Jeden Morgen geht Timo H.* geduscht und frisch gekleidet aus dem Haus, zur Arbeit in einer Bank und einem Chef, der seine perfekt organisierte Arbeitsweise sehr schätzt – kein typisches Leben als Messie, so möchte man meinen. Der Vierzigjährige wird sich auf dem Weg noch einen Snack holen, denn die Zubereitung eines Frühstücks ist in seinem Zeitplan nicht vorgesehen.
Darüber hinaus gibt es in seiner Küche ein nicht unwesentliches Problem: Er kann sie nicht betreten. Vor der Spüle stapeln sich Zeitungen und Magazine. Auch Schuhkartons und deren Inhalte sind dort aufgetürmt sowie technische Geräte, neu gekauft und aus zweiter Hand, aber auch altes vom Schrottplatz. Timo hat bisher weder die Schuhe getragen, noch hat er die Geräte benutzt, dennoch ist ihm das “Ausmisten” unmöglich.

Leben als Messie: Dinge horten

Leben als Messie: Dinge horten © Kevin Utting under cc

Während er in seiner Zweiraumwohnung zwischen Kartons, Säcken, blauen Tüten und losen Kleidungsstücken Laufwege eingeplant hat, ist die Küche fast nicht mehr begehbar. Einzig das Badezimmer, für Körper- und Kleidungswäsche, sowie die Hälfte seines Doppelbettes sind frei. Timo weiß, dass seine Art, ein Leben zu führen, die eines Messies ist. Ein Großteil seines Gehalts geht dafür drauf.
Oft kann er das Chaos nicht ertragen, richtig wohl fühlt er sich zu Hause schon lange nicht mehr.

Pathologisches Horten und Sammeln

Gekennzeichnet ist das pathologische Horten und Sammeln durch das nutzlose beziehungsweise begrenzt wertvoll erscheinende Sammeln verschiedener Dinge (Schön et al., 2013). Damit einhergehen die Schwierigkeit, eine Aussortierung vornehmen zu können, sowie Unordnung und Beeinträchtigung des Lebensraumes und deutlicher Leidensdruck.

Gibt es Auslöser für ein Leben als Messie?

Begonnen hat Timos Horten von Dingen nach dem Tod seines Vaters. Etwa zeitgleich war die Scheidung zu seiner Frau nach zehnjähriger Ehe und Timo fühlte sich von den unkontrolliert auf ihn hereinstürzenden Veränderungen übermannt. Jetzt sehe er nur alle zwei Wochen für einen Nachmittag seine Tochter, der einzige regelmäßige Termin in seinem privaten Leben, den er um nichts in der Welt verpassen würde.

Ähnlich wie Timo können manche Personen, die ein Leben als Messie führen, vermutete Auslöser benennen. Sei es eine traumatisierende Erfahrung in der Kindheit, als die Mutter eigenmächtig ein Lieblingsspielzeug wegwarf, sei es der Verlust eines geliebten Menschen, dessen Erinnerungsstücke man begonnen hat aufzubewahren. Andere haben womöglich schon immer einen unbestimmten Hang zum Sammeln verspürt.

Häufigkeit des “Messie-Syndroms” und andere Erkrankungen

Leben als Messie als eigenständiges Krankheitsbild?

Leben als Messie als eigenständiges Krankheitsbild? © Richard Masoner/Cyclelicious under cc

In Deutschland führen schätzungsweise knapp 6 Prozent der Bevölkerung ein Leben als Messie (gemäß Timpano et al., 2011). Dabei gibt es keinen Unterschied in den Häufigkeiten zwischen Männern und Frauen.
Einige der Personen, die ein Leben als Messie führen, sind ohne Arbeit, krankgeschrieben, andere gehen einem geregelten Arbeitsalltag nach.

Pathologisches Horten kann bei verschiedenen psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen auftreten, zum Beispiel bei Ängsten und Zwängen, was aber nicht zwingend der Fall sein muss (Schön et al., 2013). Diskutiert wird in der Fachwelt, inwiefern pathologisches Horten als eigene Diagnose in den Klassifikationssystemen abgebildet werden sollte (vgl. z.B. Review von Mataix-Cols et al., 2010: Hoarding Disorder, DSM-V). Diesbezüglich besteht also noch weiterer Forschungsbedarf.

Um ein Leben als Messie besser verstehen zu können, wird in Teil zwei unserer Serie zum “Messie-Syndrom” das klinisch-psychologische Erscheinungsbild näher betrachtet.

*Name von der Redaktion geändert

Quellen:

  • Mataix-Cols, D., Frost, R.O., Pertusa, A., Clark, L.A., Saxena, S., Leckman, J.F., Stein, D.J., Matsunaga, H. & Wilhelm, S. (2010). HOARDING DISORDER: A NEW DIAGNOSIS FOR DSM-V?. DEPRESSION AND ANXIETY 27, 556–572.
  • Schön, D., Wahl-Kordon, A. & Zurowski, B. (2013). Pathologisches Horten und Sammeln als Erkrankung des Zwangsspektrums. PSYCH up2date 2013, 7(01), 21-32. Stuttgart: Georg Thieme Verlag.
  • Timpano, K.R., Exner, C., Glaesmer, H., Rief, W., Keshaviah, A., Brähler, E. & Wilhelm, S. (2011). The Epidemiology of the Proposed DSM-5 Hoarding Disorder: Exploration of the Acquisition Specifier, Associated Features, and Distress [CME]. Journal of Clinical Psychiatry, 72(6), 780-786.