Existiert übersteigerter Leistungsdruck in deutschen Schulen? Leiden deutsche Schüler unter Versagens- und Schulängsten sowie Erschöpfungssymptomen oder gar “Schuldepressionen”?

In Deutschland besteht Schulpflicht. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte bemerkt in einer Pressemitteilung: “Wenn ein Staat die Schulpflicht erlässt und damit die persönliche Freiheit der (Zwangs-)verpflichteten drastisch begrenzt, muss er … dafür sorgen, dass sie sich in der Schule angenommen fühlen können und die intendierten Lern- und Entwicklungsfortschritte auch realisiert werden – und das unabhängig vom Lern- und Entwicklungsstand.” Kommt der Staat dem mit der Schulpflicht einhergehenden Erziehungsauftrag und der Wahrung des Kindswohls nach?

Nachfolgend werden zwei Seiten und deren Ansichten gegenübergestellt.

Ärzte beklagen Leistungsdruck in der Schule

Alte Uhren, Wagen und Schrott vor einem Haus

Leistungsdruck in der Schule: Schwerwiegende Last oder bewältigbar? © Alyssa L. Miller under cc

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte verweist auf die Ergebnisse im Kinderbarometer 2009 der LBS-Studie (“LBS-Initiative Junge Familie” & Deutscher Kinderschutzbund, 2009), die aufzeigen, dass bereits in den vierten bis siebten Klassen die Kinder unter dem Leistungsdruck in der Schule leiden. Beinahe ein Drittel der Kinder fühlt sich überfordert. Auch zeigte die Befragung körperliche Stresssymptome bei Kindern wie zum Beispiel Kopf- und Bauchschmerzen. Nur 40 % der Kinder empfanden die Schulatmosphäre dagegen als stressfrei. Je älter die Kinder waren, desto öfter gaben sie an, in der Schule nicht zurechtzukommen. Darüber hinaus standen alle Aspekte des Leistungsdrucks in negativem Zusammenhang zur selbsteingeschätzten Schulkompetenz. So gaben Kinder, die ihre eigene Schulleistung kritischer einschätzen, auch häufiger an, dass ihre Lehrer hohe Leistungserwartungen hatten.

Die Ergebnisse der Studie stimmen mit den Beobachtungen aus der Praxis überein. Kinder- und Jugendärzte treffen auf junge und jugendliche Patienten mit Schlafstörungen, innerer Unruhe und überhöhten Ansprüchen an sich selbst in Zusammenhang mit der Schule.

Folgt man dieser Ansicht, so hinterließe der Leistungsdruck in der Schule durchaus Spuren bei Kindern und Jugendlichen.

Contra Dornes: Alles halb so wild

Von medialer Aufbauschung spricht Dr. Martin Dornes, Soziologe und Entwicklungspsychologe, in Bezug auf das Wohlergehen unserer Kinder. Der Autor des Buches “Die Modernisierung der Seele: Kind-Familie-Gesellschaft” kommt nach der Auswertung verschiedener Studienergebnisse zu dem Schluss, dass Kinder noch nie so zufrieden und gesund waren wie heute und stimmt so unter anderem den Meldungen von übermäßigem Leistungsdruck in der Schule in der Form nicht zu. Stattdessen merkt Dornes heutzutage eine erhöhte Sensibilität gegenüber Problemen und Symptomen sowie gestiegene erzieherische Ansprüche an, welche mit konservativen Werten bei einigen (älteren) Lehrern kollidieren könnten.

Zwei Sichtweisen – jede für sich wirkt in sich schlüssig.
Sich heutzutage feinfühliger um die Erziehung kümmern zu können, Wertvorstellungen wie individualisiertem und freiem Lernen ohne Leistungsdruck und Zwang folgen zu können, könnte als Weiterentwicklung der modernisierten Gesellschaft betrachtet werden. Inwiefern man dies für sich und seine Kinder als wichtig erachtet oder als übertrieben ansieht, sollte jede Familie für sich entscheiden.

Fazit: Individuell Leistungsdruck in der Schule prüfen

Vogelschwarm

Alternative bei Leistungsdruck in der Schule: Freies Lernen oder vogelfrei? © B Garrett under cc

Eltern, welche Leistungsdruck in der Schule bei ihren Kindern befürchten, sei geraten, bei der Schulauswahl sorgfältig abzuwägen in Abhängigkeit von der Persönlichkeit des Kindes und eigenen Wertvorstellungen. Einfühlsam auf kindliche Probleme zu reagieren in Bezug auf möglichen Leistungsdruck in der Schule, statt diese zu übergehen, wäre ein weiterer wichtiger Punkt. Andersartige Formen von Lernen ohne Leistungsdruck und -bewertung existieren in freien Schulen bereits, wenn gewünscht ist es möglich, mit seinen Kindern neue “Schulwege” zu beschreiten.

In Zusammenhang mit der Sichtweise der neurowissenschaftlichen Forschung soll in einem weiteren Artikel aufgezeigt werden, welche Umstände förderlich für Lernprozesse im Gehirn sind und ob Lernen (in der Schule) tatsächlich ohne Leistungsdruck und Zwang auskommen könnte.

Quellen: