Beziehungsmodelle

Es gibt in Beziehungen mehrere Arten von Zwängen. Die Kontrollzwänge der Narzissten sind in aller Regel aggressiverer Natur, sie wollen wissen, was der andere macht und denkt, um die Kontrolle nicht abzugeben, mächtiger und im Zweifel immer einen Schritt voraus zu sein. Zwanghafte Charaktere haben andere, vordergründig und wohl auch in der Tiefe gutmütigere Motive, umso merkwürdiger, dass ausgerechnet sie immer mit wieder auch mit schroffer Kritik und emotionalen Ausbrüchen anderer konfrontiert sind. Dabei mögen sie Kritik selber eigentlich nicht, reagieren sehr empfindlich auf Fehler, auch auf eigene, denn sie sind extrem gewissenhaft und nicht selten selbst ihre schärfsten Kritiker. Wo andere ihnen schon längst verziehen haben, hängt ihnen ein Fehler lange nach.

Fehler von anderen Menschen mögen sie allerdings auch nicht, aber sie wissen, dass diese ohnehin etwas schludrig und schlampig sind und sehen zähneknirschend darüber hinweg, auch weil Kritik offen zu äußern für sie ein Unding ist. Im Grunde wollen sie von vorn herein deeskalieren und Emotionen aus dem Spiel halten. Das bringt doch nichts, das muss man doch nicht ansprechen, schon gar nicht aufbauschen, außer, wenn Grenzen überschritten sind und der normal Zwangsgestörte sich moralisch im Recht fühlt. Dann darf unter Umständen die ganze Empörung mal raus, nun mit der Sicherheit im Rücken, dass da jemand gegen die allgemeine Regeln und die Ordnung verstoßen hat, denn was man nicht tut, das tut man eben nicht, Punkt.

Uhr in schwarzweiß

Der nächste Pflichttermin wartet schon. © Leticia Chamorro under cc

Und so geht der oft nervtötende Zug der normal Zwangsgestörten auch davon aus, dass sie es ihrer eigenen Empfindung nach gut meinen und anfangen, für andere, die offensichtlich im Planen nicht so firm sind, die Sache mit zu übernehmen. “Hast du auch an dies und jenes gedacht?” Was liebevoll umsorgend sein kann, kann auch in Bevormundung und ein quälendes Abfrageritual münden, bei dem man sich vorkommt, als sei man ein dummes, kleines Kind. “Ich wollte dich nur noch mal daran erinnern, dass du heute um 10:30 Uhr deinen Termin hast, vergiss den nicht.” Irgendwann weiß man, die nächste Erinnerung kommt bestimmt, zuverlässig wie eine Schweizer Uhr. Hier ein Hinweis, da ein Vorschlag und weil der normal Zwangsgestörte meint, für alle anderen mitdenken zu müssen, da sie sonst fraglos im Leben untergehen würden und dazu im eigenen, an sich gut geregelten Leben bei der Konfrontation mit Neuem alle Eventualitäten bedenken und Reaktionsmöglichkeiten fertig haben wollen, sind Menschen mit normalen Zwangsstörungen oft ungeheuer umständlich. Sie wollen effektiv sein, doch ihre Zwanghaftigkeit bringt sie dazu alles noch mal zu durchdenken und verhindert Spontaneität und Kreativität. In dem Labyrinth aus Detail und Ganzem verirren sie sich häufig, weil sie irgendwann nicht mehr einschätzen können, was jetzt gerade als wirklich wichtig angesehen wird und was nur Beiwerk und ein Detail eines Details ist.

Ihr Verhalten provoziert emotionale Reaktionen, denn irgendwann kommt man sich gegängelt, ausgebremst und wie in einem Korsett vor, und diese Reaktionen werden mitunter laut und wütend. Auf derart übertriebene Emotionalität reagieren sie mit Unverständnis. In der frühen Phase einer Verärgerung, in der sich Zwangscharaktere selbst belästigt fühlen, sind sie nicht in der Lage dem anderen zu sagen, wie sehr sie sein Verhalten verärgert. Erst wenn das Maß voll ist, sehen sie sich genötigt große Geschütze aufzufahren und neue Regeln aufzustellen oder dies, über eine Beschwerde beim Vorgesetzen, zu veranlassen. Wenn der andere daraufhin verständnislos fragt, warum man denn nichts gesagt hätte und warum man gleich so übertrieben reagiert, brechen sie mitunter, bei einer derart uneinsichtigen Person, den Kontakt dauerhaft ab.[4] Die Sichtweisen anderer, interessieren sie nicht groß, Neugierde haben sie nur in einen spezifischen Sinn, nämlich dem, zu prüfen, was andere vorhaben könnten, um entsprechend regelnd und vorbeugend einzugreifen.

Wenn der Rahmen fest und sicher ist, dürfen auch Emotionen aufblitzen. Beim Geburtstag freut man sich kurz, bei bestimmten Gesellschaftsabenden wird sparsam gelacht, doch noch während man irgendwo ist, hat man bereits den nächsten, unaufschiebbaren Termin im Kopf und sei es nur, dass am Abend, zur stets festgelegten Zeit, der Frühstückstisch gedeckt wird.

Dass Emotionalität gar kein Fehler, sondern eine Bereicherung des Lebens ist, ist etwas, was in ihrer Vorstellungswelt so gut wie gar nicht vorkommt. Was hat man auch von vorschnellen Meinungsäußerungen, unbedachten Reaktionen, lautem Gegacker oder Flirts, ohne echte Absichten? Das bringt nichts, kostet Zeit und stiftet nur Verwirrung. So findet alles emotional runter reguliert, ohne größere Ausschläge statt, die Form bleibt gewahrt, die Situation in jeder Zeit beherrschbar, der Blick auf die Uhr zeigt, dass es gleich sowieso vorbei ist, der nächste Termin wartet schon, warum hier noch etwas investieren?

Es kann sein, dass ein Mensch mit normalen Zwangsstörungen einen sehr emotionalen Menschen als Partner hat. Das kann durchaus gut gehen und eine stabile Beziehung ergeben, in der der zwanghafte Mensch den emotionalen Anteil durch den anderen leben lässt und gleichzeitig über dessen Emotionalität mit Gefühlen in Kontakt kommt, der emotionale Mensch findet in der etwas dröge reduzierten Version hingegen die ihm abgehende Sicherheit und Struktur. Genauso gut kann es sein, dass die Situation schnell eskaliert der zwanghafte Mensch es nicht erträgt, weil er denkt, er sei im Irrenhaus gelandet und der emotionale Mensch verzweifelt, weil er sich ständig wie neben einem kalten Stein oder in eine Zwangsjacke gesteckt fühlt.

Ordnung ist das halbe Leben

Wenn das so ist, wären Chaos oder Unordnung eigentlich die andere Hälfte, aber beim normal Zwangsgestörten kommt zur Ordnung noch Gründlichkeit und Sauberkeit. Wenn man dafür sorgt, dass man von früh bis spät zu tun hat, können die Gedanken nicht so lange umherwandern und schon gar nicht in Regionen, die vielleicht bedrohlich sind. Geheime Wünsche, Lüste und Phantasien, die dann, oft in einem durchaus auch symbolischen Akt, weggeputzt, geräumt, geordnet und geheftet und damit im doppelten Sinne ad acta gelegt werden.

Die Umgebung wird so reinlich bis steril gehalten, wie man es sich für die Psyche wünscht und meistens bringen diese zwangsrituellen Akte durchaus einen gewissen Erfolg. Ich kannte eine Hausvermieterin, die täglich ihre Wohnung putzte, das Treppenhaus des Hauses und des Nachbarhauses gleich mitreinigte und wenn nichts mehr half wurden die Rasenkanten mit der Schere beschnitten oder Büsche ausgegraben. In ihrem privaten Umfeld hätte es durchaus Grund zur Trauer gegeben, das tägliche und ausgeprägte Programm verhinderte das.

Das ist wohl auch der tiefere Sinn, spontane Impulse sowie stundenlange Grübeleien zu verhindern, durch ein immer wiederkehrendes, oft eng gestaffeltes Pflichtprogramm, an dem man sich dann durch den Tag hangelt und das kaum Zeit und Raum für Störungen diverser Art gibt. Überraschungsbesucher und -anrufer merken dann auch, dass ihr kühner Vorstoß gerade jetzt fürchterlich unpassend ist und nach dem zehnten Mal haben sie dann auch begriffen, dass ein Kontakt außer der Reihe generell unerwünscht ist, er stört die Ordnung, die Routine, selbst der Postmann klingelt hier nicht zwei mal.

So ist die Rückkehr in die Routine und Ordnung auch ein echtes Bedürfnis. Man weiß was zu tun ist, ob man die Rechnungen sortiert, den Sittich füttert, die Temperatur abliest oder erst mal den Boden saugt ist dabei egal, Hauptsache man ist wieder im sicheren Hafen. Woran andere langsam ersticken, lässt normal Zwangsgestörte endlich wieder durchatmen. Ein zwanghafter Mensch erzählte mir mal, wie er nach seiner Meinung zu einer Ärztin gefragt wurde. Er lavierte herum und erging sich in Oberflächlichkeiten, bis herauskam, dass die Ärztin eine Bekannte des Fragenden war. Er war erleichtert, dass er sich nicht zu einer eigenen Meinung hat hinreißen lassen, die für Nachfragen und emotionale Irritationen hätte sorgen können und die Ebene des Small Talks wurde zum Glück nicht verlassen.

Eine Frage der Ethik

Soll man normale Zwangsstörungen nun therapieren oder diese Menschen einfach an eine Stelle setzen, an der sie gut zu gebrauchen sind? Selten wollen sie im Rampenlicht stehen, sind aber pünktlich, zuverlässig und bescheiden, mucken nicht auf und sind gründlich. Der ideale Zuarbeiter im Hintergrund. Soll man es (aus)nutzen, dass einige Menschen so sind, sie zur allseitigen Zufriedenheit putzen, ordnen und Akten studieren lassen, oder soll man sie therapieren?

Denn auch das ist geklärt: Menschen, mit einem normalen bis mittleren Zwangscharakter sind leicht gestört, auf der anderen Seite leiden sie überproportional stark, wenn man die Leichtigkeit ihrer Störung mit den Symptomen und dem Hang zur Unzufriedenheit und Selbstkritik in Relation setzt. Und der Druck, der immer da ist. “Ich hab’ gerne alles fertig man weiß nie, was noch kommt.” Wie immer ist es wohl vom Einzelfall und dem Leidensdruck abhängig, ob jemand meint, dass er sich therapieren lassen sollte oder ob jemand eher meint, dass die Welt noch nicht aufgewacht ist und einfach noch nicht erkannt hat, was die Übernahme der eigene Lebensweise doch für Vorteile brächte.