Streichhölzer mit grünen Köpfen

Wenn etwas irgendwie anders ist, registrieren wir es viel eher. © MiloszB under cc

Psychosomatische Zusammenhänge durchziehen unser Leben. Oft meint man, Psychosomatik sei ein seltenes Bindeglied zwischen Körper und Psyche.

Demzufolge gibt es in der Vorstellung einige rein psychische, dann rein somatische oder körperliche Phänomene und Erkrankungen und eine Mitte, die irgendwie psychosomatisch zu sein scheint. Doch diese Sicht ist falsch, was man leicht erkennen kann, wenn man der Sache etwas auf den Grund geht. Das wollen wir versuchen.

Welche Ereignisse sind psychosomatisch?

Als einer der Klassiker der Psychosomatik galt das Magengeschwür. Man ärgerte sich, wurde sauer, der Magen auch und fertig ist das Magengeschwür. Bis man dann das Bakterium Helicobacter fand, was für die meisten Fälle der sogenannten Magengeschwüre verantwortlich war, was also nichts mehr mit dem schönen Zusammenhang.

Dabei ist der Ansatz völlig falsch. Fragen wir lieber, wann, unter welchen Bedingungen etwas als psychosomatisch gelten darf oder soll: Ist etwas nur dann psychosomatisch, wenn einem körperlichen Leiden einzig und allein eine ungelöste psychische Problematik voraus geht? Man kann es so sehen, kommt dann aber sofort in immense theoretische Schwierigkeiten. Man muss nämlich bei einer solchen Konstruktion irgendwann klären, wie denn die Psyche auf den Körper einwirkt. Dass beide verbunden sind, ist in der Psychosomatik gesetzt, aber wie eigentlich?

Dem steht das alte und schwere Dualismusproblem im Weg, was ausformuliert bedeutet: Wenn die Psyche irgendwas anderes als der Körper ist, also aus einem anderen ‚Material‘ besteht (also geistig oder seelisch ist) oder sich woanders befindet, dann braucht es irgendeinen Ort wo Psyche und Körper zusammenkommen, sonst können sie sich schlicht nicht beeinflussen. Diesen Ort, Punkt oder Bereich hat man bis heute nie gefunden.

Von der Zirbeldrüse des Descartes mal abgesehen, würden wir heute Neurotransmitter, Metaphern oder Überzeugungen im Verdacht haben Umschlagpunkte zu sein, aber wir haben noch immer keine wirklich guten Einblicke, wie das denn nun genau vor sich geht. Wie wird denn nun aus einem Neurotransmitterausstoß ein Gefühl, eine Einstellung, eine Überzeugung oder umgekehrt? Wir wissen es einfach nicht. Der Dualismus ist theoretisch unbefriedigend. Man kann behaupten, dass die Psyche für Rückenschmerzen sorgt, wenn man gestresst ist, aber man findet keine Erklärung, wenn man die Psyche vom Körper abkoppelt, aus beschriebenen Gründen.

Die Alternative ist irgendeine Art von Monismus, sprich: alles ist Materie oder alles ist Geist/Seele. Im Grunde ist hier auch nichts gut erklärt, aber wenigstens müssen wir keine zusätzliche Umwandlung dessen, was wir schon nicht gut erklären können hinzufügen. Wenn wir aber monistisch vorgehen, dann meint das, dass alles aus einem ‚Stoff‘ besteht, aber eben auch, dass alles unmittelbaren Zugang zu uns Menschen hat, die immer eine psychosomatischer Einheit sind.

Die Einflüsse selbst können stärker oder schwächer sein, mehr oder weniger stark wirken, aber das ist kein Wunder, sondern Alltag. Viele Umweltreize, innere Eindrücke, Gedankenfetzen nehmen wir überhaupt nicht wahr, sehr viele extrem kurz, bevor wir sie sofort wieder vergessen und oft schaffen es nur wenige Reize, vor allem wenn sie quer zu unseren Erwartungen stehen, unsere bewusste Aufmerksamkeit zu erregen.

Unser gesamter Zugang zur Welt ist psychosomatisch

Es kommt wenig in unserem Bewusstsein an, wenn wir uns nicht bewusst darauf fokussieren, das ist ein ganz angenehmer Normalfall, der zeigt, dass es uns recht gut geht. Wir funktionieren einfach, ohne uns sonderlich auf etwas außerhalb dessen, worum wir uns gerade kümmern wollen, wie Arbeit, Ausflug oder Fernsehsendung achten zu müssen.

Das wird sofort anders, wenn wir plötzlich unter Schmerzen, Sehstörungen oder Schwindel leiden, dann wird die Normalität unterbrochen und wir sind irritiert. Vielleicht nur für einen kurzen Moment, manchmal für länger. Das ist die Psychosomatik des Alltags, Signale des Körpers, die von der Norm abweichen verunsichern uns und verlangen nach einer Erklärung. Manchmal ist die ganz einfach: Wir erinnern uns, uns gestoßen zu haben, daher der Schmerz. Wir haben wenig geschlafen und hatten Stress, daher der Schwindel und die Sehstörung verschwindet vielleicht nach kurzer Zeit von selbst und wir vergessen sie ganz einfach. Wir geraten dann in Sorge, wenn die Symptome immer wieder kommen.

Unsere Sprache und Alltagserleben ist voll von psychosomatischen Beziehungen: Uns stockt der Atem. Wir spüren, wie sich der Magen zusammen zieht, wie eine unsichtbare Faust. Wir merken, wie wir schwitzen, zittern, das Herz pocht oder dass wir erröten. Wir haben Schiss, also Durchfall oder den Drang aufs Klo zu müssen, natürlich ist auch sexuellen Erregung eine psychosomatische Reaktion und ein freudiges Strahlen oder ein befreiender Jubelschrei ist nichts anderes. Psychosomatik ist also nicht nur unangenehm und auf Krankheiten bezogen, sondern meint einfach die Einheit von Psyche und Soma/Körper, die immer gegeben ist. Wir müssen diese Einheit nicht suggerieren oder künstliche herstellen, sondern uns nur bewusst machen, dass sie unser alltäglicher Hintergrund ist. Die Trennung zu vollziehen, ist der künstliche Schritt.

Was immer in unser Bewusstsein tritt ist psychisch und wirkt sich auch auf unseren Körper aus. Messbar als Hirnaktivität, Herzfrequenz, Hautwiderstand, Blutdruck, Muskelspannung, Atemfrequenz und -tiefe, Hormonregulation und so weiter. Der Zusammenhang kann mal stärker und mal schwächer sein, all das soll noch einmal illustrieren, dass es psychosomatische Zusammenhänge immer gibt und diese kein seltener Sonderfall im Leben sind, sondern der Normalzustand, was dann auch Krankheiten betrifft. Sie sind immer psychosomatisch.

Entweder direkt, so dass wir uns auch bei einem fiebrigen Infekt schlapp und heiß fühlen oder indirekt, indem eine Auswertung einiger Parameter beim Arzt uns in Sorge versetzt, manchmal sogar umhaut oder auch erleichtert. Probleme entstehen erst dann, wenn man versucht einige Krankheitszusammenhänge als psychosomatisch darzustellen und irgendwie künstlich abzutrennen, was eigentlich gar nicht nötig wäre.

Wie ist es denn in der Praxis?

Nicht nur in der medizinischen, auch in der forschenden Praxis und dem Alltag von Menschen ist die Einheit von Psyche und Körper sonnenklar. Wenn man sich mal in speziellen Internetforen umschaut, in denen Menschen sich einander weiter helfen, die mitunter gewaltige Angst vor körperlichen Erkrankungen haben, dann findet man sehr hohe Beitragszahlen in jenen Rubriken, die wir psychosomatisch nenen würden.

Sehr prominent ist die Herzneurose oder Herzangst vertreten, aber auch die Angst vor ALS, Krebs, Corona oder den Impfungen davor. Ein fließender Übergang zwischen Angststörungen, Hypochondrie und Konversionssymptomen, vor allem sind es Menschen, die so stark irritiert sind, dass manchmal ihr gesamter Alltag um Syptome, Blutwerte und medizinische Meßergebnisse kreist.

Bei wiki finden wir:

„Zum klinischen Anwendungsbereich der psychosomatischen Medizin zählen:

  • körperliche Erkrankungen mit ihren biopsychosozialen Aspekten (z. B. Krebskrankheiten und ihre Bewältigung; siehe auch Psychoonkologie)
  • physiologisch-funktionelle Störungen (als Begleiterscheinungen von Emotionen und Konflikten sowie als direkte oder indirekte Reaktion auf psychische oder physische Traumata; siehe auch Posttraumatische Belastungsstörung und Anpassungsstörungen).
  • dissoziative Störungen (Konversionsstörungen): körperliche Symptome, die auf unbewusste Konflikte zurückgehen
  • Hypochondrie: die Überzeugung, an einer Krankheit zu leiden, und krankhaftes Interesse an Gesundheit und Beschwerden seelische Störungen, die mit körperlichen Missempfindungen einhergehen: Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen.
  • seelische Erkrankungen, die körperliche Auswirkungen haben: Essstörungen.
  • Folgen verantwortungslosen Umgangs mit der eigenen Gesundheit (z. B. Konsum gesundheitsschädlicher, suchterzeugender Genussmittel und Drogen)

Die psychosomatische Medizin beschäftigt sich auch mit somatoformen Störungen als Sonderformen psychosomatischen Geschehens, bei denen kein organischer Befund nachweisbar ist und psychische Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptome eine bedeutsame Rolle spielen. Häufig vorkommende Beschwerden, die dieser Gruppe zugeordnet werden, sind unter anderem Schmerzen und funktionelle Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems, des Magen-Darm-Bereiches und des Skelett- und Muskelsystems.“[1]

Kurz und gut, die Psychosomatik umfasst so gut wie jeden Bereich, ist aber zugleich immer noch ein Stiefkind. Vorbehalte gibt es nach wie vor auf Seiten der Ärzte und Patienten, auch wenn diese weniger werden, doch teilweise wird noch zwischen richtig krank und psychosomatisch fälschlich unterschieden.

Die Wirkung

Zeichnung von Gesicht im Profil mit Flammen

Der Kunst gelingt es oft psychosomatische Zusammenhänge darzustellen, hier vielleicht ein brennendes Verlangen. © Kurt Stocker under cc

Wenn wir die Psychosomatik breiter fassen, also begreifen, dass auch bei Aspekten, die wir als rein körperlich auffassen würden, immer auch die Psyche beteiligt ist, was uns spätestens bei der Fehlfunktion auffällt, wenn etwas nicht mehr läuft, wie gewohnt, haben wir einen anderen Zugang zur Welt und zu unseren Krankheiten. Wir haben keine Sprache und keine Theorie dafür, die uns diese künstliche Trennung zwischen Körper und Psyche überwinden lässt, wobei es einige Brücken gibt, etwa die Wirkung.

Wenn wir bei gesundheitlichen Zusammenhängen bleiben, dann geht es nicht nur darum, dass wir grob gesagt Tabletten und Entspannungstraining kombinieren, sondern wie einer der anderen Ausdrücke für die Psychosomatik es benennt, es geht um biopsychosoziale Komponenten. Das heißt, es macht einen Unterschied, wie meine Familie, aber auch mein Kulturkreis zum Umgang mit bestimmten Phänomenen steht: mit Schmerz, Angst, Krankheiten, zu sexuellen Präferenzen und so weiter. Man kann seine Herkunft nicht ändern, aber versteht die Hintergründe eines Menschen besser und er kann seine Hintergründe verstehen und reflektieren. Auch das kann eine Wirkung haben.

Der Praktiker kann einfach das kombinieren, was hilft, unabhängig davon ob es theoretisch zusammen geht. Das ist längst unser Alltag in der Medizin, es wird in der Regel nur nicht thematisiert und oft fällt niemandem auf, dass es eigentlich nicht passt. Mit allem was man kombiniert steigt natürlich die Gefahr von Wechselwirkungen, die einander nicht ergänzen, sondern bremsen oder sogar blockieren. Oder man geht in einen blinden Aktionismus über, bei dem man alles kombiniert, was irgendwie helfen könnte und das ist so planlos, wie es oft wirkt.

Oft haben sich in der Praxis schon Ansätze etabliert und nicht immer muss man mehrere Verfahren kombinieren, aber es ist bei vielen Erkrankungen denkbar, breiter anzusetzen, etwa, wenn diese immer wieder kommen, nachdem sie kurz auf eine Behandlung ansprechen, chronisch sind oder werden oder sehr schwer und therapieresistent.

Ein tieferes psychosomatisches Verständnis kann uns helfen die Wirkfaktoren zu bestimmen, die uns bei der Erkrankung genau dieses Menschen weiter helfen. Man weiß heute von den systemischen Auswirkungen (Familienstrukturen) auf Individuen, man meint, dass Traumata durch die Generationen weiter gegeben werden und ebenso Familiengeheimnisse, die sich auf die Nachkommen auswirken, die bewusst gar nichts von diesen Geheimnissen wissen. Das ist längst nicht alles, weil es auch andere Weltbilder gibt, in denen man davon ausgeht, dass sich karmische Muster vererben können.

Die Aspekte sind vielfältig. Psychosomatik zu verstehen, heißt zu erkennen, dass Psychotherapie Arbeit am Gehirn ist, aber es ist einfach ein anderer Weg als der über die Blockierung bestimmter Rezeptoren durch Medikamente, doch zugleich sind noch andere Ansätze denkbar. Es ist vielleicht nicht in allen Fällen gut bestimmte Muster wieder und wieder durchzuspielen, sondern sie einfach hinter sich zu lassen und im wahrsten Sinne zu vergessen.

Zudem können wir neue Muster etablieren durch eine kluge Mischung außertherapeutischer Maßnahmen, die uns helfen können wieder eine Beziehung zur Welt aufzubauen.

Das Rätsel der Heilung

Wir wissen, dass kranke Menschen wieder gesund werden können. Wir wissen oft auch, was man dafür tun muss. Oft gar nicht viel, vieles schafft die Körper-Psyche-Einheit selbst, manchmal braucht sie ein wenig Unterstützung. Dafür gibt es standardisierte Ansätze, die für verschiedene Krankheiten immer wieder in den ärztlichen Leitlinien zusammengefasst und neu diskutiert werden.

Doch manche Krankheiten sind hartnäckig, andere sehr selten und sperren sich gegenüber der üblichen Intervention. Bis es zur Heilung kommt ist noch irgendeine Hürde zu überwinden und wir wissen nicht, wie weit wir noch von der Schwelle zur Heilung entfernt sind. Stehen wir ganz kurz davor oder sind wir noch sehr weit weg? Im Einzelfall wissen wir es nicht.

Wir wissen oft auch nicht, wo die Blockade liegt. Vielleicht sieht jemand einfach keinen Sinn in der Heilung, meint, er habe es nicht verdient gesund zu werden, vielleicht ist es aber auch eine körperliche Abweichung vom Normalfall. Wir tun gut daran, viele mögliche Hindernisse zu erkennen und aus dem Weg zu räumen, das ist die große Stärke der Psychosomatik.

Die Wirkung tritt oft ein, wenn jemand vertraut, überzeugt oder zuversichtlich ist, begründete Hoffnung hat. Es hängt vom einzelnen Menschen ab, wann und wodurch das bei ihm der Fall ist, aber genau das sollten wir rauskriegen. Es gibt viele Hürden: Neid, primärer und sekundärer Krankheitsgewinn, Depression, systemische oder kulturelle Bedingungen und vieles mehr.

Aber weil wir eben nicht wissen, wie weit wir von einer einsetzenden Heilung entfernt sind, ist es gut, auch kleine Schritte zu gehen, denn wir könnten kurz davor stehen, ohne es zu wissen und es wäre ein Jammer, wenn wir den einen kleinen Schritt dann nicht gegangen wären.

Warum so viel Aufwand?

Reicht es nicht, sich auf die Statistik zu berufen, das zu versuchen, was eben häufig funktioniert und wenn nicht, hat man eben Pech gehabt? Das Problem könnte sein, dass sich die Medizin immer mehr in diese Richtung entwickelt. Seltene Krankheiten werden nicht mehr erforscht, aufwendige Medikamentenstudien abgebrochen und auch Psychotherapien sollen nach Möglichkeit schnell und effizient sein, wer davon nicht profitiert, muss eben sehen wo er bleibt.

Wollen wir das? Bei Covid war die Argumentation noch anders, das Leben hatte Vorrang. Wollen wir, dass Algorithmen entscheiden, ob es sich noch lohnt, dass jemand eine neue Hüfte, einen Herzschrittmacher oder eine Krebsoperation bekommt? Wir haben in Ansätzen schon erlebt, was ein rein auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtetes Medizinsystem anrichten kann und der Trend geht immer mehr in diese Richtung.

Wenn aber seltene Erkrankungen nicht mehr erforscht werden, es nur noch Therapieansätze gibt, die schnell und günstig bei den meisten wirken und der Rest eben Pech gehabt hat oder ein Algorithmen, Politiker oder Medizinökonomen meinen, ab einem bestimmten Alter oder Schweregrad lohne eine Therapie nicht mehr, dann verabschieden wir uns heimlich, still und leise von dem, was uns angeblich auszeichnet.

Eine breiter aufgestelltes Verständnis für psychosomatische Zusammmenhänge geht in die andere Richtung. Es kann auch effizient sein, aber es nimmt nach wie vor das Individuum in den Blick.

Quellen:

  • [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Psychosomatik#Psychosomatische_Medizin