Tempel, Altar, Blumen, Licht durch Fenster

Eine der Werkstätten der Erleuchtung. © Wonderlane under cc

Die hellere Seite der Erleuchtung stellt den Ausgleich zur ersten Folge der Dissoziationen dar. Wie wir sehen werden ist das Thema nicht schwarz oder weiß, sondern wir befinden uns in einem Kontinuum, das die riesige Spanne des Menschseins zwischen Psychopathie, Psychose und Erleuchtung einerseits, wie auch zwischen Normalität hier und Exzentrik und Genie dort, betrachtet.

Außergewöhnliche Bewusstseinszustände als erste Begegnungen mit neuen Welten

Wir alle leben in bestimmten inneren Welten, auf einem spezifischen, oft gut beschreibbaren Organisationsniveau. Gut beschreibbar oft im unteren Bereich der eher niedrigen Organisationsgrade, saubere Kriterien für höhere Organisationsgrade sind immerhin dabei zu entstehen, das war jahrelang ein Defizit.[1]

Mit neuen Welten sind hier neue Organisationsebenen gemeint, die durchaus für das Umfeld nicht sensationell sein müssen, aber mitunter für den Erlebenden. Manchmal sind außergewöhnliche Bewusstseinszustände erste Ausflüge in diese neuen Welten, die oft banal klingen, es aber bei näherem Hinsehen nicht sind. Wie erwähnt, sind wir innere Wesen, die an der Außenwelt Anteil haben, aber sehr viel spielt sich in uns ab. Es ist für uns der Normalzustand während wir etwas tun, über eine Begegnung vom Abend davor nachzudenken, darüber zu phantasieren, wie das Vorstellungsgespräch laufen wird und kurz die Möglichkeiten durchzuspielen. Man kann nun nachts wachliegen, vor Sorge, Vorfreude oder indem man sich andere Wege ausmalt, die das eigene Leben auch nehmen könnte. Man kann kaum ermessen, was für eine gigantische Welt sich da auftut, wenn man diesen Raum der Konjunktive erstmalig betritt und aus einer Welt kommt, in der alles vorgeschrieben und festgelegt ist. Dann öffnet man die Tür und steht inmitten einer riesigen neuen Welt, mit all ihren Möglichkeiten, aber auch Verantwortungen, das ist geradezu überwältigend.

Viele von uns leben wie selbstverständlich in diesem Raum, aber sein erstmaliges Betreten beschreibt analog, jenes Vortasten in jene unbekannten Erlebensbereiche, um die es hier geht. Dieser Sprung in eine neue, möglicherweise viel komplexere Erlebenswelt und könnte ebenfalls ein Vorbote für Bereiche sein, die wir bald so selbstverständlich erleben, wie wir heute verschiedene Optionen durchgehen, im Hinblick darauf, wie sie zu unserem Leben passen, was noch vor wenigen Generationen auch bei uns nicht die Regel war, von anderen Regionen der Welt ganz zu schweigen. Die Möglichkeiten sind vielfältig und berühren oft künstlerische, visionär-politische, wissenschaftliche oder spirituelle Bereiche.

Gesunde außergewöhnliche Bewusstseinszustände

Gesunde außergewöhnliche Bewusstseinszustände fallen oft zusammen mit Gipfelerfahrungen, der Erlebenswelt mancher Exzentriker, auch mit Intuitionen und Genieleistungen.

Spitzenleistungen in der Wissenschaft oder Kunst gehen oft mit dem erhebenden Gefühl einher, besondere Einblicke in die Werkstatt des Kosmos gewonnen zu haben. Ein elektrisierendes Gefühl, das einen sogar noch im Nachvollzug mitreißt, um wieviel mehr muss die erste Erkenntnis dieser Zusammenhänge befriedigen? Heute kann man kaum nachvollziehen, welche Opfer frühe Forscher auf sich nahmen, welche Gefahren und auch körperlicher Höchstleistungen sie bewältigen mussten. Doch der Forscherdrang treibt uns an, wie kaum eine andere Kraft. Der Lohn der Erkenntnis ist so groß, dass man Entbehrungen in anderen Bereichen oft auf sich nimmt. Auch wenn unsere technischen Möglichkeiten heute viele Gefahren minimieren, immer wieder wird beschrieben, wie Forscher alles um sich herum vergessen, weil sie sich ganz auf etwas anderes einlassen.

Manchmal ist das der Unterschied. Von Eberhard Trumler, dem großen Verhaltensforscher für Hunde wird berichtet, wie er Stunden vor einem Terrarium saß und nicht bemerkte (oder es war ihm nicht wichtig), wie zwischenzeitlich die Heizung im Raum ausfiel und der Raum bitter kalt wurde, so absorbiert war er von der Beobachtung. Er konnte sich einlassen und das eröffnete neue Welten. Auch hier sehen wir, wie eine Fokussierung oder Reduzierung neue Welten erschließt. Jeder kann das nachvollziehen, wenn man in einen Wald geht, sich irgendwo an den Waldesrand stellt und sich einen kleinen Bereich, vielleicht so groß wie ein DIN A 4 Blatt herausnimmt und diesen einfach betrachtet. Man sieht zunächst nichts Besonderes, eine paar Pflanzen, ein paar Blätter doch nach und nach kommen immer mehr Details zum Vorschein. Hier eine Moosart die anders aussieht, als die daneben, dort ein Käfer, eine kleine Spinne, ein Pilz, immer mehr Facetten treten hervor und schließlich wird aus dem Bereich, in dem eben noch so gut wie nichts war, ein kleiner eigener Kosmos, der unsere Aufmerksamkeit in den Bann ziehen kann.

Den eigenen Kosmos kann man aber genauso in einem Glas Wein finden, wenn man Musik hört oder philosophischen Gedankengängen folgt und der Begriff der theoretischen Architektur auch einmal eine Bedeutung erfährt, weil man sich inmitten eines dreidimensionalen Gitters befindet und doch ist diese Erfahrung ’nur‘ innerlich.

Stufen von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen

Erfahrungen in und mit der grobstofflichen Welt

bronzener lachender Buddha

Das sprichwörtliche Lachen des Buddha. © Jim Bowen under cc

Überhaupt scheinen Naturerfahrungen besonders prädestiniert dafür zu sein, dass man in oder an ihnen in außergewöhnliche Bewusstseinszustände kommt.[2] Die meisten Menschen sind innerlich berührt, wenn sie mit den Wundern der Natur konfrontiert werden, wie Gebirgszügen, Wüsten aus Eis oder Sand, den hügeligen Weiten endloser Grasflächen, Wasserfällen, dem Meer oder einem Sonnenuntergang. Auch blühende Felder in Kombination mit blauem Himmel und der rötlichen Abendsonne können derart verzücken, dass man diesen Moment teilen und für die Ewigkeit festhalten möchte.

All das ist wunderschön und erhebend, wer das Glück hat einen Sinn dafür zu haben, wird staunen und verzückt sein und das ist vermutlich nur einen Steinwurf von der Erfahrung entfernt, die einem diese Landschaften gewissermaßen unter die Haut gehen lässt. Normalerweise erleben wir uns als jemand, der sich durch die Natur, das große Außen, bewegt. In einer Gipfelerfahrung bewegt man sich zwar möglicherweise immer noch, aber die Umgebung ist nicht mehr da draußen, sondern in unterschiedlichen Graden der Intensität ein Teil von mir. Es ist das merkwürdige Gefühl, dass das alles zu mir gehört, wie man es wenn überhaupt hat, wenn man die Räume der eigenen Wohnung betritt.

Andere Erfahrungen dieser Art gehen mit dem Empfinden einher, dass diesem Moment nichts fehlt. Man lebt in einer durch und durch perfekten Welt, aber das ist kein Gedanke, sondern ein Empfinden. All diesen Erfahrungen ist es gemeinsam, dass man, wie Ken Wilber es ausdrückt, noch mit einem Bein in der grobstofflichen Welt steht und mit dem anderen Anteil an einer spirituellen Welt hat. Durch die Natur oder körperliche Aktivitäten wird dieser Zustand oft erreicht, er kann aber auch in einem Moment der Entspannung eintreten, wenn man nach der Arbeit das Büro oder Geschäft verlässt. Wir finden hier eine Erweiterung der Wahrnehmung der Welt, aber das Wechselspiel von Fokussierung und Erweiterung ist typisch und begleitet uns die ganze Zeit durch dieses Thema.

Durch Körperübungen oder Sport wird auch zuweilen eine Einheitserfahrung erreicht, auch hier ist man im besten Fall ganz fokussiert, auf das, was man in der Sportlerwelt tut, oft wird das als „Tunnel“ beschrieben, zu diesen Erfahrungen kann gehören, dass man mit seinem Sportgerät völlig eins wird, sei es, dass dies eine Tennisschläger oder Rennauto ist, oder man die Außenwelt kaum noch wahrnimmt. Häufig wird bei dieser Art der außergewöhnlichen Bewusstseinszustände etwas ins Ich aufgenommen, was wir gewöhnlich als davon getrennt betrachten würden.

Aber auch die Betrachtung von Kunstwerken oder beim Hören von Musik kann man von diesen Zuständen ergriffen werden, die einen erschauern lassen und bei denen man sich mit der Menschheit als ganzer eins fühlt und gar nicht so selten treten solche Erfahrungen auch spontan auf.

Das Abstreifen der grobstofflichen Welt

In der nächsten Stufe, streift man die grobstoffliche Welt vollständig ab, in dem Sinne, dass man keine Anreize der äußeren Welt braucht und sich die Erfahrungen auch nicht auf die äußere oder grobstoffliche Welt beziehen. Man wendet sich ganz nach innen und alles spielt sich dort ab. Natürlich kennt man die Erfahrungen, die man macht auch aus Begegnungen in und mit der grobstofflichen Welt: Freude, Liebe, Angst all das findet man auch dort nur hier eben in einer reinen Form, als Archetypus.

Es gibt etliche Stimmen, die behaupten, dass das was man auf dieser Ebene der Erfahrung erleben kann, reiner und damit auch ungleich intensiver ist, als wenn man es durch grobstoffliche Form vermittelt erlebt. Keine Ahnung, wie man das beurteilen soll. Dass man die Welt nicht braucht, ist schön und gut, aber sie ist nun mal da und Erfahrungen an und mit ihr sind praktisch und leicht zu handhaben. Dass die Erfahrungen, mit und in der grobstofflichen Welt nur ein Abklatsch sind, ist möglich, aber für viele ist die Welt dieser Erfahrungen bereits genug oder überfordernd, die suchen gar nicht nach mehr.

Andererseits, wer auf der Suche nach Extremen und intensiven Erfahrungen ist, weil ihm die Welt hinterm Schreibtisch nichts bringt und Freeclimbing irgendwie auch noch unterfordert, der kann diesen Weg gehen und es spricht einiges dafür, dass man hier Erfahrungen machen kann, die intensiv und ungewöhnlich sind allein dadurch, dass man sich der Innenwelt konsequent zuwendet. Darüber hinaus gibt es auch auf spirituellem Gebiet Talente und Menschen, für die das einfach ihr Lebensinhalt ist. Es gibt genug Mittel und Wege diese Erfahrungen zu forcieren und letztlich ist es die platonische Idee, dass die Dinge der grobstofflichen Welt nur jeweils einen Anteil an den Urideen haben und man diesen näher kommen kann, wenn man das, worum es geht, die reinen Archetypen pur erlebt.

Neben Mystikern und Magiern sind es Menschen, die Nahtoderfahrungen durchlebten, die von diesen sehr reinen und ungeheuer intensiven Ereignissen berichten, bei denen es nicht selten so ist, dass man gar nicht wieder zurück will und die ‚reale‘ Welt tatsächlich nur wie ein fader Abglanz erscheint, jene Welt, von der wir eigentlich nicht lassen wollen.

Das Verlöschen

Auch das eine Stufe, die nahezu durchgängig in der Literatur der großen spirituellen Experimentatoren beschrieben wurde, die diesen Weg gegangen sind. Streifte man in der Stufe davor die grobstoffliche Welt ab, so lässt man hier alles hinter sich. Anders gesagt, man versucht die Quelle all dessen zu finden, woher unsere Eindrücke kommen. Ist es die Quellen des Seins, des Bewusstseins, ist beides eins oder doch nicht? Wir wissen es nicht und zwar tatsächlich nicht.

Die Mystiker der Welt haben eine Antwort, zumindest eine, die die eine Art des Wissens umfasst, jene Art zu wissen, wie es ist, in diesem außergewöhnlichen Bewusstseinszustand zu sein. Und das Erleben ist, dass da nichts ist, wenn man zur Quelle gelangt. Das die Eindrücke wirklich verlöschen können. Und das bedeutet eine Abwesenheit von Welt, aber auch von jemandem der Welt oder diese Abwesenheit erlebt. Es ist einfach nichts da. Und doch, auch wenn man nicht mehr sagen kann, als dass da einfach nichts ist und oft genug betont wird, dass dieses Nichts auch nicht zu beschreiben ist und man ganz einfach auf dem Holzweg ist, wenn man es dennoch versucht, gleichzeitig gibt es die paradoxe Überzeugung, dass eine eine Kontinuität des Seins gibt. Nicht eines bestimmten Seins, einer bestimmten Form, auf die man deuten oder die man erläutern kann, sondern einfach reines Sein, über das man nichts weiter aussagen kann.

Egal, wie weit man zurück geht und ob es bis an die Quelle ist, das Sein vergeht nicht. Aber ist das nicht eine ziemlich banale Erkenntnis, dass das Sein ist? Vielleicht ist es der Grund für das sprichwörtliche große Gelächter der Zen Meister, wenn sie am Ende ihrer Reise angekommen sind. Denn, dass etwas ist und dass immer etwas ist, das weiß wirklich jeder. Immer ist irgend etwas, war irgend etwas, wird etwas sein. Das Sein ist nicht auszulöschen. Und nun?

Die Nondualität

Nun geht es wieder zurück oder auch weiter, in einen Bereich der Nondualität. Die ganze Anstrengung, war sie umsonst? Was bleibt im Erleben, was ist anders? In Buch „Meister Gurus Menschenfänger“ unterhalten sich drei spirituelle Praktiker über ihre Erfahrungen und können diese doch nur in unbefriedigende Begriffe fassen. Irgendwie hat sich nichts geändert und doch ist alles anders. Ob sie nonduale Erfahrungen machten, wissen wir nicht. Aber wie soll man sie auch beschreiben? Auch im Zen sagt man, dass nach der Erleuchtung Berge wieder Berge und Flüsse wieder Flüsse sind. Soll heißen, es geht nicht um Schnickschnack und eben gerade nicht um außergewöhnliche Bewusstseinszustände. Alles ist auf eine Art wieder sehr normal und alltäglich. Und doch ‚rettet‘ man mehrere Erfahrungen der außergewöhnlichen Erfahrungen (oder vielleicht Nicht-Erfahrungen), wenn es wieder down to earth geht. Zum einen, wie erwähnt, dass das Sein nicht vergeht. Zum anderen die, dass man sich mit dem Sein identifizieren kann und damit mit mehr identifiziert ist, als mit dem eigenen Ich. Es ist ein endloses, umstrittenes aber wichtiges Thema, ob man über Erleuchtung reden kann und ob man sein Ich hinter sich lassen muss oder dies überhaupt kann.

Erleuchtung

Steine m Zentrum, Kreise im Kies

Die Schönheit des Zen ist oft wenig üppig. © RC Designer under cc

Man kann. Die vermeintliche Unmöglichkeit über Erleuchtung zu reden beruht wesentlich auf drei Punkten: Erstens, ist Erleuchtung kein Konzept, wie immer wieder betont wird. Konzept meint die Idee, dass es eine Art richtiges Verhalten oder immer gültigen Algorithmus für Erleuchtete gibt, der besagen würde, dass ein erleuchteter Mensch sich in einer spezifischen Situation, immer auf eine bestimmte Art verhalten wird. Im Gegensatz dazu wird in spirituellen Texten neben der radikalen Einfachheit und Direktheit der Erleuchtung vor allem auch größter Wert auf die Paradoxie und Verschiedenartigkeit der Erleuchtung gelegt. Sie ist „nicht dies, nicht das“ wie es in Hinduismus heißt, sie taucht in nahezu allen unterschiedlichen Gewändern auf, wie uns die Mahamudra-Texte lehren. Das kann man als eine Weigerung sich festzulegen interpretieren, aber es ist eher eine Warnung sich zu schnell und zu eng festzulegen. Doch die Art der Festlegung ist eine etwas andere, als wir es oft gewohnt sind, die etwa die Form hat: Wo ist es? Was tut es? Woran kann ich es erkennen? Wenn wir Erleuchtung ernst nehmen wollen, müssen wir eher auf etwas, was die Form von Prinzipien hat schauen und das kennen wir aus der Ethik, die im Utilitarismus das Prinzip hat, den größtmöglichen Nutzen der größtmöglichen Zahl von Menschen (Wesen) zu mehren und bei Kant die Formel: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Auch hier wird nicht konkret gesagt, was zu tun ist, wie bei einer Verkehrsampel: Wenn rot, dann halt. Erleuchtung geht in Richtung der Prinzipien und darüber hinaus. Es ist eine ziemlich radikale Weigerung sich festzulegen. Aber, das kann nicht alles sein, wenn wir über Erleuchtung reden wollen und uns dennoch bewusst bleiben, dass das Reden über etwas nicht die Erfahrung von etwas ist.

Zweitens, ist es die Sprache selbst, der hier manchmal unterstellt wird, das Wesentliche zu verbergen, aber das ist ganz einfach die Erfahrung, der Qualia-Aspekt. Der bleibt allerdings auch verborgen, wenn es um den Geschmack von Pfifferlingen geht. Man kann sich sprachlich noch so sehr annähern, die eine der beiden Arten des Wissens über den Geschmack von Pfifferlingen erfährt man nur, wenn man sie probiert. Doch auch die Begriffe selbst, die wir benutzen, sind sehr uneinheitlich, aus zig verschiedenen Gründen, denen wir hier nicht nachgehen können.

Drittens, sind die Teilnehmer die sich irgendwie auf den Weg Richtung Erleuchtung machen mindestens so uneinheitlich, wie die Sprache, das heißt, die Qualität der Berichte ist unterschiedlich gut. Da aber spirituelle Erfahrungen einen großen Teil der gesunden außergewöhnlichen Bewusstseinszustände ausmachen ist es wichtig das Verhältnis von diesen zum Phänomen Erleuchtung zu klären, trotz des Chors der uneinheitlichen Stimmen, oder gerade deshalb.

Warum sollte man über Erleuchtung reden?

Neben den bereits genannten Gründen ist es so, dass wir festzurren sollten in welche Richtung Erleuchtung geht, denn neben der Beschreibung was sie nicht ist, sollten wir zumindest schauen, ob wir eine gewisse Kontinuität innerer Erfahrungen finden. Zudem ist Erleuchtung unsere Blaupause für außergewöhnliche Bewusstseinszustände, auch wenn es um diese gar nicht geht, falls damit Gipfelerfahrungen gemeint sind. Auch das klingt etwas paradox, wie auch der letzte Punkt, die Frage nach dem Nutzen: „Und was hab‘ ich dann davon?“

Wenn man ehrlich ist, sind die ersten Motive sich um Erleuchtung zu kümmern in aller Regel nicht sonderlich schmeichelhaft. Wenn wir von den ganz wenigen spirituellen Supertalenten mal absehen, die irgendwie karmisch berufen zu sein scheinen, dann es ist oft die Aura des Besonderen, Auserwählten, Mächtigen, die diesen Bereich attraktiv erscheinen lässt. Doch auf diesem Weg zu sein und sich tatsächlich auf ihn einzulassen bedeutet dann sehr bald ernst zu machen mit der Idee das Ego, oder besser: die Egozentrik hinter sich zu lassen. (Das man sich hier herrlich verirren und etwas vorspielen kann, ist Teil der Wahrheit über das Thema.) Kann man sich zunächst noch mit der Aura des Besonderen schmücken, so bedeutet die Abkehr von der Egozentrik tatsächlich, dass man die Komfortzone verlassen muss. Endlose Phasen langweiliger Meditiation, die eben nicht außergewöhnliche Bewusstseinszustände in Reihe bedeuten, sondern vielmehr zähe Stunden des Sitzens, die keine sichtbaren Fortschritte bringen. Der Nimbus des Besonderen ist teuer erkauft und gewöhnlich braucht man einige Zeit – und das heißt in der Regel viele Jahre – bis man begreift, dass es um die paar Highlights, die es tatsächlich gibt, gar nicht geht. Der amerikanische Zen-Lehrer Brad Warner berichtet von einer tiefen Erleuchtungserfahrung und im Anschluss daran schreibt er:

„War dies derselbe Zustand den Gautama Buddha an jenem frühen Dezembermorgen vor 2.500 Jahren erfuhr? Ja, das war er. Ist er. Absolut.
Gibt es irgendetwas Besonderes an mir? Nicht im Geringsten.
Hat es mein Leben verändert? Yep.
War das ’ne große Sache? Kumpel, alles ist ’ne große Sache, aber ja, es war ’ne große Sache. Unzählige Jahre lang war ich durch einen dunklen Tunnel gefahren, bis ich ganz plötzlich im Sonnenlicht am Strand einer üppigen tropischen Inseln auftauchte. Und doch gab’s keine Glockenklänge, keine Fanfaren, keine Gongs, keinen Donner, kein Erdbeben; kein großes Gelächter, keine Tränen, kein Drama.
Und dann ging ich zur Arbeit und machte meinen Job. Es war alles sehr außergewöhnlich und normal. Doch genau in dieser Normalität und Gewöhnlichkeit lag etwas Wundervolleres als in jeder Besonderheit, die ich mir je hätte vorstellen können. Alle Vorstellungskraft verblasst im Vergleich zu dem, was dein echtes Leben hier und jetzt ausmacht. Es gibt keinen einzigen Traum, den du haben kannst, ganz egal, wie rein und schön, der besser ist als das, was du genau jetzt durchlebst, ganz egal, wie beschissen du dieses Genau-Jetzt findest.“[3]

Mann schwebt durch Zimmer, schwarzweiß

Eine außergewöhnliche Erfahrung. © Ted Van Pelt under cc

Es gibt das Gewöhnliche und das Außergewöhnliche, Besondere. Beides ist zu erleben, auf dem spirituellen Weg, aber stets wird das Außergewöhnliche als riesige Gefahr gesehen, als Täuschung. Nicht deshalb, weil es das nicht gibt, sondern weil es eine riesige Gefahr darstellt. Nicht, weil man seine Zeit sinnlos vertun oder man gesundheitliche Schäden erleiden würde, sondern, weil das Besondere verführerisch ist. Es ist verführerisch der eigenen Egozentrik weiter zu verfallen, man sondert sich noch mehr von den anderen ab. Das ist eine Gefahr, die größer ist, als man am Anfang erkennt. Es gibt diese Gipfelerfahrungen, es gibt das Besondere, die außergewöhnlichen Bewusstseinszustände und doch geht es nicht um sie, sondern einzig und allein darum, im Jetzt anzukommen und seiner Kontinuität des Wandels, in dem Gewöhnliches und Außergewöhnliches stattfindet.

Kontinuität und Wandel sind Elemente, die wir gleichermaßen einfangen müssen, wenn wir über Erleuchtung sprechen wollen. Erleuchtung ist ein Komplex oder Cluster von Erfahrungen und dabei ganz wesentlich von inneren Erfahrungen. Der Inhalt ist wechselnd und entspricht dem, was die Welt gerade anbietet, die einzige Kontinuität ist der Wandel, weil Welt eben immer anders ist. Doch es muss auch eine Kontinuität im Wandel geben, um den Begriff der Erleuchtung zu rechtfertigen.

Und diese finden wir in unserer inneren Erfahrung. Zwei wesentliche Elemente sind die Abwesenheit von Widerständen und das Sein im Augenblick. Es geht einem auf den ersten Blick nicht besser, wenn man im Augenblick lebt, denn das Leben macht einem oft genug einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich hatte man sich was anderes vorgenommen und dann das. Alles gerät durcheinander und viele Menschen geraten in Widerstand. Die einen früher, wenn sie ihre Komfortzone verlassen müssen, die anderen später, wenn’s wirklich dicke kommt. Angesichts dessen, ist das Konzept von Leugnung und Verdrängung gar nicht schlecht. Wer als einzige Kontinuität den Wandel hat, der ist davon nicht zu überraschen, aber das ist nicht unsere generelle Einstellung. Wir sind Gewohnheitstiere und auf immer mehr Absicherung bedacht. Aber genau das macht unser Leben manchmal auch starr und monoton, bis zum Zwanghaften.

Aber auch hier müssen wir aufpassen, denn es kann nicht sein, dass wir Erleuchteten Kriterien überstülpen, die sagen, wie sie zu sein haben. Es gibt Erleuchtete, die unendlich liebevoll und ausnehmend höflich auftreten, aber es gibt auch rohe und wilde Zerstörer der Ordnung. Aber auch das Geordnete und Gewohnte hat seinen Sinn und Zweck auch damit kann man einverstanden sein. Es scheint, dass wir noch ein dritte Komponente brauchen, eine ethische Richtung. Auch ein Psychopath kann mit dem was er tut im Einklang sein und dabei ganz im Augenblick. Doch wesentliche Teile spiritueller Disziplinen bestehen darin, vieler dieser ethischen Positionen zu hinterfragen oder sogar radikal infrage zu stellen. Dass dies kein ganz einfacher Bereich ist, liegt in der Natur der Sache. Man macht es sich etwas zu einfach, wenn man die Erklärung, dass allein der erleuchtete Meister weiß, wo es lang geht (sonst wäre er ja nicht erleuchtet) und jeder, der bei ihm unter die Räder kommt daher gehalten ist, zu erkennen, dass alles nur zu seinem Besten geschieht und dass er, wenn er das nicht erkennt, eben Pech hat und ungeeignet ist die ‚Wahrheit‘ zu erkennen. Das wäre ein zirkuläres Argument. Andererseits kann konventionelle Moral nicht der Maßstab für die Richtigkeit oder Falschheit des Außergewöhnlichen sein.

Wir machen hier einen Schnitt, kommen aber im dritten Teil auf die Frage zurück, wenn wir erörtern wollen, wie echt und sinnvoll das alles ist und ob außergewöhnliche Bewusstseinszustände überhaupt relevant sind.

Vom Wesen der gesunden außergewöhnlichen Bewusstseinszustände

Wir hatten die pathologischen Aspekte der außergewöhnlichen Bewusstseinszustände gestreift und nun einige der gesunden Aspekte aus dem Umfeld der Spiritualität angesprochen. Außergewöhnliche Bewusstseinszustände haben eine Tendenz, wie Gipfelerfahrungen, mit denen es naturgemäß Überschneidungen gibt, in Richtung Einheitserfahrungen zu gehen und zwar in dem Sinne, dass das Ich sich ausweitet und Bereiche umfasst, die normalerweise nicht zum Ich gehören.

Weiter scheint dazu zu gehören, dass man mit der Situation einverstanden ist und man die außergewöhnlichen Bewusstseinszustände liebevoll umfassen kann. Das ist anders als die Dissoziationen, bei denen sich das Ich aus dem Staub macht und nur noch von der Ferne aus anwesend ist. Aber wir dürfen es uns nicht zu einfach machen, ganz so schwarz und weiß ist die Wirklichkeit nie. Es gibt auch positiv überwältigende Erfahrungen, die nicht integriert werden können und auf diese Weise problematisch werden, ebenso, wie manche außergewöhnliche Bewusstseinszustände einen eher pathologischen Hintergrund haben und dennoch ungeheuer positive Wendungen ins Leben bringen können.

Eine der größten Ängste ist nach wie vor die Todesangst und sehr viele Menschen verlieren nach Nahtoderfahrungen weitgehend oder komplett die Angst vorm Tod. Was viele obendrein dazu bringt das Leben mehr zu genießen und sehr oft heißt das tiefer und intensiver zu leben. Außergewöhnliche Bewusstseinszustände treten dann ein, wenn ein Mensch geöffnet ist, sei es freiwillig, weil er keinerlei Widerstände setzt, oder unfreiwillig, wenn er von manchen Situationen überrascht und überspült wird. Das Wechselspiel von Fokussierung und Erweiterung ist allerdings auch hier dynamisch. Aus der Konzentration kann eine Öffnung entstehen, die einem entweder neue Welten innerhalb des betrachteten Bereichs eröffnet oder diesen vollständig sprengt, andererseits kann eine zu große Offenheit oft nicht verarbeitet werden und erzwingt eine Reaktion mit der man aus der Situation herauskommt, das kann bei Dissoziationen der Fall sein, in einigen Fällen von Autismus ist das auch eine diskutierte Erklärung. Es scheint also eine Art Gleichgewicht zu geben und erleuchtete Menschen sind dabei offenbar sehr weit auf dem Pol der Offenheit und können viel davon ertragen.

Mindestens so wichtig wie die außergewöhnlichen Bewusstseinszustände selbst ist die Frage, ob und wie sie verarbeitet werden können. Nach allem was man dazu weiß, gibt es keine allumfassende Antwort darauf, weil das Erlebnis was für den einen eine Erlösung ist, für andere ein Desaster darstellt. Deshalb ist es wichtig auf das Gesamtpaket oder den Kontext zu schauen, in dem außergewöhnliche Bewusstseinszustände stattfinden, sofern sie planbar sind. So hat man bei einigen Praktiken aus dem spirituellen oder aus intensiv regressiven Bereichen in der jüngeren Vergangenheit versäumt, die Menschen aufzufangen und zu erden. Einfachste anspruchsloseste Arbeit und körperliche Aktivität, das Essen von schwerer, deftiger Nahrung und dergleichen, sowie ein Kreis kompetenter Menschen, die die Erfahrungen kennen, sind gut geeignet um wieder in der Normalität anzukommen. Wir gehen in der nächsten Folge darauf näher ein.

Gesunde außergewöhnliche Bewusstseinszustände scheinen psychisch integrierbare Erfahrungen zu sein, die ein unmittelbares Einssein mit etwas, was ansonsten als getrennt angesehen wir bedeutet, also ein Element der Einheit, mit dem man durchaus einverstanden ist und bei dem man intensiv in den Prozess mit hineingezogen wird.

Plato

Die hier beschriebenen Bewusstseinszustände haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem was der Philosoph Plato uns lehrt. Wie oben im ‚Abstreifen der Welt‘ beschrieben, ist auch Plato der Idee, dass uns die Erfahrungen mit dem was wir normale Welt nennen würden zwar zu gewissen Anteilen der Urideen oder Archetypen bringt, die aber in ihrer vollen Entfaltung, also reiner, ohne Anhaftungen der Welt zu erfahren sind. Es gibt zumindest Erfahrungen, die dem nicht widersprechen würden. Es wird immer wieder gerätselt ob Plato nun einen Dualismus vertritt oder einen Monismus. Da die Dinge der Welt in unterschiedlich abgestufter Weise immer schon Anteil an den Urideen haben, kann man hier eigentlich nicht von einem Dualismus sprechen, da bei zunehmender Intensität einer Erfahrungen die Uridee stärker und reiner vorhanden ist.

Kontrast

Dennoch bleibt ein Kontrast zwischen reinen Ideen und solchen, die der Vermittlung durch Erfahrungen in und mit der grobstofflichen Welt bedürfen. Natürlich stellt sich hier die Frage, ob die reinen Erfahrungen, da ohne Körper nun auch schwer vorstellbar, überhaupt in diesem Sinne ohne grobstoffliche Zustände denkbar wären, aber immerhin kann man sich vorstellen, was Plato meinte: Zum einen kann Freude durch irgendein Ereignis vermittelt sein: Man bekommt eine gute Note, gewinnt im Lotto, trifft einen verloren geglaubten Bekannten, oder die Freude kann in einem unvermittelten Glücksgefühl, ohne erkennbaren äußeren Grund bestehen. Es gibt außergewöhnliche Bewusstseinszustände in denen das tatsächlich so ist.

Fusion

Baum mit Sonne in trübem Licht

Erleuchtung ist die Wertschätzung eines jeden Augenblicks.© Hartwig HKD under cc

Brad Warner ist nur eine Stimme unter vielen, quer durch die Zeiten und Traditionen, die sagen, dass es a) diese Erleuchtungszustände gibt, b) sie umwerfend sind, und c) dass es überraschenderweise auf sie nicht ankommt. Erleuchtung, ist der vielleicht außergewöhnlichste Zustand in den man geraten kann und er ist keine Dauerhigh, keine ausgedehnte Ekstase, sondern einfach nur das Verweilen im Moment. Da unsere Momente im Leben auf den ersten Blick nicht immer großartig sind, ist auch der Zustand der Erleuchtung nicht immer großartig, sondern wechselhaft.

Die Frage ob war, ob es sich denn lohnt, was man davon hat. Das Ich – und das heißt, man selbst – muss die Komfortzone verlassen. Das ist erst mal nicht schön. Man profitiert genau dann, wenn man sich für mehr interessiert, als das eigene Selbst und das auch noch selbstlos, also nicht berechnend. Diesen Sprung muss man machen, sonst klappt es nicht. Darum kann Erleuchtung eine Matrize, ein Wegweiser sein, der zeigt, wohin die Reise gehen könnte. Dann allerdings hat man etwas davon, weil man im Moment lebt. Im Moment, wenn man dort wirklich ist, zerfallen alle Sorgen über ein Morgen. Man kann lange darüber diskutieren, ob das einfach heillos naiv ist oder wirklich der Weg zum Glück, die andere Seite ist das Planen und Kontrollieren und jenseits gewisser Grenzen führt auch das schnell ins Unglück oder Zwänge und des Wahns.

Doch Erleuchtung verlangt kein entweder-oder, sondern bringt die Gegensätze zusammen, fusioniert sie. Der Glanz des Außergewöhnlichen ist nur die Blaupause für unsere Aufmerksamkeit. Sind wir dabei, anstatt wegzudriften und alles öde und langweilig zu finden, ist alles in Ordnung, darum wird auf das vermeintlich Allergewöhnlichste ein ebenso großer Wert gelegt, wie auf das scheinbar Außergewöhnliche. Beim Außergewöhnlichen sind wir ohnehin dabei, doch irgendwann verliert sich unsere Aufmerksamkeit und das ist der wesentliche Punkt um den es geht. Bleibt man aufmerksam, wach, klar ist das, was man tut egal, auch wenn man nur die Treppe fegt.

Die Frage, ob es denn nun um mich oder den anderen geht, wird in der Weise in viele Traditionen gar nicht gestellt. Es ist nicht etwa so, dass man nun nichts mehr für sich tun darf, man schaut wo gerade Leid ist und dort wird es gelindert. Auch die Kluft zwischen Theorie und Praxis ist nicht unendlich. Manches ist verbal nicht zu vermitteln, was aber immer noch nicht heißt, dass man nicht über seine Erfahrungen reden kann, wie über gute Musik oder einen guten Wein.

Ausblick

Eine Frage ist, wie echt oder relevant solche Erfahrungen sind. Mögen sie im Leben des einen oder anderen eine seltene oder auch mal gar keine Rollen spielen, warum sollte man sich damit beschäftigen, was hat es mit dem realen Alltag zu tun? Nachdem wir es einige Jahre lang gewohnt waren subjektive Erfahrungen eher klein zu reden, dreht der Wind gleich auf mehreren Ebenen. Sowohl therapeutisch als auch weltanschaulich tut sich hier eine Menge.

Neben der Frage nach der Wirksamkeit und wie es mit mehr oder minder künstlich induzierten außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen ist, die durch Trance-Tänze, Musik, Hypnose, imaginative Therapieformen, auf Drogen oder Medikamente hervorgerufen wurden, wird es um eine Gesamteinschätzung der Zustände gehen, was sie für den Einzelnen und unseren Blick auf die Welt bedeuten. Wir nehmen vorweg, dass sich hier gerade eine Menge tut.

Quellen:

  • [1] Ein Beispiel ist die Arbeit von Susan Cook-Greuter, die auch unter „Nine Levels Of Increasing Embrace In Ego Development“ online einzusehen ist.
  • [2] Diese Idee der Stufen der stufenweisen Entfaltung der Spiritualität folgt wesentlich den Ideen Ken Wilbers, die er in Eros Kosmos Logos, (Krüger 1996) auf den Seiten 680 – 682 darstellt.
  • [3] Brad Warner, Hardcore Zen, 2003, dt. Kamphausen, 2. Aufl. 2010, S.131