Wäre es nicht schön, wenn es keine Krankheiten mehr gäbe? Erst recht keine psychischen? Wo soll da ein Wert der Krankheit liegen?

Keine Frage: Die Leere der Depression ist quälend, Angst und Panik der pure Horror, Zwänge sind furchtbar und so wird einzig der reinen Manie zugestanden, wenigstens subjektiv frei von Leid zu sein und sich mitunter sogar großartig anzufühlen. Zwei Wermutstropfen: Leider sind reine Manien selten, man spricht von 4%, der Rest geht mit Depressionen einher, zum anderen leidet die Mitwelt oft unter Manikern.

Der Wert der Krankheit für die Gesellschaft

Wer wäre nicht gerne reich, schön und berühmt? Selbst die, die andere Ziele haben, erfreuen sich mitunter an den Leistungen der Großen, blicken auf zu Showgrößen, Politikern, Sportlern, Managern, Menschen mit Macht und Charisma. Oder zum Wissenschaftler und Menschrechtler im Namen von Wahrheit und Gerechtigkeit. Die, so meint man oft, haben den Bogen raus und ihr Leben im Griff.

Umso erstaunlicher, dass etwa zwei Drittel der Helden, zu denen wir aufblicken, psychopathologische Auffälligkeiten haben und hatten. Ob große Maler oder Musiker, Naturwissenschaftler, Psychologen oder Philosophen, Showstars, Vorstandsvorsitzende (CEOs) oder Politiker, es trifft sie alle.

Doch andererseits sehen wir dort zumindest die positiven Seiten. Beharrlichkeit und Kreativität sind im Grunde nur graduell vom Querulantentum und Größenwahn getrennt. Große und neue Ideen haben natürlich immer etwas Verrücktes, oft mag nichts dran sein, aber manche setzen sich durch. Wie viele große Künstler, Politiker, Visionäre opferten ihr privates Glück und ihre Gesundheit ihrer Idee. Oder sie opfern, als narzisstische Selbstdarsteller, das Glück ihres Umfeldes. Doch im Rampenlicht erfreut uns vielleicht gerade ihr hemmungsloser Exhibitionismus, der grandiose, wie der zerbrechliche. Heute erfreut uns ihr Werk und ihre Lebensleistung, aber auf Zeitzeugen, Weggefährten oder Familienmitglieder haben einige so sonderbar, verstörend und manchmal krankmachend gewirkt, wie sie sicher auch waren.

Doch auch wenn man nicht auf die ganz großen Geister schaut, ist ein gewisses Maß an Paranoia sicher nützlich, wenn man Kriminalist ist oder investigativer Journalist, Kontrolleur oder beim Verfassungsschutz. Man ist vorsichtig, gründlich und misstrauisch. Auch im normalen Leben steht man zuweilen ein Stück weit auf einer Bühne: als Verkäufer, Arzt, Kellner, Lehrer, überall dort, wo man mit der Öffentlichkeit Kontakt hat. Dazu ist nicht jeder geboren, aber mit einem gewissen Narzissmus kann das erfüllend sein.

Wer könnte gründlicher putzen und Akten oder Daten sortieren, als jemand mit einer zwanghaften Persönlichkeit? Die, vielleicht pathologisch, Tollkühnen und Wagemutigen waren es, die die Welt erobert und Grenzen überschritten haben, nicht die Zögerer und Sicherheitsfanatiker. In vielen Bereichen ergibt sich ein Wert der Krankheit für uns alle.

Der Wert der Krankheit für den Betroffenen

Aber der Spaß oder Nutzen den wir haben, mögen die Betroffenen nicht immer so empfinden. Doch auch sie äußern zuweilen, auf gewisse Episoden und Aspekte ihrer Krankheit nicht verzichten zu wollen und katapultieren sich teilweise durch ihre Medikamente bewusst in Psychosezustände hinein, eine Verlockung des Wahnsinns, wie der Psychiater Edward Podvoll es nennt.

Doch was kann an psychischem Leiden “schön” sein? Zum einen bringt es primären und sekundären Krankheitsgewinn, doch dies sind größtenteils unbewusste Prozesse. Darüber hinaus scheint es einen Drang zu geben, sich immer wieder in Situationen zu begeben, die mit einem nicht unerheblichen Maß von Leid zusammenhängen. Es sind ja auch Grenzerfahrungen, die man dort macht. Sie geben dem Leben die Würze, nach der man in anderen Bereichen auch sucht. Angst ist schrecklich und faszinierend. Paranoia ist mit dem Gefühl verknüpft, mehr zu sehen und zu wissen, das ist irgendwie auch sexy. Psychopathen leben moralisch unbeschwert, je verrückter und wundersamer die Innenwelten werden, umso reizvoller werden sie auch.

Unrealistische Idealisierungen machen den tristen Alltag zur Heldenreise und am Ende weiß man nicht, was bei all dem pathologisch und gesund, richtig und falsch ist. Es bleibt am Ende die ethische Frage nach Therapie oder ökologischer Nische. Soll man zwanghaften Menschen Gründlichkeit erfordernde Tätigkeiten zuweisen oder sie therapieren? Vielleicht beides. Ist der Leidensdruck zu groß, dann Therapie, ansonsten sie dort integrieren, wo sie uns allen dienen und sich selbst wohl fühlen.

Doch es kann auch beglücken, sich in seinen Schrullen einzurichten, private Verrücktheiten zu genießen. Der Wert der Krankheit ist für den Betroffenen oft eine Frage der Quantität, nicht der Qualität.