Warum normale Zwangsstörungen?

Büroflur mit Neonlicht und Pinwand

Der triste Charme der Büroflure, einer Herzkammer der Bürokratie © Michael Herzog under cc

In einem Land wie unserem in der wesentliche Anteile des kulturellen Selbstverständnisses und der Geschichte mit den deutschen oder preußischen Tugenden eng verwoben sind, auch dann, wenn man kein Protestant ist, können normale Zwangsstörungen gut kaschiert gelebt werden. Der arbeitsame, strebsame Mensch bekommt eher noch Schulterklopfer, wer krank zum Dienst erscheint wird nicht gefragt, was mit ihm nicht stimmt und ob er nicht mal in Therapie gehen will, sondern es wird nahezu erwartet, dass man auch mit ‘Zipperlein’ seine Pflicht erfüllt. Von einer Kritik an Putz- und Ordungszwängen bleiben tüchtige Hausfrauen, nicht nur die schwäbischen, verschont. Für sie ist es oft ein Gütesiegel. Bis zur Arbeitssucht, dem Burnout und der soliden Selbstausbeutung haben wir alles schon durchexerziert, manches in einer überbordenden Bürokratie institutionalisiert und erst die Generation Y nimmt den Begriff der Work-Life-Balance wieder ernst und siedelt Entspannung und Sinnfindung auf der Prioritätenliste weiter oben an.

Überstrukturierung versus Unterstrukturierung

Um es noch mal klar zu sagen: Überstrukturierung ist allemal besser, als Unterstrukturierung. Überstrukturierung würde alles in allem einer neurotischen Persönlichkeit entsprechen, Unterstrukturierung geht mit schweren Persönlichkeitsstörungen einher. Zwar kann auch eine mitleidlose bürokratische Einstellung, die nur noch Vorgänge und Fälle sieht und nicht mehr den Menschen dahinter, sadistische und damit schwerer gestörte Elemente enthalten, da muss man nicht erst auf die berüchtigten Konzentrationslager zurückgreifen. Auch Kafka beschrieb in vielen seiner Geschichten die Ausweglosigkeit der das Individuum in der Konfrontation mit kalten, anonymen Systemen begegnet. Doch hier geht es weniger um die Fusion von zwanghaften und sadistischen Elementen, im Fokus waren bewusst die milderen Fälle, normale Zwangsstörungen, von Menschen, die in aller Regel eine gut organisierte und integrierte Persönlichkeitsstruktur haben und sich selbst und anderen durch liebevolle, oft überflüssige und nervtötende, Zorn und Abwehr erzeugende, aber doch gut gemeinte Zwänge im Weg stehen.

Wie kann man zwanghaften Menschen helfen?

Menschen, denen man sagen möchte, dass sie sich mal locker machen sollen, wüsste man nicht, dass das allein nichts bringt. Mehr bringt es, auch auf ihre Ratschläge einzugehen und ihre Hinweise zu wertschätzen und ihnen in diesem anerkennenden Kontext das Gefühl zu geben, dass sie sich nun, zumindest für eine Zeit entspannen können, etwa, weil man klarstellt, dass man für die nächste Zeit selbst die Verantwortung übernimmt. Manche sind ganz glücklich in ihrer kleinen Welt und haben einfach Spaß an Ordnung. Man sollte sie nicht mit dringenden Arbeiten überfallen und sie vor Überraschungen und der Notwendigkeit zur Improvisation verschonen. Man sollte sich nicht in ihr System hineinziehen lassen, ihre Art das Leben zu leben aber auch nicht durch den Kakao ziehen und konstruktiv schauen, wo sich die eigenen Stärken mit denen der anderen gut ergänzen.[4] Wo man den Eindruck hat, dass das Leid zu groß ist oder andere Menschen stark in Mitleidenschaft gezogen werden, wäre der Vorschlag eine Therapie zu beginnen, etwas, was man ernsthaft in Erwägung ziehen könnte.

Zen: die Ordnung als Weg

Zen ist hier sozusagen der Griff zu den Sternen. Die strenge Form des Zen ist für Menschen mit einem zwanghaftem Charakter geradezu ideal und passt wie die Faust aufs Auge. Doch der Sinn des Zen ist nicht in der starren Form zu verharren, sondern die formal strengen Aspekte sollen irgendwann transzendiert werden und in eine zuvor nicht und nie gekannte Freiheit führen. Inwieweit man äußere Formen dann beibehält oder ändert, ist fast zweitrangig, was sich im guten Fall ändert, ist das eigene Bewusstsein. Die äußere Form ist nun kein Korsett für Zwänge mehr, sondern Ausdruck einer inneren Freiheit. Manchmal geht dem ein sehr langer Weg voraus, gelegentlich trifft einen die Erkenntnis, wie ein Blitzschlag.

Quellen: