Natürliche Zyklen und Rhythmen

Der Verweis auf natürliche Zyklen und Rhythmen, denen wir uns zu beugen haben, ist durchaus berechtigt. Wir können nicht alles nach Belieben gestalten, die Tatsache, dass wir immer auch biologische Wesen sind schränkt den Spielraum ein. Wir müssen eben Nahrung zu uns nehmen und sie wieder ausscheiden, schlafen und atmen, wir wachsen und altern und unsere Lebensspanne ist begrenzt. Da wir ebenfalls in soziokulturelle Muster eingebunden sind (und möglicherweise in spirituelle), wechselwirken diese Ebenen und machen das Spiel noch einmal komplexer.

Komplexität ist nicht die Sache von zwanghaften Menschen. Sie wollen es in aller Regel lieber einfach und überschaubar haben, alles der Reihe nach und hübsch geordnet. Das Projekt der Kultur ist in erster Linie das der Bändigung der Natur, durch Ordnung, Fleiß und Disziplin, Übung und Training. Der Versuh der Beherrschung der äußeren, vor allem aber auch der inneren Natur: den Emotionen und Trieben, bei anderen und bei sich selbst. Der Wunsch sich zu beherrschen und im Griff zu haben, ist nicht schlecht, als Impuls- oder Affektkontrolle stellt er eine Kernkompetenz der Kultur dar. Die Kultur bietet ihren Mitgliedern und Teilnehmern Schutz an, verlangt dafür aber Opfer, nämlich die Fähigkeit sich in einem gewissen Rahmen selbst kontrollieren zu können und die Bereitschaft, das, gemäß den aktuellen Spielregeln, auch zu tun. Dafür wird das Mitglied einer Gemeinschaft als einer von uns angesehen. Gemeinschaften sind bereit sehr viel dafür zu tun, dass es ihren Mitgliedern gut geht und dass sie, gerade in Notsituationen Unterstützung erfahren. Ein Zug, der in mythischen und extremistischen Gemeinschaften stark verbreitet ist. Das Zusammenleben dieser Gemeinschaft basiert in erster Linie auf wenigen, klaren und einfachen Regeln, so dass die Mitglieder wissen, wo sie dran sind, was richtig und falsch ist und was bei Fehlverhalten zu erwarten ist. Komplexere Gesellschaftsformen handhaben es mit der Freiheit des Individuums meist lockerer, aber der Preis ist oft auch eine gewisse Orientierungslosigkeit. Normale Zwangsstörungen sorgen sozusagen auf privater Ebene dafür, dass das Leben des Betreffenden einfach und überschaubar ist und bleibt.

Wenn der Zweck zum Selbstzweck wird

Händer unter fließendem Wasserkran

Das Händewaschen ist vielfach hilfreich und kann zum Zwang werden. © Sarah Laval under cc

Die Gefahr ist, dass der Zweck zum Selbstzweck mutiert. Wenn man in einer Kultur lebt, die davon überzeugt ist, dass es keine übergeordneten natur- oder gottgegebenen Regeln gibt – und wir leben diesbezüglich in einer Zeitenwende, in der sehr viele dieser Überzeugung sind, während das gleichzeitig eine bedeutende Zahl anders sieht – dann kann der Sinn selbstgewählter Regeln nur der sein, dass sie uns ein besseres Leben ermöglichen. Nun sind auch die Vorstellungen, was ein gutes Leben ist recht verschieden, doch irgendwo gibt es Grenzen, bei denen die meisten Menschen überzeugt sind, dass der ursprüngliche Zweck, nämlich das Leben zu erleichtern, zu verbessern und seine Qualität zu steigern, verfehlt wird. Das ist etwa dann der Fall, wenn der Zweck zum Selbstzweck, die Struktur zum Korsett geworden ist. Aber eine klare Grenzlinie gibt es dennoch nicht, die Übergänge sind fließend.

So sind Schrebergärten, ehedem Nutzgärten um zusätzliche Nahrung zu haben, heute für die einen die Fortsetzung der Diktatur mit anderen Mitteln, wenngleich auch hier heute vieles lockerer geworden ist, für andere ein kleines und liebenswertes Idyll. Auch die etwas merkwürdige Aura die dauerhaft zugewiesene Stellplätze auf Campinganalgen haben, muss man mögen. Manchmal ist es so, dass man mit Menschen, die man nicht leiden kann, so eng zusammenlebt, wie es sonst kaum möglich ist. Das läuft dann unter Urlaub und Erholung.

Die deutsche Gründlichkeit

Ganz ohne böse Hintergedanken sind die preußischen oder deutschen Tugenden zum festen Begriff für echte Qualität geworden. Hier lohnt sich ein näherer Blick, bei dem man historisch einiges findet. Die deutschen Tugenden sind eine Mischung aus den Werten der Aufklärung und der evangelischen Reformation. Was erstmal ziemlich dröge wirkt, hatte ganz handfeste Effekte. Der indische Gelehrte Prabhu Guptara schreibt:

„Obwohl ich eine gute Schuldbildung erfahren habe, war mir bevor ich nach Europa kam, niemals bewusst, dass Europa trotz der Errungenschaften des Römischen Reiches eine der ärmsten und am weitesten zurückgebliebenen Regionen der Welt war – bis zur Reformation.“[2]

Dort war es dann, laut Guptara die Mischung aus Fleiß und Arbeit, der Anerkennung der Einmaligkeit des Lebens, Bildung und Alphabetisierung für breite Schichten, Mäßigung und Gehorsam, die eine kumulative Wirkung entfalteten und die Demokratisierung vorantrieben. Der Effekt war, dass Europa zum Turbo wurde und bis in die jüngste Vergangenheit für Fortschritt, Entwicklung und Qualität stand und teilweise noch immer steht, nicht nur auf dem Gebiet der Technologie, sondern auch was Gleichberechtigung und soziale Standards angeht. Der andere Effekt ist, dass es Ländern und Landesteilen mit evangelischer Prägung noch immer wirtschaftlich besser geht, als anderen. Die negativen Seiten, unsere Burnout– und Perfektionismus-Kultur schreibt Guptara nicht dem Evangelismus, sondern postchristlichen Einflüssen zu, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg aufkamen.[3]

Ordnung, Fleiß, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Disziplin, Demut und Bescheidenheit sind also nicht nur verstaubte Tugenden, mit der Tendenz die Bevölkerung zu drangsalieren, sondern haben deutlich messbare Effekte, die historisch tiefe Spuren hinterlassen haben. Menschen, die normale Zwangsstörungen haben, leben zu einem guten Teil diese Tugenden und sie tun es gerne, in diesem Spannungsfeld zwischen tiefer innerer Überzeugung und sich einschleichender Pathologie.

Die Welt ist bedrohlich und muss kontrolliert werden

Zwanghafte Charaktere haben die Welt gerne geordnet und überschaubar, sie wollen wissen, was sie tun und tun sollen. Ihren eigenen Impulsen trauen und folgen sie nicht so gerne, manchmal kennen sie sie kaum, vetrauen lieber der Uhr und einem festen Fahrplan im Leben. Damit man weiß, was kommt und vor Überraschungen gefeit ist. Der immer gleiche Urlaubsort, die immer gleiche Anordnung in den Supermärkten, am besten europaweit. Wer normale Zwangsstörungen hat, findet das attraktiv. Denn spontane Situationen bedeuten Stress, vor allem, weil und wenn sie einen mit unvorhersehbaren Emotionen konfrontieren. Für alles gibt es eine Zeit und passende Dosis, darüber hinaus erscheinen normalen Zwangsgestörten Emotionen als eher verzichtbar, lästig, vor allem viel zu unberechenbar. In einer Welt von Kosten und Nutzen, bedeuten Triebe und Emotionen Querschüsse. Sie bringen nichts, stören nur, warum sollte man sie sich leisten? Und diesen Punkt müssen wir näher beleuchten.