Der Faktencheck

schwangere Frau, Erdkugel auf Bauch

Das sogenannte Gaiabewusstsein findet sich oft beim empfindsamen Selbst. © Dion van Huyssteen under cc

Aber was ist der Erfolg? Eine Welt aus lauter freien, stolzen Individuen? Der Vater und andere Autoritäten sind in der Psyche entmachtet, nun liegt eine von Beginn an weit weniger gehemmte Zukunft vor dem Kind. Theoretisch. Doch das sind nicht die Meldungen die wir aktuell hören. Viel mehr ist von Verunsicherung, einem narzisstischen Tanz ums eigene Ich, dem Anwachsen psychischer Erkrankungen die Rede, Burnout und einem Trend zur ‘freiwilligen’ Selbstoptimierung die Rede. Freiheit schmeckt anders. Zwar hat man schnell Ersatzfeindbilder aus dem Ärmel gezogen, den Neoliberalismus, ein wahlweise zu rechtes oder zu linkes Kartell, aber die ungestellte Frage bleibt die, wieso diese nun auf einmal so wirksam werden konnten. Da fehlt etwas, eine Art Schutzschild, was Einflüsse von Außen abwehrt:

“Viele Mitglieder unserer Gesellschaft, so die These, entbehrten aufgrund der Abwesenheit des Vaters von zu Hause sowie seiner Machtlosigkeit innerhalb der sozialen Welt einer starker Identifikationsfigur, was den Verlust eines starken Ichs zur Folge habe, das normalerweise den langwierigen Auseinandersetzungen mit einem geliebten und verehrten, wenngleich gefürchteten Vater entspringt. Vielmehr sei der Einzelne, so Lasch (1982), seinen primitiven Phantasien über einen unnötig strengen und strafenden Vater ausgeliefert, mit dem Ergebnis, dass auch das Über-Ich seine primitiven personifizierten Qualitäten behalte und auf die soziale Welt projiziere, die dann als gefährlich und irrational erscheine. Der Zusammenbruch väterlicher Autorität als zentrales Sozialisationsmoment machen so den Weg frei für die direkte Manipulation des Ich durch Massenmedien, Schule, Peergroups und politische Führer. Das Ich-Ideal entspringe nicht der Auseinandersetzung mit dem Vater, sondern einem unterentwickelten Ich bzw. dem direkten Einwirken von Kräften außerhalb der Familie.”[2]

Kurz: Wo der Vater fehlt, ist der Weg frei, für Einflüsterungen aller Art. Die vermeintliche Freiheit wird zu einem Gewirr von Stimmen, Anforderungen, Vorstellungen … aber welcher Idee soll man nun folgen?

Wie reduziert man denn richtig? So lautete unsere Frage. Es ist im Prinzip dieselbe. Nun, richtig ist, was für den Betreffenden angemessen ist und angemessen ist das, was er oder sie gut verarbeiten kann. Genau so läuft es auch im Leben. Menschen greifen sich die Idee und Weltanschauung heraus, die gemäß ihrer Sicht auf die Welt und dem Grad ihrer Möglichkeiten etwas zu verarbeiten, das Weltgeschehen am besten beschreibt.

Das empfindsame Selbst, denkt die Geschichte vom Ende her und liegt an dieser Stelle sogar ziemlich richtig. Es kennt seine eigenen Bedürfnisse, respektiert aber auch die anderer. Es empfindet sich als zugehörig, zu einem Geschlecht, einer Region, ein Nation, einer Religion, Kultur, Partei, humanistischen Werten, aber es kann diese gelassen ausbalancieren. Gerade weil es breit aufgestellt ist und sich nicht auf einen Bereich fixieren muss. Es ist nicht darauf angewiesen, andere Menschen nach engen Kriterien abzurastern und nur darauf zu schauen, ob sie auch eine bestimmte Hautfarbe oder Nationalität haben, oder auch sicher eine bestimmte kulturelle Auffassung vertreten. Es hat aber durchaus die Möglichkeit, diese Bereiche als Teilaspekte zu beachten. Die Gesamtheit eines Menschen zählt.

Eine schöne, wünschenswerte und reife Einstellung, die man sich nur wünschen kann und wenn alle Menschen so agieren würden, da hat das empfindsame Selbst vollkommen recht, wäre diese Welt ein besserer Ort. Denn dem empfindsamen Selbst erscheint es unmittelbar einsichtig, dass man sich um die Umwelt kümmern sollte, nicht mal aus ideologischen Gründen, sondern aus purer Einsicht. Die Natur braucht uns nicht. Ob nun die Polkappen schmelzen, wir Atombomben werfen oder sonst etwas passiert, ist der Natur herzlich egal, uns geht es an den Kragen.

Das ist halt ein wichtiges Thema, was man nicht nur als Umweltaktivist spürt, sondern auch, wenn man Kinder und Enkel oder ein Gewissen hat. Nur ist es eben nicht das einzige wichtige Thema. Das Geld was man für diverse Projekte ausgeben will erst mal zu verdienen, ist als Idee auf ganz pfiffig. Da kommen das uns heute jede Menge Ideen, Ansprüche und Impulse vor, wie wir sie in Helden des Alltags darstellten, plus dem, was über die oft schon komplexe Bewältigung des Alltags hinausgeht: Klimawandel, Migrationsströme, Rohstoff-Ressourcen, Energieversorgung, Digitalisierung, Bürgergeld, die Zukunft der Rente und der Arbeitswelt, Rüstung, die Themen sind längst nicht vollzählig und nichts davon ist eine Bagatelle.

Das empfindsame Selbst ist eine Entwicklungsstufe, die mit der Fülle und Komplexität dieser Themen umgehen kann. Und folgerichtig schließt es, dass es gut sei, wenn die anderen auch zu diesen Ergebnissen kämen. Denn in der Tat, wir müssen eine Synthese finden, in der nicht einige Zukunftsfragen ideologisch ausgeblendet werden, sondern man muss die Fülle der Probleme oder Herausforderungen im Blick haben.

Damit möglichst viele Menschen die Entwicklungsstufe des empfindsamen Selbst erreichen, hat es die Strategie entwickelt, alles was eine pluralistische Sicht behindern könnte, möglichst frühzeitig aus dem Weg zu räumen. Das Ergebnis ist durchaus folgenreich und ein Desaster. Davon mehr in der nächsten Folge.

Quellen