Ken Wilbers Landkarten

Wie es ist? Manchmal so, etwa bei Sehstörungen oder Trunkenheit. © Roland Keates under cc

Aber ist das denn nicht klar? Ob Mathematik, das Abwassersystem oder Literatur, all das sind ja vom Menschen erfundene Bereiche und reicht es nicht völlig aus, diese eben doch als abgeleitet, fiktional oder Artefakte anzusehen? Vielleicht, aber das Erstaunliche ist, dass die Regeln dieser Welten eben nicht nur für die Bereiche, Sinnfelder oder Kosmen gelten, die der Mensch erfunden hat.

Die Psyche hat der Mensch nicht erfunden, dennoch wird, wer sich mit ihr beschäftigt, auf bestimmten Gesetzmäßigkeiten stoßen, die für sehr viele und manchmal für alle Menschen gleich sind. Und das, wo wir doch alle verschieden sind. Nun ist der Kosmos Psyche vielleicht größer als irgendein anderer, denn alles was wir erleben, erleben wir als Psyche, was nicht heißt, dass alles Psyche ist.

Es gibt diverse psychologische Schulen, sie alle haben ihren Stärken und Schwächen, sie alle betrachten verschiedene Aspekte. Dem amerikanischen spirituellen Praktiker, Philosophen und Bewusstseinsforscher Ken Wilber folgend, gibt es verschiedene Linien der Entwicklung, die manchmal auch Intelligenzen genannt werden und sie alle entfalten sich in verschiedenen Graden von Tiefe.

Doch Wilber sagt noch mehr, nämlich dass wir alle von bestimmten Landkarten oder Mustern geprägt agieren, ohne zu wissen, dass wir es tun. In seinem Buch Integrale Meditation stellt er diese Landkarten vor, die ziemlich genau unseren Stufen der Entwicklung entsprechen, schon allein deshalb, weil ich diese von Wilber übernommen habe. Wir folgen also auch dann Regeln, wenn wir sie nicht genau kennen und sich nicht erfunden haben, wir finden sie aber dennoch vor oder können es zumindest, wenn wir in uns blicken, beschreiben und unsere Berichte mit anderen vergleichen. Wir finden bestimmte Muster, wenn wir in unsere Innenwelt und in die der Natur blicken.

Ein entscheidender Punkt ist nun, zu verstehen, dass, wenn man sich auf die Erforschung bestimmte Bereich einlässt, man immer Ähnliches findet. Es muss nicht identisch sein. Jeder geht woanders los, in einem anderen Geschlecht, einem anderen Lebensalter und anderen Umständen. Jeder interpretiert das, was er sieht, anders. Aber so, wie es kaum denkbar ist, dass zwei Bewohner derselben Stadt, die sich zufällig im Urlaub kennen lernen so sehr an einander vorbei reden, dass sie sich auf nichts einigen können, was ihre Stadt ausmacht, so wenig ist es vorstellbar, dass sich jemand Jahre mit der Psyche beschäftigen kann, ohne irgendeine Gemeinsamkeit mit anderen zu finden, die das ebenfalls tun.

Doch es geht noch weiter. Spirituelle Schulen gibt es nur, weil es die Gewissheit gibt, dass jeder, der meditiert, sicher nicht genau wie der andere, aber von der Struktur her bestimmte Punkte, Wegmarken passieren wird. Das ist erstaunlich, weil man eigentlich keiner großen Anweisung folgt, außer still dazusitzen und seine Atemzüge zu zählen. Und das zu ganz anderen Zeiten, in ganz anderen Kulturen. Vielleicht sind das die immer gleichen Zuständen, wenn der Geist oder das Gehirn zur Ruhe kommt? Man weiß es nicht, aber all die Zustände des Gehirns, erzählen und erklären uns nicht das Wesentliche, nämlich das, was man beim gepflegten Nichtstun erleben kann und was immerhin so gravierend sein kann, dass es einige Leben für alle Zeiten verändert.

Ist es ausreichend, das alles als irgendwie Innen zu bezeichnen? Mathematik, Märchen, spirituelle Erfahrungen, Urlaubsplanungen, alles Innen, im Kopf, das eine ein paar Zentimeter links vom anderen? Selbst wenn wir den korrespondierenden Ort lokalisiert hätten, was genau sagte uns das? Finden wir die Regeln der Logik, der Grammatik, der Gesellschaft im Kopf? Wüsten, Meere, Katzen, Spiralnebel, Bücher, Elektronen, Hochhäuser und Fernstraßen haben auch die Gemeinsamkeit alle Außen zu sein. Aber ist damit irgendwas über sie gesagt?

Die schwierige Frage nach der Ontologie

Gabriel und Wilber sagen beide, dass unsere Welt wirklich so aufgebaut ist, nämlich, dass es andere als rein materielle oder auf Materie reduzierbare Existenzen gibt, das kann man unterschiedlich plausibel finden. Der deutsche Philosoph Daniel-Pascal Zorn ist der Ansicht, dass man die Frage nach der Ontologie, wie es denn nun ist, im Grunde ersatzlos streichen kann, denn bei Licht betrachtet, verfügen wir am Ende nur über Annahmen darüber, wie es ist, mehr als Spekulationen oder Theorien haben wir nicht zur Verfügung. Insofern können die Frage nach der Ontologie, auch wenn sie bedeutend klingt, einfach ausblenden.

Aber Moment? Ist das nicht ein Trick? Entfernen wir damit nicht das, was uns nicht passt, damit alles leichter geht? Nein. Der Trick besteht eher darin, dass man so tut, als wüsste man genau woraus alles besteht und wie die Welt nun abläuft. Dagegen gibt es den naheliegenden Einwand, dass wir tatsächlich sehr gut wissen, dass es Materie gibt, sie umgibt uns ja schließlich täglich und überall. Doch auf der anderen Seite gibt es eben auch Zukunftsängste, Primzahlen, Gedanken darüber, was andere über mich denken, Unbewusstes und dergleichen mehr. Nun könnte man wieder sagen, Letztere gäbe es nur, weil es Materie gibt. Worten sind eben Schallwellen und Farben sind in Wirklichkeit elektromagnetische Wellen und Gedanken sind Neuronenfeuer, aber auch das ist eine Behauptung, obendrein eine, die nicht aufgeht.

Es ist nämlich die Behauptung, dass Worte oder Farben eigentlich etwas anderes sind, als sie zu sein scheinen und das unser Leben eigentlich nicht so ist, wie es zu sein scheint, sondern es noch eine Ebene dahinter gibt. Daran haben wir uns gewöhnt und weil uns Gewohnheiten oft wie Wahrheiten erscheinen, aber keine sein müssen, winkt man diese Punkte zu schnell durch: Dass alles, was wir erleben eine Illusion des Gehirns sei oder hinter den Farben Wellen stecken und die Welt an sich farblos sei. Nur ist all das entweder selbstwidersprüchlich – dass wir nie die Realität erleben, sondern immer nur eine aufgehübschte Version des Hirns, behaupten Neurokonstruktivisten, vergessen es aber genau in dem Moment, wo sie bunte Bilder vom Gehirn machen, die uns dann sehr genau zeigen sollen, wie das alles wirklich ist und funktioniert. Wären das nicht ebenso unreale Bilder, die einzig und allein unserem Gehirn entsprungen sind? – oder es erklärt uns rein gar nichts. Denn wie aus Schallwellen und Zeichen auf Papier oder einer Bildschirmoberfläche nun Informationen werden, die für uns hoch relevant sind, wobei die gleichen Worte den einen erschüttern und den anderen überhaupt nicht jucken, kann nicht erklärt werden. Ebenfallls nicht warum ein sehr ähnlicher Klang, oder eine leicht andere Betonung, oder nur ein einziges verändertes Zeichen eine fundamental andere Wirkung haben kann. Kurz und gut, mittels Sprache kann man intelligente Theorien über Materie darstellen, aber aus der Materie abgeleitet kann man keine Theorie der Sprache gewinnen.

Es gibt vs. Alles ist

Wenn wir also sagen: Aber es gibt doch … Materie, Schallwellen, Hirnaktivität, elektromagnetische Wellen, dann ist das wahr und eine bestimmte Perspektive, aber es gibt eben auch Tagträume, Meditationserfahrungen, Logik, Primzahlen und den Hulk. Wir müssen uns regelrecht an den Gedanken gewöhnen, dass etwas existiert, wenn es das gibt. Beides meint nämlich dasselbe. In uns spuken Ideen von einer Wirklichkeit erster und zweiter Klasse. Autos gibt es, aber Träume eigentlich nicht so. Bäume gibt es, aber Primzahlen nicht ganz genau so wie Bäume. Warum eigentlich? Weil man sich an Primzahlen nicht den Kopf stoßen kann? Dafür kann man mit Bäumen keine mathematischen Theorien entwerfen. Wie erwähnt empfinden wir auch Farben, das Nachdenken und Sprache als nicht so echt. Dabei sind sie genauso real, wie alles andere. Gabriel und Wilber sind hier keinesfalls allein. So sagt der einflussreiche amerikanische Philosoph Robert Brandom:

“Diskursive Praktiken umfassen wirkliche Dinge. Sie sind solide – man könnte sagen körperlich: sie umfassen wirkliche Körper, auch unseren eigenen und den der anderen (belebte und unbelebte), mit denen wir praktisch und empirisch zu tun haben. Man darf sich diese Praktiken nicht als hohl vorstellen, als müssten sie noch mit Dingen angefüllt werden. Sie sind nicht dünn und abstrakt, sondern so konkret wie die Praxis des Nägeleinschlagens mit einem Hammer. ( Sie sind unser Zugang (unter anderem) zu dem, was abstrakt ist und nicht dessen Produkt.)”[1]

Auch er geht davon aus, dass es neben physikalischen Welten, numerische und fiktionale Welten gibt. Ein Kronzeuge mehr, für die Morgendämmerung einer neuen Weltsicht. Es sagt rein gar nichts aus, über Romane zu behaupten, das sei ja alles erfunden, daher auch nicht real oder sogar per se falsch, zumindest nichts, worum man sich kümmern müsste. Wir wissen, dass Dramen, Romane, Lyrik komprimiertes Weltwissen sein können, ein Zauber der denkerischen Möglichkeiten sein kann, tiefste Reflexion, beißende Anklage, wer sagt, das sei alles nichts, dem muss man Ahnungslosigkeit attestieren. Wer meint, die Idee Literatur stamme aus dem Hirn von A, sei dann über die Finger, auf Papier/Bildschirmoberfläche gelangt und dann über die Augen in andere Hirne, der mag das erklären, ich habe noch keine brauchbare Literaturtheorie dieser Art gesehen.