Hochspannung, die sich entladen muss. © John Fowler under cc

Dauernde Anspannung und Hochspannung sind die Begleiter im Leben einer ganzen Reihe von Menschen. Typisch für Anspannung und Hochspannung, die mit der Persönlichkeit verbunden sind, ist, dass diverse Arten der Entlastung nur sehr kurzfristig Entspannung bringen, wenn überhaupt.

Es ist schwer sich vorzustellen, was Menschen empfinden, die dauernde Anspannung und Hochspannung erleben. Das normale Leben würden die meisten Menschen als einen Wechsel von Anspannung und Entspannung beschreiben und das ist durchaus richtig. Aber wir kennen auch aus unserem Alltag Situationen, die anders sind. Wichtige Prüfungen. Das Warten auf eine bedeutende ärztliche Diagnose. Die Ungewissheit, wenn sich das Kind nicht meldet, das sich eigentlich melden sollte. Die Entscheidung, ob man weiter angestellt bleibt, oder nicht. Die Frage, ob ich auch geliebt werde, wenn ich verliebt bin. Situationen, in denen man entweder sehr auf sich allein gestellt ist oder in denen man sogar das Gefühl hat anderen stark ausgeliefert zu sein.

Im normalen Leben sind das Sondersituationen, doch für einige Menschen ist genau das ihr Alltag. Jeden Tag das Gefühl einer Prüfung, nur eben ohne Prüfung. Es geht um alles und das die ganze Zeit, jeden Tag. “Komm’ erst mal runter, atme mal durch und trink’ mal ‘nen Tee”, das sind gut gemeinte und in den meisten Fällen auch hilfreiche Tipps, hier jedoch nicht. Auch die oft mit der Hochspannung verbundenen Wutausbrüche oder Akte der Selbstverletzung helfen nicht.

Das Phänomen hatte verschiedene Namen: Choleriker, Borderliner, explosive Persönlichkeit sind einige, heute manchmal histrionisch oder emotional instabil genannt, mal mit Depressionen kombiniert, mal ohne. Längst hat man herausgefunden, dass der Wutausbruch, das angeblich reinigende Gewitter, nichts bringt. Er entlastet den Choleriker nicht, der weiter auf Drehzahlen ist und sich über all die Idioten in seiner Welt aufregen muss. Das hinterlässt Trümmerhaufen in der Mitwelt und schadet der Gesundheit des Dauererregten. Es wird wenig gereinigt, viel mehr sind es Entladungen, die auf dauernde Anspannung und Hochspannung verweisen.

Nur ist der Hinweis, dass es sich um eine Entlastung handelt, die keine ist, eine Information ohne Nährwert. Man liest ja nicht den Hinweis und denkt: “Ach, das schadet mir und anderen? Na dann stell’ ich das doch mal ab.” Denn … es geht ja nicht. Man muss ja, man ist getrieben und kommt aus der Dauerschleife nicht raus. Dabei geht es dem Choleriker tatsächlich noch halbwegs gut, wenn es jener Typ ist, der bei anderen die Fehler sucht und findet, viel öfter geht die Hochspannung von einem Gefühl maximaler Verunsicherung aus. Das mag beim Choleriker auch der Fall sein, aber er hat seinen Weg gefunden, der Wutausbruch ist Soforthilfe und Symptom. Die kurze Abfuhr, aber dennoch, bleibt der Blutdruck hoch, die Emotionen brodeln weiter, weil man sich ja wirklich darüber aufregt, wie unfähig die anderen doch sind. Den Weg von der Palme runter findet man nicht, man sitzt oben und tobt.

Und doch ist die Spannung bei anderen verunsicherten Menschen oft noch viel größer. Sie können nicht so leicht aus sich heraus, weil sie die Nähe zu anderen durchaus suchen und brauchen, sich aber gleichzeitig von ihr extrem schnell eingeengt und überfordert fühlen. Am besten wäre es, wenn da jemand ist der nichts fordert, sondern immer einfach nur da ist. Da man irgendwie weiß, dass das für den anderen auch nicht okay ist, fühlt man sich gleich wieder schlecht und unter Spannung, die der andere durch seine bloße Anwesenheit, auch ohne Forderung auslöst. Was ist das nun?

Es ist nicht wichtig genau zu wissen, was man hat. Das ist, obwohl man es anders denken könnte, die nächste Information ohne Nährwert. Die genaue Diagnose braucht man selbst nicht, oft nicht einmal ein Therapeut. Es reicht zu wissen, welche Organisationsebene der Psyche vorherrscht, weil das was hilft in den Fällen einer gleichen Organisationsebene stets sehr ähnlich ist.

Wie fühlen sich dauernde Anspannung und Hochspannung an?

Überfordernd und verwirrend, das steht wohl an erster Stelle. Unendlich viele Eindrücke prasseln auf einen ein. Anspannung ist primär ein psychisches Empfinden, was sich dann auch im, mit oder über den Körper ausdrückt. Da wir aber keinen Körper haben, der irgendwo da drinnen eine Psyche hat und irgendwo in der sitzen dann wir – unser Selbst oder Ich –, sondern wir immer als Psyche die Welt erleben, ist diese Anspannung kein reines Körperphänomen, sondern etwas, was wir ganz direkt spüren. Wir können nicht so ohne weiteres unsere Psyche entspannen, weit und offen machen, aber den Anteil den unser Körper übernimmt verändern.

Anspannung und Angst gehen fließend in einander über. Die Muskeln spannen sich an, der Atem wird flach und gepresst, wir bekommen kalte Hände und Füße, werden fahrig und hektisch, vielleicht zittrig, das Herz schlägt schneller. Man ist gestresst, schwitzt. Eine Situation die man gerne schnell wieder beenden möchte, nur weiß man eben nicht wie, da es in Fällen von Hochspannung kaum einen Ort oder eine Situation gibt, in der man nicht gestresst ist. Zu den körperlichen Symptomen kommen dann noch katastrophisierende Gedanken und weitere unangenehme Emotionen. Eine oft schwer aufzulösende Mischung aus Angst und Wut, Frustration und Schuld, dem Wunsch zu fliehen und Hoffnungslosigkeit. Alles ist besser, als in dieser inneren Hölle gefangen zu bleiben und so kommt es zum explosiven Ausbruch, zur lang anhaltenden Wut, zur physischen Zerstörung der Umgebung, zur Suche nach Streit, zur Selbstverletzung und oft nur um die Spannungen etwas und wenigstens für einen Moment abzubauen, aber das zerschlagene Porzellan macht die Sache nicht besser. Man weiß es, kann es aber dennoch nicht ändern, fühlt sich gleichzeitig mies und missverstanden.

Alles ist zu viel, immer ist man am Anschlag. Nicht jeder Reiz überfordert, aber es kann schnell gehen, dass man an der Grenze ist. Die Grenze um die dann getanzt wird, ist die Ich-Grenze und nie ist man sich seines Ichs so sicher. Das quält.

Ursachen

Es ist eine Kombination verschiedenster Ursachen, die hier wirkt. Da ist zum einen das Temperament, das genetisch fixiert ist. Die einen Babys sind ruhig, die anderen reagieren auf alle Reize, noch vor aller Erziehung. Für die dauernde Anspannung und Hochspannung ist Grenze für die Schwelle bis man reagiert, niedrig und die Dauer und Intensität mit der man auf Umweltreize reagiert, hoch.

Das nächste Element ist die Qualität der Objektbeziehungen. Vielleicht der gewaltigste Aspekt. Objektbeziehungen sind Beziehungen zu den Menschen, die wir vor allem in früher Kindheit erlebt haben, also entweder die Eltern oder jene Menschen, bei denen wir groß geworden sind. Die Qualität der Objektbeziehungen hängt davon ab, wie wir diese Beziehung erleben und das ist natürlich eng damit verbunden, wie wir tatsächlich behandelt werden, wenn es auch nicht völlig kongruent ist. Objektbeziehungen sind dann stabil, wenn sie emotional einigermaßen moderat und vor allem verlässlich sind. Verlässlich in der Weise, dass die Werte, Ansichten, Richtigkeiten, Sanktionen und Reaktionen die gestern galten auch heute noch gelten. Natürlich angepasst an das Alter und die Reife des Kindes.

Schlecht sind Spitzenaffekte, bei denen das Kind mit Affekten (negativen, aber auch positiven) geradezu überschüttet wird. Wenn das Kind weiß, dass die Eltern da sind und eingreifen, wenn es drauf ankommt, fühlen sie sich sicher und geborgen und können ihre Welt erkunden und erweitern. Sind die Objektbeziehungen nicht verlässlich, ist die Welt ein Ort, den man nicht einschätzen kann, weil sich das Fundament dieser Welt ständig verändert, also im Grunde nicht vorhanden ist. Man weiß nicht, was man von anderen halten soll, wem man vertrauen kann und wen nicht und bleibt lange Zeit stark unsicher in dieser Hinsicht. War die Kindheit sogar traumatisch oder von schweren chronischen Aggressionen durchzogen, verschlimmert sich die Ausgangslage. Diese Objektbeziehungen sind erst einmal das Muster für das Erleben aller weiteren Beziehungen im Leben.

Schließlich trifft noch der Alltag auf die Mischung von Temperament und Objektbeziehungen. Aber auch die Art und Weise wie man mit dem Alltag und seinen Herausforderungen umgeht ist zum großen Teil sozial erlernt. Das reicht weniger tief als die Objektbeziehungen ist aber auch ein Aspekt, den man erst mal bemerken und verstehen muss, um ihn ändern zu können. Das innere Kind geht diesem Aspekt nach.

Es gibt weitere Faktoren, aber das sind sicher die einflussreichsten und wenn das eigene Zuhause ein unsicherer Ort und man eine niedrige Reizschwelle hat, ist man schnell in dem Bereich, in dem einen dauernde Anspannung und Hochspannung begleiten.

Erste Hilfe ist wichtig …

Der Yogaatem ist eigentlich ganz einfach. © Andrew Watson under cc

Wenn man merkt, dass die Spannung unerträglich wird, haben sich Notfallkoffer bewährt, die Borderline Patienten benutzen. Beispiele für den Inhalt des Koffers findet man in der Borderline-Plattform und hier wird seine Anwendung erklärt.

Die extremen sensorischen Reize, denen man sich mit den Zutaten des Koffer in Eigenregie aussetzen kann, bringen einen im Fall von immer weiter eskalierender Anspannung wieder auf den Teppich. Wenn Borderliner sich ritzen, machen sie Ähnliches in Eigenregie, der Schmerz ist dazu da, sich wieder zu spüren, der bekannte schmerzhafte Reiz ist besser, als von innen und außen überspült zu werden.

Der Körper ist nur ein Aspekt des Gesamtgeschehens, aber über ihn bekommen man häufig Zugang zur Psyche, ihn kann man reizen und irgendwann auch wider beruhigen. Der psychosomatische Zusammenhang, eine Wirkung, die in beide Richtungen geht. Um bei eskalierten Formen weiter zu kommen, kann man auch mit angstlösenden Medikamenten helfen, die heute viel zielgerichteter und vorsichtiger eingesetzt werden. Man kann sie gut als Krücke nehmen. Wenn man weiß, dass man etwas bei sich hat, was im äußersten Fall hilft, erlebt man die Situation oft als weitaus weniger angstauslösend oder überfordernd.

Auch kann man verschiedene Methoden kombinieren. Medikamente, den Notfallkoffer, Entspannungstechniken, die man erlernen kann, bestimmte Rituale, die man einübt und der erste Schritt ist zunächst den Notfall zu überstehen. Alles Krücken, die man später vielleicht wegwerfen kann, die aber für eine Zeit unerlässlich sein können.

Es gibt inzwischen immer mehr Methoden, die gut funktionieren und die Menschen, die dauernde Anspannung und Hochspannung kennen, probieren können. Die eine ist die
5,4,3,2,1 Methode, die darin besteht, dass man sich in einer Stresssituation 5 Dinge in seiner direkten Umgebung für einen kurzen Moment, aber dennoch genau anschaut. Was man sich anschaut, ist völlig egal. Danach versucht man 4 Dinge in seiner direkten Umgebung zu fühlen. Den Druck des Sitzes, die Kleidung auf der Haut, wie das Bein steht oder was es auch sei. Danach versucht man 3 Dinge zu hören. Was höre ich genau jetzt gerade an unterschiedlichen Geräuschen in meiner direkten Umgebung? Schließlich geht es darum 2 Dinge zu riechen, irgendein Hauch in der Umgebung, der gerade die Nase erreicht und dann noch 1 Ding zu schmecken und wenn es der Geschmack im eigenen Mund ist.

Die andere Methode, die gut funktioniert, ist altbekannt und besteht einfach darin, auf den eigenen Atem zu achten und besonders den Ausatem zu betonen, so dass man etwas länger ausatmet, als einatmet. Erstens kann man dadurch nicht hyperventilieren, doch noch ein anderer Effekt ist in beiden Fällen ähnlich, das Gehirn kann nicht mehrere Reize gleichzeitig verarbeiten vor allem dann nicht, wenn man sich auf einen bestimmten Sinn konzentriert und sei es nur für kurze Zeit.

Hochspannung ist das Gefühl, dass alles zu viel ist, man keine Chance hat, sich gegen die Eindrücke zu wehren, die von überall völlig diffus auf einen einprasseln. Die erwähnten Methoden sind schon der Schutz, den man braucht, weil sie bestimmte Reize aktiv herausgreifen und durch eine ganz kurze Konzentration strukturieren.

… aber langfristige noch viel wichtiger. Die Mittelstrecke

Der Atem ist nicht nur für die erste Hilfe geeignet, durch ihn kann man viele Spannungen regulieren. Das geht nicht von jetzt auf gleich, erfordert auch Arbeit und Konzentration, aber wenn man unter dauernder Hochspannung steht und es gelegentliche Entladungen in Form von Panikattacken gibt, die die Situation allerdings nicht besser, sondern schlechter machen – man wird immer verunsicherter – dann lohnt sich die Mühe.

Doch auch die 5,4,3,2,1-Methode kann man zeitlich ausdehnen und auch in guten Zeiten immer wieder üben, sich auf einzelne Reize zu konzentrieren. Die stetige Übung verändert das Gehirn und das Bewusstsein. Zudem sollte man so üben, dass man immer und immer wieder Erfolgserlebnisse hat, das heißt, sich nicht zu unterfordern, denn dann kann man nicht stolz auf sich sein und sich nicht zu überfordern, dann ist man noch frustrierter und verunsicherter.

Ein recht gesunder Weg Spannungen abzubauen ist Sport. Sport trainiert den Körper, man wird widerstandsfähiger, lernt aber auch seine Grenzen kennen, das heißt sich realistisch einzuordnen und wenn man besser werden will und Spaß gefunden hat, braucht man überdies Disziplin. All das kann man gebrauchen, um sich selbst besser kennen zu lernen.

Sex ist eine weitere Methode um Spannungen abzubauen und sich gut zu fühlen, wenn Sexualität nicht traumatisch besetzt ist. Durch Yoga lernt man den Körper, den Atem und die Psyche kennen. Alles Möglichkeiten, die man in Anspruch nehmen kann, vor allem, wenn man eine gewisse Neigung spürt und Spaß daran hat.

Das Ziel ist nicht nur Notfälle zu überstehen, sondern immer mehr zu verstehen, wann man angespannt ist und wie man diese Situationen erkennen und regulieren kann, also das Level der Anspannung insgesamt zu senken.

Das wichtigste: Die Langstrecke

Manche Rahmen sind eng, vor sterilem Hintergrund. © XoMEoX under cc

Der wichtigste Punkt ist aber an die Quelle der Anspannung zu kommen und das ist die eigene Persönlichkeit. Bevor man da allerlei verändern will, ist es wichtig sich erst mal zu verstehen. In der Regel meint man, sich bestens zu kennen, wenn man das aber benennen, sich also beschreiben soll, schafft man das nicht immer – die Identitätsdiffusion.

Doch diese ist kein Schicksal. Wie ausgeführt besteht eine dauernde Anspannung und Hochspannung aus der Mischung von Temperament, den verinnerlichten Objektbeziehungen und den Alltagsanforderungen und die letzten beiden kann man verändern. Für eine tiefgreifende Veränderung ist die Erfahrung anderer Objektbeziehungen notwendig, der beste Weg dahin ist die Psychotherapie. Dann greift eines ins andere, denn wenn die Objektbeziehungen sich verändern fällt alles, was man in Ansätzen schon geübt hat, wesentlich leichter. Strukturierung und Konfrontation kann man in eigener Regie ins Leben einfließen lassen, ebenso die Außenreize so reduzieren und verändern, dass man sich besser fühlt, weil man es sich selbst erlauben kann, sich besser zu fühlen. Was brauche und will ich wirklich in meinem Leben? Die Frage wird irgendwann relevant, während man es bis dahin eher gewohnt war, auf das zu reagieren, was einem das Leben so anbot und nicht selten: womit es einen überfallen hat.

Neben der Therapie lernen wir immer mehr, dass es diverse einfache Methoden gibt, um Menschen zu stabilisieren. Wem die Begegnung mit Menschen noch zu viel ist, kann es mit Tieren versuchen und wen auch das noch zu sehr belastet, der kann seinen Zugang über die Welt der Pflanzen finden, die unglaubliche viele positive Effekte kombinieren. All das sind Wege aus der Ich-Schwäche.

Und das ist längst nicht alles. Musik und Tanz haben großartige Effekte, das Schreiben, die Meditation kann manchmal schon allein ein Gamechanger sein und die Aufgabe der nächsten Jahre wird sein, diese Ansätze vernünftig zu gewichten und vor allem zu individualisieren. Was dem einen wunderbar hilft, ist Gift für den anderen und das sollte man nicht dem blinden Ausprobieren überlassen.

Wie bei Depressionen und bei chronischen Schmerzen gilt es zunächst mal die Abwärtsspiralen zu stoppen, bei denen man durch Spannungen, ihre Entladungen, ihre Katastrophisierungen und Selbstschädigungen nur immer tiefer in den Sumpf zieht. Hier ist es von Vorteil, wenn man schnell und pragmatisch vorgeht, aber gleichzeitig ein Profil des betroffenen Menschen erstellt. Sei es, dass dieser nun depressiv ist, eine Angststörung hat, Hypochonder ist, unter einer Borderline-Störung oder sonst etwas leidet wichtig ist, dass man gleichzeitig ein Bündel an Maßnahmen hat, die diesem Menschen helfen können. Im besten Fall, indem sie aus der Krise eine Situation machen, in der man nicht einfach wieder nur funktioniert, wie vorher, etwas, was in vielen Fällen ohnehin nicht klappt, sondern sogar weiter kommt. Weil Krisensituationen immer auch Situationen der Offenheit und Möglichkeiten des Wachstums sind. Wenn alles wie am Schnürchen läuft sieht man keinen Grund sein Leben zu ändern. Wenn alles in Trümmern liegt, sieht das schon deutlich anders aus.

Jetzt mal ehrlich

Wenn man dauernde Anspannung und Hochspannung erlebt, ist man im konstanten Stressmodus. Stress nicht im Sinne von ‘Boah, so viel zu tun heute’, sondern im Sinne einer existenziellen Bedrohung. Wenn man den Staffelstab der Langstrecke weiter gibt, dann geht es am Ende der dieser Kette darum die Geschichte des eigenen Lebens selbst weiter zu schreiben. Nicht im Sinne der Phantasie und der unrealistischen Wunschvorstellungen. Aber gerade dann: Warum stehen wir eigentlich so unter Spannung? Die Menschen werden gereizter, aggressiver. Das vor wenigen Tagen in der Zeit:

“Rund 18 Millionen Menschen in Deutschland haben eine psychische Erkrankung, das zeigen repräsentative Stichproben. Das sind mehr als doppelt so viele Betroffene wie Menschen mit Diabetes, zehnmal so viele, wie in den vergangenen fünf Jahren Krebsdiagnosen erhielten, mehr als zehnmal so viele, wie es Rheumapatienten gibt.

Trotzdem bleiben psychische Erkrankungen ein Tabu. Eine Umfrage des Bundesarbeitsministeriums zeigt, dass nur die Hälfte der Menschen ihren Freundinnen und Freunden von einer Diagnose erzählen würde. Auf der Arbeit würden höchstens 20 Prozent darüber sprechen, und auch nur mit ausgewählten Personen.”[1]

Wenn laut statista 91% der Deutschen auch in Coronazeiten mit ihrem Leben ziemlich bis sehr zufrieden sind, aber gleichzeitig 21% psychisch krank, dann ergibt nicht nur das eine gewisse Schieflage. Man will sich nichts vormachen und tut es doch längst. Temperament, Objektbeziehungen und Alltag sind die Ursachen für die Spannungen, der Alltag und seine Anforderungen gehört eben auch dazu.

Zu lernen, dass nicht alles schrecklich ist, dass nicht alles zur Katastrophe eskaliert, ist der eine Punkt. Gerade im Angesicht einer psychischen Erkrankung, die nachlässt, mit der man sich arrangieren kann, bei der der Schraubstock gelöst wird, kann man ungeheuer dankbar und glücklich sein, wenn man an vermeintlichen Normalitäten teilhaben kann: Bahn fahren, einkaufen, essen. Um von Beruf und Beziehung noch gar nicht zu reden.

Aber gerade wenn man sich ehrlich machen will, kann der Blick auf unseren Alltag, auf unser Lebensmodell nicht ausgespart bleiben. Vieles in unserem Leben ist idiotisch, wenn man aus den Rhythmen der Natur fällt, von seiner Arbeit und Umgebung entfremdet ist und Beziehungen oft marginalisiert werden. Ist es schön oder schlimm, dass noch immer knapp 80 % das irgendwie durchhalten?

Ist man wirklich ein am und im Leben gescheiterter Mensch, weil oder wenn man man vor immer mehr Irrsinn kapituliert? Dauernde Anspannung und Hochspannung zwingen uns den Blick nach innen zu richten. Nur die Geschichte eines Menschen, der einfach nicht mehr mithalten konnte zu erzählen, ist oft nicht die ganze Geschichte. Der Blick von außen, auf biografische Eckdaten und gesellschaftlich geforderte Leistungsnachweise drücken ja nicht das Empfinden aus, was man hat.

Die eine, wahre Geschichte des eigenen Lebens gibt es nicht. Wahr ist, dass die Mitwelt mein Leben immer auch bewerten wird, aber nur ich kann mein Leben leben und im besten Fall merken, wie es sich anfühlt. Auch eine klassische Biografie kann sich wunderbar und richtig anfühlen, aber ebenso gibt es Menschen, die von außen betrachtet alles haben und zutiefst unglücklich sind, während anderen so gut wie alles fehlt, nur das Glück nicht.

Seinen Platz im Leben zu finden, dem Leben Sinn zu geben, sich erlauben, sich an vielen Kleinigkeiten zu erfreuen, das bringt eine ganz neue Art der Spannung ins Leben. Spannend darf es ruhig sein, das Leben, alles zu reduzieren und herunter zu fahren ist die richtige Option bei Menschen, für die alles zu viel ist. Freude haben und sich selbst etwas gönnen und sich selbst etwas zutrauen, ist dann das, was danach kommen kann, wenn es nicht nur darum geht, wieder zu funktionieren.

Wenn der Rahmen zu eng ist

Spannend, ja sogar hoch spannend darf unser Leben ruhig sein, wenn es nicht überfordernd ist. Eigentlich ist Psychosomatik ein schöner Begriff für die wechselseitige Beeinflussbarkeit und Durchlässigkeit der ohnehin nur künstlichen Trennung von innen und außen. Aber andererseits riecht er auch nach Krankheit, ist oft Symptomen vorbehalten.

Wir setzen viel darauf, dass sich alles Wesentliche in unserem Leben draußen, also irgendwie in und für die Welt sichtbar abspielt und das was es da zu entdecken gibt, muss in wenige Jahre gepresst und möglichst geteilt werden. Es ist ja noch schöner, wenn die anderen neidisch werden. Das ist ziemlich stressig. Wir sollten uns trauen, zu denken, dass dieser Rahmen, oder soll man Käfig sagen, deutlich zu eng ist.

Der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger sagte vor wenigen Tagen im philosophischen Radio, am Beispiel der Philosophin, radikalen Linken und Mystikerin Simone Weil, dass alle, die eine echte mystische Erfahrung hatten, die Suche nach den psychischen Ursachen für diese Erfahrung vollkommen ablehnen und als komplett unangemessen empfinden. Die innere Welt, die wir doch noch sehr wenig kennen, in der sich das abspielt, ist gigantisch groß und umfassend. All das auf ein bisschen Hirnaktivität zu reduzieren und gar auch fehlgeleitete Neurotransmitter ist ein Griff in die falsche Kiste. Wir können die subjektive Wucht einer solchen Erfahrung nur ermessen, wenn wir ähnliches erlebt haben, nur müssen wir neu lernen, psychische Probleme, spirituelle Krisen und Durchbrüche zu unterscheiden. Die Mittel dazu haben wir, die Möglichkeit dass sich eine unerfüllende bis pathologische dauernde Anspannung und Hochspannung in ein hoch spannendes Leben verwandelt ist real. Das kann äußerlich durchaus sehr ruhig verlaufen.

Quellen