Die Reduktion von Komplexität

Sau mit Ferkeln

Das empfindsame Selbst fände es schön, wenn wir uns alle sauwohl fühlten. © woodleywonderworks under cc

Das wird schnell unübersichtlich und um diese Unübersichtlichkeit einzudämmen und nicht bereits an den einfachsten Fragen zu scheitern, hat sich ein Mechanismus eingebürgert, nämlich die Fähigkeit einen Großteil all dieser Daten vollkommen zu ignorieren. Reduktion von Komplexität heißt dieser Vorgang für soziale Systeme und meint, alles auszublenden, was wir für einen bestimmten Bereich nicht unbedingt brauchen.

Zu einem Teil sorgt unsere Biologie schon dafür, dass wir das tun. Die Drehbewegung der Erde und ihre rasende Fahrt durchs Universum nehmen wir höchstens indirekt wahr, durch den Lauf der Sterne über den Himmel, einen direkten Sinn dafür haben wir aber nicht, sehr wohl aber für die Bewegung eines Fahrstuhls oder Zugs. Für Temperaturunterschiede im Bereich Zimmertemperatur sind wir sehr sensibel, schon im Bereich von weniger als einem Grad, aber einen Unterschied zwischen 6.500° und 6.800° Celsius bemerken wir nicht.

Doch wir reduzieren nicht nur biologisch, sondern auch sozial. Für den Arbeitgeber ist wichtig, dass unsere Fähigkeiten gut zum Berufsbild passen, es spielt in der Regel keine Rolle, dass man gut Schach spielt oder HSV Fan ist. Bei einer Gerichtsverhandlung im Steuerrecht geht es nicht darum, ob jemand einen guten Kunstgeschmack hat oder ausdauernd jodeln kann. Auch für gesellschaftliche oder kulturelle Gruppen gilt das. Ob man Christ, Vegetarier oder JuSo ist, für alle gelten bestimmte Regeln, um zu dieser Gemeinschaft dazu zu gehören auch hier wird selektiert oder reduziert. Den ganzen Menschen betrachtet man oft nur im Kreise der Familie, der engen Freunde und der Partnerschaft – das macht sie so bedeutsam – und auch da längst nicht die ganze Zeit. Wenn uns also ein Zuviel an Informationen und Sinnesdaten komplett überfordert und nichts zu wissen und wahrzunehmen aber erkennbar auch nicht gut ist, dann ergibt sich daraus eine Frage, nämlich:

Wie reduziert man denn richtig?

Hier sind wir bereits im Herzen den Problems, denn darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Richtige Reduktion ist jene, die das Überleben sichert, ist eine bestimmt passende Antwort. So hat die biologische Evolution über Jahrmillionen funktioniert, aber die Sicherung des unmittelbaren Überlebens ist heute für die meisten Menschen auf der Welt kein Thema mehr. Längst sind auch weltweit die Folgen des Übergewichts dramatischer geworden, als die des Hungers und wenn wir zurück überlegen, an wie vielen Tagen der letzten zehn Jahre wir in Lebensgefahr und froh waren, die Situation irgendwie überstanden zu haben, dann werden die meisten von uns sehr wenige Ereignisse finden.

Wenn das Überleben halbwegs gesichert ist, ploppen andere Bedürfnisse auf, man will ja nicht nur überleben, sondern unser Ziel ist es ein sinnerfülltes, gelungenes und gutes Leben zu führen. Aber was ein solches ausmacht wird individuell verschieden gesehen und unsere ganze Serie über die Entwicklungsstufen der Weltbilder ist auch eine Skizze dieser unterschiedlichen Bedürfnisse und sozialen Vorstellungen dessen, was gut und wichtig ist: Überleben, familiäre Bande und Macht, die Werte-Gemeinschaft, sowie die gut funktionierende, rationale Gesellschaft. Alle haben etwas andere Vorstellungen, alle haben sich als auf ihre Art als sehr durchsetzungsstark erwiesen.

Das empfindsame Selbst hat ebenfalls seine eigenen Vorstellungen, will den Blick aber auch weiten. Themen, die uns alle angehen sind sein Anliegen, sowie ein Modus der Sorge, vor allem, um die Schwachen und bislang entrechteten Mitglieder einer Gemeinschaft. Alle bisherigen Weltbilder kümmern sich nur um einen bestimmten Kreis: die eigene Familie; diejenigen, die nützlich sind; die Brüder und Schwestern im Glauben (religiöser oder weltanschaulicher Art) oder eben jene, die bei der Idee von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik begeistert mitmachen. Wer das nicht will oder kann, wird recht erbarmungslos aussortiert.

Das empfindsame Selbst möchte es anders machen, will einschließen, statt ausschließen und den Kreis ganz weit ziehen, zielt oft auf Ganzheitlichkeit ab und das, was uns alle betrifft. Das Wohl der Natur ist auch unser Wohl, der Klimawandel geht uns alle an, gleich welchen Glauben oder welche politischen Vorstellungen wir haben und seiner Meinung nach sollten alle die gleichen Rechte haben und niemand sollte wegen irgendwas diskriminiert werden.

Verschiedene Systeme in Beziehung setzen, das können tatsächlich nur wenige Menschen. Die meisten sind zwar in der Lage, Verflechtungen zu erkennen, neigen aber im nächsten Schritt dazu, alles auf einen Punkt, ein System, eine ‚wahre Ursache‘ herunterzubrechen und kommen so kaum über eine Ebene hinaus, in der es genau einen guten und richtigen Ansatz gibt, der leider von einem bösen Feind oder System verhindert oder zerstört wird. Alles Übel der Welt wird dann in fundamentalistischer Weise dem Neoliberalismus, der Religion, den Linken oder Rechten oder sonst wem aufgebürdet. Diese Menschen reduzieren zu weit, weil die Komplexität sie überfordert, aber für sie ist es dennoch ein richtiger Schritt. Die daraus resultierende “Zack, peng, so einfach ist das ist”-Einstellung ist jedoch oft nur Verschwörungstheorie oder leerer Aktionismus. Man tut dann irgendwas, ist stolz darauf wenigstens was getan zu haben, wo die anderen eben endlos reden, aber letztlich ginge es darum, ob die Aktion auch irgendwas bringt. Das empfindsame Selbst schafft es die Eigendynamik und Eigengesetzlichkeit von Systemen zu erkennen und miteinander in Beziehung zu setzten.

Systemtheorien

So entstehen Systemtheorien, die, wie der Name schon sagt, Systeme untersuchen und in Relation setzen. Beides gehört dazu. Einmal die Eigenständigkeit der Systeme. Unser Nervensystem tut etwas völlig anderes, als unser Blutkreislauf oder Verdauungstrakt. Dennoch haben alle die übergeordnete Aufgabe, den Körper als Ganzes zu erhalten. Das ist der andere Aspekt, die Beziehung der Systeme untereinander. An sich einfach, doch der Teufel liegt im Detail.

Eine Pflanze braucht Erde, Licht, Luft und Wasser, um zu gedeihen. Wenn nun das Wasser fehlt, bringt es nichts die Bodenqualität zu verbessern, es muss gegossen werden. So ist es auch mit anderen Einheiten. Wenn das Herz schlecht pumpt, kann es helfen, das Blut mit Sauerstoff anzureichern, damit die Organe dennoch ausreichend mit dem lebensnotwendigen Stoff versorgt werden, aber das geht nur begrenzt. Ein System kann die Leistung eines andere nicht übernehmen. Das spricht für eine relative Autonomie einzelner Systeme. Anderseits gehen die Systeme, wie man beim Körper sieht, ja bisweilen in einem größeren Ganzen auf und da wird die wechselseitige Abhängigkeit dann klar. Fällt das Herz-/Kreislaufsystem aus, ist das recht schnell auch das Ende der anderen Organsysteme.

Aber das ist längst nicht alles, denn nicht nur der Körper besteht aus Systemen, er wechselwirkt als Ganzes ja auch, zum Beispiel mit der Psyche, falls man diese nicht zum Körper rechnet. Das nennt sich dann zum Beispiel Psychosomatik. Aber auch das ist nicht alles, die Wechselwirkungen können noch breiter sein und auch noch die Gesellschaft beinhalten, wie man etwa bei Depressionen oder dem biopsychosozialen Ansatz bei Schmerzen sieht.

Wenn wir uns allein bei den Depressionen anschauen, was alles Ursache sein kann (etwa hier oder hier), dann kommt man schon gehörig uns Schleudern, weil man vor der Frage steht, welche Ursache denn jetzt die richtige ist. Bei unserer Zimmerpflanze ahnen wir ja meist noch, wo das Problem liegt, bei den Depressionen nicht immer. Man geht hier statistisch vor und kombiniert Medikamente und Psychotherapie.

Wie reduziert man denn richtig, war unsere Frage. Man reduziert richtig, wenn man pragmatisch vorgeht und Erfolg hat. Wenn es der Pflanze sichtbar besser geht und die Depression langsam verschwindet. Die Psychotherapie reduziert auch, in der Weise, dass sie die Psyche behandelt und meint, dass hier etwas zu bewegen bedeuten könnte, dass auch andere Systeme sich einrenken. Dennoch ist der ärztliche und psychiatrische Check vor einer Psychotherapie obligatorisch. Und es gibt auch hier systemische Ansätze, die das kranke oder krankmachende Familiensystem oder Arbeitsumfeld gleich mitbehandeln, auch sie haben Erfolg.

Man kann natürlich fragen, warum fünf andere sich ändern sollen, damit es einem besser geht. Die Antwort würde wohl lauten, weil es dann insgesamt allen besser geht. Weniger Spannung und Aggression, das tut allen gut. Die Systemtheorien reduzieren auf ihre Art ebenfalls, so paradox das auch klingt: Sie richten den Blick auf die Verbesserung des Ganzen und grenzen gerade dadurch aus. Hier begibt sich das empfindsame Selbst in die Nähe der Ideologie.