verschwommene Straße durch Autoscheibe, schwarzweiß

Unter Drogen verändert sich die Wahrnehmung und die Risikoeinschätzung. © Matthias Ripp under cc

Sucht ist aktuell wieder ein Thema, aber eigentlich ein Dauerthema der Gesellschaft. Ist es möglich einen Standpunkt einzunehmen, der Drogen und Süchte weder bagatellisiert oder verherrlicht, noch verteufelt?

Unehrlichkeit und Vorhersehbarkeit

Die Unehrlichkeit beginnt meines Erachtens früh. Aus sehr verständlichen Gründen wollen Eltern eines mit Sicherheit nicht, dass ihre Kinder Drogen nehmen. Die meisten Eltern werden ihre eigenen Erfahrungen mit Drogen gemacht haben und die Überzahl ist davon runtergekommen, zumindest wenn man den Begriff Droge und Sucht eng definiert. Die zwei, drei Bier am Abend sind natürlich keine Sucht, die Tabletten, die man regelmäßig nimmt auch nicht, schließlich hat man die vom Arzt verordnet bekommen und beim Kaffee, den man morgens braucht kann von Sucht ja erst recht keine Rede mehr sein, oder? Wir vertagen die Antwort.

Verbotene Substanzen und Verhaltensweisen werden allein schon dadurch reizvoll, dass sie verboten sind. Es ist ein Nervenkitzel und macht ganz einfach Spaß Grenzen zu überschreiten, zumal wenn man etwas nicht tun darf, was andere oder “die Erwachsenen” durchaus tun. Wenn die Eltern rauchen, trinken oder sonst was machen, ist nicht leicht den Kindern zu erklären, warum sie das – wenn sie alt genug sind – nicht auch tun sollten.

Viele Erzählungen über Drogen sind erkennbar unglaubwürdig. An Zigaretten muss man sich wirklich heranarbeiten, aber auch diese Grenzüberschreitung kann ja als Herausforderung und Mutprobe verstanden werden. Drogen werden ja nicht genommen, weil der Effekt so grauenhaft ist, sondern, weil er gut tut. Es ist ganz einfach schön angeschickert zu sein, man ist in aller Regel lustig, enthemmt und nur sehr wenige haben Angst davor oder empfinden das als unangenehm. Auch diese Menschen gibt es und für sie ist das Kapitel Sucht und Drogen beendet, bevor es begonnen hat. Nicht die schlechteste Wahl.

Die Problematik der Drogen beginnt dort, wo man, aus dem nachvollziehbaren Wunsch andere zu schützen, mit Lügen argumentiert. Dass alle Drogen sofort süchtig machen, dass sie eklig schmecken und die Wirkung grauenhaft ist. Das eigentliche Problem ist, dass es oft genau anders herum ist. Bis auf wenige Ausnahmen sind die ersten Kontakte mit Drogen spannend und oft auch beglückend. Man hat Grenzen überwunden, wartet gespannt auf die Wirkung, die dann vielleicht noch erhebend ist. Die ersten Male sind meist nicht das Problem und wo sie ein Desaster sind, erfährt man oft eine Abschreckung für den Rest seines Lebens und ist mit dem Thema ebenfalls durch.

Dass diese ersten Erfahrungen, in denen der Benutzer oft vorsichtig und gespannt an die Droge herangeht eher kein Fiasko sind, ist das eigentliche Problem. Wenn das erste Mal eigentlich viel besser ist und sich viel prickelnder anfühlt, als alle gesagt haben – man ist ja auch noch nicht an die Droge gewöhnt – wenn das alles also deutlich anders erlebt wird, als man oft hört: Warum sollte man die restlichen Erzählungen und Warnungen über Drogen glauben? Wenn man sich am Beginn des Ganzen schon aussuchen muss, ob man entweder belogen wurde (und den Rest also auch verwerfen kann) oder man derjenige ist, bei dem alles anders ist – und auch das ist keine gute Basis um von anderen erreicht zu werden – dann betritt man oft einen schwierigen Pfad.

Was sind Drogen?

Wenn wir als Drogen all jene Substanzen bezeichnen, die das Bewusstsein in irgendeiner Weise beeinflussen, dann reden wir nicht nur über Haschisch, Crystal Meth, Heroin oder Kokain. Auch nicht über Alkohol, Zigaretten und Kaffee. Wir müssen auch über Medikamente reden, die millionenfach täglich eingenommen werden und bei denen die Grenze zwischen Gebrauch und Missbrauch fließend verläuft. Antidepressiva, werden in den USA schon als Stimulanz genommen, dabei ist man nicht mal sicher, ob sie verlässlich wirken. Auch Kortison, das man vor allem gegen allergische, autoimmunologische und Entzündungsreaktionen bekommt, hat eine psychostimulierende Wirkung, dann man wird schmerzfrei und fühlt sich gut und gesund. Nur sind die Nebenwirkungen längerfristiger und hoher Dosen ebenfalls nicht selten verheerend. Der Schmerzmittelabusus, vor allem die neuerdings gebräuchlichen Opioid-Pflaster und das sensationell hohe Suchtpotential von Benzodiazepinen, den Wirkstoffen der meisten Beruhigungsmittel müssen ebenfalls thematisiert werden.

Das klassische Bild des Drogensüchtigen entspricht nicht mehr der Realität. Man denkt dabei oft an jemanden, der etwas spritzt oder raucht und dann mit glasigen Augen stundenlang in der Ecke liegt und sich nicht mehr rührt. Doch längst hat sich das Konsumentenverhalten verändert und viele Drogen werden benutzt um leistungsfähiger zu werden. Wenn Droge heißen soll, dass man bei etwas pharmakologisch nachhilft, dann müssen wir noch all jene Menschen mit in den Pool der Drogenkonsumenten stecken, die sich für die Arbeit oder sonstiges Funktionieren im Alltag fit spritzen lassen, sich also in der Grauzone zwischen Doping und Drogengebrauch bewegen.

Nur sind wir solche Betrachtungen eher nicht gewohnt mögen sie oft nicht so gerne. Viel lieber projizieren wir unsere Abneigung gegen Drogen, gerne auch mal beim vierten Bier, auf diejenigen, die es besonders doll erwischt hat. Ein ähnlicher Schutzmechanismus wie gegen den sozialen Abstieg und die Unterschicht, von der man gerne annimmt, sie müsste was falsch gemacht haben, damit ist das Thema bei denen gut aufgehoben, die klassische Projektion. Der eigene Gebrauch dieser und jener Stimulanz wird dagegen gerne verharmlost, hat ja der Arzt verordnet oder der Klassiker, man hat es im Griff. Man könnte ja sofort aufhören, will nur gerade heute nicht damit beginnen. Aber, man könnte natürlich, jederzeit …

Wo beginnt Sucht?

Zuckerkristalle

Gefährliche Kristalle? Durchaus, hier sind es Zuckerkristalle. © Ruediger Pretzlaff under cc

Es gibt typische Kriterien für Sucht, wie sie hier dargestellt sind. Doch, wie die meisten wissen, kann man nach allem süchtig werden, auch nach nicht stofflichen Dingen. Spielsucht, Online-, Porno- oder generell Mediensucht, aber auch die unstillbare Gier nach Sex und allem möglichen anderen sind heute ein bekanntes Problem. Essstörungen sind oft ein Grenzfall. Einerseits kennt man das gierige und kompensatorische Suchtverhalten von Essgestörten die in einer inzwischen großen Vielzahl von Kombinationen die massenhafte Aufnahme von Kalorien mit Phasen des Fastens, Kotzens und der Disziplin kombinieren, oder dauerhaft übergewichtig sind. Andererseits ist es auch hier die Substanz, nämlich der raffinierte Zucker, der ein Gewöhnungs- und Suchtpotential in sich birgt. Der zwischenzeitlich Ernährungspapst genannte Arzt Dr. Max Otto Bruker kämpfte Jahrzehnte gegen die flächendeckende Verbreitung und Verharmlosung des Zuckers, etwa in dem Buch “Zucker Zucker: … krank durch Fabrikzucker.” Seine Ideen scheinen sich allmählich durchzusetzen, 50 Jahre später zum Beispiel beim Spiegel doch das Wissen um Gefahren, heißt ja nicht, dass man diese meidet. Viele möchten das Thema Sucht so auch gar nicht behandelt wissen, allen voran die einflussreiche Zuckerlobby.

Man ist ganz froh, das Thema Sucht in die liebgewonnene Ecke zu schieben, auf irgendwelche gesellschaftlichen Randgruppen und nicht die süße Belohnung für die Kleinsten als gut vermarktetes Anfixen sehen zu müssen.

Sucht und Suche I

Aber was macht Sucht zur Sucht und warum kann man von Crystal Meth, Zigaretten, Zucker und Geldspielautomaten, Kaufen oder Smartphones gleichermaßen abhänging werden? Es handelt sich um eine komplexe Wechselwirkung zwischen eigener Disposition, psychischer Struktur, der Umwelt und der Hirnchemie. Alle Bereiche spielen eine Rolle und beeinflussen einander. Großen Einfluss hat dabei das Dopamin. Dopamin hat wie die meisten Neurotransmitter viele Funktionen, unter anderem ist es Teil unseres Such-, Lern- und Belohnungssystems. Dopamin lässt uns Neues, neue Eindrücke suchen und verarbeiten. Wer viel Dopamin zur Verfügung hat, kann aus den neuen Eindrücken auch Konsequenzen ziehen: Muster erkennen oder lernen. Dopamin dient aber auch der Vorbereitung unseres Belohnungssystems. Wenn wir uns selbst ein Ziel setzen, eines, das eine echte Herausforderung bedeutet, wird, beim Erreichen des Ziels im Körper Dopamin freigesetzt, was den Effekt hat, dass wir uns glücklich und zufrieden fühlen und stolz auf uns sind. Doch das geht auch anders, nämlich durch die meisten Suchtmittel. Es ist immer der kurze Kick und im Kopf die kurze Dopamindusche, die der Spieler vor seinem Geldspielautomaten oder bei der Entscheidung einer Wette erhält. Es ist das Eintreffen des 723. Päckchens, das den Kick auslöst, längst nicht mehr dessen Inhalt und es sind mitunter wahre Dopamin-Überflutungen, die von Drogen freigesetzt werden. Diese sind der einfachste und oft massivste Weg um an Dopamin gelangen, man muss nichts dafür tun. Aber viel, hilft viel ist auch hier der falsche Schluss.

Parkinson und Psychosen

Dopamin macht glücklich (oder bereitet das Glücklichsein biochemisch vor), lässt einen besser Lernen, Muster erkennen, aber das Problem besteht darin, dass zuweilen auch dort Muster erkennt, wo eigentlich keine sind. Oder genauer gesagt, wo andere keine sehen. Normalität ist das, was die meisten als normal empfinden, insofern ist derjenige, der mehr sieht zumindest ein gesellschaftlicher Außenseiter. Psychosen, vor allem schizophrene Psychosen lassen Menschen oft diese für andere unsichtbaren Muster und Zusammenhänge erkennen. Die Versuche zu ihnen durchzudringen werden oft in das wahnhafte und oft paranoide Muster eingebaut. Überall Feinde, Verschwörung und der Versuch zu vergiften, abzuhören und zu intrigieren. Die Korrelation zwischen Genies, besonders mathematisch begabten Genies und Psychosen ist auffallend hoch. Sie erkennen auch hier spielend Muster, die andere nicht oder mit viel mehr Mühe sehen.

Wir sehen, wie wünschenswerte Eigenschaften kippen können, die Geschichte der Nähe von Genie und Wahn ist nicht ganz falsch. Antipsychotische Mittel verhindern häufig (nicht immer) das Andocken von Dopamin in bestimmten Bereichen des Gehirns. Der Wahn lässt nach, eine der Nebenwirkungen sind häufig Bewegungsanomalien, die an die Parkinson Erkrankung erinnern. Und in der Tat finden wir bei der Parkinson Erkrankung einen Mangel an Dopamin (oder dessen Rezeptoren), den man durch Medikamente zu beheben versucht. Parkinson Patienten haben neben diesen Bewegungsmustern, dem Zittern und den Phasen den Bewegungsunfähigkeit auch einen Verlust des Lern- und Merkvermögens zu beklagen, sowie einen Mangel an Freude und Motivation. Und auch bei Depressionen spielt Dopaminmangel eine Rolle.

Folgerichtig löst ein chemisches Überfluten des Hirns mit Dopamin oder Stoffen, die die Rolle des Dopamins einnehmen, natürlich ein Hochgefühl, aber dann eben auch bisweilen eine Psychose aus. Und nach einer Zeit der Gewöhnung haben so gut wie alle Drogen, die ein High auslösen, den Effekt, dass man in depressive Löcher fällt.

Sucht und Suche II

Doch die Biochemie ist nicht der einzige Aspekt einer Parallele von Sucht und Suche. Sucht kann auch zum Ersatz für eine Suche werden, Eigentlich möchte man frei sein, doch dann reicht es nur bis zur Zigaretten, die einem Freiheit suggeriert. Alkohol entspannt in erster Linie und ist ein Weichzeichner für die Welt. Viele Menschen die Angst haben, benutzen – manchmal ohne zu wissen, dass es Angst ist unter der sie leiden – Alkohol als Eigentherapie. Die Angst sinkt, die Selbstsicherheit steigt und Alkohol trinkt bei uns so gut wie jeder. Nur das Wann, Wo und Wie, ist sozial geregelt.

Dabei ist das Ziel entspannter und gelassener zu werden und dann und wann ein wenig lustig und enthemmt, ja kein Schlechtes. Wenn die Sucht schon ein Ersatz ist, für die eigentliche Suche, Sucht also verpfuschte Suche ist, dann ist der erfolgverprechende Weg einer Therapie nicht allein das Suchtmittel zu entziehen, sondern vor allem, die Suche neu zu aktivieren und auf das zu richten, um was er irgendwann und eigentlich mal ging. Um die eigenen Träume und Vorstellungen vom Leben. Der Traum von Liebe, Freiheit, Selbstbestimmung, Glück. Diese Wendung des Blicks vertreten einige Ansätze, beispielhaft hier der von Rüdiger Dahlke, in seinem Blog . Wenn man diese Zusammenhänge verstanden hat, kann man auch andere verstehen, solche, die uns mitunter zum Strinrunzeln bringen.

Ideologie als Suchtersatz

Wenn Sucht wirklich Suche ist, dann müsste es Belege dafür geben, dass Menschen, die ein Ziel für sich gefunden haben von ihrer Sucht loslassen konnten. Diese Belege gibt es, nicht selten in einem religiösen Kontext. Die Erzählungen ähneln sich. Jemand kam mit seinem Leben nicht klar, war frustriert, perspektivlos, nahm Drogen, geriet mitunter in die Illegalität und wurde gewalttätig oder verkaufte den eigenen Körper und als schon alles zu spät schien, kam irgendwann das Erweckungserlebnis. Das muss keineswegs religiöser Natur sein. Oft sind es ganz banale Gedanken, die irgendwann, einen süchtigen Menschen zur Umkehr bringen. Manchmal sind es aber religiöse Geschichten und der ehemalige “Sünder”, wandelt sich vom Saulus zum Paulus, findet seine Heimat in irgendeiner Religion und kann fortan genau das unterlassen, was früher sein Leben vollkommen dominierte.

Was bedeutet das psychologisch?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen psychischem Strukturverlust (der Identitätsdiffusion) und Suchtverhalten. Es wird darüber gestritten, ob dieser Mangel an psychischer Organisation eine Folge des Drogenkonsums ist oder die Voraussetzung dafür, dass man massiv Drogen konsumiert. Auf jeden Fall gibt es Menschen, die überzeugend darstellen können, dass sie erst nichts mit sich anzufangen wussten, Drogen nahmen, kriminell waren, bis sie ihre Berufung fanden. Und diese Berufung gibt ihnen Halt und Struktur. Auf einmal weiß man, wofür man lebt auf einmal hat man ein Ziel, weiß, wohin mit den eigenen Energien und kann sich mit Engagement und Feuer einer Sache widmen, für die man oft auch noch gelobt wird. Aus dem Loser von gestern ist auf einmal ein anerkannter Mensch geworden.

Die Problematik liegt darin, dass man den Verdacht haben kann, dass jemand, der sich mit Haut und Haaren einer Ideologie verschreibt möglicherweise die eine Sucht gegen eine andere, hier im aller weitesten Sinne verstanden, austauscht. Wenn die Ziele der ideologischen Richtung halbwegs mit den Zielen der Gesellschaft in der man lebt konform sind, ist das in aller Regel unproblematisch. Die meisten Religionen sind in ihrer moderaten Form durchaus mit der Gesellschaft kompatibel, ich würde mich sogar zu der These hinreißen lassen, dass sie im Gegensatz zu dem, was man zuweilen hört unserer zerstreuten und zunehmend orientierungslosen Gesellschaft notwendige Strukturen verleihen können. Über den Weg, dem Individuum Sinn und Orientierung zu geben. Doch daraus können auch Zerrformen der Religionen entstehen, in denen fragwürdige Spielarten dominieren. Dennoch ist ein Ziel oder eine Bestimmung im Leben zu finden, ein wichtiger Aspekt eines Weges aus der Sucht.

Upper und Downer

knieende Holzpuppe hält sich riesige Tablettenbox an den Mund

Fast jeder konsumiert Wundermittel der einen oder anderen Art, die viel versprechen und manches verschweigen. © Jonathan Silverberg under cc

Längst sind wir keine Gesellschaft mehr in der Sucht bedeutet, bekifft in der Ecke zu liegen und sein Leben gemäß den gesellschaftlichen Konventionen nicht auf die Reihe zu bekommen, sondern immer mehr Drogen werden dazu benutzt um permanente Höchstleistungen zu bringen, um dem Druck und den Erwartungen stand zu halten. Nur, dass diese Spitzenleistungen, die oft mit einem hohen Maße an Selbstausbeutung gar nicht als solche gewürdigt werden. Es gilt zunehmend als normal, dass man krank, müde, schlapp zur Arbeit geht. Und damit das klappt, hilft man eben etwas nach, mal mit Medikamenten, mal mit sogenannten Lifestyle-Drogen.

Ironischerweise ist eben auch die Arbeitssucht eine Sucht und unser ganzer Lebensstil auf eine merkwürdige Art von Leistung ausgelegt, bei der Durchhalten und Weitermachen das Minimum zu sein scheint. Nur die Frage “Wofür eigentlich?” wird immer seltener gestellt. Drogenexperten trennen anregende Upper und beruhigende Downer und viele Drogen sind heute Leistungsdrogen.

So kann man das in letzter Zeit stark ins Gerede gekommene Crystal Meth, ein typischer Upper, zum einen einsetzen um zum Partytier zu mutieren und so ist Crystal der eine eine Modedroge der Schwulenszene, zum anderen wird es ganz im Gegenteil von Hausfrauen dazu benutzt den tristen Alltag durchzustehen.

Sind wir eine Suchtgesellschaft?

Wenn wir die an Substanzen gebundenen und nicht gebundenen Süchte mal insgesamt betrachten, kann man sich schon fragen, ob wir nicht insgesamt eine Suchtgesellschaft sind. Wehe, wenn mal die soziale Internetplattform ausfällt oder das Paket nicht kommt. Auch von Strom und Informationen brauchen wir immer mehr, lechzen geradezu danach. Doch das alles läuft bei uns nicht unter Sucht.

Unsere Kultur hat eigene Normen und Rituale, die den Umgang mit Drogen und Süchten unausgesprochen regeln. Der Morgenkaffee ist fast obligatorisch, aber auch er ist bereits eine Psychostimulanz oder eben eine Droge. Wer sich morgens auf dem Weg zur Arbeit eben noch mit zwei Schachteln Zigaretten versorgt, wird keineswegs komisch angeschaut.

Wer sich jedoch morgens mit einer kleinen Flasche Schnaps und einem Bier eindeckt, erntet garantiert schiefe Blicke. Ab Mittag sieht die Geschichte dann anders aus, da darf man bei uns trinken, zumindest in einigen Kreisen. Gegen Abend natürlich erst recht. Kiffen ist ja, außer in der Jugend, schon Subkultur und hat den Beigeschmack des Verbotenen, erst recht gilt das für harte Drogen. So widersprüchlich das mitunter sein mag, es sind die Regeln unserer Kultur, von denen man wenigstens wissen muss, dass sie so sind. Kritisieren kann man sie dann immer noch.

Gibt es eine drogenfreie Gesellschaft?

Es hat vermutlich nie eine drogenfreie Gesellschaft gegeben und jeder hat das Recht mit seinem Körper umzugehen, wie er will, ob das gut oder schlecht ist, ist eine Frage dessen, was man von einem guten Leben erwartet. Schon frühere Kulturen nutzen Gärgetränke, Mutterkorn, Pilze und was die Natur so hergab, um sich zu berauschen, oft eingebunden in rituelle Zeremonien, die dem Rausch die Struktur gaben, die uns heute oft fehlt. Oft mit dem Ziel einer spirituellen Suche und tieferen Einsicht verbunden. Wir haben den Drogenkonsum vom Ritual abgetrennt und ihn oft zu Selbstzweck gemacht, nach tieferer Einsicht oder anderen Dimensionen suchen wir nicht mehr.

Ob es je eine drogenfreie Gesellschaft gegeben hat ist also fraglich, ebenso fraglich ob unsere Gesellschaft ohne Drogen und Sucht in der Weise funktionieren würde, wie sie es heute tut.

Ein bisschen künstlich nachzuhelfen gehört zum guten Ton. Die Kinder bekommen Ritalin, einige Studierende nehmen es auch, es werden, um durchzuhalten und fit zu sein, Upper konsumiert was das Zeug hält und reichlich Alkohol getrunken. Auch Benzodiazepine, bekannt als Valium und unter anderen Namen hat eine extrem hohes Suchtpotential, ist weit verbreitet und steht obendrein im Verdacht Demenzen zu fördern. Was kann man da tun?

Entscheidend ist der Konsument

leere Biergläser auf Holztisch

Der Alkohol gehört bei uns dazu. Ein Downer, der entspannt und oft unterschätzt wird. © Kuba Bożanowski under cc

Zunächst ist es gut zu wissen, was man tut. Man sollte die gesundheitlichen Risiken der einzelnen Drogen kennen. Leider schützt das Wissen und auch Intelligenz allein nicht. Zu viele, sehr intelligente Menschen sind Drogen verfallen, so war es schon immer.

An der Idee der Identitätsdiffusion scheint nach meinem Dafürhalten einiges dran zu sein, so dass das Ziel von Betroffenen, die ein Bewusstsein für ihr Problem haben sein kann, eine innere Struktur oder Ich-Stärke zu entwickeln, das geht oft nur mit therapeutischer Hilfe, aber mit dieser Hilfe geht es dann tatsächlich oft. Auf der anderen Seite gilt es neben allen Gefahren die Kirche im Dorf zu lassen. Nicht jeder der gelegentlich Drogen konsumiert ist oder wird süchtig, aber man sollte die Gefahren benennen und nicht klein reden. Nicht jeder der süchtig ist, ist rettungslos verloren, viele schaffen auch den Absprung von der Sucht, aber es gibt Menschen, die es nicht schaffen und neben ihrem eigenen Schicksal, reißen sie oft noch andere in einen finsteren Strudel. Jeder hat ein Recht auf Rausch und je höher der Grad an Bewusstheit ist, mit dem man an das Thema heran geht, um so besser ist es.

Die Diskussion um Sucht muss offen und darf nicht verlogen sein. Unehrlichkeit und Inkompetenz führen nur dazu, dass einem niemand mehr zuhört. Süchte haben das Potential Beziehungen und Familien zu zerstören tiefe Narben in Biographien zu hinterlassen. Das wirklich traurigste Kapitel. Drogen zu nehmen kann durchaus Spaß machen und erhebend sein, aber wir dürfen die Schattenseiten nicht ausblenden.