Traumwelten haben manchmal ihren eigenen Charakter, zuweilen einen sehr reizvollen. © Michelle Barth under cc

Wir können die Realität nicht vermeiden, alles was wir erleben ist auf eine ganz primäre Art ja nun erst mal da und existiert damit auch erstmal. Wir baden mitten drin, in Assoziationen, Halbgedachtem, eben Gefühlten, kaum Empfundenen, kurz Bemerktem. Vielleicht exisitert manches davon nur für mich und nur für eine kurze Zeit, vielleicht ist es wirkungslos oder bedeutungslos, vielleicht ist ihre Existenz sogar tatsächlich von anderem abhängig, aber es gibt diese Gegenstände eben. Damit ist nicht gesagt, dass sie einzig und allein oder überhaupt aus Materie bestehen, aber das müssen sie auch nicht. Gabriel definiert mit Carnap:

“Gegenstand ist alles das, worüber eine wahrheitsfähige Aussage gemacht werden kann.”[2]

Damit meint er Tische, Zahlen und Romanfiguren. Aber nicht alles ist ein Gegenstand und Gabriel benennt die Gefahr dieser Sichtweise selbst: Hätte es keine wahrheitsfähigen Aussagen gegeben, dann auch keine Gegenstände.

Und denken für daran, dass auch nicht alles aus Materie folgenreiche Wirkungen hat. Auch hier erscheint manches und ist einfach wieder weg. Vieles geschieht folgenlos, ein Ereignis zu dem man früher sagte, es sei so bedeutend, als wenn in China ein Sack Reis umkippt. Irgendwas passiert immer, irgendwo.

Dass wir zeigen können, dass es Materie gibt, heißt nicht, dass es Gedanken, Primzahlen oder Logik nicht gibt. Die Tatsache dass es Materie gibt, schließt erst mal die Existenz von Immateriellem nicht aus. Die Aussage: ‘Es gibt Materie.’ ist ungleich der viel stärkeren Behauptung: ‘Alles ist Materie.’

Alles nur erfunden?

Wenn wir die Realität nicht vermeiden können, wenn Logik so real ist, wie Träume und Schrauben können und müssen wir uns auch von der Idee verabschieden, dass man immer nur über den Weg der Materie etwas beeinflussen kann. Sprechen ist schon Realität, Denken, Fühlen, Empfinden Träumen und Meditieren ebenfalls. Wir müssen das Denken nicht irgendwie erst mit der Realität verbinden.

Völlig unklar und kontrovers ist die Frage, ob denn nun die Gesetze der Natur oder der Logik nun gefunden oder erfunden sind. Es gibt bestimmte Gesetzmäßigkeiten, sowohl in der Außen- wie auch in der Innenwelt. Die Außenwelt zwingt uns gewisse Dinge auf, etwa die Schwerkraft, aber die Regeln der Grammatik oder der Logik tun dies auch. Wir werden einfach nicht verstanden, wenn wir zu weit abweichen. Unsere Aussagen müssen eine gewisse logische Form haben, sonst sind sie wirr. Aber kann man sagen, dass wir die Logik oder die Mathematik erfunden haben? Mathematische Muster finden sich offenbar auch in der Natur und dass, wenn A größer als B ist und B größer als C, dann auch A größer als C sein muss, ist einerseits logisch zwingend, andererseits auch in der Natur sichtbar. Erfunden?

Markus Gabriels Idee ist nun eine andere, er bezeichnet das Denken als Sinn. Ein Sinn wie Hören, Sehen, Fühlen, Riechen, Lage im Raum, Gleichgewichtssinn. Eine charmante Idee, denn so wie wir mit den Augen eine Welt betrachten, von der wir denken, dass es sie in der Weise tatsächlich und auch für andere gibt, kann das mit dem Denken ebenso der Fall sein, je nach dem, in welchem Kosmos oder Sinnfeld wir uns aufhalten. Auf der Straßenkreuzung, im Urwald oder unter Wasser gelten verschiedene Regeln, so ist ist mit den Orten der Innenwelt auch: Mathematik, Musiktheorie, Science Fiction und Psychologie sind äußerst verschieden. Aber es gelten eben auch da Regeln, wir finden auch da etwas vor, was keinesfalls – da ja eventuell ‘erfunden’ – beliebig wäre und wer sich an keine der dortigen Regeln hält, befinden sich auch nicht dort, weil er ganz einfach die Eintrittskarte nicht gelöst hat. Das ist so, als wenn man jemanden im Urlaub trifft, der sagt, er käme aus der gleichen Stadt wie man selbst, aber dort keine Straße, keine Sehenswürdigkeit, kein Geschäft, kein Restaurant und nichts aus der dortigen Natur oder Kultur kennt. Es kommt einem dann irgendwann zweifelhaft vor.

Genauso wenig hat sich ein paar Gedanken über dies und das zu machen etwas mit Philosophie zu tun, auch wenn es manchmal dafür gehalten wird. Man ist ja auch kein Arzt, wenn man mal einem Nachbarn bei seinen Kopfschmerzen helfen konnte. Das Denken erfindet also nicht, sondern als Sinn findet es, das, was im entsprechenden Sinnfeld da ist. Ein Modus Ponens in der Logik, ein Settembrini im Zauberberg, und das Unterbewusste in der Psychologie.

Wir sind immer mit der Realität verbunden

Wenn wir die Realität nicht vermeiden können, dann ist alles was wir tun, aber auch alles was wir sagen, schreiben, denken und fühlen eine direkte Aktion in der Realität. Auch das wird meistens anders gesehen, wenn behauptet wird, man müssen den Wasserhahn schon herumdrehen, damit Wasser fließt, es reicht nicht, sich das vorzustellen. Aber das ist ein unpassendes Beispiel, denn man versteht mathematische Brüche ja auch nicht dadurch, dass man ganz viele Äste und Zweige durchbricht, das sind einfach Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Realität, aus verschiedenen Kategorien oder Sinnfeldern.

Gedanken und Gefühle, Worte, Reflexionen und Meditationen sind auch nicht per se unwirksam, wie man gerne hört, sie wirken durchaus, nur eben in einem anderen Sinnfeld, einer anderen Welt oder einem Bereich eben dieser. Man braucht das jeweils geeignete Mittel, den geeigneten Zugang. Es ist nicht so, dass die Bereiche komplett getrennt wären, ein Film kann bis in einen Traum nachwirken, unsere Phantasie anregen, Ängste, Freude oder Neugier evozieren.

Es ist uns ja gerade durch die aufdeckende Psychotherapie offensichtlich, dass und wie eine Erkenntnis wirken kann. Dass man sie dann auch noch in die Alltagspraxis umsetzen muss, klar, aber wir kennen ja nun auch gerade wieder durch die Psychotherapie den umgekehrten Fall, dass man meint, Verhalten sei alles, also ändert man das, damit könne man sich den Rest sparen. Die Begrenztheit dieses Ansatzes müsste eigentlich klar sein, heute sieht man sie viel deutlicher. Eine Einsicht, die Aufdeckung eines verborgenen Musters, ein echtes Verstehen, ändert hingegen alles, könnte zumindest alles ändern. Die Partnerschaft, die Beziehung zum Chef, zu den Nachbarn, die Motivation, die Phantasie darüber, was Menschen antreibt, die Träume, die Ziele, die Ängste. Das mit einem Wurf alle Kegel fallen muss nicht immer der Fall sein, aber es gibt reichlich Veränderungen die tiefgreifend sind. Und es wurde ‘nur’ die Möglichkeit durchgespielt, dass vielleicht das, was man anderen in die Schuhe schob, aus einem selbst kommt, samt dem Weg, wie es dort hin gekommen ist.

Danach kann man vielleicht noch immer nicht übers Wasser laufen, bekommt keinen Nobelpreis und schreibt noch nicht mal ein Buch darüber, wie großartig das Leben geworden ist, weil es das auch gar nicht muss. Es ist vielleicht einfach nur der Schritt von dauernden Ängsten und Sorgen, Scham- und Schuldgefühlen, zu einem normalfreien Leben, damit überhaupt nicht sensationell, aber erlösend. Gewirkt haben hier Informationen, Einsichten.

Wie sie befreien können, so können sie auch blockieren, aber gezeigt werden sollte hier nur, dass man keineswegs nur auf der körperlich-materiellen Ebene agieren muss. Man muss nicht leugnen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, aber dass dies eine Einbahnstraße wäre, muss man sogar bestreiten. Die Morgendämmerung einer neuen Weltsicht erkundet diese ausgedehnten Innenwelten und findet in dem großen bunten Innenraum immer mehr Gänge und Kammern, Regeln und Landkarten, Gesetze und Freiheiten.

Quellen