Bergspitze mit zwei Kreuzen

Hier ist immerhin klar, wo die Spitze ist. *pascal* under cc

Dass wir in der Westeuropa an der Spitze der Entwicklung stehen, ist eine Auffassung die einerseits noch immer mit der größten Selbstsicherheit geteilt wird und gleichzeitig, von Menschen aus der gleichen Region, mit ähnlichem Bildungshintergrund entschieden abgelehnt. Diese Gleichzeitigkeit des Konträren deutet darauf hin, dass es einerseits, kein gemeinsames Narrativ mehr gibt, anhand dessen tradiert wird, dass wir an der Spitze stehen und andererseits, die Wahl der Kriterien ist nicht klar ist, wenn wir prüfen wollen, wer oder was denn nun tatsächlich vorne ist.

Das schwindende Narrativ

Bereits Freud sprach von den drei Kränkungen, die dem Menschen zuteil wurden, durch Kopernikus, der die Erde aus dem Zentrum der Welt rückte, durch Darwin, der uns als Tiere unter anderen entlarvte und dann von Freud selbst, der sagte, wir seien nicht mal Herr im eigenen Haus. Der Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn spitzte 1917 in der ersten Zeile seines Gedichts “Der Arzt II” zu: “Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch”.

So richtig neu ist es also nicht, wenn man immer mal wieder feststellt, der Mensch sei doch alles andere als an der Spitze. Manche ziehen allerdings genau daraus ihr Selbstbewusstsein, in einer nicht wenig ironischen Wendung, indem sie sich als jene herausstellen, die es gut vertragen können, dass der Mensch im Grunde ein Wurm ist, während andere sich an ihren vermeintlichen Größenphantasien festklammern und das wiederum versetzt diejenigen, die das souverän aushalten, an die Spitze der Würmer.

Aber gleichzeitig kann man das Gefühl haben, dass wir dieses Narrativ keinesfalls aufgegeben haben. Eines der großen Themen der Gegenwart, was uns erhalten bleiben wird, ist das Thema der Migration. Viele empfinden es als unerträglichen Widerspruch, Menschen in Not nicht zu retten – ein Akt, der gegen unsere Prinzipien verstößt – und gleichzeitig gegen Migranten zu sein, weil diese nicht so zivilisiert sind, wie wir und daher angeblich nicht zu uns passen. Das Thema ist damit nicht ausdiskutiert, hier soll nur der Konflikt dargestellt werden.

In der behauptenden Rede davon, dass die eben noch nicht so weit sind, stehen wir wieder dort, wo wir es gewohnt sind zu stehen, an der Spitze der Entwicklung. Auf der anderen Seite sehen wir die wehrhafte Demokratie als etwas an, was gerade uns und unsere Postion auszeichnet, doch scheint es mit der Wehrhaftigkeit nicht immer weit her, auch wenn dieser Trend sich ändert und die demokratischen Institutionen sich inzwischen mehr wehren.

Narrative der eigenen Überlegenheit müssen wenigstens ein Stück weit mit der Realität übereinstimmen oder einen guten Mythos von einer besseren Zukunft oder langen Tradition erzählen, will man wirklich an der Spitze sein, muss man Gründe dafür finden, dass man es jetzt gerade ist.

Die Spitze der Entwicklung: In welcher Hinsicht?

Was es aber heißt, an der Spitze zu sein, ist wiederum für die einen sonnenklar, für andere keinesfalls. Diejenigen, die sagen, dass man das doch ganz einfach testen kann, setzten auf harte Fakten und Objektivität. Man nehme ein halbes Dutzend objektiver Kriterien, prüfe ganz einfach, ob ein Kontinent, Land oder der Teil eines Landes hier besser oder schlechter abschneiden und fertig ist das Ergebnis. In unserem Beitrag über die Frage, ob wir gerade vor dem Weltuntergang stehen oder alles so gut die nie ist[link], ziterten wir stellvertretend für diese Einstellung Steven Pinker, mit den Worten:

“Die meisten Menschen sind sich ja einig, dass Leben besser ist als Tod, Gesundheit besser als Krankheit, Wohlstand besser als Armut, Wissen besser als Ignoranz, Frieden besser als Krieg, Sicherheit besser als Gewalt, Freiheit besser als Unterdrückung. Damit haben wir eine Reihe von Maßstäben, mit denen wir ermitteln können, ob es tatsächlich Fortschritte gibt.”[1]

Klingt gut und gibt sicher eine Tendenz an, aber andererseits steigt auch die Zahl der Depressionen bei uns, die Selbstverständlichkeit mit der man sich gelassen zurücklehnen und bei aller Detailkritik „Läuft schon“ denken konnte, nimmt ab. Die Marke „Made in Germany“ hat einen bislang nie gemessenen Imageverlust erlitten, Deutschland wird als immer ungerechteres Land empfunden, dennoch ist Deutschland in der Liste der glücklichsten Länder nach oben gekommen. Wie auch immer das alles zusammen passt.

Wahrheit, Objektivität und Fakten

Mehr und mehr stellt sich derzeit wieder die Frage, ob es so etwas wie Objektivität oder reine Fakten gibt. Denn, wie die Dinge nun tatsächlich sind, hängt davon ab, was ich betrachte und was ich dabei auslasse. Ferner, wie ich es gewichte. Ist Glück wichtiger als Wohlstand, Sicherheit bedeutsamer als Gesundheit? Und was ist mit so etwas, wie dem Glauben an eine bessere Zukunft? Psychologisch ist es sehr wichtig, ob ich denke, dass es bergauf geht oder dass der Zenit überschritten ist. Das wiederum ist nicht abhängig von nur einem Faktor, sondern dem Gesamtbild, auch über die Zeit.

Was hat sich verändert über die Jahre, was ist besser und einfacher geworden, was ich zäher und komplizierter geworden? Wo sind Menschen entspannter, aufgeschlossener und freundlicher, wo beherrschen Aggression, Kälte und Gereiztheit das Bild?

Dass die anderen noch nicht so weit sind, oder dort stehen, wo wir im Mittelalter standen impliziert zweierlei: Zum einen, dass jede Entwicklung gleich verläuft, zum anderen, dass wir heute weiter sind, besser sind, als früher. Dass die Geschichte in anderen Teilen der Welt anders verläuft, diese Lektion haben wir inzwischen gelernt. Der selbstsichere Eurozentrismus, der der Meinung war, nach dem Untergang des Kommunismus sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis Demokratie und Marktwirtschaft alle Teile der Welt beherrschen, weil sie überlegen sind und sich ein für alle mal durchgesetzt hätten. Inzwischen sehen wir, dass nicht nur andere Länder die Demokratie ablehnen oder deutlich weniger umfassend interpretieren, sondern auch demokratische Kernländer scheinen diese abzubauen. Der zwingende Zusammenhang, dass Demokratie und Marktwirtschaft einander bedingen, wird von China widerlegt und die Sehnsucht nach starken Führerfiguren wächst.

Dass wir heute insgesamt weiter sind, ist eine Frage der Kriterien, Zwar scheint es in der Breite noch immer in vielen Bereichen aufwärts zu gehen, aber man sieht schon Trendwenden oder Stagnationen, vor allem an der Spitze der Entwicklung. Trotz der objektiven Zahlen gibt es mancherlei Vorurteile, etwa über das finstere Mittelalter.

Besser, schlechter oder anders?

Doch generell scheint die Deutung, dass älter schlechter bedeuten muss, nicht unbedingt in allen Punkten aufzugehen. Man kann ‘die gute alter Zeit’ und so auch das Mittelalter verherrlichen, in dem man sich die Rosinen raus pickt, was dann in etwa das Bild ergibt, dass hier stets viel gefeiert wurde, wobei das Bier floss, zur Laute gespielt und getanzt wurde, es reichlich gegrilltes Fleisch gab und Männer sich als Ritter bewähren konnten und Frauen noch untertänig waren.

Wem das zu seicht ist, der glorifiziert gerne die Griechen, die dann alle kultíviert waren, philosophierten und sich der Mathematik oder den Wissenschaften zuwandten, doch das normale Griechentum war offenbar von einer schroffen Asymmetrie durchzogen, in der der Familienvater über allem stand und die Familie alles war, es zwar erste Formen der Demokratie gab, was aber nicht für die Sklaven galt, die nicht einmal den Status von Menschen hatten. Vor allem aber war das Denken und Empfinden bei den Menschen der Antike dramatisch anders als unseres. Ein paar Stimmen dazu:

“Um uns einer so komplexen und schillernden Vision von Welt wie der griechischen zu nähern, empfiehlt es sich, aus ihrem Reichtum eine sehr deutlich erkennbare Eigenheit herauszustellen – die durchgängige Neigung die Welt in archetypischen Formen oder Bildern zu begreifen.”[2]

Und diese Archetypen waren im realen Leben vorhanden, der Alltag war durchsetzt vom Wirken der Archetypen, so schreibt Richard Tarnas.

Und Larry Siedentop, zum antiken Menschen:

“Wir müssen uns in eine Welt versetzen, in der die Handlungsnormen ausschließlich die Ansprüche der Familie widerspiegelte, ihre Erinnerungen, Ritual und Rollen und nicht die Ansprüche des individuellen Gewissens. Wir müssen uns eine Welt von Menschen oder Personen vorstellen, die nach unserem heutigen Verständnis keine Individuen waren.”[3]