Gibt es eine eigene Welt der Zahlen? Ist das ganze Universum Mathematik? © Kevin Dooley under cc

Wenn wir von der Morgendämmerung einer neuen Weltsicht sprechen wollen, muss erst die alte kurz skizziert werden. Diese ist wesentlich mit dem Begriff Naturalismus zusammengefasst und schlaglichtartig kann man sagen, dass der Naturalismus die Philosophie oder das Gedankengebäude hinter den Naturwissenschaften ist.

Praktisch bedeutet das, dass alles Natur ist, mit und aus der Natur heraus erklärt werden kann und muss und dass zur Natur auch nichts dazu kommt. Das heißt auf der ontologischen Ebene ( = wie es ist, Ontologie ist die Lehre vom Sein, davon wie die Dinge sind), dass alles Materie ist, wenn auch in moderner physikalischer Form in der Materie und Energie zusammenfallen, es bedeutet, dass unserer Universum ein thermodynamisches Ganzes ist, was sich insgesamt, wie alle thermodynamischen Systeme, Richtung Entropie bewegt, das heißt irgendwann den Kältetod stirbt, aber Zwischendurch gibt es Phasen und Regionen größerer, komplexerer Ordnung.

Wenn auch alles Physik ist, so heißt das nicht zwingend, dass alles auch durch die Physik erklärt werden kann oder sollte, die Erklärebene ist die Erkenntnistheorie, bei der es grob gesagt darum geht, herauszufinden, was Erkenntnis ist und wie sie funktioniert.

So kann man zum Beispiel zu der Auffassung gelangen, dass wir uns psychische Prozesse am besten als Neuronenfeuer oder Hirnaktivität vorstellen, da Hirnzellen und ihre Mischung auch Neurotransmittern und Elektrochemie aber auch Materie sind, ist auch das ein physikalisches Spiel, nur bringt uns der Blick auf die Ebene der Physik hier keinen Erkenntnisgewinn. Also schaut man auf die Ebene der Hirnaktivität, behält aber im Hinterkopf, dass das eigentlich auch Physik ist, von dort aus aber nicht erklärt werden kann.

Dieses wissenschaftliche Arbeiten und die Erkenntnisse haben uns über zweieinhalb Jahrhunderte getragen und zu einem sensationellen Wissenszuwachs und praktischen Konsequenzen geführt. In der industriellen Revolution waren wir Menschen nicht mehr darauf angewiesen, uns der Natur oder Gott zu unterwerfen, wir konnten die Grundlagen des Lebens in viel stärkerem Maße selbst in die Hand nehmen, das taten wir, Risiken und Nebenwirkungen, die heute eifrig diskutiert werden, eingeschlossen. Doch die Erfolgsgeschichte hörte mit der industriellen Revolution nicht auf, in der Spitze kam es zu Erkenntnissen, die wir bis heute noch nicht richtig einordnen können, noch immer gibt es zwei vielfach bestätigte Ansätze in der Physik, die Quantenphysik und die Relativitätstheorie, die in vielen Bereichen all unsere Vorstellungen von Zeit, Raum und Welt durcheinander geworfen haben. Beide passen erstens, theoretisch nicht zusammen, zweitens, eigentlich gar nicht zu unserem Leben und Erleben im Alltag.

Ist alles ganz anders?

Das führte nun zu einer Unmenge von Spekulationen darüber, wie die Welt in Wirklichkeit beschaffen sei. Das ist so spannend, wie unergiebig, denn einerseits weiß natürlich niemand besser als die Psychologie, dass es bei unserem Erleben diverse Arten doppelter Böden gibt – zum Beispiel das Unbewusste der tiefenpsychologischen Traditionen – andererseits kennt nicht nur die Psychologie Unbewusstes, sondern auch Marxisten gehen von unbewussten Prägungen der Gesellschaft durch unsere Art der Arbeit aus. So als sei es festgeschrieben, dass es diverse Klassen geben muss, aber auch andere gesellschaftliche Stereotypen prägen die Gesellschaft, etwa über Geschlechterrollen oder Hautfarben. Doch das ist längst nicht alles denn natürlich haben ja auch unsere Gene Einfluss auf uns, unsere Sprache ermöglicht uns viel, setzt uns aber auch Grenzen, die Art und Weise zu kommunizieren und die Normalitäten des Alltags prägen unser Leben und wem dies alles noch zu langweilig ist, der kann sich in Ideen des Neurokonstruktivismus vergraben, dort denkt man, alles sei letztlich ein Produkt unseres Hirn. Andere spekulieren, ob wir nicht auch in einer Matrix leben könnten und in einigen Lesarten von Kants Ding an sich findet sich die Version, dass man zur Realität, zu dem, wie die Dinge an sich sind, überhaupt keinen Zugang hat, so wie man manchmal liest, Rot gäbe es an sich gar nicht, sondern nur elektromagnetische Wellen, die dann in uns zu Farben zusammengebaut werden. Das ist längst nicht alles, wenn man noch die diversen Verschwörungstheorien nimmt, die ja von ihren Anhängern sehr ernst genommen werden.

Das führt ziemlich schnell zu der Frage, wie es denn nun wirklich ist und auch wenn sich vielleicht nicht jede Verschwörungstheorie auf den zweiten Blick als wasserdicht erweist, so muss man schon sagen, dass viele dieser Ansätze durchaus plausibel und folgerichtig sind, wenn man sich wirklich auf sie einlässt. Denn wir wollen natürlich wissen, wie es denn nun wirklich ist und welcher Idee man sich am meisten zuwenden sollte, denn auch wenn sie in sich schlüssig sind, so passen sie oft nicht zusammen. Ein paar ergänzen und überlappen einander, aber manche widersprechen sich fundamental. Und was stimmt jetzt?

Das wäre wieder die ontologische Frage: Wie ist es denn nun wirklich? Man müsste die einen langweilen und die anderen überfordern, darum nur sehr kurz: Keine der drei Versionen die wir kennen: materieller Monismus (= alles ist Materie/Energie), geistiger Monismus (= alles ist Geist) und Dualismus (es gibt ganz einfach beides, Materie und Geist) kann lückenlos überzeugen, wir sind in neuester Zeit dem materiellen Monismus gefolgt und haben alles als Ausdruck von Materie interpretiert. Bei allen Erfolgen gibt es da eine Vielzahl an Haarrissen, die glaube ich mit dem Wegbrechen des Glaubens an den Fortschritt zu tun haben, der uns alle mehr oder minder betrifft (dass die nächste Generation es besser haben wird, glauben heute immer weniger, inklusive der heranwachsenden neuen Generation selbst), aber an der Forscherfront gibt es zwei wirkliche Probleme: 1. wirft die Kosmologie immer mehr Fragen auf, die völlig unklar sind und sehr kontrovers behandelt werden, ob es nun ein Universum gibt, zig Multiversen, was es mit der dunklen Materie und und Energie nun auf sich hat, aber auch welchen Einfluss die Quantenwelt nun auf unseren Alltag hat. 2. ist das Phänomen Bewusstsein noch immer ungeklärt und die Gleichung Bewusstsein = Hirnaktivität führt uns nicht weiter.

Markus Gabriels Intuition

Markus Gabriel ist Deutschlands jüngster Philosophie Professor gewesen und ein immens quirliger Geist. Auch hier kann ich nicht ins Detail gehen, möchte nur für die, die Gabriels Bücher kennen, sagen, dass ich mit seinen Sinnfeldern nicht viel anfangen kann, da diese mir unterbestimmt erscheinen. Existieren heißt bei Gabriel in einem Sinnfeld zu erscheinen, diese Sinnfelder gehen von den Gegenständen aus, aber mal sind diese Sinnfelder soziale Konstrukte, mal fallen auch Naturgesetzte darunter, wie das zusammen passt ist unklar, ebenso, wie die Frage, warum es zusammen passen soll, im Detail stellen sich noch mehr Fragen, auf die wir nicht eingehen können.

Was ich jedoch unbedingt teile und immer ähnlich empfunden habe, wie Gabriel es wohl empfindet, ist die Tatsache, dass die diversen Formen der Innenwelten, der geistigen Welten, der Fiktionen und so weiter nicht nur lieblos sondern auch der Sache nicht gerecht werdend, als reine Phantasie oder illusionär abgehandelt werden. Als ‘Irgendwas im Kopf’ oder ontologisch nachgeordnet, als reine Rede über etwas. Damit also schon nicht mehr so ganz echt, real, eine Wirklichkeit zweiter Klasse. Gabriel sagt nun, Pustekuchen, etwas ist oder ist nicht und wenn es ist, dann ist auch auch nicht irgendwie weniger real, es ist.

Das ist auch nicht irre weit weg von unseren Alltagserfahrungen, sondern mitten drin, wenn wir tauschen uns keineswegs den ganzen Tag über Messdaten und physikalischen Tatsachen aus, sondern wir versinken in Tagträumen, fürchten uns vor der Zukunft, denken an früher, überlegen, was sein könnte, planen den nächsten Urlaub, spielen noch man das Gespräch von eben durch, überlegen, was die Nachbarn oder die Arbeitskolleginnen wohl denken, wenn …, überlegen nach einer peinlichen Episode, wie wir denn nun gesellschaftlich dastehen und so weiter, kurz um, mit dem was als Realität ausgegeben wird, haben wir so gut wie nie etwas zu tun.

Wahr ist, dass wir schwer irritiert sind, wenn bezüglich basaler Sinneswahrnehmungen über unsere Außenwelt keine Einigkeit herzustellen ist. Also konkret, wenn jemand halluziniert und Dinge sieht, die sonst niemand sieht oder Stimmen hört, die sonst niemand hört. Wir setzten aus durchaus guten Gründen voraus, dass wir alle ziemlich ähnlich wahrnehmen und zusammen in einer sinnlich erfahrbaren Außenwelt leben, die von anderen sehr ähnlich wahrgenommen wird.

Damit ist es mit den Gemeinsamkeiten dann aber auch schnell vorbei und es geht dabei nicht nur darum, dass andere Menschen die Dinge eben etwas anderes interpretieren, sondern dass es weitere riesige Bereiche gibt, in denen sich die Menschen mitunter dramatisch unterscheiden und sehr sehr entfernt von einander sei können, auch wenn die ansonsten auf der gleichen Parkbank sitzen. Moralisch, beim Musikgeschmack oder in ihrem Mathematikverständnis können sich Welten trennen, auch wenn sie das Gras, die Bäume und die Vögel im Park sehr ähnlich hören.

Aber auch das ist noch nicht genügend, denn Menschen sind nicht nur sehr unterschiedlich, weil der eine sich eben für dies und die andere für das interessiert und die Welt bunt ist, sondern sie können durchaus auch in diesen Innenwelten gleich sein, was doch irgendwie erstaunlich ist. Soll heißen, wenn ich mich auf ein bestimmtes Gebiet begebe, werde ich sehr ähnliche Erfahrungen machen, wie jemand der sich auch auf dieses Gebiet begibt, zum Beispiel in die Welt der Mathematik. Man tastet sich dort vorwärts, kennt sich aber mit der Zeit immer besser aus, findet sich in dieser Welt, dieser Morgendämmerung einer neuen Weltsicht immer mehr zurecht.

Das ist nicht weniger verwunderlich als wenn jemand in eine andere Stadt zieht. Erst schaut man vielleicht wo Arbeit, Schule und der nächste Supermarkt sind, dann vielleicht Restaurants und kulturelle Angebote, man streift durch die Straßen, erkundet andere Läden, das Nachtleben und kennt sich eben auch hier immer besser aus. Wenn man im Urlaub auf jemanden trifft, der auch aus dieser Stadt stammt, kann man sich austauschen und man wird einander fragen, ob man diese Ecke, jene Kneipe, den tollen Weg am Fluss kennt und man kann sich, über seine Stadt verständigen und noch mehr ins Detail gehen und sich über einzelne Stadtteile austauschen.

Das kann man aber genauso machen, wenn man sich sehr gut in Mathematik auskennt, man kann sich über einzelne Fachbereiche eingehender unterhalten, über spezifische ungelöste Probleme der Mathematik, über die Grenzen und Möglichkeiten und oft ist es ein sehr beglückendes Gefühl, wenn man einen anderen trifft der sich in dieser Welt tummelt, in deren Höhen sich nur wenige bewegen.

Dasselbe gilt natürlich, wenn man sich für Literatur interessiert und sich über den Zauberberg von Thomas Mann austauscht. Gabriels provokante These ist nun, dass es Castorp, Settembrini und Chauchat wirklich gibt, nur eben in einem anderen Sinnfeld und nicht als Personen aus Fleisch und Blut. Das ist vielleicht nicht wirklich aufzulösen, aber klar ist, dass man mit der Literatur einen eigenen Kosmos oder eben ein Sinnfeld betritt mit eigenen Regeln und das Wort Kosmos ist vermutlich gerechtfertigt, man kann ein ganzes reiches Leben als Shakespeare Interpret verbringen, so wie es eigene Universitäten gibt, die sich nur mit dem Werk von Thomas von Aquin auseinandersetzen.

Computertechnik oder die Logistik und Technik des Abwassersystem ist ebenfalls ein eigener Kosmos und es ist im Grunde immer dieselbe Geschichte, man muss sich auf diese Welt einlassen und dann wird man dort immer besser, kenntnisreicher und kann sich mit anderen austauschen, die sich dort auch auskennen und zurecht finden.