere

Auf der Ebene der inneren Bilder ist allerlei zu finden, auch innere Hilfsmittel und Wegbegleiter. Das kann tatsächlich helfen und – Realität und Phantasie – auch von realen Menschen haben wir innere Bilder, innere Repräsentationen. Und je zahlreicher unsere inneren Freunde sind, umso besser.

Der innere Arzt

Auch den inneren Arzt, die seine Stimme der Intuition kennen zu lernen kann sehr hilfreich sein. Es gibt Fälle in denen ist der innere Arzt buchstäblich lebensrettend und auch den Kontakt zu ihm oder ihr kann man trainieren, immer wieder herstellen, ihn oder sie immer plastischer werden lassen.

Perspektivwechsel

Immer wieder spannend und eine therapeutische Technik ist es auch, sich ein Gegenüber vorzustellen, einen anderen Menschen, ein Phantasiewesen, ein Gegenstand, dessen Perspektive man dann einnimmt und aus dessen Augen man dann sich selbst beschreibt.

All das sind nur Ausschnitte aus dem Reich der Möglichkeiten, die mit Bildern und Phantasien einher gehen.

Die Meister der inneren Bilder

Wie in jeder Disziplin gibt es gute Amateure, Profis und immer auch Spitzenleistungen.

Luzide Träume

Gar nicht so wenige Menschen haben luzide Träume, in denen sie wissen, dass sie träumen und auch noch zum Regisseur ihrer Träume werden. Das kann außerordentlich spannend sein, wie immer ist die Gefahr, dass je potenter eine Technik ist, auch die Missbrauchsanfälligkeit und die Gefahren größer werden. Das liegt in der Natur der Dinge. Mit einer Kettensäge kann man mehr Schaden anrichten, als mit einem Küchenmesser.

Mandalabauherren

In dem Buch Dialog mit dem Dalai Lama von Daniel Goleman wird ein besonders begabter Lama beschrieben, mit dessen Hilfe es gelang, einiges über die neurologischen Parallelen zu spirituellen Techniken herauszufinden. Der Lama konnte zwischen verschiedenen inneren Zuständen hin und her springen und präzise angeben, in welchem er sich gerade befand. Parallel scannte man im fMRT sein Gehirn. Interessant wwar allerdings die Randbemekung des Lama, er sei im Grunde nur ein kleine Licht, die wirklichen Meister wären mit der jahrelangen Konstruktion detaillierter innerer Mandalas beschäftigt.

Der Illusionscharakter der Welt

Es ist eine ebenso anspruchsvolle wie gefährliche Aussage von der Welt als Maya, Täuschung oder Illusion zu reden. Denn man muss den Kontext mitbetrachten, in dem so eine Aussage relevant ist. Es wäre ein krasser Irrtum und bringt weder spirituell noch therapeutisch irgend etwas, wenn man die Welt einfach als irgendwie nicht vorhanden oder nicht echt deklarieren würde. Im Zahnarztstuhl oder bei der Scheidung ist siedann auf einmal wieder sehr real. Und doch ist die übereinstimmende Meinung vieler spiritueller Meister, dass die Anhaftungen an die Welt in letzter Konsequenz, in der es um Erlösung oder Erleuchtung geht, ein illusionärer Akt ist. Konditionierte Spiele, die wir alle spielen, aber die unter gewissen Gesichtspunkten eine Illusion darstellen. Realität und Phantasie fließen hier völlig ungewohnt zusammen, wechseln fast die Rollen. Auf einmal ist das Illusion und Phantasie, was ansonsten als Realität gilt. Das kommt uns spanisch vor, wir pflegen diese Sichtweise gegenwärtig in keiner Weise, aber allmählich kommen wir der Macht des Innern, des Subjekts, seiner Vorstellungen, Einstellungen, Bilder auf einer therapeutischen Ebene näher. Wohin die Reise führt wissen nur die Erleuchteten, diese Vorstellung sollte nur ein Ausblick sein, dass es noch mal ganz andere Möglichkeiten gibt.

Wieder auf dem Boden

Frau mit Cyberbrille

Die Realität von heute. © Knight Center for Journalism in the Americas
under cc

Realität und Phantasie sind irgendwann nicht mehr zu trennen und es ist eine Frage, wie weit man es damit treiben will. Diese kleine Auswahl soll nur verdeutlichen, wie reich innere Welten in Wahrheit sein können, wir leben nur derzeit nicht in einer Kultur die das pflegt und übt. Wer mal ein Retreat mitmacht, einen bewussten Rückzug von der Welt, kann vielleicht erleben, dass all die Gefühle, für die man in der Realität des Alltags zumeist andere und äußere Ereignisse verantwortlich macht, auf einmal auch in Situationen extremer Strukturiertheit, in denen man sich von der Außenwelt zurück zieht auftreten. Eine sonderbare Erfahrungen, von dem selben innere Krempel traktiert zu werden, nun aber ganz ohne die gewohnten Aufhänger da draußen.

Aber der Alltag und seine Gewohnheiten haben ihre eigenen Gesetze. Es geht nicht darum, sich die Welt schönzureden, besser zu wünschen oder sich Gesundheit zu wünschen. So einfach ist es nicht, Coué und seine Anhänger haben das bereits mit durchwachsenem Erfolg durchexerziert. Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt, ist was für Pipi Langstrumpf und doch liegt auch darin ein Körnchen Wahrheit. Der grundlos optimistische Mensch ist tatsächlich im Vorteil, die anderen müssen eben gute Gründe finden. Es geht gerade nicht darum Argumente auszubleden oder klein zu reden, denn wir sind Wesen, die einander Gründe geben, die also überzeugt werden wollen. Man kann eine Überzeugung nicht willkürlich an und aus knipsen, aber man kann aufdecken, dass auch unsere negativen und depressiven Bilder von der Welt auf selektiven und oft sogar willkürlichen Annahmen beruhe. Und keineswegs nur auf einer klaren Sicht auf eine scheußliche Welt. Die kann man hinterfragne und aufdecken, parallel schaffen es Bilder und direkte Erfahrungen im Hier und Jetzt am besten Menschen auch umzustimmen, dadurch, dass sie etwas erleben, an was sie nicht glauben oder was sie lange Zeit nicht mehr erlebt haben.

Innere Rituale

Diese Erfahrungen können verknüpft werden, mit eigenen Bildern, Symbolen, kleinen Ritualen. Realität und Phantasie greifen hier ineinander, indem die äußeren Handlungen den Eintritt in innere Welten erleichtern. Wer das erlebt und obendrei auch noch den Reichtum dieser Welten, versteht, wie man der Magie so viel Macht zusprechen konnte.

Auch im größten Sturm und in der Not des Lebens tauchen Inseln der Klarheit auf, in unserem Empfinden. Man muss diese Bereiche gut erkundet haben, um zu dieser Auffassung zu gelangen, aber einige sind zu ihr gelangt. Bilder können auch einen Anker darstellen, stabilisieren, je mehr man innere Wege und Gewohnheiten festigt, umso besser und kraftvoller. Aber Bilder sind keine Gegenwelt. Phantasie und Realität sind auch hier keine Gegensätze, denn unsere Bilder und Vorstellungen sind ein Teil unserer Realität. Unsere Innenwelt ist keine Realität zweiter Klasse, kein Nachdenken oder Phantasieren über das, was es „da draußen“ wirklich gibt, während „hier drinnen“ ein irgendwie unwahrer und unwirklicher Ort ist.

Es ist auch nicht so, dass “hier drinnen” der Ort wäre, an dem Theorien über die Realität draußen produziert werden, die dann entweder wahr oder falsch sind, sich bewähren oder verworfen werden, wodurch man einer letztendlichen Wahrheit immer näher käme. Wir bilden Welt nicht nur innerlich ab, sondern konstituieren zugleich auch Welt. Die Art, wie wir die Welt betrachten ist nicht vollkommen egal, sondern bedeutend und gravierend. Mindestens mal für unser Leben, in dem wir das was man Psyche nennt ja nie verlässt, nie verlassen kann. Ein naiver Realismus gerät ebenso an seine Grenzen, wie ein radikaler Konstruktivismus. Dass Berge nicht wachsen, wenn wir es uns feste wünschen, heißt das nicht, dass wir die Außenwelt nicht beeinflussen können. Wir nehmen ja dennoch an ihr teil, prägen ihr auch unsere Phantasien und Wünsche auf.

Denn was uns interessiert drückt sich nicht oder nur unzureichend in Masse, Dichte oder Beschleunigung aus. Liebe, Hass, Trauer, Humor, Rührung, Verzweiflung, Vergebung und mehr kommen in der Welt der technischen Eckdaten überhaupt nicht vor. Die Anziehungskraft der Liebe hat nicht mit Gravitation zu tun und ist auch durch vermeintlicher Hormoncocktail entschieden unterbestimmt. Es ist das soziale Miteinander, eben jene Gefühle, von Kameradschaft, Abneigung, Freundschaft, wer mit wem kann und wer nicht, die uns interessieren. Aber es sind auch unsere sozialen Praktiken und Begründungen, die uns ritualisiert und institutionalisiert festlegen. Die Unterschrift unter einem Vertrag ist an sich so wenig wirksam, wie Geld etwas wert ist, erst durch soziale Übereinkünfte gewinnen sie an Wirkung. Dass der Blick in die Physik uns hier aber nicht weiterbringt, ist kein Makel, sondern eine Erkenntnis. Nämlich die, dass man auch über Argumente, Praktiken, Bilder und Rituale die Welt verändern kann. Vielleicht so wenig klassisch magisch, wie klassisch physikalisch, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Es ist unter anderem die Weltbild-Methode, die diese Lücke schließen oder das Gebiet ausleuchten will.

Eklären und Verklären

Schlafen, Tagträumen, Malen und auch das Lesen sind Beschäftigungen des Alltags, in denen wir mit Bildern umgehen. Er war Martin Walser, der jüngst darauf hinwies, dass Schriftstellerei und Religion mehr gemeinsam hätten, als gemeinhin bekannt ist. Und, dass die Welt inzwischen genug erklärt wurde und wir statt dessen wieder Wege finden müssten, sie zu verklären. Ein Schriftsteller in der Reihe vieler, die Erklärungen, zumindest dieser rein objektivierenden Lesart immer weniger vertrauen und zutrauen. Verklärung heißen aber, dass das Ideale, Rauschhafte wieder Platz in unserem Leben findet und ein Stück weit ist es immer von der Sehnsucht getragen, dass Realität und Phantasie sich nicht verlieren, auch nicht, für den Theoretiker.