Am Anfang sind Kaffee und Milch noch klar zu unterscheiden, danach dann nie wieder. So ähnlich ist es auch mit Verstand und Gefühl. © ff137 under cc

Die Frage nach Verstand oder Gefühl gibt es in schon begrifflich in vielfältigen Variationen. Verstand, Vernunft, Kognition, Denken, Geist, Kopf, Rationalität und Reflexion sind zwar nicht identisch bilden aber einen eigenen Bereich. Das andere wird beschrieben durch Begriffe wie Gefühl, Emotion, Affekte, Triebe, Herz und Bauch, Instinkte oder Intuition. Auch hier gibt es begriffliche Differenzen, aber eben auch Gemeinsamkeiten.

Irgendwie sehen wir uns also zwei Lagern gegenüber, wobei das letztere durch die Idee zusammengehalten wird, dass in ihm die Natur im Menschen zum Ausdruck kommt. Dem ersten Lager schreibt man oft zu, dass man sich damit in gewisser Weise und in gewissen Grenzen über die reine Natur, das rein biologische Erbe, die Leidenschaften erheben kann.

Mensch und Tier

Insofern waren die Gefühle, zumindest in unserem Kulturkreis, eher dem Tierreich zugeordnet und hatten es schwer. Mit Ausnahmen, wie etwa in der Romantik. Der Verstand galt als reiner und edler, die Gefühle waren wesensmäßig unordentlich, schwer zu beherrschen und chaotisch, Wut und Trauer überfallen die Menschen und natürlich immer wieder die Sexualität, die vielen suspekt war und ist, weil man weiß, dass sie eine große Kraft besitzt und uns den Kopf verdrehen kann.

Es galt das Animalische in uns zu beherrschen, das Tier im Menschen zu dressieren, damit das Edle und Menschliche besser zum Vorschein kommen kann. Eine Einstellung die bis in die jüngste Vergangenheit ihre Gültigkeit hatte, aber aktuell unter Beschuss steht. Zum einen bewirken die rationalen Optimierungsversuche des Menschen nichts, was durchgehend gut ist. Freud konnte 1930 in Das Unbehagen in der Kultur noch schreiben, dass die Natur uns eigentlich nur Ärger bereitet, aber es dennoch die Kultur ist, die wir skeptisch betrachten. Eine Viruspandemie und ein Hochwasser später kann man das irgendwie nachempfinden, aber zugleich werden, vor allem beim Klimawandel, Fragen danach laut, ob wir nicht mitschuldig sind. Auch daraus entstehen Bilder, einer unterdrückten, geknechteten Natur, die sich nun wehrt, woraus dann wieder Handlungsempfehlungen abgeleitet werden, unklar ist vielen, die diese Bilder benutzen, oft, dass es eben Bilder und mögliche Erzählungen sind, die aber keine Allgemeingültigkeit beanspruchen können.

Der andere Punkt ist, dass wir aktuell immer mehr heraus finden, dass der meilenweite Vorsprung des vernünftigen Menschen, vor dem instinktsicheren, aber an sich dummen Tier, auf nahezu alle Gebieten schrumpft und man oft danach suchen muss, was Menschen denn eigentlich überhaupt noch besser können. Die Beziehung zu Tieren hat sich im Laufe der Zeit mehrfach gewandelt.

Damals und heute, hier und dort

Die Frage nach Verstand oder Gefühl ist in einem starken Maße abhängig von unseren Bildern und Erzählungen. Bei der Rede von Bildern und Erzählungen muss man jedoch auch wieder aufpassen, dass man darunter nicht Märchen versteht, die irgendwie nicht wahr sind. Dass es also hier Erzählungen und dort Wahrheiten gibt. Denn auch die Rede von der Wahrheit, ist eine, die sich aus Behauptungen ergibt, aus Prämissen. Man nimmt an, dass dies oder das der Fall ist und wenn das gilt, dann muss folgerichtig auch auch anderes gelten. Ein sehr rationales Spiel, was noch dadurch gesteigert wird, dass man glaubt es gäbe eine Wahrheit jenseits aller Erzählungen. Ob das nun stimmt oder nicht, das Problem liegt darin, dass man damit oft auch behauptet, es gäbe eine Perspektive jenseits aller Perspektiven und diese Sicht kann man nicht einnehmen. Sterile Hochrechnungen sollen dann eine Art Mittelwert der Meinungen bilden, aber sie sind nur eine weitere Perspektive.

Aber die Erzählungen oder Narrative prägen uns und unsere Sicht auf die Welt, auch auf die von Verstand oder Gefühl. In unserer Kultur wurde die Rolle des Mannes oft mit dem Verstand assoziiert, die der Frau mit dem Gefühl. Man kann Gründe finden, die dafür sprechen und solche, die dagegen sprechen, aber wenn man auf der Seite steht, die dafür votiert, wird aus der Beherrschung der Natur – eben über diese Verbindung – manchmal auch die Beherrschung der Frau.

Man muss die Natur kontrollieren und wenn das muss, auch seine Triebe und damit auch die Frau, die das selbst nämlich nicht so gut kann und obendrein auch noch, weil sie ja so verführerisch ist. In dieser Lesart ist das zumeist die Angst bestimmter Männer, dass ihre (vor allem sexuellen) Triebe dann doch etwas stärker sind, als man glaubte.

Wir schauen fassungslos in andere Kulturen, die heute so sind, aber es ist noch nicht lange her, dass man bei uns den Frauen absprach Verstand zu haben und noch weniger lange, dass man sie als moralisch geschwächt ansah. Beides gilt heute als vollkommen absurd und es hat auch mit dem Spiel um die Vorherrschaft von Verstand oder Gefühl zu tun. Andere Kulturen haben die Trennung von Verstand oder Gefühl gar nicht so rigide vollzogen, aber da eben auch geistige Akte und Grenzsetzungen Ursachen sind, die Wirkungen erzeugen, hat der Westen da seine eigene Geschichte.

Kant kritisierte und intensivierte noch einmal den Glauben an die Vernunft. Die Schwäche der Fixierung auf seine Affekte erkannte er klar: Die Freiheit geht flöten. Wer unter Freiheit versteht genau das zu tun, was ihm unmittelbar in den Sinn kommt, der kettet sich zum einen an die Außenwelt, auf deren Reize man nun ständig reagieren muss, zum anderen an seine Triebe, die man ständig agieren muss. Frei ist man, wenn man darüber selbst bestimmten und seine Affekte kontrollieren kann.

Für Kant, Marx und sogar noch Freud war die ganz vernünftige Welt, die die Affekte in die Schranken verweisen konnte, das Maß der Dinge. Freud traute hier mitunter seinen eigenen Erkenntnissen nicht, die die Tür dahingehend aufstießen, dass die Rationalität mitunter auf irrationalen Aspekten gründet. Von Freud als Rationalisierung an sich meisterhaft erkannt.

Heute hat man mitunter den Eindruck von diesen Ansichten sei nichts zurück geblieben. War das rationale Lager eben noch überstark, so scheint es nach Ansicht einiger Interpreten nahezu bedeutungslos zu sein. Ständig unterliegen wir ihrer Meinung nach falschen Eindrücken, Manipulationen, die Emotionen entscheiden alles, die Rationalität so gut wie nichts. Mal ist es die Werbung, dann sind es die Medien, dann irgendwelche Geheimdienste, die uns an der Nase herum führen, weil wir den Emotionen, Anreizen und Affekten schonungslos ausgeliefert zu sein scheinen.

Zwei Kommunikationssysteme

Aus einer gewissen Distanz betrachtet handelt es sich bei dem Affektsystem zum einen um ein motivationales und zum anderen Teil um ein Kommunikationssystem. Zum ersten mal aufgetreten ist es bei den höheren Säugetieren, um die biologisch kostbaren Individuen besser umsorgen zu können. Die Mutter konnte durch die Affekte lesen, dass dem Jungen etwas fehlt und das Jungtier kann ab der Geburt Affekte ausdrücken.

Affekte haben daher den Charakter des Unmittelbaren. Jetzt gibt es das Problem, das Unwohlsein, den Hunger, den Schmerz oder eben auch den zufriedenen und entspannten Schlaf. Planung für die Zukunft ist hier nicht gefragt, nur der Moment zählt. Das gilt bis heute. Affekte sind unmittelbare Reaktionen auf die Umgebung. So unmittelbar, dass man sie nicht unterdrücken kann und man dadurch, dass man sich auf Mikroemotionen konzentriert, jede Menge über einen Menschen erfahren kann.

Zuzüglich zu diesem System hat sich ein anderes gebildet, unsere Sprache. Komplex und wunderbar, letztlich im Ganzen noch immer unverstanden, senkt sich im Laufe der Individualentwicklung das – in der Gesellschaft bereits entwickelte – System Sprache auf das Individuum und sein anderes Kommunikationssystem nieder und beide Systeme verbacken mit einander und sind von da an nie wieder zu trennen, so wie man Milch, die man in seinen Kaffee einrührt, auch nie wieder trennen kann. Spätestens ab da (und vermutlich noch eher) ist die Frage, ob wir denn nun emotionale oder rationale Wesen sind zutiefst sinnlos, weil die einzige Antwort lauten muss: sowohl, als auch.

Die Sprache ermöglicht uns unsere Rationalität zu entfalten und auszudrücken, natürlich auch sonstige Empfindungen. Die Affekte und Emotionen drücken nach wie vor aus, wie es uns jetzt gerade geht. Da beides aber zusammengewachsen ist bedingen sich Denken und Fühlen ganz direkt, was zu ungeheuer komplexen Konsequenzen führt. Psychosomatik, Placeboforschung, Neurowissenschaften und diverse Therapiemethoden sind Beispiele dafür.

Daniel Kahneman hat diese beiden Aspekte (nicht genau deckungsgleich, aber annähernd) in Schnelles Denken, langsames Denken dargestellt. Das schnelle System ermöglicht uns eine erste, aber oberflächliche Orientierung in der Welt und regelt, dass wir uns in einer für uns bekannten, verstehbaren Welt befinden und uns halbwegs sicher fühlen. Wenn das der Fall ist, gibt es keinen Grund das komplexere langsame System hochzufahren und anzustellen. Dies ist jedoch immer dann möglich, wenn unsere Welt mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu deuten ist. Es ist gründlich und tiefgehend, aber auch anstrengend.

Auch andere Forscher bestätigen, dass wir, so gut es geht, mit einer Art Halbautomatik unterwegs sind und das intensive Denken nur zu besonderen Anlässen anstellen. Die bekannte Welt, ist die gute Welt, ist die, in der wir uns warm und wohl fühlen oder mindestens genau wissen, wer der Feind ist. Auch das gibt Orientierung.