Gibt es eine eigene Welt der Zahlen? Ist das ganze Universum Mathematik? © Kevin Dooley under cc

Wenn wir von der Morgendämmerung einer neuen Weltsicht sprechen wollen, muss erst die alte kurz skizziert werden. Diese ist wesentlich mit dem Begriff Naturalismus zusammengefasst und schlaglichtartig kann man sagen, dass der Naturalismus die Philosophie oder das Gedankengebäude hinter den Naturwissenschaften ist.

Praktisch bedeutet das, dass alles Natur ist, mit und aus der Natur heraus erklärt werden kann und muss und dass zur Natur auch nichts dazu kommt. Das heißt auf der ontologischen Ebene ( = wie es ist, Ontologie ist die Lehre vom Sein, davon wie die Dinge sind), dass alles Materie ist, wenn auch in moderner physikalischer Form in der Materie und Energie zusammenfallen, es bedeutet, dass unserer Universum ein thermodynamisches Ganzes ist, was sich insgesamt, wie alle thermodynamischen Systeme, Richtung Entropie bewegt, das heißt irgendwann den Kältetod stirbt, aber Zwischendurch gibt es Phasen und Regionen größerer, komplexerer Ordnung.

Wenn auch alles Physik ist, so heißt das nicht zwingend, dass alles auch durch die Physik erklärt werden kann oder sollte, die Erklärebene ist die Erkenntnistheorie, bei der es grob gesagt darum geht, herauszufinden, was Erkenntnis ist und wie sie funktioniert.

So kann man zum Beispiel zu der Auffassung gelangen, dass wir uns psychische Prozesse am besten als Neuronenfeuer oder Hirnaktivität vorstellen, da Hirnzellen und ihre Mischung auch Neurotransmittern und Elektrochemie aber auch Materie sind, ist auch das ein physikalisches Spiel, nur bringt uns der Blick auf die Ebene der Physik hier keinen Erkenntnisgewinn. Also schaut man auf die Ebene der Hirnaktivität, behält aber im Hinterkopf, dass das eigentlich auch Physik ist, von dort aus aber nicht erklärt werden kann.

Dieses wissenschaftliche Arbeiten und die Erkenntnisse haben uns über zweieinhalb Jahrhunderte getragen und zu einem sensationellen Wissenszuwachs und praktischen Konsequenzen geführt. In der industriellen Revolution waren wir Menschen nicht mehr darauf angewiesen, uns der Natur oder Gott zu unterwerfen, wir konnten die Grundlagen des Lebens in viel stärkerem Maße selbst in die Hand nehmen, das taten wir, Risiken und Nebenwirkungen, die heute eifrig diskutiert werden, eingeschlossen. Doch die Erfolgsgeschichte hörte mit der industriellen Revolution nicht auf, in der Spitze kam es zu Erkenntnissen, die wir bis heute noch nicht richtig einordnen können, noch immer gibt es zwei vielfach bestätigte Ansätze in der Physik, die Quantenphysik und die Relativitätstheorie, die in vielen Bereichen all unsere Vorstellungen von Zeit, Raum und Welt durcheinander geworfen haben. Beide passen erstens, theoretisch nicht zusammen, zweitens, eigentlich gar nicht zu unserem Leben und Erleben im Alltag.

Ist alles ganz anders?

Das führte nun zu einer Unmenge von Spekulationen darüber, wie die Welt in Wirklichkeit beschaffen sei. Das ist so spannend, wie unergiebig, denn einerseits weiß natürlich niemand besser als die Psychologie, dass es bei unserem Erleben diverse Arten doppelter Böden gibt – zum Beispiel das Unbewusste der tiefenpsychologischen Traditionen – andererseits kennt nicht nur die Psychologie Unbewusstes, sondern auch Marxisten gehen von unbewussten Prägungen der Gesellschaft durch unsere Art der Arbeit aus. So als sei es festgeschrieben, dass es diverse Klassen geben muss, aber auch andere gesellschaftliche Stereotypen prägen die Gesellschaft, etwa über Geschlechterrollen oder Hautfarben. Doch das ist längst nicht alles denn natürlich haben ja auch unsere Gene Einfluss auf uns, unsere Sprache ermöglicht uns viel, setzt uns aber auch Grenzen, die Art und Weise zu kommunizieren und die Normalitäten des Alltags prägen unser Leben und wem dies alles noch zu langweilig ist, der kann sich in Ideen des Neurokonstruktivismus vergraben, dort denkt man, alles sei letztlich ein Produkt unseres Hirn. Andere spekulieren, ob wir nicht auch in einer Matrix leben könnten und in einigen Lesarten von Kants Ding an sich findet sich die Version, dass man zur Realität, zu dem, wie die Dinge an sich sind, überhaupt keinen Zugang hat, so wie man manchmal liest, Rot gäbe es an sich gar nicht, sondern nur elektromagnetische Wellen, die dann in uns zu Farben zusammengebaut werden. Das ist längst nicht alles, wenn man noch die diversen Verschwörungstheorien nimmt, die ja von ihren Anhängern sehr ernst genommen werden.

Das führt ziemlich schnell zu der Frage, wie es denn nun wirklich ist und auch wenn sich vielleicht nicht jede Verschwörungstheorie auf den zweiten Blick als wasserdicht erweist, so muss man schon sagen, dass viele dieser Ansätze durchaus plausibel und folgerichtig sind, wenn man sich wirklich auf sie einlässt. Denn wir wollen natürlich wissen, wie es denn nun wirklich ist und welcher Idee man sich am meisten zuwenden sollte, denn auch wenn sie in sich schlüssig sind, so passen sie oft nicht zusammen. Ein paar ergänzen und überlappen einander, aber manche widersprechen sich fundamental. Und was stimmt jetzt?

Das wäre wieder die ontologische Frage: Wie ist es denn nun wirklich? Man müsste die einen langweilen und die anderen überfordern, darum nur sehr kurz: Keine der drei Versionen die wir kennen: materieller Monismus (= alles ist Materie/Energie), geistiger Monismus (= alles ist Geist) und Dualismus (es gibt ganz einfach beides, Materie und Geist) kann lückenlos überzeugen, wir sind in neuester Zeit dem materiellen Monismus gefolgt und haben alles als Ausdruck von Materie interpretiert. Bei allen Erfolgen gibt es da eine Vielzahl an Haarrissen, die glaube ich mit dem Wegbrechen des Glaubens an den Fortschritt zu tun haben, der uns alle mehr oder minder betrifft (dass die nächste Generation es besser haben wird, glauben heute immer weniger, inklusive der heranwachsenden neuen Generation selbst), aber an der Forscherfront gibt es zwei wirkliche Probleme: 1. wirft die Kosmologie immer mehr Fragen auf, die völlig unklar sind und sehr kontrovers behandelt werden, ob es nun ein Universum gibt, zig Multiversen, was es mit der dunklen Materie und und Energie nun auf sich hat, aber auch welchen Einfluss die Quantenwelt nun auf unseren Alltag hat. 2. ist das Phänomen Bewusstsein noch immer ungeklärt und die Gleichung Bewusstsein = Hirnaktivität führt uns nicht weiter.

Markus Gabriels Intuition

Markus Gabriel ist Deutschlands jüngster Philosophie Professor gewesen und ein immens quirliger Geist. Auch hier kann ich nicht ins Detail gehen, möchte nur für die, die Gabriels Bücher kennen, sagen, dass ich mit seinen Sinnfeldern nicht viel anfangen kann, da diese mir unterbestimmt erscheinen. Existieren heißt bei Gabriel in einem Sinnfeld zu erscheinen, diese Sinnfelder gehen von den Gegenständen aus, aber mal sind diese Sinnfelder soziale Konstrukte, mal fallen auch Naturgesetzte darunter, wie das zusammen passt ist unklar, ebenso, wie die Frage, warum es zusammen passen soll, im Detail stellen sich noch mehr Fragen, auf die wir nicht eingehen können.

Was ich jedoch unbedingt teile und immer ähnlich empfunden habe, wie Gabriel es wohl empfindet, ist die Tatsache, dass die diversen Formen der Innenwelten, der geistigen Welten, der Fiktionen und so weiter nicht nur lieblos sondern auch der Sache nicht gerecht werdend, als reine Phantasie oder illusionär abgehandelt werden. Als ‘Irgendwas im Kopf’ oder ontologisch nachgeordnet, als reine Rede über etwas. Damit also schon nicht mehr so ganz echt, real, eine Wirklichkeit zweiter Klasse. Gabriel sagt nun, Pustekuchen, etwas ist oder ist nicht und wenn es ist, dann ist auch auch nicht irgendwie weniger real, es ist.

Das ist auch nicht irre weit weg von unseren Alltagserfahrungen, sondern mitten drin, wenn wir tauschen uns keineswegs den ganzen Tag über Messdaten und physikalischen Tatsachen aus, sondern wir versinken in Tagträumen, fürchten uns vor der Zukunft, denken an früher, überlegen, was sein könnte, planen den nächsten Urlaub, spielen noch man das Gespräch von eben durch, überlegen, was die Nachbarn oder die Arbeitskolleginnen wohl denken, wenn …, überlegen nach einer peinlichen Episode, wie wir denn nun gesellschaftlich dastehen und so weiter, kurz um, mit dem was als Realität ausgegeben wird, haben wir so gut wie nie etwas zu tun.

Wahr ist, dass wir schwer irritiert sind, wenn bezüglich basaler Sinneswahrnehmungen über unsere Außenwelt keine Einigkeit herzustellen ist. Also konkret, wenn jemand halluziniert und Dinge sieht, die sonst niemand sieht oder Stimmen hört, die sonst niemand hört. Wir setzten aus durchaus guten Gründen voraus, dass wir alle ziemlich ähnlich wahrnehmen und zusammen in einer sinnlich erfahrbaren Außenwelt leben, die von anderen sehr ähnlich wahrgenommen wird.

Damit ist es mit den Gemeinsamkeiten dann aber auch schnell vorbei und es geht dabei nicht nur darum, dass andere Menschen die Dinge eben etwas anderes interpretieren, sondern dass es weitere riesige Bereiche gibt, in denen sich die Menschen mitunter dramatisch unterscheiden und sehr sehr entfernt von einander sei können, auch wenn die ansonsten auf der gleichen Parkbank sitzen. Moralisch, beim Musikgeschmack oder in ihrem Mathematikverständnis können sich Welten trennen, auch wenn sie das Gras, die Bäume und die Vögel im Park sehr ähnlich hören.

Aber auch das ist noch nicht genügend, denn Menschen sind nicht nur sehr unterschiedlich, weil der eine sich eben für dies und die andere für das interessiert und die Welt bunt ist, sondern sie können durchaus auch in diesen Innenwelten gleich sein, was doch irgendwie erstaunlich ist. Soll heißen, wenn ich mich auf ein bestimmtes Gebiet begebe, werde ich sehr ähnliche Erfahrungen machen, wie jemand der sich auch auf dieses Gebiet begibt, zum Beispiel in die Welt der Mathematik. Man tastet sich dort vorwärts, kennt sich aber mit der Zeit immer besser aus, findet sich in dieser Welt, dieser Morgendämmerung einer neuen Weltsicht immer mehr zurecht.

Das ist nicht weniger verwunderlich als wenn jemand in eine andere Stadt zieht. Erst schaut man vielleicht wo Arbeit, Schule und der nächste Supermarkt sind, dann vielleicht Restaurants und kulturelle Angebote, man streift durch die Straßen, erkundet andere Läden, das Nachtleben und kennt sich eben auch hier immer besser aus. Wenn man im Urlaub auf jemanden trifft, der auch aus dieser Stadt stammt, kann man sich austauschen und man wird einander fragen, ob man diese Ecke, jene Kneipe, den tollen Weg am Fluss kennt und man kann sich, über seine Stadt verständigen und noch mehr ins Detail gehen und sich über einzelne Stadtteile austauschen.

Das kann man aber genauso machen, wenn man sich sehr gut in Mathematik auskennt, man kann sich über einzelne Fachbereiche eingehender unterhalten, über spezifische ungelöste Probleme der Mathematik, über die Grenzen und Möglichkeiten und oft ist es ein sehr beglückendes Gefühl, wenn man einen anderen trifft der sich in dieser Welt tummelt, in deren Höhen sich nur wenige bewegen.

Dasselbe gilt natürlich, wenn man sich für Literatur interessiert und sich über den Zauberberg von Thomas Mann austauscht. Gabriels provokante These ist nun, dass es Castorp, Settembrini und Chauchat wirklich gibt, nur eben in einem anderen Sinnfeld und nicht als Personen aus Fleisch und Blut. Das ist vielleicht nicht wirklich aufzulösen, aber klar ist, dass man mit der Literatur einen eigenen Kosmos oder eben ein Sinnfeld betritt mit eigenen Regeln und das Wort Kosmos ist vermutlich gerechtfertigt, man kann ein ganzes reiches Leben als Shakespeare Interpret verbringen, so wie es eigene Universitäten gibt, die sich nur mit dem Werk von Thomas von Aquin auseinandersetzen.

Computertechnik oder die Logistik und Technik des Abwassersystem ist ebenfalls ein eigener Kosmos und es ist im Grunde immer dieselbe Geschichte, man muss sich auf diese Welt einlassen und dann wird man dort immer besser, kenntnisreicher und kann sich mit anderen austauschen, die sich dort auch auskennen und zurecht finden.

Ken Wilbers Landkarten

Wie es ist? Manchmal so, etwa bei Sehstörungen oder Trunkenheit. © Roland Keates under cc

Aber ist das denn nicht klar? Ob Mathematik, das Abwassersystem oder Literatur, all das sind ja vom Menschen erfundene Bereiche und reicht es nicht völlig aus, diese eben doch als abgeleitet, fiktional oder Artefakte anzusehen? Vielleicht, aber das Erstaunliche ist, dass die Regeln dieser Welten eben nicht nur für die Bereiche, Sinnfelder oder Kosmen gelten, die der Mensch erfunden hat.

Die Psyche hat der Mensch nicht erfunden, dennoch wird, wer sich mit ihr beschäftigt, auf bestimmten Gesetzmäßigkeiten stoßen, die für sehr viele und manchmal für alle Menschen gleich sind. Und das, wo wir doch alle verschieden sind. Nun ist der Kosmos Psyche vielleicht größer als irgendein anderer, denn alles was wir erleben, erleben wir als Psyche, was nicht heißt, dass alles Psyche ist.

Es gibt diverse psychologische Schulen, sie alle haben ihren Stärken und Schwächen, sie alle betrachten verschiedene Aspekte. Dem amerikanischen spirituellen Praktiker, Philosophen und Bewusstseinsforscher Ken Wilber folgend, gibt es verschiedene Linien der Entwicklung, die manchmal auch Intelligenzen genannt werden und sie alle entfalten sich in verschiedenen Graden von Tiefe.

Doch Wilber sagt noch mehr, nämlich dass wir alle von bestimmten Landkarten oder Mustern geprägt agieren, ohne zu wissen, dass wir es tun. In seinem Buch Integrale Meditation stellt er diese Landkarten vor, die ziemlich genau unseren Stufen der Entwicklung entsprechen, schon allein deshalb, weil ich diese von Wilber übernommen habe. Wir folgen also auch dann Regeln, wenn wir sie nicht genau kennen und sich nicht erfunden haben, wir finden sie aber dennoch vor oder können es zumindest, wenn wir in uns blicken, beschreiben und unsere Berichte mit anderen vergleichen. Wir finden bestimmte Muster, wenn wir in unsere Innenwelt und in die der Natur blicken.

Ein entscheidender Punkt ist nun, zu verstehen, dass, wenn man sich auf die Erforschung bestimmte Bereich einlässt, man immer Ähnliches findet. Es muss nicht identisch sein. Jeder geht woanders los, in einem anderen Geschlecht, einem anderen Lebensalter und anderen Umständen. Jeder interpretiert das, was er sieht, anders. Aber so, wie es kaum denkbar ist, dass zwei Bewohner derselben Stadt, die sich zufällig im Urlaub kennen lernen so sehr an einander vorbei reden, dass sie sich auf nichts einigen können, was ihre Stadt ausmacht, so wenig ist es vorstellbar, dass sich jemand Jahre mit der Psyche beschäftigen kann, ohne irgendeine Gemeinsamkeit mit anderen zu finden, die das ebenfalls tun.

Doch es geht noch weiter. Spirituelle Schulen gibt es nur, weil es die Gewissheit gibt, dass jeder, der meditiert, sicher nicht genau wie der andere, aber von der Struktur her bestimmte Punkte, Wegmarken passieren wird. Das ist erstaunlich, weil man eigentlich keiner großen Anweisung folgt, außer still dazusitzen und seine Atemzüge zu zählen. Und das zu ganz anderen Zeiten, in ganz anderen Kulturen. Vielleicht sind das die immer gleichen Zuständen, wenn der Geist oder das Gehirn zur Ruhe kommt? Man weiß es nicht, aber all die Zustände des Gehirns, erzählen und erklären uns nicht das Wesentliche, nämlich das, was man beim gepflegten Nichtstun erleben kann und was immerhin so gravierend sein kann, dass es einige Leben für alle Zeiten verändert.

Ist es ausreichend, das alles als irgendwie Innen zu bezeichnen? Mathematik, Märchen, spirituelle Erfahrungen, Urlaubsplanungen, alles Innen, im Kopf, das eine ein paar Zentimeter links vom anderen? Selbst wenn wir den korrespondierenden Ort lokalisiert hätten, was genau sagte uns das? Finden wir die Regeln der Logik, der Grammatik, der Gesellschaft im Kopf? Wüsten, Meere, Katzen, Spiralnebel, Bücher, Elektronen, Hochhäuser und Fernstraßen haben auch die Gemeinsamkeit alle Außen zu sein. Aber ist damit irgendwas über sie gesagt?

Die schwierige Frage nach der Ontologie

Gabriel und Wilber sagen beide, dass unsere Welt wirklich so aufgebaut ist, nämlich, dass es andere als rein materielle oder auf Materie reduzierbare Existenzen gibt, das kann man unterschiedlich plausibel finden. Der deutsche Philosoph Daniel-Pascal Zorn ist der Ansicht, dass man die Frage nach der Ontologie, wie es denn nun ist, im Grunde ersatzlos streichen kann, denn bei Licht betrachtet, verfügen wir am Ende nur über Annahmen darüber, wie es ist, mehr als Spekulationen oder Theorien haben wir nicht zur Verfügung. Insofern können die Frage nach der Ontologie, auch wenn sie bedeutend klingt, einfach ausblenden.

Aber Moment? Ist das nicht ein Trick? Entfernen wir damit nicht das, was uns nicht passt, damit alles leichter geht? Nein. Der Trick besteht eher darin, dass man so tut, als wüsste man genau woraus alles besteht und wie die Welt nun abläuft. Dagegen gibt es den naheliegenden Einwand, dass wir tatsächlich sehr gut wissen, dass es Materie gibt, sie umgibt uns ja schließlich täglich und überall. Doch auf der anderen Seite gibt es eben auch Zukunftsängste, Primzahlen, Gedanken darüber, was andere über mich denken, Unbewusstes und dergleichen mehr. Nun könnte man wieder sagen, Letztere gäbe es nur, weil es Materie gibt. Worten sind eben Schallwellen und Farben sind in Wirklichkeit elektromagnetische Wellen und Gedanken sind Neuronenfeuer, aber auch das ist eine Behauptung, obendrein eine, die nicht aufgeht.

Es ist nämlich die Behauptung, dass Worte oder Farben eigentlich etwas anderes sind, als sie zu sein scheinen und das unser Leben eigentlich nicht so ist, wie es zu sein scheint, sondern es noch eine Ebene dahinter gibt. Daran haben wir uns gewöhnt und weil uns Gewohnheiten oft wie Wahrheiten erscheinen, aber keine sein müssen, winkt man diese Punkte zu schnell durch: Dass alles, was wir erleben eine Illusion des Gehirns sei oder hinter den Farben Wellen stecken und die Welt an sich farblos sei. Nur ist all das entweder selbstwidersprüchlich – dass wir nie die Realität erleben, sondern immer nur eine aufgehübschte Version des Hirns, behaupten Neurokonstruktivisten, vergessen es aber genau in dem Moment, wo sie bunte Bilder vom Gehirn machen, die uns dann sehr genau zeigen sollen, wie das alles wirklich ist und funktioniert. Wären das nicht ebenso unreale Bilder, die einzig und allein unserem Gehirn entsprungen sind? – oder es erklärt uns rein gar nichts. Denn wie aus Schallwellen und Zeichen auf Papier oder einer Bildschirmoberfläche nun Informationen werden, die für uns hoch relevant sind, wobei die gleichen Worte den einen erschüttern und den anderen überhaupt nicht jucken, kann nicht erklärt werden. Ebenfallls nicht warum ein sehr ähnlicher Klang, oder eine leicht andere Betonung, oder nur ein einziges verändertes Zeichen eine fundamental andere Wirkung haben kann. Kurz und gut, mittels Sprache kann man intelligente Theorien über Materie darstellen, aber aus der Materie abgeleitet kann man keine Theorie der Sprache gewinnen.

Es gibt vs. Alles ist

Wenn wir also sagen: Aber es gibt doch … Materie, Schallwellen, Hirnaktivität, elektromagnetische Wellen, dann ist das wahr und eine bestimmte Perspektive, aber es gibt eben auch Tagträume, Meditationserfahrungen, Logik, Primzahlen und den Hulk. Wir müssen uns regelrecht an den Gedanken gewöhnen, dass etwas existiert, wenn es das gibt. Beides meint nämlich dasselbe. In uns spuken Ideen von einer Wirklichkeit erster und zweiter Klasse. Autos gibt es, aber Träume eigentlich nicht so. Bäume gibt es, aber Primzahlen nicht ganz genau so wie Bäume. Warum eigentlich? Weil man sich an Primzahlen nicht den Kopf stoßen kann? Dafür kann man mit Bäumen keine mathematischen Theorien entwerfen. Wie erwähnt empfinden wir auch Farben, das Nachdenken und Sprache als nicht so echt. Dabei sind sie genauso real, wie alles andere. Gabriel und Wilber sind hier keinesfalls allein. So sagt der einflussreiche amerikanische Philosoph Robert Brandom:

“Diskursive Praktiken umfassen wirkliche Dinge. Sie sind solide – man könnte sagen körperlich: sie umfassen wirkliche Körper, auch unseren eigenen und den der anderen (belebte und unbelebte), mit denen wir praktisch und empirisch zu tun haben. Man darf sich diese Praktiken nicht als hohl vorstellen, als müssten sie noch mit Dingen angefüllt werden. Sie sind nicht dünn und abstrakt, sondern so konkret wie die Praxis des Nägeleinschlagens mit einem Hammer. ( Sie sind unser Zugang (unter anderem) zu dem, was abstrakt ist und nicht dessen Produkt.)”[1]

Auch er geht davon aus, dass es neben physikalischen Welten, numerische und fiktionale Welten gibt. Ein Kronzeuge mehr, für die Morgendämmerung einer neuen Weltsicht. Es sagt rein gar nichts aus, über Romane zu behaupten, das sei ja alles erfunden, daher auch nicht real oder sogar per se falsch, zumindest nichts, worum man sich kümmern müsste. Wir wissen, dass Dramen, Romane, Lyrik komprimiertes Weltwissen sein können, ein Zauber der denkerischen Möglichkeiten sein kann, tiefste Reflexion, beißende Anklage, wer sagt, das sei alles nichts, dem muss man Ahnungslosigkeit attestieren. Wer meint, die Idee Literatur stamme aus dem Hirn von A, sei dann über die Finger, auf Papier/Bildschirmoberfläche gelangt und dann über die Augen in andere Hirne, der mag das erklären, ich habe noch keine brauchbare Literaturtheorie dieser Art gesehen.

Traumwelten haben manchmal ihren eigenen Charakter, zuweilen einen sehr reizvollen. © Michelle Barth under cc

Wir können die Realität nicht vermeiden, alles was wir erleben ist auf eine ganz primäre Art ja nun erst mal da und existiert damit auch erstmal. Wir baden mitten drin, in Assoziationen, Halbgedachtem, eben Gefühlten, kaum Empfundenen, kurz Bemerktem. Vielleicht exisitert manches davon nur für mich und nur für eine kurze Zeit, vielleicht ist es wirkungslos oder bedeutungslos, vielleicht ist ihre Existenz sogar tatsächlich von anderem abhängig, aber es gibt diese Gegenstände eben. Damit ist nicht gesagt, dass sie einzig und allein oder überhaupt aus Materie bestehen, aber das müssen sie auch nicht. Gabriel definiert mit Carnap:

“Gegenstand ist alles das, worüber eine wahrheitsfähige Aussage gemacht werden kann.”[2]

Damit meint er Tische, Zahlen und Romanfiguren. Aber nicht alles ist ein Gegenstand und Gabriel benennt die Gefahr dieser Sichtweise selbst: Hätte es keine wahrheitsfähigen Aussagen gegeben, dann auch keine Gegenstände.

Und denken für daran, dass auch nicht alles aus Materie folgenreiche Wirkungen hat. Auch hier erscheint manches und ist einfach wieder weg. Vieles geschieht folgenlos, ein Ereignis zu dem man früher sagte, es sei so bedeutend, als wenn in China ein Sack Reis umkippt. Irgendwas passiert immer, irgendwo.

Dass wir zeigen können, dass es Materie gibt, heißt nicht, dass es Gedanken, Primzahlen oder Logik nicht gibt. Die Tatsache dass es Materie gibt, schließt erst mal die Existenz von Immateriellem nicht aus. Die Aussage: ‘Es gibt Materie.’ ist ungleich der viel stärkeren Behauptung: ‘Alles ist Materie.’

Alles nur erfunden?

Wenn wir die Realität nicht vermeiden können, wenn Logik so real ist, wie Träume und Schrauben können und müssen wir uns auch von der Idee verabschieden, dass man immer nur über den Weg der Materie etwas beeinflussen kann. Sprechen ist schon Realität, Denken, Fühlen, Empfinden Träumen und Meditieren ebenfalls. Wir müssen das Denken nicht irgendwie erst mit der Realität verbinden.

Völlig unklar und kontrovers ist die Frage, ob denn nun die Gesetze der Natur oder der Logik nun gefunden oder erfunden sind. Es gibt bestimmte Gesetzmäßigkeiten, sowohl in der Außen- wie auch in der Innenwelt. Die Außenwelt zwingt uns gewisse Dinge auf, etwa die Schwerkraft, aber die Regeln der Grammatik oder der Logik tun dies auch. Wir werden einfach nicht verstanden, wenn wir zu weit abweichen. Unsere Aussagen müssen eine gewisse logische Form haben, sonst sind sie wirr. Aber kann man sagen, dass wir die Logik oder die Mathematik erfunden haben? Mathematische Muster finden sich offenbar auch in der Natur und dass, wenn A größer als B ist und B größer als C, dann auch A größer als C sein muss, ist einerseits logisch zwingend, andererseits auch in der Natur sichtbar. Erfunden?

Markus Gabriels Idee ist nun eine andere, er bezeichnet das Denken als Sinn. Ein Sinn wie Hören, Sehen, Fühlen, Riechen, Lage im Raum, Gleichgewichtssinn. Eine charmante Idee, denn so wie wir mit den Augen eine Welt betrachten, von der wir denken, dass es sie in der Weise tatsächlich und auch für andere gibt, kann das mit dem Denken ebenso der Fall sein, je nach dem, in welchem Kosmos oder Sinnfeld wir uns aufhalten. Auf der Straßenkreuzung, im Urwald oder unter Wasser gelten verschiedene Regeln, so ist ist mit den Orten der Innenwelt auch: Mathematik, Musiktheorie, Science Fiction und Psychologie sind äußerst verschieden. Aber es gelten eben auch da Regeln, wir finden auch da etwas vor, was keinesfalls – da ja eventuell ‘erfunden’ – beliebig wäre und wer sich an keine der dortigen Regeln hält, befinden sich auch nicht dort, weil er ganz einfach die Eintrittskarte nicht gelöst hat. Das ist so, als wenn man jemanden im Urlaub trifft, der sagt, er käme aus der gleichen Stadt wie man selbst, aber dort keine Straße, keine Sehenswürdigkeit, kein Geschäft, kein Restaurant und nichts aus der dortigen Natur oder Kultur kennt. Es kommt einem dann irgendwann zweifelhaft vor.

Genauso wenig hat sich ein paar Gedanken über dies und das zu machen etwas mit Philosophie zu tun, auch wenn es manchmal dafür gehalten wird. Man ist ja auch kein Arzt, wenn man mal einem Nachbarn bei seinen Kopfschmerzen helfen konnte. Das Denken erfindet also nicht, sondern als Sinn findet es, das, was im entsprechenden Sinnfeld da ist. Ein Modus Ponens in der Logik, ein Settembrini im Zauberberg, und das Unterbewusste in der Psychologie.

Wir sind immer mit der Realität verbunden

Wenn wir die Realität nicht vermeiden können, dann ist alles was wir tun, aber auch alles was wir sagen, schreiben, denken und fühlen eine direkte Aktion in der Realität. Auch das wird meistens anders gesehen, wenn behauptet wird, man müssen den Wasserhahn schon herumdrehen, damit Wasser fließt, es reicht nicht, sich das vorzustellen. Aber das ist ein unpassendes Beispiel, denn man versteht mathematische Brüche ja auch nicht dadurch, dass man ganz viele Äste und Zweige durchbricht, das sind einfach Beispiele aus verschiedenen Bereichen der Realität, aus verschiedenen Kategorien oder Sinnfeldern.

Gedanken und Gefühle, Worte, Reflexionen und Meditationen sind auch nicht per se unwirksam, wie man gerne hört, sie wirken durchaus, nur eben in einem anderen Sinnfeld, einer anderen Welt oder einem Bereich eben dieser. Man braucht das jeweils geeignete Mittel, den geeigneten Zugang. Es ist nicht so, dass die Bereiche komplett getrennt wären, ein Film kann bis in einen Traum nachwirken, unsere Phantasie anregen, Ängste, Freude oder Neugier evozieren.

Es ist uns ja gerade durch die aufdeckende Psychotherapie offensichtlich, dass und wie eine Erkenntnis wirken kann. Dass man sie dann auch noch in die Alltagspraxis umsetzen muss, klar, aber wir kennen ja nun auch gerade wieder durch die Psychotherapie den umgekehrten Fall, dass man meint, Verhalten sei alles, also ändert man das, damit könne man sich den Rest sparen. Die Begrenztheit dieses Ansatzes müsste eigentlich klar sein, heute sieht man sie viel deutlicher. Eine Einsicht, die Aufdeckung eines verborgenen Musters, ein echtes Verstehen, ändert hingegen alles, könnte zumindest alles ändern. Die Partnerschaft, die Beziehung zum Chef, zu den Nachbarn, die Motivation, die Phantasie darüber, was Menschen antreibt, die Träume, die Ziele, die Ängste. Das mit einem Wurf alle Kegel fallen muss nicht immer der Fall sein, aber es gibt reichlich Veränderungen die tiefgreifend sind. Und es wurde ‘nur’ die Möglichkeit durchgespielt, dass vielleicht das, was man anderen in die Schuhe schob, aus einem selbst kommt, samt dem Weg, wie es dort hin gekommen ist.

Danach kann man vielleicht noch immer nicht übers Wasser laufen, bekommt keinen Nobelpreis und schreibt noch nicht mal ein Buch darüber, wie großartig das Leben geworden ist, weil es das auch gar nicht muss. Es ist vielleicht einfach nur der Schritt von dauernden Ängsten und Sorgen, Scham- und Schuldgefühlen, zu einem normalfreien Leben, damit überhaupt nicht sensationell, aber erlösend. Gewirkt haben hier Informationen, Einsichten.

Wie sie befreien können, so können sie auch blockieren, aber gezeigt werden sollte hier nur, dass man keineswegs nur auf der körperlich-materiellen Ebene agieren muss. Man muss nicht leugnen, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, aber dass dies eine Einbahnstraße wäre, muss man sogar bestreiten. Die Morgendämmerung einer neuen Weltsicht erkundet diese ausgedehnten Innenwelten und findet in dem großen bunten Innenraum immer mehr Gänge und Kammern, Regeln und Landkarten, Gesetze und Freiheiten.

Quellen