Die Wirkung

Zeichnung von Gesicht im Profil mit Flammen

Der Kunst gelingt es oft psychosomatische Zusammenhänge darzustellen, hier vielleicht ein brennendes Verlangen. © Kurt Stocker under cc

Wenn wir die Psychosomatik breiter fassen, also begreifen, dass auch bei Aspekten, die wir als rein körperlich auffassen würden, immer auch die Psyche beteiligt ist, was uns spätestens bei der Fehlfunktion auffällt, wenn etwas nicht mehr läuft, wie gewohnt, haben wir einen anderen Zugang zur Welt und zu unseren Krankheiten. Wir haben keine Sprache und keine Theorie dafür, die uns diese künstliche Trennung zwischen Körper und Psyche überwinden lässt, wobei es einige Brücken gibt, etwa die Wirkung.

Wenn wir bei gesundheitlichen Zusammenhängen bleiben, dann geht es nicht nur darum, dass wir grob gesagt Tabletten und Entspannungstraining kombinieren, sondern wie einer der anderen Ausdrücke für die Psychosomatik es benennt, es geht um biopsychosoziale Komponenten. Das heißt, es macht einen Unterschied, wie meine Familie, aber auch mein Kulturkreis zum Umgang mit bestimmten Phänomenen steht: mit Schmerz, Angst, Krankheiten, zu sexuellen Präferenzen und so weiter. Man kann seine Herkunft nicht ändern, aber versteht die Hintergründe eines Menschen besser und er kann seine Hintergründe verstehen und reflektieren. Auch das kann eine Wirkung haben.

Der Praktiker kann einfach das kombinieren, was hilft, unabhängig davon ob es theoretisch zusammen geht. Das ist längst unser Alltag in der Medizin, es wird in der Regel nur nicht thematisiert und oft fällt niemandem auf, dass es eigentlich nicht passt. Mit allem was man kombiniert steigt natürlich die Gefahr von Wechselwirkungen, die einander nicht ergänzen, sondern bremsen oder sogar blockieren. Oder man geht in einen blinden Aktionismus über, bei dem man alles kombiniert, was irgendwie helfen könnte und das ist so planlos, wie es oft wirkt.

Oft haben sich in der Praxis schon Ansätze etabliert und nicht immer muss man mehrere Verfahren kombinieren, aber es ist bei vielen Erkrankungen denkbar, breiter anzusetzen, etwa, wenn diese immer wieder kommen, nachdem sie kurz auf eine Behandlung ansprechen, chronisch sind oder werden oder sehr schwer und therapieresistent.

Ein tieferes psychosomatisches Verständnis kann uns helfen die Wirkfaktoren zu bestimmen, die uns bei der Erkrankung genau dieses Menschen weiter helfen. Man weiß heute von den systemischen Auswirkungen (Familienstrukturen) auf Individuen, man meint, dass Traumata durch die Generationen weiter gegeben werden und ebenso Familiengeheimnisse, die sich auf die Nachkommen auswirken, die bewusst gar nichts von diesen Geheimnissen wissen. Das ist längst nicht alles, weil es auch andere Weltbilder gibt, in denen man davon ausgeht, dass sich karmische Muster vererben können.

Die Aspekte sind vielfältig. Psychosomatik zu verstehen, heißt zu erkennen, dass Psychotherapie Arbeit am Gehirn ist, aber es ist einfach ein anderer Weg als der über die Blockierung bestimmter Rezeptoren durch Medikamente, doch zugleich sind noch andere Ansätze denkbar. Es ist vielleicht nicht in allen Fällen gut bestimmte Muster wieder und wieder durchzuspielen, sondern sie einfach hinter sich zu lassen und im wahrsten Sinne zu vergessen.

Zudem können wir neue Muster etablieren durch eine kluge Mischung außertherapeutischer Maßnahmen, die uns helfen können wieder eine Beziehung zur Welt aufzubauen.

Das Rätsel der Heilung

Wir wissen, dass kranke Menschen wieder gesund werden können. Wir wissen oft auch, was man dafür tun muss. Oft gar nicht viel, vieles schafft die Körper-Psyche-Einheit selbst, manchmal braucht sie ein wenig Unterstützung. Dafür gibt es standardisierte Ansätze, die für verschiedene Krankheiten immer wieder in den ärztlichen Leitlinien zusammengefasst und neu diskutiert werden.

Doch manche Krankheiten sind hartnäckig, andere sehr selten und sperren sich gegenüber der üblichen Intervention. Bis es zur Heilung kommt ist noch irgendeine Hürde zu überwinden und wir wissen nicht, wie weit wir noch von der Schwelle zur Heilung entfernt sind. Stehen wir ganz kurz davor oder sind wir noch sehr weit weg? Im Einzelfall wissen wir es nicht.

Wir wissen oft auch nicht, wo die Blockade liegt. Vielleicht sieht jemand einfach keinen Sinn in der Heilung, meint, er habe es nicht verdient gesund zu werden, vielleicht ist es aber auch eine körperliche Abweichung vom Normalfall. Wir tun gut daran, viele mögliche Hindernisse zu erkennen und aus dem Weg zu räumen, das ist die große Stärke der Psychosomatik.

Die Wirkung tritt oft ein, wenn jemand vertraut, überzeugt oder zuversichtlich ist, begründete Hoffnung hat. Es hängt vom einzelnen Menschen ab, wann und wodurch das bei ihm der Fall ist, aber genau das sollten wir rauskriegen. Es gibt viele Hürden: Neid, primärer und sekundärer Krankheitsgewinn, Depression, systemische oder kulturelle Bedingungen und vieles mehr.

Aber weil wir eben nicht wissen, wie weit wir von einer einsetzenden Heilung entfernt sind, ist es gut, auch kleine Schritte zu gehen, denn wir könnten kurz davor stehen, ohne es zu wissen und es wäre ein Jammer, wenn wir den einen kleinen Schritt dann nicht gegangen wären.

Warum so viel Aufwand?

Reicht es nicht, sich auf die Statistik zu berufen, das zu versuchen, was eben häufig funktioniert und wenn nicht, hat man eben Pech gehabt? Das Problem könnte sein, dass sich die Medizin immer mehr in diese Richtung entwickelt. Seltene Krankheiten werden nicht mehr erforscht, aufwendige Medikamentenstudien abgebrochen und auch Psychotherapien sollen nach Möglichkeit schnell und effizient sein, wer davon nicht profitiert, muss eben sehen wo er bleibt.

Wollen wir das? Bei Covid war die Argumentation noch anders, das Leben hatte Vorrang. Wollen wir, dass Algorithmen entscheiden, ob es sich noch lohnt, dass jemand eine neue Hüfte, einen Herzschrittmacher oder eine Krebsoperation bekommt? Wir haben in Ansätzen schon erlebt, was ein rein auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtetes Medizinsystem anrichten kann und der Trend geht immer mehr in diese Richtung.

Wenn aber seltene Erkrankungen nicht mehr erforscht werden, es nur noch Therapieansätze gibt, die schnell und günstig bei den meisten wirken und der Rest eben Pech gehabt hat oder ein Algorithmen, Politiker oder Medizinökonomen meinen, ab einem bestimmten Alter oder Schweregrad lohne eine Therapie nicht mehr, dann verabschieden wir uns heimlich, still und leise von dem, was uns angeblich auszeichnet.

Eine breiter aufgestelltes Verständnis für psychosomatische Zusammmenhänge geht in die andere Richtung. Es kann auch effizient sein, aber es nimmt nach wie vor das Individuum in den Blick.

Quellen:

  • [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Psychosomatik#Psychosomatische_Medizin