Ständig verantwortlich fühlen für die Stimmungen anderer Personen heißt zum Beispiel, dass du unruhig wirst, sobald dein Gegenüber genervt oder angespannt ist. Automatisch fragst du dich, ob du etwas falsch gemacht hast. Es kann auch bedeuten, dass du dich schlecht fühlst, wenn du einer Person keinen hilfreichen Rat geben kannst, die sich mit einem Problem an dich wendet (selbst wenn die Person generell Ratschläge abblockt). Vermutlich fühlst du dich auch übermäßig schuldig, sobald du eine Grenze gegenüber anderen setzt. Und du sorgst immer irgendwie dafür, dass die Harmonie daheim gewahrt bleibt. Kurzum, wenn jemand traurig, wütend, distanziert oder angespannt ist, springt bei dir das Gefühl an, etwas tun oder auffangen zu müssen.

Wahrscheinlich zählst du zu den Menschen, die früh lernen mussten, die Emotionen anderer schnell einzuordnen und auszugleichen. Damit du dich als Kind selbst sicher fühlen konntest. Vielleicht hast du schon damals gespürt, wenn sich die Stimmung in einem Raum abgekühlt hat. Dann warst du bemüht, Konflikte zu vermeiden, Menschen zu beruhigen oder dich angepasst zu verhalten, damit „alles wieder okay“ wird. Wie kannst du nun lernen, diese Überverantwortung für die Stimmungen anderer abzulegen? Vor allem in Beziehungen, die dysfunktionale Muster aufweisen, beispielsweise, wenn einer der Beteiligten seine negativen Emotionen und Frustrationen am anderen abarbeitet, wird es wichtig, sich emotional abzugrenzen (und auch größtmögliche physische Distanz zu schaffen).

Ständig verantwortlich? Von Schutz zu Überverantwortung

Blatt auf grauem Boden

Sich nicht ständig verantwortlich fühlen und von seiner Umgebung abzugrenzen, ist eine hohe Kunst. © Rosmarie Voegtli under cc

Damals, in der Kindheit, war die Wachsamkeit eine sinnvolle Anpassungsreaktion. In emotional instabilen, unberechenbaren oder angespannten familiären Umfeldern lernen Kinder, bereits kleinste Veränderungen zu erspüren, und entwickeln emotionales Monitoring als eine Bewältigungsstrategie:

  • Wer ist schlecht gelaunt? Wer wirkt distanziert?
  • Droht Streit? Wird jemand ärgerlich?
  • Was kann ich tun, um das einzudämmen?

Einst betroffene Kinder tragen bis heute unbewusst diese emotionale Verantwortung für andere, obwohl sie diese gar nicht tragen müssten. Auch als Erwachsene fühlen sie sich schnell schuldig, verantwortlich und angespannt, sobald andere traurig, gereizt, enttäuscht oder zurückgezogen wirken. Das gilt insbesondere für Partnerschaften, also sobald eine tiefe emotionale Verbindung gegeben ist, aber auch für andere soziale Beziehungen. Zeigt sich eine Person in ihrem Umfeld in einer negativen Stimmung, „ploppen“ bei ihnen Gedanken auf wie:

  • Habe ich etwas falsch gemacht?
  • Ist die Person sauer auf mich?
  • Könnte sie mein Gesagtes/Geschriebenes missverstanden haben?
  • Sollte ich mich melden?
  • Wie kann ich die Anspannung wieder ebnen? Was sollte ich sagen/tun?

Anpassung des Verhaltens je nach emotionaler Lage

Oftmals tun Menschen, die sich ständig verantwortlich fühlen, dann sogar Dinge zu ihrem Nachteil. Sie lassen die andere Person in einem guten Licht erscheinen, selbst wenn diese sich problematisch verhalten hat, und nehmen die Schuld auf sich. Sie tun so, als seien sie es, die etwas missverstanden hätten, und ordnen sich unter. Sie sind besonders auf Loyalität bedacht, selbst wenn sie erkennen, dass das Verhalten ihres Gegenübers nicht in Ordnung war. Das alles tun sie, um die Stimmung nicht zu gefährden, und auch, weil sie Angst davor haben, sie könnten die Person andernfalls verlieren. Dank dieser frühen Prägung der emotionalen Überverantwortung bist du quasi der „ideale Gegenpart“ für eine Person, die für ihre Emotionen keine Verantwortung übernimmt, diese immer wieder bei dir ablädt und dich damit sozusagen in einer emotionalen Reaktionsschleife hält.

Empathie ungleich emotionale Verantwortung

Mann mit blonden Haaren schaut durch Kamera im Spiegel

Neben Empathie ist auch ein gewisser innerer Abstand wichtig, um nicht in eine emotionale Überverantwortung zu wechseln. © Marcin Grabski under cc

Natürlich sollst du nicht kalt oder egoistisch agieren. Eine emotional gesunde Abgrenzung heißt nicht, dass dir alles egal werden soll. Aber Empathie ist oft ein missverstandenes Konzept, da sie nicht dafür steht, die emotionale Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen. Vielmehr bedeutet Empathie: Ich erkenne deine Gefühle an, aber ich muss sie nicht für dich lösen.

Du kannst zuhören, verständnisvoll sein und Mitgefühl zeigen. Aber es ist nicht notwendig, dich selbst dabei aus den Augen zu verlieren. Du musst niemanden dauerhaft stabilisieren, „retten“ oder emotional tragen. Erwachsene Menschen sind grundsätzlich selbst für ihre Gefühle, Reaktionen und ungelösten Themen verantwortlich.

Schnelle Schuldgefühle

Wenn du abgegrenzt bleibst, obwohl dein Gegenüber sich in einer negativen Stimmung befindet, kann sich das zunächst erst einmal ungewohnt anfühlen. Gerade Menschen mit einem starken Harmoniebedürfnis fällt das zunächst schwer. Sie werden regelrecht innerlich unruhig, wenn ihr Gegenüber in unguter Stimmung ist. Manche entschuldigen sich vorschnell, obwohl sie nichts falsch gemacht haben. Andere beginnen sofort, Probleme lösen zu wollen, die eigentlich gar nicht in ihrer Verantwortung liegen. Sie fühlen sich schuldig, sobald sie keinen angemessenen Tipp geben können. Wieder andere verlieren sich so sehr im emotionalen Zustand ihrer Beziehungspersonen (in toxischen Beziehungen), versuchen, diese emotional stabil zu halten, dass sie selbst keine innere Stabilität mehr spüren. Jenes wäre dann ein Übergang zur Co-Abhängigkeit.

Ständig verantwortlich fühlen? Emotionale Abgrenzung wichtig

Emotionale Abgrenzung startet mit der unbedingten Erkenntnis: Menschen sind erschöpft, gestresst, überfordert oder emotional verschlossen — ohne dass du dafür verantwortlich bist. Solange du dich emotional reif und respektvoll verhältst, wäre jenes also streng genommen nie der Fall. Grundsätzlich sollten erwachsene Menschen Frust, Wut oder Unsicherheit erleben können, ohne dass du diese Gefühle für sie regulieren musst. Leider ist diese Verantwortungsübernahme für die eigenen Gefühle bei vielen Menschen nicht der Fall. Nicht wenige regulieren ihre Gefühle sogar über die Kinder und machen diese zum Sündenbock.

Wenn andere ihre Gefühle über dich regulieren

Anders ausgedrückt, Menschen, die für ihre Gefühle keine Verantwortung übernehmen wollen, versuchen, dich emotional zu erreichen. Sie haben für sich gelernt, ihre Gefühle, Frustrationen, Anspannungen über die Personen in ihrem Umfeld zu regulieren. Ziel ist es, sich anschließend wieder besser zu fühlen. Für diesen destruktiven Bewältigungsmechanismus werden sie keine Personen nehmen, die sie verlieren könnten oder bei denen sie sich in einer schlechteren Position befinden (etwa gegenüber Vorgesetzten etc.). Instinktiv werden sie Emotionen an Menschen abarbeiten, die das „über sich ergehen lassen“, weil sie beispielsweise empathisch sind und auch weil sie es nicht anders kennen.

Erkenne deinen Wert!

Mit kleineren korrigierenden Erfahrungen kannst du umlernen, damit du dich nicht mehr ständig verantwortlich fühlst, sobald dein Gegenüber eine negative Stimmung aufweist. Zum Beispiel könntest du …

  • … nicht sofort auf jede angespannte Nachricht deines Gegenübers reagieren
  • … andere Menschen ihre Gefühle selbst sortieren lassen und die Ungewissheit aushalten
  • … Stimmungen anderer nicht persönlich nehmen
  • … Unstimmigkeiten und Meinungsverschiedenheiten aushalten, ohne sofort zu beschwichtigen
  • … bewusst wahrnehmen: „Ich bin sicher, auch wenn jemand gerade angespannt ist. Für mein persönliches Leben und Erleben ändert sich nichts.“

Mit der Zeit wird so dein Nervensystem spüren, dass deine emotionale Sicherheit nicht davon abhängt, ständig alles kontrollieren zu müssen. Stimmungen dürfen kippen und sie gehen auch wieder vorüber, ohne dein Eingreifen. Du musst lediglich darum bemüht sein, deine eigenen Gefühle im Lot zu halten und regulieren zu können. Du musst lediglich respektvoll bleiben.

Die richtige Portion Trost spenden

Mann liegt auf Steinboden, aus seitlicher Perspektive.

Viele, die sich für andere verantwortlich fühlen, geraten in eine Erschöpfung. © philhearing under cc

Wenn Menschen sich mit ihrem Leid an dich wenden, kannst du sie beruhigen und emotional auffangen – in einem gesunden Maß. Eine ausgewogene emotionale Abgrenzung ist auch dadurch definiert, für sich unterscheiden zu lernen: Was gehört zu mir – und was gehört zur anderen Person?

Für die richtige Portion Trost, ohne in eine Überverantwortung zu gehen, könntest du dich an den folgenden „Richtlinien“ orientieren:

  • Zeige Mitgefühl, ohne dich emotional aufzuopfern.
  • Setze innerlich Grenzen, sobald du beginnst, zu viel Verantwortung zu übernehmen.
  • Blende etwaige Schuldgefühle aus. Sie sind ein Muster aus der Vergangenheit und stehen nicht für die tatsächliche Situation.

  • Verschaffe dir nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich genügend Abstand, sobald jemand dich überbeanspruchen möchte, indem er übermäßig viel deine Unterstützung „einfordert“.

Konsequenz: Dynamik verändert sich

Wenn du aufhörst, dich ständig verantwortlich zu fühlen für die Emotionen anderer, verändert sich auch die Dynamik in Beziehungen. Menschen, die gewohnt waren, ihre Emotionen stark nach außen zu tragen oder andere unbewusst in die Verantwortung zu ziehen, reagieren mitunter irritiert auf deine neuen Grenzen. Denn das bisherige Muster funktioniert nicht mehr.

Ausgeglichene Verbindungen gestalten

Es kann sein, dass die Menschen, die bisher von deiner Überverantwortung „begünstigt“ wurden, plötzlich abwehrend sind und dich als egoistisch bezeichnen. Jedoch heißt das nicht, dass deine Abgrenzung falsch ist. Im Gegenteil: Emotional ausbalancierte Beziehungen basieren darauf, dass zwei Menschen jeweils Verantwortung für ihre eigenen Emotionen übernehmen. Sie nehmen aufeinander Rücksicht und stehen sich auch hin und wieder unterstützend zur Seite. Aber: Ihr Füreinander da sein kommt keiner emotionalen Selbstaufgabe gleich. Für ein ausgewogenes soziales Miteinander kannst du …

  • … präsent bleiben, ohne dich selbst zu verlieren.
  • 
… empathisch sein, ohne emotional auszubrennen.
  • 
… lernen, anderen Menschen ihre Gefühle zu lassen, ohne sofort in Alarmbereitschaft zu geraten.

Jedes Mal, sobald du nicht mehr automatisch in die emotionale Verantwortung für andere gehst, entsteht ein neuer Erfahrungsraum. Für dich und auch für die andere Person. Du hast die Chance, für dich Sorge zu tragen. Und sie hat die Chance, dasselbe für sich zu tun. Zum ersten Mal wirst du dann etwas spüren, das dir vielleicht lange unbekannt war: emotionale Freiheit. Wenn du dich nicht mehr ständig verantwortlich fühlen willst, solltest du bewusst aufhören, fremde Gefühle dauerhaft mitzutragen.

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