Ordnung und Chaos als Ortsschild dargestellt

Ordnung hat für Zwangscharaktere eine hohe Priorität. © Friedemann W.-W. under cc

Normale Zwangsstörungen sind eigentlich ein Oxymoron. Eine Störung ist ja per Definition nicht normal. Darum soll erläutert werden, was damit gemeint ist.

Zwänge können eine extreme Form annehmen, jene, die die meisten von uns aus Fernsehdokumentationen kennen. Dort werden oft Menschen mit ausgeprägten Waschzwängen gezeigt, so ausgeprägt, dass ihre Haut vollkommen zerstört wird und sie in einer einzigen Orgie aus Duschen, Baden, Händewaschen und Desinfizieren leben. Zwänge können sich auf Ordnung und Sicherheit beziehen und in der extremen Form sind Menschen von der Teilnahme am normalen Leben nahezu ausgeschlossen, weil ihre andauernden Zwänge dafür sorgen, dass sie für normale Alltagshandlungen, wie das an- und ausmachen eines Lichtschalters, einer Herdplatte, das Abstellen einer Tasse oder das Schließen einer Tür eine halbe Ewigkeit brauchen.

Es gibt innere Zwänge: Zermürbende Zählzwänge, Symmetriezwänge, Zwänge, nur gerade Anzahlen von Gegenständen zu kaufen oder die Ränder von Steinplatten in Fußgängerzonen nicht zu betreten. Es gibt skurrile Erscheinungen, wie das Tourette-Syndrom oder die von uns vorgestellte Trichotillomanie oder Menschen, die nichts vergessen können und ebenfalls alle mehr oder weniger ausgeprägte Zwänge haben.

Doch von all dem soll nicht oder nur am Rande die Rede sein, weil die manchmal exzentrischen Symptome den Blick auf die dahinterliegende Struktur verstellen und die ist ebenfalls hoch interessant. Normale Zwangsstörungen sind solche, die das Leben beeinflussen, aber Menschen von der mehr oder weniger normalen Teilnahme daran nicht ausschließen und wir wollen versuchen, das Erleben dieser Menschen zu ergründen.

Was macht normale Zwangsstörungen aus?

Menschen mit normalen Zwangsstörungen sind eher vermeidende Charaktere und haben Angst vor Gefühlen und Trieben, bei anderen und vielleicht noch mehr, bei sich selbst. Sie sind geizig mit Zeit, Geld und Emotionen. Gerade ihre Zurückhaltung von Emotionen löst jedoch in anderen Menschen eben diese Emotionen, zuweilen in sehr heftiger Weise aus.[1] Doch wie kann man sich das praktisch vorstellen?

Der perfekte Tag im Leben eines Menschen mit einer normalen Zwangsstörung ist ein von A bis Z durchorganisierter Tag. Man weiß genau was kommt, der Tagesablauf ist, wie an jedem Tag, nach der Uhr ausgerichtet und gegessen wird nicht, weil man Hunger hat, sondern weil genau jetzt Mittagszeit ist. Nichts und niemand stört den Ablauf des Tages und wenn doch etwas Unvorhergesehenes geschieht – etwa ein Anruf, außerhalb der Reihe der gewohnten Anrufe, von denen der normale Zwangscharakter sofort sagen kann, wer gerade anruft und aus welchem Grund – weiß man, wie man damit umgehen kann. Auch andere Regungen des Lebens, die eigentlich mehr spontaner Natur wären, sind oft nach der Uhr oder festen Zeiten und Tagen ausgerichtet. Vom Toilettengang über die Sexualität, aber auch die diversen Ordnungs– und Sauberkeitshandlungen, etwa, wann Wäsche gewaschen oder die Wohnung gereinigt wird. Wenn man morgens aufsteht, weiß man im Grunde schon, wie der Tag ablaufen wird, mit welcher letzten Amtshandlung und wann man ins Bett gehen wird. Was für die einen nach einem Zustand ausgeprägter Langeweile klingt ist für den normal Zwangsgestörten ein idealer Tag und wenn die Welt und ihre Bewohner nicht so verrückt wären, würde jeder Tag bereits im Vorfeld geplant sein und alle würden einsehen, dass das ein optimales Leben wäre. Alles moderat, alles zu seiner Zeit, alles irgendwie vernünftig und vor allem nicht so übertrieben laut, wild und unvorhersehbar.

Vom Sinn und Unsinn der Struktur

Strukturen zu haben ist im Leben ungeheuer wichtig. In eine Welt äußerer Struktur geboren zu werden, die von Anfang an nachvollziehbar und verlässlich ist, ist ein Segen, wenn man die andere häufige Möglichkeit betrachtet, Willkür und Sadismus zu erleben, die jede Verlässlichkeit und Sicherheit unterminieren. Das optimale Umfeld für Kinder ist ein eher unaufgeregter, aber zuverlässiger Rahmen. Eine Mutter, die in der Not da ist, aber nicht überreagiert, Eltern, die da sind, aber das Kind auch in Ruhe und Kind sein lassen und nicht jede Lebensregung euphorisch feiern oder entwerten. Fast ein wenig zwanghaft, zumindest in Anteilen.

Aber Struktur ist eben auch nur Struktur, ein Rahmen in dem sich das abspielen kann, um das es im Leben geht, um das Leben selbst. Mit all seiner Mischung aus Zyklen und Rhythmen, aber eben auch mit seiner Spontaneität, Kreativität, seinen Schrullen und Verrücktheiten. Strukturen sind mehr oder minder willkürlich, sie könnten auch anders sein. Es ist gut, zu lernen, wie man mit Messer und Gabel isst, man könnte aber genauso gut lernen, mit Stäbchen zu essen, je nach dem, wo man zufälliger- oder karmischerweise geboren wird. Und so erfährt und erlebt man seine Welt, immer und immer wieder in ähnlichen Situationen und ordnet sie dabei ganz nebenher. Das ist zum einen ein hoch individueller Akt, denn er richtet sich nach dem, was das Leben, das individuelle Umfeld dem Individuum anbietet und wie es ihm begegnet, zum anderen hängt er von der Schwelle ab, ab der das Baby auf Umweltreize reagiert und auch die ist individuell verschieden.

Gabel oder Stäbchen, Curry oder Tortilla, Zelt oder Hochhaus, aber es sind nicht nur diese Äußerlichkeiten, sondern viel mehr ein immer und immer wieder wahrgenommenes beispielhaftes Erleben, wie man miteinander redet, wann und worüber man in Wut gerät, wie man mit Konflikten und Emotionen umgeht, wie Sexualität gelebt wird, welche Rolle Gemeinsamkeiten, Neugierde, Kinder, Wissenschaft, Erzählungen und was auch immer spielen.

Und diese Strukturen sind ein virtuelles Gitter, Raster, Fundament an dem entlang und durch das wir erfahren was wir wiederholen oder eher unterlassen sollten. Dieses Wissen gibt uns einerseits Orientierung, engt uns aber andererseits ein. Es gibt Menschen, die unter der Einschränkung mehr leiden und andere, die im Grunde noch viel mehr Struktur möchten. Die Frage was davon normal, unnormal oder vielleicht sogar schon pathologisch, also krankhaft ist, ist in einer absoluten Weise nie zu beantworten, da die Frage was gut und erwünscht ist, immer auch zeit- und situationsabhängig ist.

Natürliche Zyklen und Rhythmen

Der Verweis auf natürliche Zyklen und Rhythmen, denen wir uns zu beugen haben, ist durchaus berechtigt. Wir können nicht alles nach Belieben gestalten, die Tatsache, dass wir immer auch biologische Wesen sind schränkt den Spielraum ein. Wir müssen eben Nahrung zu uns nehmen und sie wieder ausscheiden, schlafen und atmen, wir wachsen und altern und unsere Lebensspanne ist begrenzt. Da wir ebenfalls in soziokulturelle Muster eingebunden sind (und möglicherweise in spirituelle), wechselwirken diese Ebenen und machen das Spiel noch einmal komplexer.

Komplexität ist nicht die Sache von zwanghaften Menschen. Sie wollen es in aller Regel lieber einfach und überschaubar haben, alles der Reihe nach und hübsch geordnet. Das Projekt der Kultur ist in erster Linie das der Bändigung der Natur, durch Ordnung, Fleiß und Disziplin, Übung und Training. Der Versuh der Beherrschung der äußeren, vor allem aber auch der inneren Natur: den Emotionen und Trieben, bei anderen und bei sich selbst. Der Wunsch sich zu beherrschen und im Griff zu haben, ist nicht schlecht, als Impuls- oder Affektkontrolle stellt er eine Kernkompetenz der Kultur dar. Die Kultur bietet ihren Mitgliedern und Teilnehmern Schutz an, verlangt dafür aber Opfer, nämlich die Fähigkeit sich in einem gewissen Rahmen selbst kontrollieren zu können und die Bereitschaft, das, gemäß den aktuellen Spielregeln, auch zu tun. Dafür wird das Mitglied einer Gemeinschaft als einer von uns angesehen. Gemeinschaften sind bereit sehr viel dafür zu tun, dass es ihren Mitgliedern gut geht und dass sie, gerade in Notsituationen Unterstützung erfahren. Ein Zug, der in mythischen und extremistischen Gemeinschaften stark verbreitet ist. Das Zusammenleben dieser Gemeinschaft basiert in erster Linie auf wenigen, klaren und einfachen Regeln, so dass die Mitglieder wissen, wo sie dran sind, was richtig und falsch ist und was bei Fehlverhalten zu erwarten ist. Komplexere Gesellschaftsformen handhaben es mit der Freiheit des Individuums meist lockerer, aber der Preis ist oft auch eine gewisse Orientierungslosigkeit. Normale Zwangsstörungen sorgen sozusagen auf privater Ebene dafür, dass das Leben des Betreffenden einfach und überschaubar ist und bleibt.

Wenn der Zweck zum Selbstzweck wird

Händer unter fließendem Wasserkran

Das Händewaschen ist vielfach hilfreich und kann zum Zwang werden. © Sarah Laval under cc

Die Gefahr ist, dass der Zweck zum Selbstzweck mutiert. Wenn man in einer Kultur lebt, die davon überzeugt ist, dass es keine übergeordneten natur- oder gottgegebenen Regeln gibt – und wir leben diesbezüglich in einer Zeitenwende, in der sehr viele dieser Überzeugung sind, während das gleichzeitig eine bedeutende Zahl anders sieht – dann kann der Sinn selbstgewählter Regeln nur der sein, dass sie uns ein besseres Leben ermöglichen. Nun sind auch die Vorstellungen, was ein gutes Leben ist recht verschieden, doch irgendwo gibt es Grenzen, bei denen die meisten Menschen überzeugt sind, dass der ursprüngliche Zweck, nämlich das Leben zu erleichtern, zu verbessern und seine Qualität zu steigern, verfehlt wird. Das ist etwa dann der Fall, wenn der Zweck zum Selbstzweck, die Struktur zum Korsett geworden ist. Aber eine klare Grenzlinie gibt es dennoch nicht, die Übergänge sind fließend.

So sind Schrebergärten, ehedem Nutzgärten um zusätzliche Nahrung zu haben, heute für die einen die Fortsetzung der Diktatur mit anderen Mitteln, wenngleich auch hier heute vieles lockerer geworden ist, für andere ein kleines und liebenswertes Idyll. Auch die etwas merkwürdige Aura die dauerhaft zugewiesene Stellplätze auf Campinganalgen haben, muss man mögen. Manchmal ist es so, dass man mit Menschen, die man nicht leiden kann, so eng zusammenlebt, wie es sonst kaum möglich ist. Das läuft dann unter Urlaub und Erholung.

Die deutsche Gründlichkeit

Ganz ohne böse Hintergedanken sind die preußischen oder deutschen Tugenden zum festen Begriff für echte Qualität geworden. Hier lohnt sich ein näherer Blick, bei dem man historisch einiges findet. Die deutschen Tugenden sind eine Mischung aus den Werten der Aufklärung und der evangelischen Reformation. Was erstmal ziemlich dröge wirkt, hatte ganz handfeste Effekte. Der indische Gelehrte Prabhu Guptara schreibt:

„Obwohl ich eine gute Schuldbildung erfahren habe, war mir bevor ich nach Europa kam, niemals bewusst, dass Europa trotz der Errungenschaften des Römischen Reiches eine der ärmsten und am weitesten zurückgebliebenen Regionen der Welt war – bis zur Reformation.“[2]

Dort war es dann, laut Guptara die Mischung aus Fleiß und Arbeit, der Anerkennung der Einmaligkeit des Lebens, Bildung und Alphabetisierung für breite Schichten, Mäßigung und Gehorsam, die eine kumulative Wirkung entfalteten und die Demokratisierung vorantrieben. Der Effekt war, dass Europa zum Turbo wurde und bis in die jüngste Vergangenheit für Fortschritt, Entwicklung und Qualität stand und teilweise noch immer steht, nicht nur auf dem Gebiet der Technologie, sondern auch was Gleichberechtigung und soziale Standards angeht. Der andere Effekt ist, dass es Ländern und Landesteilen mit evangelischer Prägung noch immer wirtschaftlich besser geht, als anderen. Die negativen Seiten, unsere Burnout– und Perfektionismus-Kultur schreibt Guptara nicht dem Evangelismus, sondern postchristlichen Einflüssen zu, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg aufkamen.[3]

Ordnung, Fleiß, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Disziplin, Demut und Bescheidenheit sind also nicht nur verstaubte Tugenden, mit der Tendenz die Bevölkerung zu drangsalieren, sondern haben deutlich messbare Effekte, die historisch tiefe Spuren hinterlassen haben. Menschen, die normale Zwangsstörungen haben, leben zu einem guten Teil diese Tugenden und sie tun es gerne, in diesem Spannungsfeld zwischen tiefer innerer Überzeugung und sich einschleichender Pathologie.

Die Welt ist bedrohlich und muss kontrolliert werden

Zwanghafte Charaktere haben die Welt gerne geordnet und überschaubar, sie wollen wissen, was sie tun und tun sollen. Ihren eigenen Impulsen trauen und folgen sie nicht so gerne, manchmal kennen sie sie kaum, vetrauen lieber der Uhr und einem festen Fahrplan im Leben. Damit man weiß, was kommt und vor Überraschungen gefeit ist. Der immer gleiche Urlaubsort, die immer gleiche Anordnung in den Supermärkten, am besten europaweit. Wer normale Zwangsstörungen hat, findet das attraktiv. Denn spontane Situationen bedeuten Stress, vor allem, weil und wenn sie einen mit unvorhersehbaren Emotionen konfrontieren. Für alles gibt es eine Zeit und passende Dosis, darüber hinaus erscheinen normalen Zwangsgestörten Emotionen als eher verzichtbar, lästig, vor allem viel zu unberechenbar. In einer Welt von Kosten und Nutzen, bedeuten Triebe und Emotionen Querschüsse. Sie bringen nichts, stören nur, warum sollte man sie sich leisten? Und diesen Punkt müssen wir näher beleuchten.

Beziehungsmodelle

Es gibt in Beziehungen mehrere Arten von Zwängen. Die Kontrollzwänge der Narzissten sind in aller Regel aggressiverer Natur, sie wollen wissen, was der andere macht und denkt, um die Kontrolle nicht abzugeben, mächtiger und im Zweifel immer einen Schritt voraus zu sein. Zwanghafte Charaktere haben andere, vordergründig und wohl auch in der Tiefe gutmütigere Motive, umso merkwürdiger, dass ausgerechnet sie immer mit wieder auch mit schroffer Kritik und emotionalen Ausbrüchen anderer konfrontiert sind. Dabei mögen sie Kritik selber eigentlich nicht, reagieren sehr empfindlich auf Fehler, auch auf eigene, denn sie sind extrem gewissenhaft und nicht selten selbst ihre schärfsten Kritiker. Wo andere ihnen schon längst verziehen haben, hängt ihnen ein Fehler lange nach.

Fehler von anderen Menschen mögen sie allerdings auch nicht, aber sie wissen, dass diese ohnehin etwas schludrig und schlampig sind und sehen zähneknirschend darüber hinweg, auch weil Kritik offen zu äußern für sie ein Unding ist. Im Grunde wollen sie von vorn herein deeskalieren und Emotionen aus dem Spiel halten. Das bringt doch nichts, das muss man doch nicht ansprechen, schon gar nicht aufbauschen, außer, wenn Grenzen überschritten sind und der normal Zwangsgestörte sich moralisch im Recht fühlt. Dann darf unter Umständen die ganze Empörung mal raus, nun mit der Sicherheit im Rücken, dass da jemand gegen die allgemeine Regeln und die Ordnung verstoßen hat, denn was man nicht tut, das tut man eben nicht, Punkt.

Uhr in schwarzweiß

Der nächste Pflichttermin wartet schon. © Leticia Chamorro under cc

Und so geht der oft nervtötende Zug der normal Zwangsgestörten auch davon aus, dass sie es ihrer eigenen Empfindung nach gut meinen und anfangen, für andere, die offensichtlich im Planen nicht so firm sind, die Sache mit zu übernehmen. “Hast du auch an dies und jenes gedacht?” Was liebevoll umsorgend sein kann, kann auch in Bevormundung und ein quälendes Abfrageritual münden, bei dem man sich vorkommt, als sei man ein dummes, kleines Kind. “Ich wollte dich nur noch mal daran erinnern, dass du heute um 10:30 Uhr deinen Termin hast, vergiss den nicht.” Irgendwann weiß man, die nächste Erinnerung kommt bestimmt, zuverlässig wie eine Schweizer Uhr. Hier ein Hinweis, da ein Vorschlag und weil der normal Zwangsgestörte meint, für alle anderen mitdenken zu müssen, da sie sonst fraglos im Leben untergehen würden und dazu im eigenen, an sich gut geregelten Leben bei der Konfrontation mit Neuem alle Eventualitäten bedenken und Reaktionsmöglichkeiten fertig haben wollen, sind Menschen mit normalen Zwangsstörungen oft ungeheuer umständlich. Sie wollen effektiv sein, doch ihre Zwanghaftigkeit bringt sie dazu alles noch mal zu durchdenken und verhindert Spontaneität und Kreativität. In dem Labyrinth aus Detail und Ganzem verirren sie sich häufig, weil sie irgendwann nicht mehr einschätzen können, was jetzt gerade als wirklich wichtig angesehen wird und was nur Beiwerk und ein Detail eines Details ist.

Ihr Verhalten provoziert emotionale Reaktionen, denn irgendwann kommt man sich gegängelt, ausgebremst und wie in einem Korsett vor, und diese Reaktionen werden mitunter laut und wütend. Auf derart übertriebene Emotionalität reagieren sie mit Unverständnis. In der frühen Phase einer Verärgerung, in der sich Zwangscharaktere selbst belästigt fühlen, sind sie nicht in der Lage dem anderen zu sagen, wie sehr sie sein Verhalten verärgert. Erst wenn das Maß voll ist, sehen sie sich genötigt große Geschütze aufzufahren und neue Regeln aufzustellen oder dies, über eine Beschwerde beim Vorgesetzen, zu veranlassen. Wenn der andere daraufhin verständnislos fragt, warum man denn nichts gesagt hätte und warum man gleich so übertrieben reagiert, brechen sie mitunter, bei einer derart uneinsichtigen Person, den Kontakt dauerhaft ab.[4] Die Sichtweisen anderer, interessieren sie nicht groß, Neugierde haben sie nur in einen spezifischen Sinn, nämlich dem, zu prüfen, was andere vorhaben könnten, um entsprechend regelnd und vorbeugend einzugreifen.

Wenn der Rahmen fest und sicher ist, dürfen auch Emotionen aufblitzen. Beim Geburtstag freut man sich kurz, bei bestimmten Gesellschaftsabenden wird sparsam gelacht, doch noch während man irgendwo ist, hat man bereits den nächsten, unaufschiebbaren Termin im Kopf und sei es nur, dass am Abend, zur stets festgelegten Zeit, der Frühstückstisch gedeckt wird.

Dass Emotionalität gar kein Fehler, sondern eine Bereicherung des Lebens ist, ist etwas, was in ihrer Vorstellungswelt so gut wie gar nicht vorkommt. Was hat man auch von vorschnellen Meinungsäußerungen, unbedachten Reaktionen, lautem Gegacker oder Flirts, ohne echte Absichten? Das bringt nichts, kostet Zeit und stiftet nur Verwirrung. So findet alles emotional runter reguliert, ohne größere Ausschläge statt, die Form bleibt gewahrt, die Situation in jeder Zeit beherrschbar, der Blick auf die Uhr zeigt, dass es gleich sowieso vorbei ist, der nächste Termin wartet schon, warum hier noch etwas investieren?

Es kann sein, dass ein Mensch mit normalen Zwangsstörungen einen sehr emotionalen Menschen als Partner hat. Das kann durchaus gut gehen und eine stabile Beziehung ergeben, in der der zwanghafte Mensch den emotionalen Anteil durch den anderen leben lässt und gleichzeitig über dessen Emotionalität mit Gefühlen in Kontakt kommt, der emotionale Mensch findet in der etwas dröge reduzierten Version hingegen die ihm abgehende Sicherheit und Struktur. Genauso gut kann es sein, dass die Situation schnell eskaliert der zwanghafte Mensch es nicht erträgt, weil er denkt, er sei im Irrenhaus gelandet und der emotionale Mensch verzweifelt, weil er sich ständig wie neben einem kalten Stein oder in eine Zwangsjacke gesteckt fühlt.

Ordnung ist das halbe Leben

Wenn das so ist, wären Chaos oder Unordnung eigentlich die andere Hälfte, aber beim normal Zwangsgestörten kommt zur Ordnung noch Gründlichkeit und Sauberkeit. Wenn man dafür sorgt, dass man von früh bis spät zu tun hat, können die Gedanken nicht so lange umherwandern und schon gar nicht in Regionen, die vielleicht bedrohlich sind. Geheime Wünsche, Lüste und Phantasien, die dann, oft in einem durchaus auch symbolischen Akt, weggeputzt, geräumt, geordnet und geheftet und damit im doppelten Sinne ad acta gelegt werden.

Die Umgebung wird so reinlich bis steril gehalten, wie man es sich für die Psyche wünscht und meistens bringen diese zwangsrituellen Akte durchaus einen gewissen Erfolg. Ich kannte eine Hausvermieterin, die täglich ihre Wohnung putzte, das Treppenhaus des Hauses und des Nachbarhauses gleich mitreinigte und wenn nichts mehr half wurden die Rasenkanten mit der Schere beschnitten oder Büsche ausgegraben. In ihrem privaten Umfeld hätte es durchaus Grund zur Trauer gegeben, das tägliche und ausgeprägte Programm verhinderte das.

Das ist wohl auch der tiefere Sinn, spontane Impulse sowie stundenlange Grübeleien zu verhindern, durch ein immer wiederkehrendes, oft eng gestaffeltes Pflichtprogramm, an dem man sich dann durch den Tag hangelt und das kaum Zeit und Raum für Störungen diverser Art gibt. Überraschungsbesucher und -anrufer merken dann auch, dass ihr kühner Vorstoß gerade jetzt fürchterlich unpassend ist und nach dem zehnten Mal haben sie dann auch begriffen, dass ein Kontakt außer der Reihe generell unerwünscht ist, er stört die Ordnung, die Routine, selbst der Postmann klingelt hier nicht zwei mal.

So ist die Rückkehr in die Routine und Ordnung auch ein echtes Bedürfnis. Man weiß was zu tun ist, ob man die Rechnungen sortiert, den Sittich füttert, die Temperatur abliest oder erst mal den Boden saugt ist dabei egal, Hauptsache man ist wieder im sicheren Hafen. Woran andere langsam ersticken, lässt normal Zwangsgestörte endlich wieder durchatmen. Ein zwanghafter Mensch erzählte mir mal, wie er nach seiner Meinung zu einer Ärztin gefragt wurde. Er lavierte herum und erging sich in Oberflächlichkeiten, bis herauskam, dass die Ärztin eine Bekannte des Fragenden war. Er war erleichtert, dass er sich nicht zu einer eigenen Meinung hat hinreißen lassen, die für Nachfragen und emotionale Irritationen hätte sorgen können und die Ebene des Small Talks wurde zum Glück nicht verlassen.

Eine Frage der Ethik

Soll man normale Zwangsstörungen nun therapieren oder diese Menschen einfach an eine Stelle setzen, an der sie gut zu gebrauchen sind? Selten wollen sie im Rampenlicht stehen, sind aber pünktlich, zuverlässig und bescheiden, mucken nicht auf und sind gründlich. Der ideale Zuarbeiter im Hintergrund. Soll man es (aus)nutzen, dass einige Menschen so sind, sie zur allseitigen Zufriedenheit putzen, ordnen und Akten studieren lassen, oder soll man sie therapieren?

Denn auch das ist geklärt: Menschen, mit einem normalen bis mittleren Zwangscharakter sind leicht gestört, auf der anderen Seite leiden sie überproportional stark, wenn man die Leichtigkeit ihrer Störung mit den Symptomen und dem Hang zur Unzufriedenheit und Selbstkritik in Relation setzt. Und der Druck, der immer da ist. “Ich hab’ gerne alles fertig man weiß nie, was noch kommt.” Wie immer ist es wohl vom Einzelfall und dem Leidensdruck abhängig, ob jemand meint, dass er sich therapieren lassen sollte oder ob jemand eher meint, dass die Welt noch nicht aufgewacht ist und einfach noch nicht erkannt hat, was die Übernahme der eigene Lebensweise doch für Vorteile brächte.

Warum normale Zwangsstörungen?

Büroflur mit Neonlicht und Pinwand

Der triste Charme der Büroflure, einer Herzkammer der Bürokratie © Michael Herzog under cc

In einem Land wie unserem in der wesentliche Anteile des kulturellen Selbstverständnisses und der Geschichte mit den deutschen oder preußischen Tugenden eng verwoben sind, auch dann, wenn man kein Protestant ist, können normale Zwangsstörungen gut kaschiert gelebt werden. Der arbeitsame, strebsame Mensch bekommt eher noch Schulterklopfer, wer krank zum Dienst erscheint wird nicht gefragt, was mit ihm nicht stimmt und ob er nicht mal in Therapie gehen will, sondern es wird nahezu erwartet, dass man auch mit ‘Zipperlein’ seine Pflicht erfüllt. Von einer Kritik an Putz- und Ordungszwängen bleiben tüchtige Hausfrauen, nicht nur die schwäbischen, verschont. Für sie ist es oft ein Gütesiegel. Bis zur Arbeitssucht, dem Burnout und der soliden Selbstausbeutung haben wir alles schon durchexerziert, manches in einer überbordenden Bürokratie institutionalisiert und erst die Generation Y nimmt den Begriff der Work-Life-Balance wieder ernst und siedelt Entspannung und Sinnfindung auf der Prioritätenliste weiter oben an.

Überstrukturierung versus Unterstrukturierung

Um es noch mal klar zu sagen: Überstrukturierung ist allemal besser, als Unterstrukturierung. Überstrukturierung würde alles in allem einer neurotischen Persönlichkeit entsprechen, Unterstrukturierung geht mit schweren Persönlichkeitsstörungen einher. Zwar kann auch eine mitleidlose bürokratische Einstellung, die nur noch Vorgänge und Fälle sieht und nicht mehr den Menschen dahinter, sadistische und damit schwerer gestörte Elemente enthalten, da muss man nicht erst auf die berüchtigten Konzentrationslager zurückgreifen. Auch Kafka beschrieb in vielen seiner Geschichten die Ausweglosigkeit der das Individuum in der Konfrontation mit kalten, anonymen Systemen begegnet. Doch hier geht es weniger um die Fusion von zwanghaften und sadistischen Elementen, im Fokus waren bewusst die milderen Fälle, normale Zwangsstörungen, von Menschen, die in aller Regel eine gut organisierte und integrierte Persönlichkeitsstruktur haben und sich selbst und anderen durch liebevolle, oft überflüssige und nervtötende, Zorn und Abwehr erzeugende, aber doch gut gemeinte Zwänge im Weg stehen.

Wie kann man zwanghaften Menschen helfen?

Menschen, denen man sagen möchte, dass sie sich mal locker machen sollen, wüsste man nicht, dass das allein nichts bringt. Mehr bringt es, auch auf ihre Ratschläge einzugehen und ihre Hinweise zu wertschätzen und ihnen in diesem anerkennenden Kontext das Gefühl zu geben, dass sie sich nun, zumindest für eine Zeit entspannen können, etwa, weil man klarstellt, dass man für die nächste Zeit selbst die Verantwortung übernimmt. Manche sind ganz glücklich in ihrer kleinen Welt und haben einfach Spaß an Ordnung. Man sollte sie nicht mit dringenden Arbeiten überfallen und sie vor Überraschungen und der Notwendigkeit zur Improvisation verschonen. Man sollte sich nicht in ihr System hineinziehen lassen, ihre Art das Leben zu leben aber auch nicht durch den Kakao ziehen und konstruktiv schauen, wo sich die eigenen Stärken mit denen der anderen gut ergänzen.[4] Wo man den Eindruck hat, dass das Leid zu groß ist oder andere Menschen stark in Mitleidenschaft gezogen werden, wäre der Vorschlag eine Therapie zu beginnen, etwas, was man ernsthaft in Erwägung ziehen könnte.

Zen: die Ordnung als Weg

Zen ist hier sozusagen der Griff zu den Sternen. Die strenge Form des Zen ist für Menschen mit einem zwanghaftem Charakter geradezu ideal und passt wie die Faust aufs Auge. Doch der Sinn des Zen ist nicht in der starren Form zu verharren, sondern die formal strengen Aspekte sollen irgendwann transzendiert werden und in eine zuvor nicht und nie gekannte Freiheit führen. Inwieweit man äußere Formen dann beibehält oder ändert, ist fast zweitrangig, was sich im guten Fall ändert, ist das eigene Bewusstsein. Die äußere Form ist nun kein Korsett für Zwänge mehr, sondern Ausdruck einer inneren Freiheit. Manchmal geht dem ein sehr langer Weg voraus, gelegentlich trifft einen die Erkenntnis, wie ein Blitzschlag.

Quellen: