Doping. Diesen Begriff assoziieren wir gewöhnlich mit Sport, genauer mit dem Spitzensport. Das ist richtig, doch in dieser Einseitigkeit auch weit daneben, denn Doping im Alltag nimmt in einem erschreckenden Ausmaß zu.

Längst ist bekannt, dass der größte Markt an leistungssteigernden Mitteln nicht im Spitzen-, sondern im Amateur- und Breitensport zu finden ist. Die Umsätze beim Fitnesssport, im Radsport und beim Bodybuilding sind gewaltig, doch auch das ist nur die Spitze des Eisbergs.

eckige Tabletten

Der schamale Grat zwischen Fluch und Segen © Steve Snodgrass under cc

Denn Doping im Alltag ist durchaus wörtlich zu verstehen, wenn man nicht nur Fettverbrennung, Ausdauer und Muskelzuwachs im Auge hat, sondern Leistungssteigerung im weitesten Sinn. Viagra und andere Mittel für die Potenz, Ritalin wird nicht nur Kindern mit ADHS verschrieben, längst nehmen es Studenten, Büroangestellte und andere, die sich einfach besser konzentrieren wollen. Hier ein paar Betablocker für die ruhige Hand oder das sichere Auftreten, dort was zum Aufputschen und am Abend gibt es Schlafmittel, um die Chemie in Kopf und Körper, ebenfalls auf künstlichem Weg, herunter zu regulieren.

Oder einfach mal ein paar Antidepressiva um etwas besser drauf zu sein? In den USA ist das längst verbreitet, bei uns nimmt es stetig zu. Die Beispiele ließen sich beliebig fortführen, die Auswirkungen sind erschreckend.

Zu Risiken und Nebenwirkungen…

Die Wirkung der Mittel ist Fluch und Segen zugleich. Würden sie nichts bringen, kaum einer würde sie nehmen, doch auf lange Sicht ist es ein gefährliches Spiel in das subtile Gleichgewicht des Körpers und der Psyche einzugreifen. Der anfänglichen Wirkung folgt oft genug die Gewöhnung, Dosissteigerung und irgendwann ist das Loch da, denn der Körper toleriert ein künstliches Überschreiten von Grenzen nicht für längere Zeit.

Erschöpfung, Depressionen, Aggressionsschübe, Entzugserscheinungen, ein völliger Zusammenbruch und leider auch Selbstmord sind nicht selten die Folgen des Missbrauchs. Langfristig haben viele dieser Mittel eine psychisch und/oder physisch suchterzeugende und persönlichkeitsverändernde Wirkung. Die anfänglich erlebte Leistungssteigerung des Dopings im Alltag verkehrt sich oft genug in ihr Gegenteil und nicht selten ist es entsetzlich schwer aus diesem Loch wieder herauszukommen.

Gefährdet sind wir potentiell alle, umso mehr, wenn Doping im Alltag bagatellisiert wird oder mehr oder weniger zum guten Ton gehört, um unreflektierten Leistungsidealen der Gesellschaft zu entsprechen. “Macht doch jeder, wieso also nicht auch ich?” “Ich muss fit sein und kann mir keine Leistungstiefs erlauben.” “Die Konkurrenz schläft nicht.” Wer diese Normen verinnerlicht hat, steht in der Gefahr, schnell mal eben zur Pille zu greifen – weil es ja so viele tun.

Die Ironie der Geschichte

Man selbst ist dabei oft derjenige, der das Zeug ja eigentlich nicht braucht und wenn man es dann mal zufällig oder gelegentlich nimmt, weiß, wie man damit umgeht und die Sache “im Griff” hat – im eigenen Empfinden. “Die Gesellschaft”, das sind immer die anderen, die Probleme der Gesellschaft dann auch. Doch der gesunde Wunsch als Individuum aus der Masse dann und wann herauszuragen verkehrt sich in sein Gegenteil, wenn man sieht, wie normiert und fremdbestimmt man eigentlich lebt, wenn man nur noch funktioniert, für Ideale, die oft nicht mal die eigenen sind. Einzigartigkeit und Sonderleistung als Massenware, durch gesundheitsgefährdendes Doping im Alltag unterstützt, da geht etwas nicht zusammen. Je eher und besser man das erkennt, umso freier wird man von dieser ungesunden Entwicklung.

Quelle:

  • Ines Geipel, No Limit: Wieviel Doping verträgt die Gesellschaft, Klett-Cotta; Auflage: 2., Aufl. (Juli 2008)