Turnschuhe am Agrund einer Meeressteilwand

Das Spiel mit der eigenen Angst © epSos.de under cc

Angst ist ein schreckliches Gefühl, in der Panikattacke, der existenziellen oder generalisierten Angst vielleicht das schrecklichste, von einer Faszination der Angst ist da erstmal wenig zu spüren. Doch andererseits lieben wir Krimis, Aktenzeichen XY ist seit Jahrzehnten ebenso ein Dauerbrenner wie der Tatort, apokalyptische Szenarien vom Weltuntergang durch Klimawandel, Virusmutanten, Überfremdung und Terrorismus werden mit viel Energie im Internet diskutiert.

Wem das zu konventionell ist, der hat Angst vor Gift im Essen, Gentechnik, Atomkraft und Ärztepfusch, eine inzwischen etablierte Angstgruppe, die ihr Pendant in Menschen hat, die ihrerseits Angst vor Alternativmedizin, der Weltverschwörung der Wünschelrutengänger, Religion und allem, was sie für irrational halten, haben. Manche suchen hingegen die Angst, den Thrill, den Kick ganz direkt, beim Bungeejumping, beim Downhill-Mountainbiking, in Verschwörungsideen.

Was steckt hinter diesen Ängsten?

Es ist die Angst vorm plötzlichen Einbruch des Unkontrollierbaren und Irrationalen, dem, was wir prinzipiell nicht in den Griff bekommen. Zum einen verweigert sich die Natur unserer Kontrolle: Erdbeben, Überschwemmungen, Meteore, aber auch Seuchen, Zecken und Krankheiten, lassen nicht mit sich reden.

Doch nicht nur die äußere, auch unsere innere Natur ist widerspenstig. Begierden, Aggressionen, Geilheit, Neid und die damit antizipierten, oft unbewussten, Verbote lösen Ängste aus, doch das Verbotene fasziniert auch. Wir wissen, dass wir uns im Griff haben, meistens, ahnen aber, was noch in uns schlummert. Zum Glück sind wir gut erzogen, da sind wir einigermaßen sicher, gelegentliche Angst vor Kontrollverlust und Tabubrüchen ausgenommen, aber, was ist eigentlich mit dem anderen? In dem steckt man ja nicht drin, der kann ja sonst was im Sinn haben. Das lässt den anderen unheimlich erscheinen, wobei es doch immer auch der Blick in die eigenen Tiefen ist, der uns erschaudern lässt.

Wir sind vielfach ausgeliefert und diese Ahnung, im Grunde ein Wissen, vermittelt kein gutes Gefühl. Wir würden gerne mehr Kontrolle haben.

Das Steuer in der Hand haben

Dieses Gefühl brauchen wir, im konkreten und übertragenen Sinn. Mit dem Auto zum Flughafen zu fahren, ist statistisch gefährlicher als die nachfolgende Flugreise, doch die Angst ist anders verteilt. Dem Flieger müssen wir uns anvertrauen, wir haben das Steuer nicht in der Hand. Es ist das Gefühl der Sicherheit, was uns wichtiger ist als die tatsächliche Sicherheit. Man kann zur Not noch raus, aus der Situation, wenn man es selbst regeln kann, so meint man. Auch in der Regulation anderer Angstsituationen geht es eher um das Gefühl, dass einem nichts passieren kann. Das reicht oft schon. Und sich zu stellen, zu überwinden. Das gibt Selbstvertrauen, Mut zu weiteren Taten. Die Glückshormondusche vom eigenen Körper inklusive.

Der eine setzt auf Rituale der Sicherheit und Gesundheit, andere machen sich selbst hart und scheinbar unverwundbar und beweisen sich so, dass sie vor nichts und niemandem Angst haben müssen – womöglich, weil sie sie bereits haben.

Oft dämpfen Rituale die Angst auf ein erträgliches, erregendes Maß. Ganz ohne Angst werden wir unvorsichtig und gefährden unser Leben, mit zuviel Angst wird das Leben zur Qual, die Faszination der Angst liegt im Ausbalancieren und dem halbbewusten Wissen, dass es alles ein Spiel auf Zeit ist. Am Ende steht der Tod, unausweichlich, auch der fasziniert.

Aber warum zieht die Angst und Tod so magisch an? Warum Krimis, Horror- und Actionfilme statt Tierdokus und Lustspielen? Woher die Fixierung auf die Apokalypse und die eigenartige Strategie so zu tun, als sei ohnehin schon alles zu spät? Vielleicht die Sicherheit in der Unsicherheit. Man kann zwar nichts machen, aber in all der Ohnmacht liegt ein Rest an Überlegenheit: “Hab ich’s nicht immer schon gesagt?” Ausgeliefert, aber nicht ahnungslos, das wirkt kühn.

Die Faszination der Angst liegt darin, dass man um diese Mechanismen weiß und mit ihnen spielt. Sinnbild ist die alte Dame, die ihre Krimis zur Entspannung liest. Sie nähert sich der vitalisierenden Seite der Angst, spielt mit dem wohligen Schauer, den paranoide Szenarien in uns auslösen.

Man zoomt sich beim Frühstück heran an die Katastrophen dieser Welt, so dass man die Spannung ertragen kann, der Voyeurismus befriedigt ist. So schlecht geht es uns noch gar nicht, verglichen mit dem, wie es anderen geht, erneut ein leichtes Gefühl der Überlegenheit. Die Ahnung der Endlichkeit macht die Momente des eigenen Lebens zudem kostbar.