Neben den individuellen Kränkungen, die wir zuletzt untersuchten, gibt es es auch kollektive Kränkungen und damit sind solche gemeint, die die ganze Menschheit betreffen sollen. Ob die Kränkungen der Menschheit dann tatsächlich immer alle kränken, wird zu untersuchen sein.

Sternenhimmel mit Michstraße

Umsere Sonne ist nur ein Pünktchen unter abermilliarden anderen. © Tom Hall under cc

Die drei Kränkungen der Menschheit

Die Idee, dass es kollektive Kränkungen gibt verdanken wir Sigmund Freud, der bestimmte Konsequenzen seiner Psychoanalyse als eine der drei großen Kränkungen der Menschheit ansah. Die erste Kränkung sei jene gewesen, dass die Erde nicht den Mittelpunkt des Universums darstellt, die kosmologische Kränkung, die uns Kopernikus zufügte. Die zweite, biologische Kränkung, brachte uns Darwin bei, nämlich die Idee, dass der Mensch kein göttliches Produkt sei, sondern eines aus der evolutionsgeschichtlichen Ahnenreihe der Tiere. Die dritte, psychologische Kränkung, schließlich stammte von Freud selbst, in der Erkenntnis, dass der Mensch nicht einmal Herr im eigenen Haus sei und gemeint ist hier das psychische Haus. Freud berührt hier die Frage nach der Willensfreiheit.

Weitere kollektive Kränkungen

Freuds postulierten Kränkungen wurden weitere zugefügt. Es ist vor allem der studierte Physiker und Philosoph Gerhard Vollmer, der Freud, mal mehr, mal weniger gelungen, kritisiert und uns, in einem Text von 1994 auf weitere Kränkungen der Menschheit hinweist. So besagt die ökologische Kränkung, dass der Mensch zum einen in die Biosphäre eingebunden und zum anderen, von ihr abhängig sei.[1]

Doch nicht nur der Körperbau des Menschen, auch sein Verhalten entstammt direkt dem Tierreich. Diese Erkenntnis der vergleichenden Verhaltensforschung nennt Vollmer hier die ethologische Kränkung. Als weitere Kränkungen fügt er die an, dass der Computer intelligenter werden könnte als der Mensch und die neurobiologische Kränkung, die in der Erkenntnis liegt, wie weitreichend Bewusstseinsprozesse mit neurobiologischen Prozessen interagieren.[2] Auch von weiteren Kandidaten für die Kränkung der Menschheit hört man hier und da.[3]

Nun haben wir zu Beginn der Jahrtausendwende eine jahrelange und intensive Debatte um die Neurobiologie, ihre Möglichkeiten und Grenzen, insbesondere um einen neurobiologischen Determinismus erlebt. Ein teilweise recht erbittert geführter Streit, nicht immer auf hohem Niveau, der jedoch zu der Möglichkeit einer grundsätzlichen Neuausrichtung auf diesem und jenem Gebiet führte.

Man muss den Lesarten der Neurobiologen oder Hirnforscher nicht in allem zustimmen, zumal es mitunter gravierende Deutungsunterschiede innerhalb der eigenen Fraktion gibt und kann doch viele Aspekte ihrer Forschung wertschätzen. Die Verbesserung der bildgebenden Verfahren, insbesondere des fMRT erlauben den Neurobiologen Einblicke in die Arbeit des Hirns (eigentlich nur auf die Durchblutungssituation) in Echtzeit. Auch hier gäbe es noch viel zu sagen, doch belassen wir es dabei, dass es beachtliche technische Fortschritte und demzufolge große Mengen an Vergleichsdaten gibt.

Der kränkende Charakter von Erkenntnissen

Was macht eigentlich den kränkenden Charakter der oben genannten Erkenntnisse aus? Wenn eine Kränkung ein Ärgernis, verbunden mit Traurigkeit ist, eine Enttäuschung des Selbst- und auch des Weltbildes, dann liegt die kollektive Kränkung darin, dass der Mensch von seinem vermuteten Platz, als Krone der Schöpfung verdrängt wurde. Der Mensch, nicht mehr ein Sonderwesen, kein geniales Produkt eines weisen und gütigen Gottes mehr, sondern bestenfalls ein primus inter pares, wenn überhaupt?

Gewiss war die Erkenntnis vom Menschen als Produkt einer auf natürlicher Auslese beruhenden Evolution ein Schock für viele und die Schockwellen sind mitunter bis in unsere Zeit und über unserer Kulturkreis hinaus zu vernehmen. Aber war es das für alle? Wir wissen gar nicht, wie gottesfürchtig der um seine Ernte besorgte Landwirt oder der Arbeiter in der industriellen Revolution tatsächlich war, weil wir allgemein nicht genau wissen, wie gottesfürchtig die Menschen damals überhaupt waren. Wie intensiv haben sie überhaupt über die Stellung des Menschen im Kosmos nachgedacht? Selbst ob die an den Religionskriegen beteiligten Soldaten immer im gefühlten Auftrag Gottes unterwegs waren oder ob nicht auch hier und da andere Motive eine Rolle spielten, darüber kann man nachdenken. Aber gleich, wie man es bewertet, für einige Gelehrte waren die wissenschaftlichen Erkenntnisse sicher eine Kränkung und das nicht nur, aufgrund eines zu befürchtenden Machtverlustes.

Die beschriebenen Kränkungen haben alle eine Gemeinsamkeit und die besagt: Mensch, die Wissenschaft hat herausgefunden, dass es ganz anders ist, als du denkst, ganz anders, als die Tradition es dir gesagt hat.

Die Kränkungen der Menschheit sind alle wissenschaftlich-technischer Natur und damit ist nicht nur eine Arbeitsweise gemeint, sondern wissenschaftlich-technisches Weltbild. Und dieses Weltbild ruft uns durch die Jahrhunderte ein lautes “Nein” zu, es enttäuscht die traditionalistischen und religiösen Vorstellungen des einen oder anderen Menschen durch immer neue Paukenschläge. Aber trifft und erschüttert das wirklich alle? Haben wir vergessen, wie definitiv bis angewidert der Arzt und Dichter Gottfried Benn mit der “Krone der Schöpfung”, in seinem Gedicht Der Arzt II abgerechnet hat, vor fast 100 Jahren?

Und sind wir nicht bei aller vermeintlichen oder tatsächliche Gekränktheit seit einigen Jahren auch Zeuge einer Gegenbewegung? Die Botschaft war bisher so: Du denkst, du stündest im Mittelpunkt? Quatsch. Seist anders als ein Tier? Unsinn. Könntest tun, was du willst? Nix da. Die Natur bräuchte dich? Du brauchst sie. Nur du verfügtest über ein Ich und Intelligenz? Auch Krähen können da mithalten. Zuletzt wurde sogar noch unsere politische, moralische und sonstige gefühlte Überlegenheit infrage gestellt.

Nach all diesen Degradierungen, Zurechtstutzungen und narzisstischen Kränkungen möchte man fragen, wo die ganzen Narzissten heute noch her kommen, aber einer möglichen Antwort hierauf sind wir hier und hier nachgegangen. Die Gegenbewegung sieht so aus, dass die Dauerbotschaft: Du irrst, es ist ganz anders, heute, aus dem Lager Wissenschaft, zum Beispiel der Neurowissenschaft ein Stück weit revidiert wird.

Eine konservative Kränkung?

Soziale Kontakte und Hausmusik, sich um die Enkel zu kümmern, das sei die beste Prophylaxe gegen Demenzerkrankungen, sagt der Hirnforscher und Psychiater Manfred Spitzer. Sein Kollege Gerhard Roth erzählt in einem aktuellen Interview, dass beim Lernen die Qualität des Lehrer das A und O sei. Ob er begeistert ist und den Spaß, den das Lernen machen kann, authentisch vermittelt. Darauf kommt es an, der Rest sind Fleiß und Wiederholungen. Wie aktiv entdeckend oder frontal der Unterricht stattfindet, ist Roth zufolge nachrangig. Das Kind sollte man nicht zu früh fordern. Auf einmal entdecken wir hier ganz klassische Ansichten und Modelle, im Namen der Wissenschaft.

Fast könnte man den Eindruck habe, dass unser wissenschaftsgläubiges Weltbild, selbst eine Kränkung erlitten hat, eine konservative Kränkung, eine Bewegung, die in mancherlei Hinsicht zurück zu den Wurzeln will. Doch auch das ist nicht das ganze Bild. Während es vor allem die Wissenschaften sind, die sich mit dem Menschen beschäftigen, in denen eine gewisse konservative Wende zu beobachten ist, gibt es andere Bereiche in Wissenschaft und Technik, die nach wie vor zu neuen Dimensionen vorstoßen.

Kränkungen durch Computer und künstliche Intelligenz

Ein Go Brett mit Steinen

Früher als erwartet besiegte künstliche Intelligenz den Menschen beim Go. © Luis de Bethencourt under cc

Gerade in dieser Zeit sind wir Zeuge einer Zuspitzung dieser Entwicklung geworden. Was ist passiert? Schon vor 20 Jahren hat das Computersystem Deep Blue den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow geschlagen. Zuerst in einer Einzelpartie, dann unter Turnierbedingungen. Damals eine Sensation, doch Schach ist vergleichsweise simpel, was die Möglichkeiten der Züge und ihrer Kombinationen angeht. Hier reicht einfach die rohe Rechenkraft aus, um überlegen zu sein. Beeindruckend, aber wiederum auch nicht zu beeindruckend.

Doch nun wurde erstmals einer der weltbesten Go-Spieler, Lee Sedol, vom Brett gefegt, erneut von einem Computersystem. Und beim Go ist etwas anders. Hier reicht nicht die reine Rechenleistung, da die möglichen Züge des Spiels unübersehbar groß werden, so dass auch der stärkste Computer in die Knie geht. Aber statt dessen kann AlphaGo etwas, was bisher in dieser Komplexität dem Menschen vorbehalten schien: Lernen, kreativ sein, so etwas sie eine Intuition entwickeln.

Das Ende der geistigen Überlegenheit des Menschen?

Erst mal durchatmen. Dass Maschinen hilfreiche Werkzeuge für uns sind, ist nicht neu, dafür benutzen wir sie ja. Jeder primitive Taschenrechner ist zigfach schneller als wir. Jeder Kran stellt und ins puncto Kraft in den Schatten. Niemanden hat das bislang gestört. Für Recherchen benutzen wir Online-Enzyklopädien, weil dort mehr Wissen zu finden ist, als ein einzelner Mensch. Wir entscheiden, wann wir welches dieser Hilfsmittel benutzen, wobei wir beim Smartphone oft kaum noch anders können, viel zu sehr ist es Teil des Lebens geworden. Aber mindestens theoretisch könnten wir das Smartphone weglegen und ausmachen, das Ding braucht uns, macht von sich auch nichts.

Natürlich ist auch AlphaGo von Menschen mit Daten gefüttert worden, aber dann kam der Punkt an dem das System begann, gegen sich selbst zu spielen. 13 Millionen Partien. Und dann war es zu Zügen fähig, die vollkommen neu für den Menschen waren. Offenbar nicht nur durch Rechenpower, sondern mit Kreativität, Intelligenz und Selbstlernen. Und so warnen Forscher und Computerpioniere vor dem Tag, an dem die künstliche Intelligenz (KI) klüger als der Mensch ist.

Was aber heißt besser, klüger, intelligenter? Wir sind es ja längst gewohnt mit Wesen zusammen zu leben, die oftmals besser sind als wir. Tiere sind schneller, stärker, mit besseren Sinnen ausgestattet als wir Menschen. Dafür stellen wir sie kognitiv in den Schatten, so denken wir. Doch man kann Affen das Zählen beibringen und wenn sie das gelernt haben und mit dem Finger auf die auf einem Bildschirm zufällig verstreute Zahlen in der richtigen Reihenfolge tippen sollen, können sie das ungleich schneller als ein Mensch. Das sind kognitive Leistungen. Wir gelten außerdem als besonders anpassungsfähig, doch vermutlich stellen uns Ratten und Bakterien hier bei weitem in den Schatten. Ist unsere Überlegenheit von je her nur eingebildet gewesen? Der Mensch ist Generalist, er kann vieles ziemlich gut und möglicherweise gibt es eine hervorstechende Eigenschaft, die ihn bislang von allen anderen Wesen unterscheidet. Doch dazu später.

Die eigenartige Lust an der Degradierung

Fast interessanter als die Tatsache des Sieges der KI über den Menschen, ist die Reaktion darauf. Gehört das Ereignis nun auch zu den kollektiven Kränkungen? So hört man es öfter. Von Menschen, denen es einen merkwürdige Freude zu bereiten scheint die Stellung des Menschen an sich klein zu reden, den Menschen zu degradieren. Freilich hört sich das aus ihrer Sicht ganz anders an. Aus der ist es so, dass der Mensch die kollektive Kränkung noch immer nicht verarbeiten kann, nicht der Nabel der Welt zu sein. Wir könnten irgendwelche religiösen oder althergebrachten Überlegenheitsgefühle nicht ablegen, so hört und liest man es. Eine komische Haltung, der man in vielen Spielarten begegnet. Bei Menschen, die es feiern, dass die KI endlich so intelligent und mächtig ist, wie der Mensch. Nicht anders war es zur Blütezeit der Willensfreiheitsdiskussion zwischen Philosophen und Neurodeterministen, die den Journalisten und Herausgeber eines Buches zum Thema Christian Geyer zu folgenden Zeilen animierte:

“Versuchshalber könnte man den Spieß natürlich auch umdrehen und der Frage nachgehen: Was macht die Idee unser Wille sei unfrei eigentlich so sexy? Welche psychischen Disposition ist nötig, um die Psyche zu verabschieden, um die Evidenz seiner Erlebens-Perspektive (“Ich kann auch anders”) zu den Akten nehmen und stattdessen die Perspektive des Labors übernehmen zu wollen (“Freiheit ist eine Illusion”)? Vermutlich ist es die Abstraktion selbst, die exakte Entlastung vom Konkreten, die attraktiv wirkt. Wie viele Enttäuschungen mit der Konkretion des eigenen Ichs müssen vorangegangen sein, bevor man geneigt ist, dieses Ich in den Abstraktionen der Hirnforschung zu Verschwinden zu bringen?”[4]

Geyers Antwort ist: Entlastung. Ich kann ja nichts dazu, meine Hirnzellen waren es. Da ist was dran und doch erklärt es nicht die heimliche Lust dieser Pose, die in der Botschaft liegt: Ich weiß, wie unbedeutend wir sind und ich kann das ertragen. Der stille Nachsatz ist: Und wenn du nicht meiner Meinung bist, zeigt das nur, dass Du es offenbar nicht ertragen kannst. Die gute alte zirkuläre Begründung, die letztlich falsch ist. Oft sind es wissenschaftsgläubige Menschen, die mit einer gewissen Vehemenz diesen Standpunkt vertreten. Doch auch in spirituellen Kreisen trifft man auf den eigenartigen Stolz Niemand zu sein.

Ein Wettkampf in Unbedeutenheit, Niemandsein, vorgeblicher Demut und Herabsetzung. Nicht dadurch, dass man noch ein wenig unbedeutender, ein noch kleinerer Teil des Ganzen ist, sondern dadurch, dass man das versteht und erträgt, überragt man die anderen, die Dummen, die die meinen, die seien mehr, als sie sind. Und genau darum ist man ja doch wieder ein bisschen besser. Kann sich absetzen und dozieren. Und das wird dann auch reichlich getan, ohne diesen performativen Widerspruch reflektiert zu haben.

Die subjektivistische Kränkung

Eine merkwürdige Geschichte. Man will am Ende doch wieder mehr sein, anders sein, sich abheben. Wer ist hier eigentlich gekränkt? Diejenigen, die ihren Sturz vom Sockel befürchten oder diejenigen, die nicht sehen und anerkennen können und wollen, dass sie selbst liebend gerne auf einem Sockel stehen? Und auf dem steht: Ich weiß und kann es besser. Da dieser Anspruch möglicherweise zu ehrlich ist, wird er in sein Gegenteil verkehrt: „Ich weiß besser, wie unbedeutend wir sind und ich kann besser ertragen, dass es so ist.“ Ein hoher bis maßloser Selbstanspruch, verpackt in eine scheinbar bescheidene bis demütige Botschaft.

Wer ist eigentlich gekränkt und sind es wirklich kollektive Kränkungen, die da wirken? Hier handelt es sich offenbar um Menschen, die mit den offen formulierten Ansprüchen des Ich so ihre Schwierigkeiten haben, die aber gleichzeitig von diesen Ansprüchen nicht lassen können und zu einer sozial etablierten Form greifen. Die hinter einer Fassade der Demut verborgene Besserwisserei. Geyers Frage, wie viele Enttäuschungen mit der Konkretion es Ich es hier gegeben haben mag, ist nicht unberechtigt.

Ich weiß nicht, ob jeder der nach wie vor eine Sonderstellung des Menschen sieht jemand ist, der kollektive Kränkungen nicht anzuerkennen vermag, und das, was die scheinbar Klugen so alles wissen einfach nicht ertragen kann. Aus genannten Gründen halte ich das eher für eine etwas unterkomplexe und schlecht reflektierte Antwort, die die Reaktionsbildung verkennt, die darin oft liegt.

Was setzte man nicht alles in Gang um das Subjekt loszuwerden: Es gibt kein Ich (unterm fMRT sieht man keines); wenn doch, dann ist es ohnehin ferngesteuert, wahlweise vom Hirn, vom Kapitalismus und außerdem besitzen inzwischen genügend Tiere auch ein Ich. Und trotz allem (oder vielleicht auch: deshalb) bricht überall diese fiese kleine Version des Ich wieder durch, in der sich scheinbar grundlos jemand in seiner Grandiosität sonnt und sich für so wichtig hält, dass er der ganzen Welt sein Leben per Bild oder Video möglichst in Echtzeit zur Verfügung stellen möchte: Hier bin, das esse ich gerade, ich steige soeben aus der Bahn. Wow.

Wir erinnern uns, das grandiose Selbst ist besonders tief gekränkt, wenn es irgendwann doch mal einen anderen Menschen wahrnimmt und erkennt, dass der gar nicht so begeistert ist, wie man es von sich selbst ist. Dieser starke Drang wahrgenommen und anerkannt zu werden, ist schon irgendwo peinlich, doch er wird nicht besser, wenn man ihn in der klammheimlich verdrucksten Version lebt, die wir eben vorstellten. Es ist irgendwo enttäuschend, ja kränkend, sich selbst dabei zu beobachten, wie man hochspringt und den Finger reckt und sich in einer der vielen Varianten rufen hört: “Hier ich. Nimm mich bitte wahr. Sag mir bitte, dass ich toll bin.” Ein gutes Mittel sich selbst in dieser Pose nie zu sehen, ist auf Reflexion großzügig zu verzichten. Aber gerade dann bleibt man einer von vielen, genau die Variation Mensch, die man am allerwenigsten sein möchte.

Gibt es eine Erlösung aus diesem Dilemma?

Die entwicklungspsychologische Kränkung

Stilisierte Darstellung der Evolution vom Affen über den Menschen zum Roboter

Führt der Weg der Evolution vom Menschen zum Roboter? © Taymaz Valley under cc

Die Entwicklungspsychologie ist eine vielseitige Sparte, die bei aller Vielfalt ein recht durchgängige Botschaft hat: Entwicklung ist ein voranschreitender Prozess, der zumindest anfangs hin zu immer mehr Komplexität geht. Entwicklung ist auf eine Weise wie ein riesiger Fahrstuhl, der immer höher fährt und für eine längere Zeit anhält und die Türen öffnet, so dass alle Insassen einen Eindruck von der jeweiligen Ebene gewinnen können.

Wenn es sie hinzieht zu dieser Ebene, wenn diese Welt und ihre bevorzugten Spiele und Aktivitäten ihnen liegt, sind sie gewillt auszusteigen und diese Ebene zu betreten, hier mitzuspielen, mitzuleben, mit allem, was dazu gehört. Hat man sich auf dieser Ebene ausgetobt, steigt man irgendwann wieder in der Fahrstuhl ein und fährt ein Stockwerk höher, um die dortige Welt zu besichtigen und die hier üblichen Lebensweisen mitzumachen. Es läuft etwas unbewusster als in diesem Bild beschrieben.

Doch eine weitere Erkenntnis ist, dass es nie so einfach, so eindimensional, so höher = komplexer = besser ist, wie man es denken könnte, wenn man sich anfangs mit dem Thema befasst. Denn der Mensch ist ein vielschichtiges, ambivalentes Wesen und genau diese Ambivalenz, diese Brüche und Widersprüche machen ihn interessant und sexy. Die zu gerade und glatte Biographie ist irgendwann einfach langweilig.

Das Leben des Dichters Gottfried Benn, den wir oben kennen lernten und der die Stellung des Menschen literarisch in oft provokativ verletzenden Bildern verarbeitete, ist ein Beispiel für diese Mischung. Zu wortmächtigen Formulierungen in der Lage, die oft ihresgleichen suchen, war er im Umgang mit seinem nächsten Umfeld oft schmerzhaft kalt und vernachlässigend, allerdings als Arzt hilfsbereit und auch für die von der Gesellschaft Ausgestoßenen engagiert. Benn war zudem naturwissenschaftlich und philosophisch ungeheuer gebildet und nahm obendrein an politischen Diskussionen teil. Ein starker Bruch zwischen den hohen und niederen Aspekten, gibt es bei ihm in vielerlei Hinsicht. “Genie und Barbar”, dieser Titel einer Benn Biographie, fängt es treffend ein. Benn lebte nicht nur diese Ambivalenz, er sah sieh auch. Er konnte einen kenntnisreichen Prosatext über Goethe und die Naturwissenschaften schreiben, legendär dichten und dann in einem Brief, an eine seiner vielen Liebschaften, nach einem Zoobesuch, bei dem er vor allem die Affen betrachtete, einen ganz anderen Wesenskern des Menschen erblicken und zu sinnieren:

“Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!”[5]

Sind wir nur etwas andere Tiere, auf Überleben und Fortpflanzen geeicht? Offenbar auch, aber nicht nur. Und in einzelnen Menschen oder einzelnen Gruppen von Menschen, zu unterschiedlichen Zeiten, unterschiedlich stark gemischt.

Aber sind wir nun gekränkt, weil die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht? Ich glaube, man muss schon mit der Lupe suchen, um Menschen zu finden, die heute noch so empfinden. Mit diesem Wissen aufzuwachsen ist so selbstverständlich, wie mit einem Kühlschrank aufzuwachsen. Die Abstammung des Menschen aus der Kette der biologischen Evolution bereitet einigen religiösen Menschen offenbar wirklich heute noch Kopfzerbrechen. Aber eben einigen, längst nicht allen. Freuds Kränkung nicht mal Herr im eigenen Haus zu sein bedarf der Interpretation. So richtig die Feststellung ist, so wenig würde es dann Sinn machen eine Psychoanalyse auf der Taufe zu heben. Denn diese setzt auf die Erweiterung der Kompetenzen und Freiheit des Ich, durch Einsicht und ungeschönte Erkenntnis.

Aber diese Erkenntnis lautet nicht, dass der Mensch nur ein willenloses Triebtier ist, sondern allenfalls, dass er auch ein biologischen Dispositionen ausgesetztes Wesen ist. Kann man sich dadurch gekränkt fühlen? In der eigenen Therapie gewiss, doch wenn man das mal konfrontiert hat, ist es eine Erkenntnis von großer Schönheit, dass dies etwas ist, was uns alle verbindet, inklusive der Versuche dies immer wieder, mehr oder weniger geschickt, zu leugnen.

Liegt denn wenigstens in der Neurobiologie eine kollektive Kränkung verborgen? Für ein bestimmtes Kollektiv vielleicht, doch wie wir sahen, nehmen Mitglieder anderer Kollektive dies sogar zum Anlass um sich anhand dieser Erkenntnis selbst zu erhöhen. Kollektive Kränkungen finden wir also auch hier eher nicht. Dasselbe mit der Abhängigkeit des Menschen von der Natur und dem Aufschwung der KI zu ungeahnten Höhen. Es gibt, wie wir sahen, Menschen, die eine eigenartige Befriedigung dabei empfinden, den Menschen endlich oder wenigstens so bald wie möglich degradiert zu sehen.

Was unterscheidet uns?

Gibt es dennoch etwas, was uns trennt, anders macht? Vom Tier und von der künstlichen Intelligenz grundsätzlich unterscheidet? Nachdem über Jahre ein Kriterium nach dem anderen, revidiert wurde, hat sich doch eines gehalten: Die Sprache. Und zwar ein besonderer Aspekt der Sprache. Kommunizieren tun Tiere auch. Die Affekte, die Fähigkeit sie auszudrücken und zu lesen sind sogar ein Kommunikationssystem, was vermutlich die Brutpflege der Säugetiere intensivierte und optimierte. Tiere kommunizieren also differenziert und erfolgreich und auch einige Roboter lässt man schon kommunizieren, weil sie so besser lernen, als wenn sie programmiert werden.Und im Gegensatz zu dem was wir oft denken, waren die Menschen früherer Zeiten nicht nur fitter, also kräftiger und ausdauernder, sondern sie hatten sogar ein größeres Gehirn als heute, was ein Indiz für eine höhere Intelligenz ist. Und doch war es nicht die Intelligenz, die alles veränderte, sondern vermutlich die Sprache.[6] Was aber macht unsere Sprache einzigartig?

Wir sind Wesen, die einander Gründe geben. Aber, ist das so entscheidend? Vermutlich ja. Um einander unsere Handlungen und Absichten begründen zu können, müssen wir wissen, was wir zu tun gedenken und es dann auch tun. Ansonsten werden wir irgendwann unglaubwürdig. Gründe zu geben bindet uns in ein unglaublich kompliziertes Geflecht von Behauptungen und dem argumentativen und tatkräftigen Beleg dieser Behauptungen ein. Und mehr noch. Wir wissen, dass wir zur Begründung verpflichtet sind und dass man Konsequenzen aus unseren Behauptungen erwartet.

Wenn wir sagen: “Das ist rot”, wissen wir, dass wir damit eine Aussage über Farben getroffen haben. Rot richtig erkennen und sagen: “Das ist rot”, kann aber auch ein Papagei oder ein Roboter mit Farbsensor und Sprachmodul. Wo also ist der Unterschied? Der Roboter tut das Richtige, weiß aber nicht, was er tut. Er gewinnt sogar im Schach und Go gegen den Menschen, aber die Frage, ob ihn dieser Sieg überrascht hat oder ob er damit gerechnet hat, kann er nicht beantworten. Sie bedeutet ihm nichts. Ein Vogel kann reihenweise richtige Sätze sagen, weiß aber auch nicht, was sie bedeuten. Man kann einen Vogel darauf trainieren zu sagen: “Die Schere zwischen Arm und Reich geht in unserem Land immer weiter auseinander”, aber der Vogel weiß nicht, was er da gesagt hat. Der Satz bedeutet für ihn, ein paar leckere Nüsse zu bekommen, aber inhaltlich nichts. Uns schon.[7]

Das heißt, wir stellen Behauptungen auf und sind darauf festgelegt, diese auch einzulösen. Entweder durch Begründungen oder Erläuterungen, wenn unsere Behauptungen abseits des Mainstream sind, oder durch Taten. Begründen wir unsere Meinungen nicht, schlecht oder unzureichend oder tun wir nicht, schlecht oder unzureichend was wir sagen, sinkt unser sozialer Kontostand und wir gelten zunehmend als unglaubwürdig und unzuverlässig. Nicht bei einem einmaligen Verstoß, es sein denn, dieser ist sehr gravierend, aber wenn wir systematisch unseren Ruf zerschießen, ist das in den meisten Fällen nicht gut, es sei denn, wir wollen Karriere als Provokateur machen, dann gehört das eventuell zum guten Ton und abseits des Mainstream zu stehen ist Teil der eigenen Identität.

Basiert menschliche Kommunikation nur auf ein paar Algorithmen?

Daran wird schon etwas deutlich. Manche schlagen so eine Karriere ein. Als Rockstar kann es dazu gehören, Hotelzimmer zu zerlegen und Drogen zu nehmen, manche Rapper kokettieren mit ihrer Nähe zum kriminellen Milieu, für andere Lebensentwürfe wäre das der soziale Selbstmord. Für Politiker von Splitterparteien, ist Zuspitzung und Monothematik im wahrsten Sinn Programm, will man die Mitte gewinnen, muss man moderat und gemäßigt agieren und argumentieren. Der Mensch zeichnet sich also dadurch aus, dass er ziemlich unterschiedlich ist, soll heißen, nicht nur vielschichtig und widersprüchlich, sondern das Menschsein zerfällt in einzelne Lager.

Der Mensch ist Generalist. Der Kran ist stärker, die künstliche Intelligenz spielt besser Schach und Go, doch andere Vorstöße der Bots scheitern noch immer kläglich. Microsoft hat einen Twitter-Chatbot herausgebracht, doch seine Karriere war kurz, da er sich in Rekordzeit radikalisierte. Nun fragt man sich, lag es man Bot, am Kommunikationspartner Mensch oder an den berühmt-berüchtigten 140 Zeichen?

Menschliche Kommunikation ist nicht so leicht, wie sie für uns manchmal zu sein scheint. Ein paar simple Regeln zu kennen scheint da nicht zu reichen. Vor allen Dingen müssen wir die Ambivalenzen mit einbeziehen. Warum geht in dem einen gesellschaftlichen Kontext das, was im anderen ein “No go” ist? Die Folgerichtigkeit und Geschlossenheit einer Weltsicht und Einstellung ihrer Anhänger ist ein Aspekt, doch es kann sein, dass es andere Gruppen gibt andere, die ganz anderen Regeln und Vorstellungen folgen, die in sich selbst jedoch wieder logisch folgerichtig sind. Es gibt nicht die eine Weltsicht, der sich alle verpflichten.

In unserer Reihe über die Entwicklungsstufen der Weltbilder sind wir dem in bislang sechs unterschiedlichen Stufen gefolgt: (1), (2), (3), (4), (5), (6). All diesen Weltbildern ist gemeinsam, dass sich Menschen unter ihnen versammeln, Einstellungen und Praktiken teilen, die für dieses Weltbild und seine Festlegungen typisch ist. Es ist ihnen weiter gemeinsam, dass sie sich von den anderen Weltbildern erkennbar unterscheiden und diesen oft skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Doch gemeinsam ist ihnen auch, dass die alle nach dem Muster des Gebens und Verlagen von Gründen funktionieren. Jedes Weltbild verlangt eine gewisse Haltung oder Einstellung von denen, die mit dazu gehören wollen, eine logische Folgerichtigkeit. Teilweise verlangt die Zugehörigkeit Opfer, doch das klingt schlimmer als es ist, denn wenn diese Forderungen ausbleiben, suchen Menschen geradezu nach Orientierung, nicht selten sogar im Lager von Extremisten. Ein Punkt, der noch nicht hinreichend reflektiert wurde.

Kollektive Kränkungen im Sinn der Kränkung der ganzen Menschheit gibt es daher eher nicht. Weil wir zum einen alle etwas anders, individuell sind, aber zugleich auch zu anderen gehören und so sind wie andere – selbst die Gruppe der Hyperindividualisten, die wir im ersten Teil behandelten, wird ja immer größer – also anderen ähnlich sind, versammeln wir uns in typischen Gruppen, die unser Weltbild und Erleben einfangen. Die einen fühlen sich für eine gewisse Zeit hier zuhause, die anderen dort.

Man kennt sich und man scannt sich

So entsteht eine gewisse Verlässlichkeit und man rastert und scannt sich gegenseitig, ob und inwieweit der andere noch “einer von uns” ist. Die Inhalte sind verschieden, die Struktur ist ähnlich, die größte Klammer des Menschseins insgesamt scheint zu sein, dass wir die bislang einzigen Wesen sind, die einander Gründe geben. Das wechselseitige sich scannen ob und inwieweit wir den damit getroffenen Festlegungen folgen ist nicht alles, wie Habermas kritisierte, Interessierte können hier mehr dazu erfahren.

Kollektive Kränkungen könnten nur auftreten, wenn alle sich gleichermaßen mit einer Idee oder Art zu leben identifizieren würden und das ist nicht der Fall. Was den einen entsetzt, entzückt den anderen, das ist es, was unser soziales Miteinander so spannend, aber auch anstrengend und mitunter frustrierend macht. Unsere Gründe kommen uns gut und richtig vor, doch wir haben oft nicht auf dem Schirm, dass unsere äußere Ähnlichkeit überspielt, wie sehr wir innerlich verschieden sein können.

Die entwicklungspsychologische Kränkung unserer Zeit scheint darin zu bestehen, dass diese Stufen immer wieder auftauchen, unsere Unterschiede und Ähnlichkeiten ganz gut abbilden, wir aber gleichzeitig oft ideologische Vorbehalte gegen Stufentheorien haben. Sie kommen uns unfair und manchmal abwertend vor und haben den üblen Beigeschmack dunkler Momente der deutschen Geschichte. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass die damaligen Kriterien willkürlich gewählt waren. Unsere Kriterien sollten daher nicht ideologisch, nicht willkürlich sein, sondern wissenschaftlich im besten Sinne des Wortes, denn wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Wissenschaft mitunter korrumpiert ist.

Wir müssen das sehen, furchtlos offen legen, benennen und das Gute vom Schlechten unterscheiden. Ein rein auf Nützlichkeit abzielendes Weltbild, das meint auf die Unterscheidung zwischen gelungen oder missraten verzichten zu können, gerät schnell an seine Grenzen und ist manchmal ideologischer, als man glauben möchte, vor allen Dingen, als die Anhänger konfrontieren wollen und können.

Strengen wir uns daher an, bleiben wir fair und offen, ohne die Unterschiede wegzureden. Trennen wir das Gute vom Schlechten, aber wir müssen auch diskutieren, wer bestimmt, was gut und schlecht ist und warum wir diesem mehr glauben sollen als jenem. Hierbei kann uns bislang weder die Neurobiologie noch die künstliche Intelligenz helfen. Noch sind wir (soweit wir wissen) die einzigen Wesen, die einander Gründe geben und diese vom anderen verlangen. Das zeichnet uns aus, lässt aber gleichzeitig die Tür geöffnet, für Tiere, Roboter, Aliens und Götter. Reife Individualität ist auf Basis dieser Gemeinsamkeit nicht nur möglich, sondern erwünscht. Das ist auch der Ausweg aus dem oben skizzierten Dilemma: Entwicklung. Wie weit die Entwicklung der menschlichen Natur reicht, wissen wir nicht, ob wir dereinst von Wesen überholt werden, die wir selbst schufen, mag sein. Doch gegen individuelle und kollektive Kränkungen ist Entwicklung ein probates Mittel.

Quellen:

  • [1] Gerhard Vollmer, Die vierte bis siebte Kränkung des Menschen – Gehirn, Evolution und Menschenbild, aus: Aufklärung und Kritik 1/1994 (S. 81 ff.), online: http://www.gkpn.de/vollmer.htm
  • [2] ebd.
  • [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Kr%C3%A4nkungen_der_Menschheit
  • [4] Christian Geyer, Herausgeber und Mitautor, Hirnforschung und Willensfreiheit, Suhrkamp 2004, S.14
  • [5] aus Gunnar Decker, Gottfried Benn – Genie und Barbar, aufbau 2008, S.282
  • [6] Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, Deutsche Verlags-Anstalt (2013), S. 68f
  • [7] Eine lesenswerte und gut verständliche Einführung in die Thematik von Robert Brandom selbst, finden interessierte Leser unter: http://www.zeit.de/2001/29/200129_brandom_xml