Parentifizierung, also Verelterlichung, beschreibt ein Muster, in dem sich die Rollen zwischen Eltern und Kind verschieben. Das Kind übernimmt Aufgaben, die eigentlich den Erwachsenen zufallen. Das kann u. a. eine hohe Alltagsverantwortung, wie die Versorgung der Familie, sein oder eine tragende Verantwortung für die emotionalen Bedürfnisse der Eltern.
Parentifizierung: adaptiv vs. destruktiv
In neueren Quellen wird oft zwischen destruktiver und adaptiver Parentifizierung sowie instrumenteller und emotionaler Parentifizierung unterschieden. Die adaptive Parentifizierung ist eine Form der Rollenumkehr, bei welcher die Kinder dem Entwicklungsstand entsprechend Verantwortung übernehmen, die sie nicht überfordert. Im Rahmen dieser Form erfahren sie Anerkennung und Wertschätzung und sind nicht in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. In unserem Artikel geht es jedoch um die destruktive, also beeinträchtigende Form der Parentifizierung, die auch allgemein in der Fachwelt und Familientherapie als „Parentifizierung“ (ohne weitere Unterteilung) bezeichnet wird. Sprechen wir in diesem Artikel von Parentifizierung, meinen wir die destruktive Form.
Nach außen wirken (destruktiv) parentifizierte Kinder häufig „verantwortungsvoll“ und „vernünftig“. Dabei handelt es sich allerdings meistens um eine „Pseudo-Reife“. Tatsächlich steckt dahinter ein Anpassungsprozess an ein Umfeld, das dem Kind nicht die nötige Stabilität bietet. Mit dieser Form der Parentifizierung ist, wie erwähnt, keine altersangemessene Mithilfe im Haushalt oder bei der Alltagsorganisation gemeint, die Kinder zu verantwortungsvollen Erwachsenen erzieht. Problematisch wird es, wenn die Kinder dauerhaft eine Verantwortung tragen, für die sie weder vorgesehen noch emotional ausgestattet sind.
Verelterlichung: Beispielhafte Konstellationen

Viele von Parentifizierung betroffene Kinder übernehmen schon früh die Verantwortung für ihre Geschwister. © Erik under cc
Parentifizierung ist fast immer eine Reaktion auf eine Überforderung von erwachsenen Bezugspersonen bzw. eine Dysfunktion im Familiensystem. Sie geschieht seitens der Eltern für gewöhnlich nicht bewusst oder vorsätzlich. Es ist ein Prozess, der sich zumeist sukzessive und aufgrund der innerfamiliären Gegebenheiten einschleicht, kann aber in einer starken Ausprägung auch vorsätzlich und missbräuchlich sein. Einige typische Konstellationen, in denen Kinder häufig in diese elterliche Rolle geraten, wären:
Psychische Erkrankung der Eltern
Ein klassisches Beispiel für Parentifizierung sind suchtbelastete Familien. Mit einem Elternteil, welches alkohol- oder medikamentenabhängig ist, kann der Alltag unvorhersehbar werden. Bei der instrumentellen Parentifizierung versuchen die Kinder, Struktur und Stabilität im Familiensystem „herzustellen“ (tätigen Einkäufe, putzen, kochen, übernehmen Betreuungsaufgaben etc.). Sie kompensieren verhaltensbezogene Unzulänglichkeiten, indem sie an die elterliche Verantwortung erinnern oder diese ganz bzw. teilweise übernehmen. Beispielsweise versucht der elfjährige Niklas, seine alkoholisierte Mutter dazu zu bewegen, zum Elternabend zu gehen. Er redet auf sie ein und organisiert alles, damit sie pünktlich erscheint. Nicht selten kümmern sich die Kinder um die Geschwister. Sie übernehmen organisatorische Aufgaben und versuchen, die problematische Situation nach außen zu kaschieren. Häufig entwickeln sie ein Gespür dafür, „wie die Lage gerade ist“, und passen ihr Verhalten entsprechend an.
Ähnlich kann es sich bei anderen psychischen Erkrankungen der Eltern/eines Elternteils verhalten, beispielsweise bei Depressionen oder Angststörungen. Das Kind spürt die emotionale Instabilität und beginnt, Verantwortung für das seelische Gleichgewicht der Bezugsperson zu übernehmen. Es tröstet, beruhigt (emotionale Parentifizierung) oder ist bemüht, Belastungen zu vermeiden. In den Kindern kann die implizite Überzeugung aufkeimen: „Ich darf keine zusätzliche Last sein.“ Aus diesem Grund geraten auch die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund.
Aber: Parentifizierung ist keine zwingende Folge
Nicht jede belastete Familiensituation führt automatisch in die Parentifizierung. Entscheidend ist, wie mit der Belastung umgegangen wird und inwieweit das Kind in seiner Rolle als Kind bleiben darf. Auch in Familien mit psychischen Erkrankungen kann es gelingen, die Verantwortung bei den Erwachsenen zu belassen. Möglicherweise erhält der erkrankte Elternteil Unterstützung von außen, andere stabile Erwachsene sind präsent und es wird offen kommuniziert, dass das Kind nicht zuständig ist. In solchen Fällen erleben die Kinder zwar die Belastung, müssen diese aber nicht zwingend kompensieren.
Bezugspersonen mit emotionalen Belastungen
In Familien mit emotional unausgereiften, emotional nicht verfügbaren oder konflikthaften Eltern kommt es ebenfalls häufiger zu Parentifizierung.
Bei Eltern, die ihre Emotionen nicht regulieren können, werden die Kinder vielfach zu Vermittelnden. Sie bemühen sich, Streit zu schlichten, innerfamiliäre und individuelle Spannungen auszugleichen und die Bedürfnisse der elterlichen Seiten im Blick zu behalten. Betroffene Kinder orientieren sich durch diese andauernde Regulationsnotwendigkeit stark nach außen und verlieren dabei zunehmend den Zugang zu sich selbst. Eben weil sie stets auf die anderen konzentriert sein müssen.
Ergänzend dazu gibt es subtilere Formen, die zu einer Rollenumkehr führen können: Eltern, die emotional wenig verfügbar bzw. unausgereift sind (z. B. narzisstische Väter/Mütter), zugleich aber Nähe, Verständnis oder emotionale Unterstützung vom Kind erwarten. Das Kind spürt diese unausgesprochene Erwartung und beginnt, die emotionale Lücke zu füllen.
Klassisch zeigt sich eine Rollenumkehr auch oft im Kontext elterlicher Trennungen: Wenn Eltern ihr Kind zur Vertrauensperson machen, es in Konflikte oder Entscheidungen einbeziehen und mit Themen konfrontieren, die eigentlich auf die Erwachsenenebene gehören. Das Kind gerät in einen Loyalitätskonflikt und übernimmt Verantwortung, die es emotional noch nicht tragen kann.
Analog einer emotionalen Parentifizierung sitzt zum Beispiel die zehnjährige Laura abends neben ihrem Vater, der weint. Er erzählt ihr von seinen Sorgen, von Konflikten mit der Mutter, von Geldproblemen. Laura hört zu und tröstet ihn. Sie sagt Dinge wie: „Das wird schon wieder, ich bin ja da.“ Sie bleibt wach, obwohl sie müde ist, weil sie spürt, dass ihr Vater sie gerade „braucht“.
Soziale Problemlagen
Ein weiterer Kontext, der in die Verelterlichung münden kann, sind belastende soziale (finanzielle) Lebenslagen. In Familien mit begrenzten Ressourcen inmitten von prekären Lebensbedingungen übernehmen Kinder mitunter die Verantwortung für den Alltag und tragen zur Organisation und Versorgung der Familie bei. Ein klassisches Beispiel, das aus vielen US-amerikanischen Filmen bekannt ist, sind alleinstehende Elternteile mit zwei bis drei Jobs, welche die Kinder komplett aus den Augen verloren haben und nur noch einen Funktionsmodus von ihnen „abverlangen“. Insbesondere ältere Geschwister rutschen bei einer solchen Konstellation schnell in eine Elternrolle hinein.
Rollenumkehr zwischen Eltern und Kind: Auswirkungen

Eine unbeschwerte Kindheit mit Entdeckungen in der Natur ist für Kinder, die von Parentifizierung betroffen sind, zumeist weniger vorgesehen. © Darja Mitrovic under cc
Kinder, die parentifiziert sind, entwickeln Fähigkeiten, die auf den ersten Blick positiv anmuten: Verantwortungsbewusstsein, Empathie, Organisationstalent. Sie wirken angepasst, belastbar und scheinen oftmalig „weiter als andere“ zu sein. Dabei sind diese Kompetenzen nicht aus einer freien Entfaltung heraus entstanden, sondern aus einer Notwendigkeit.
Eigene Bedürfnisse zurückstellen
Im Kern lernen diese Kinder, sich selbst zurückzunehmen. Die eigenen Bedürfnisse werden weniger wichtig, eben weil sie im Alltag keinen Raum haben oder gar als störend erlebt werden. Stattdessen richtet sich ihre Aufmerksamkeit automatisiert nach außen. Das Kind scannt bewusst oder unbewusst sein Umfeld ab: Was brauchen die anderen? Wie ist die Stimmung? Was muss ich tun, damit alles stabil und harmonisch bleibt?
Auf der Ebene des Nervensystems kann sich eine sogenannte Hypervigilanz entwickeln. Damit ist eine erhöhte Wachsamkeit gegenüber der Umwelt gemeint. Für die Kinder sind elterliche Tonlagen, Blicke und kleinste Verhaltensänderungen warnende Hinweise. Ihr Nervensystem ist trainiert darauf, mögliche Konflikte früh zu erkennen und gegenzusteuern.
Überidentifikation als „Verantwortliche“
Heranwachsende, die von Parentifizierung betroffen sind, geraten in eine Überidentifikation mit der Rolle der „verantwortlichen“ Person. Das Kind erlebt sich als jemand, der gebraucht wird, der funktioniert und das Familiensystem trägt. Eine unbeschwerte Kindheit, in der die Kinder Erfahrungen und Fehler machen dürfen und in ein stabiles familiäres Netz zurückfallen, ist für sie nicht oder weniger vorgesehen.
Durch das kindliche Pflichtgefühl verschwimmen die Grenzen zwischen der eigenen, noch nicht gefestigten Identität und dem Umfeld: Wo höre ich auf, wo beginnt die andere Person? Eine solche Abgrenzung ist normalerweise ein entwicklungstypischer Prozess, der sich im Laufe des Heranwachsens nach und nach herausbildet. Hierfür bräuchte es allerdings die Voraussetzung, dass ausreichend Orientierung und emotionale Sicherheit im familiären Umfeld vorhanden sind. Dieser Umstand ist in Familien, bei denen eine Rollenumkehr stattfindet, seltener oder nur eingeschränkt gegeben.
Innere Anspannung und „Unsichtbarkeit“
Tragen Kinder zu früh zu viel Verantwortung, pendelt sich das Nervensystem häufig bei einem Zustand erhöhter Anspannung und Stressanfälligkeit ein, anstatt sich verlässlich regulieren zu können. Da die Emotionsregulation nicht von beständigen, schützenden Bezugspersonen begleitet wird, bleiben parentifizierte Kinder mit ihren Gefühlen häufig auf sich gestellt. Die meisten lernen, ihre Gefühle zurückzunehmen, zu kontrollieren oder ganz auszublenden.
Folgen von Parentifizierung im Erwachsenenalter
Die gelernten Denk- und Verhaltensmuster aus der Kindheit prägen das Denken, Fühlen, Wahrnehmen und Handeln bis ins Erwachsenenalter. Bei Erwachsenen, welche in der Kindheit eine Parentifizierung erfahren haben, können folgende typische Merkmale auftreten:
Überidentifikation und Schuldgefühle
Das ausgeprägte Verantwortungsgefühl hat sich im Erwachsenenalter als Überverantwortlichkeit stabilisiert. Betroffene neigen dazu, sich für alles zuständig zu fühlen: für die Misserfolge im Arbeitsteam, für vergessene Aufgaben im Alltag, für die Organisation des Haushalts, für weniger angepasste Verhaltensweisen der Kinder oder für die Probleme in der Partnerschaft. Sie fühlen sich verantwortlich, unverhältnismäßig schuldig und haben Schwierigkeiten, sich abzugrenzen.
Sobald sie mehr Selbstabgrenzung praktizieren, steigern sich auch ihre Schuldgefühle. Schließlich haben sie früh verinnerlicht, dass ein Gelingen im Familiensystem und Harmonie von der eigenen Anpassung abhängt. Individuelle Grenzen waren einst ein Risiko, welches den häuslichen Frieden und die Stabilität des Systems ins Ungleichgewicht bringen konnte. Somit bringen Schritte in Richtung Selbstschutz auch im Erwachsenenalter noch eine innere Unruhe und ein schlechtes Gewissen mit sich.
Kümmernaturen und vernachlässigte Selbstfürsorge

Auch im Erwachsenenalter sind die Beziehungen häufiger von einem Ungleichgewicht bezüglich der Verantwortlichkeiten geprägt. © Georgie Pauwels under cc
In sozialen Beziehungen übernehmen einst parentifizierte Kinder auch im Erwachsenenalter die Rolle der Helfenden, Stabilisierenden und „Kümmernden“. Mitunter fühlen sie sich zu Menschen hingezogen, die Unterstützung brauchen. Dadurch wiederholt sich unbewusst das alte Muster aus der Kindheit.
Mussten Kinder zu früh erwachsen werden, hatten sie keine Zeit, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Viele wissen zwar, was „vernünftig“ und „angebracht“ wäre, aber sie haben Schwierigkeiten zu spüren, was sie wirklich wollen und brauchen. Auch im späteren Leben orientieren sich ihre Entscheidungen häufig eher an den Erwartungen und Bedürfnissen anderer Menschen.
Der Selbstwert ist an den Funktionsmodus geknüpft
Durch das ständige Funktionieren in der Kindheit kann sich ein Gefühl verfestigen, nur dann wertvoll zu sein, wenn man etwas leistet oder für andere da ist. Somit ist das Selbstwertgefühl an einen Funktionsmodus geknüpft. Erwachsene, die schon als Kind die Erwachsenenrolle verantworten mussten, können später perfektionistisch und überängstlich sein. Die Grundlage dafür bildet die damalige Angst, das System könnte kippen, sobald sie die Kontrolle verlieren und nicht gegenregulieren. Als Erwachsene zeigen sie weiterhin ein starkes Kontrollbedürfnis. Loszulassen und zu entspannen fällt den Betroffenen schwer.
Wege aus der Parentifizierung
Der Ausstieg aus dem früheren Rollenmuster der Parentifizierung beginnt mit einem Perspektivwechsel: Du bist nicht (mehr) verantwortlich für das Funktionieren anderer Menschen. Was in der Kindheit notwendig war, darf und sollte im Erwachsenenalter aufgelöst werden. Neben einer seelischen Aufarbeitung, gegebenenfalls durch eine therapeutische Begleitung, kannst du Folgendes tun, um einen Perspektivwechsel anzustoßen:
- Verantwortung zurückgeben: Nimm deine Bedürfnisse wahr und ernst, selbst wenn es sich für den Anfang ungewohnt und „falsch“ anfühlt. Jeder erwachsene Mensch trägt die Verantwortung für sich – und du für dich.
- Grenzen aufbauen: Sicherlich weißt du vom Kopf her, dass du nicht alles auffangen und nicht ständig einspringen musst. Nun musst du es bewusst praktizieren, indem du Grenzen setzt. Versuche, dich aus den co-abhängigen Mustern zu lösen, und verwende deine Energien für dein eigenes Leben.
- Selbstmitgefühl stärken: Deine Kindheit war schwierig und du hast einige hinderliche Prägungen davongetragen. Begegne dir mit Selbstmitgefühl und nicht mit Selbstkritik. Durch einen sorgsamen Umgang mit dir und einem ehrlichen, aber wohlwollenden Blick auf dich, deckst du dysfunktionale Denk- und Verhaltensmuster auf und entwickelst neue Handlungsspielräume.
Alles in allem bringen die von einer Parentifizierung Betroffenen Ressourcen und Stärken mit – reflektiert, empathisch und belastbar –, die sie von nun an nicht mehr vorrangig in den Dienst anderer Menschen stellen sollten, sondern zuvorderst für sich selbst einsetzen sollten.
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