Wieder auf dem Boden

Frau mit Cyberbrille

Die Realität von heute. © Knight Center for Journalism in the Americas
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Realität und Phantasie sind irgendwann nicht mehr zu trennen und es ist eine Frage, wie weit man es damit treiben will. Diese kleine Auswahl soll nur verdeutlichen, wie reich innere Welten in Wahrheit sein können, wir leben nur derzeit nicht in einer Kultur die das pflegt und übt. Wer mal ein Retreat mitmacht, einen bewussten Rückzug von der Welt, kann vielleicht erleben, dass all die Gefühle, für die man in der Realität des Alltags zumeist andere und äußere Ereignisse verantwortlich macht, auf einmal auch in Situationen extremer Strukturiertheit, in denen man sich von der Außenwelt zurück zieht auftreten. Eine sonderbare Erfahrungen, von dem selben innere Krempel traktiert zu werden, nun aber ganz ohne die gewohnten Aufhänger da draußen.

Aber der Alltag und seine Gewohnheiten haben ihre eigenen Gesetze. Es geht nicht darum, sich die Welt schönzureden, besser zu wünschen oder sich Gesundheit zu wünschen. So einfach ist es nicht, Coué und seine Anhänger haben das bereits mit durchwachsenem Erfolg durchexerziert. Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt, ist was für Pipi Langstrumpf und doch liegt auch darin ein Körnchen Wahrheit. Der grundlos optimistische Mensch ist tatsächlich im Vorteil, die anderen müssen eben gute Gründe finden. Es geht gerade nicht darum Argumente auszubleden oder klein zu reden, denn wir sind Wesen, die einander Gründe geben, die also überzeugt werden wollen. Man kann eine Überzeugung nicht willkürlich an und aus knipsen, aber man kann aufdecken, dass auch unsere negativen und depressiven Bilder von der Welt auf selektiven und oft sogar willkürlichen Annahmen beruhe. Und keineswegs nur auf einer klaren Sicht auf eine scheußliche Welt. Die kann man hinterfragne und aufdecken, parallel schaffen es Bilder und direkte Erfahrungen im Hier und Jetzt am besten Menschen auch umzustimmen, dadurch, dass sie etwas erleben, an was sie nicht glauben oder was sie lange Zeit nicht mehr erlebt haben.

Innere Rituale

Diese Erfahrungen können verknüpft werden, mit eigenen Bildern, Symbolen, kleinen Ritualen. Realität und Phantasie greifen hier ineinander, indem die äußeren Handlungen den Eintritt in innere Welten erleichtern. Wer das erlebt und obendrei auch noch den Reichtum dieser Welten, versteht, wie man der Magie so viel Macht zusprechen konnte.

Auch im größten Sturm und in der Not des Lebens tauchen Inseln der Klarheit auf, in unserem Empfinden. Man muss diese Bereiche gut erkundet haben, um zu dieser Auffassung zu gelangen, aber einige sind zu ihr gelangt. Bilder können auch einen Anker darstellen, stabilisieren, je mehr man innere Wege und Gewohnheiten festigt, umso besser und kraftvoller. Aber Bilder sind keine Gegenwelt. Phantasie und Realität sind auch hier keine Gegensätze, denn unsere Bilder und Vorstellungen sind ein Teil unserer Realität. Unsere Innenwelt ist keine Realität zweiter Klasse, kein Nachdenken oder Phantasieren über das, was es „da draußen“ wirklich gibt, während „hier drinnen“ ein irgendwie unwahrer und unwirklicher Ort ist.

Es ist auch nicht so, dass “hier drinnen” der Ort wäre, an dem Theorien über die Realität draußen produziert werden, die dann entweder wahr oder falsch sind, sich bewähren oder verworfen werden, wodurch man einer letztendlichen Wahrheit immer näher käme. Wir bilden Welt nicht nur innerlich ab, sondern konstituieren zugleich auch Welt. Die Art, wie wir die Welt betrachten ist nicht vollkommen egal, sondern bedeutend und gravierend. Mindestens mal für unser Leben, in dem wir das was man Psyche nennt ja nie verlässt, nie verlassen kann. Ein naiver Realismus gerät ebenso an seine Grenzen, wie ein radikaler Konstruktivismus. Dass Berge nicht wachsen, wenn wir es uns feste wünschen, heißt das nicht, dass wir die Außenwelt nicht beeinflussen können. Wir nehmen ja dennoch an ihr teil, prägen ihr auch unsere Phantasien und Wünsche auf.

Denn was uns interessiert drückt sich nicht oder nur unzureichend in Masse, Dichte oder Beschleunigung aus. Liebe, Hass, Trauer, Humor, Rührung, Verzweiflung, Vergebung und mehr kommen in der Welt der technischen Eckdaten überhaupt nicht vor. Die Anziehungskraft der Liebe hat nicht mit Gravitation zu tun und ist auch durch vermeintlicher Hormoncocktail entschieden unterbestimmt. Es ist das soziale Miteinander, eben jene Gefühle, von Kameradschaft, Abneigung, Freundschaft, wer mit wem kann und wer nicht, die uns interessieren. Aber es sind auch unsere sozialen Praktiken und Begründungen, die uns ritualisiert und institutionalisiert festlegen. Die Unterschrift unter einem Vertrag ist an sich so wenig wirksam, wie Geld etwas wert ist, erst durch soziale Übereinkünfte gewinnen sie an Wirkung. Dass der Blick in die Physik uns hier aber nicht weiterbringt, ist kein Makel, sondern eine Erkenntnis. Nämlich die, dass man auch über Argumente, Praktiken, Bilder und Rituale die Welt verändern kann. Vielleicht so wenig klassisch magisch, wie klassisch physikalisch, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Es ist unter anderem die Weltbild-Methode, die diese Lücke schließen oder das Gebiet ausleuchten will.

Eklären und Verklären

Schlafen, Tagträumen, Malen und auch das Lesen sind Beschäftigungen des Alltags, in denen wir mit Bildern umgehen. Er war Martin Walser, der jüngst darauf hinwies, dass Schriftstellerei und Religion mehr gemeinsam hätten, als gemeinhin bekannt ist. Und, dass die Welt inzwischen genug erklärt wurde und wir statt dessen wieder Wege finden müssten, sie zu verklären. Ein Schriftsteller in der Reihe vieler, die Erklärungen, zumindest dieser rein objektivierenden Lesart immer weniger vertrauen und zutrauen. Verklärung heißen aber, dass das Ideale, Rauschhafte wieder Platz in unserem Leben findet und ein Stück weit ist es immer von der Sehnsucht getragen, dass Realität und Phantasie sich nicht verlieren, auch nicht, für den Theoretiker.