Samstagabend. Einladung von Freunden. Sieben Menschen sitzen am Tisch. Moment? Sieben? Da fehlt doch einer? Sorgsam aufgereiht findet sich Partner um Partner am Tischplatz ein. Womöglich ist die Sitzordnung auch gewagter und Pärchen-mäßig durchmischt. So oder so, gefühlt sitzt der Single auf dem undankbaren Katzenplatz – in Anlehnung an den etwas abseits der Festtafel stehenden Tisch. Bei Mexiko-Pfännchen und Toast Hawaii hocken die Freunde in rudimentärer Lagerfeueratmosphäre um den Raclette-Grill im heimischen Wohnzimmer und brutzeln, schmelzen, rösten und plaudern vor sich hin. Der Single inmitten von ihnen. An diesem Abend ist er ein glücklicher Single, wären da nicht … Es ist diese Mischung aus Mitleid, gespendetem Trost und stellvertretender Zuversicht, die in Nebensätzen zum Ausdruck kommt: “… aber Alleinsein ist hin und wieder ja auch ganz schön.” “… und überhaupt, Berlin ist die Hauptstadt der Singles.” “… letztendlich gibt es für jeden Topf einen Deckel, irgendeiner findet sich schon.”
Irgendeiner, ja. Aber will man das?

Was, wenn du ein Wok bist?

Ein Wok besitzt zumeist keinen Deckel, jedenfalls keinen, der so richtig gut passt. In Berlin – der Single-Hauptstadt, in der 49 Prozent ohne Partner leben – kommt der Wok immer öfter auf den Herd. In ihm bereitet der Single schnelle und gesunde asiatische Gerichte zu, mit bissfestem Gemüse. Denn auch ein Single will gesund und lange leben – entgegen der landläufigen Annahme, welche aus früheren Umfrage-Studien resultiert, dass Verheiratete glücklicher und gesünder seien. Dem ist nicht zwangsläufig so, wie jüngere Studienergebnisse zeigen.
Das Stereotyp des Pizza-futternden, T-Shirt-bekleckernden Singles auf der Couch, der dröge ein Dosenbier nach dem anderen aufmacht, gehört der Vergangenheit an, in welcher Single-Männer am 30. Geburtstag die Domtreppe kehren und Single-Frauen die Türklinge putzen mussten. Es hat sich ausgefegt und ausgeputzt. Der Single ist ein glücklicher Single und, glaubt man den Studien, nimmt dieses Glück sogar über die Jahre zu.

Single: Wer und wie viele?

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Single-Dasein: Ausstellungen allein besuchen. © Ramón Peco under cc

Psychologin Bella DePaulo von der Universität of California, Santa Barbara – selbst lebenslang und selbst gewählt Single –, beschäftigt sich mit der psychischen Verfassung von Singles und ihrem körperlichen und sozialen Dasein. Sie resümiert nach zahlreichen Publikationen, dass unsere Kultur in Medien und Wissenschaft noch immer die Ehe fokussiert und dass das Single-Dasein eher als Abfinden mit der trostlosen Alternative gilt und nicht als selbst gewähltes Lebensmodell. In ihrem Buch Singled out rechnet sie mit der Single-Stereotypisierung ab. In den USA (und ja, auch in Deutschland) ist der Single-Haushalt die häufigste Wohnform, demzufolge der den Singles anhaftende Seltenheitswert von der bunten Extravaganz eines Kolibris und das Image des irgendwie Absonderlichen allmählich ad acta gelegt werden sollte.

DePaulo fand in Forschungsdatenbanken der vergangenen Jahre etwa 90.000 Studien, welche Verheiratete zum Thema hatten, demgegenüber nur etwa 500 in Bezug auf Singles. Wenn aber die Anzahl der Nichtverheirateten größer ist als die der Verheirateten, hängt die Wissenschaft – Verzeihung! – hinterher. Auch in Deutschland bleiben viele (vor allem viele Männer) bewusst Singles. Vergessen werden sollte zudem nicht die Tatsache, dass immerhin fast jede zweite Ehe geschieden wird. Die Single-Population ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen und tut es weiter. Warum das so ist, gilt es zukünftig zu ergründen.

Definition: glücklicher Single

Ob man ein glücklicher Single wird, scheint in großem Maße vom anerzogenen Bindungsstil zu den Eltern abzuhängen, so die Psychologen Christopher A. Pepping und Geoff MacDonald. Gegenübergestellt werden eher ungesunde Bindungsstile – der vermeidende und der ängstliche – einem gesunden Bindungsstil, dem einer sicheren Bindung.

Unsichere Bindungsstile

Wer beispielsweise als Kind auf Zurückweisung seitens der Mutter mit Rückzug und schutzdienlicher Reaktanz reagierte, tendiert auch im späteren Leben dazu, Beziehungen eher abzulehnen, kompensiert häufiger mit einem Beruf, der mit dem Single-Dasein gut zusammenpasst, sehnt sich jedoch im Grunde seines Herzens nach einer Beziehung. Singles, die Angst vor einer Bindung und gleichermaßen Angst vor dem Alleinsein spüren, haben im Ursprung einen ambivalenten beziehungsweise von Angst geprägten Bindungsstil zu den Eltern. Als Kind eigneten sie sich dieses Verhaltensmuster an, als Reaktion etwa auf eine ambivalente Mutter, die sie sowohl mit übertriebener Rigidität, Ablehnung und Maßregelung als auch in nächster Sekunde mit überbordender Liebe überschüttete – je nachdem, wie gut das Kind sich nach mütterlichem Ermessen benahm. Wird die Integrität und Autorität des Kindes untergraben, weil Struktur und gesunde Grenzen setzen von den Eltern missverstanden werden, gerät das einstige Kind im späteren Leben sozial gehörig ins Schleudern.

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Ob man ein glücklicher Single oder Partner wird, hängt eben auch vom Bindungsstil aus der Kindheit ab. © Alexandre Dulaunoy under cc

Im weiteren Leben haben derart unsicher bindungsgeprägte Singles auch eine höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit für Depressionen. Ein Stück weit lässt sich bei diesen die empfundene Einsamkeit durch Freundschaften kompensieren, ebenso auch durch den guten Glauben, irgendwann einen Partner zu finden, an den sie sich dann auch unter Umständen ängstlich klammern. Eine abhängige Partnerschaft, gezeichnet von mangelnder Grenzziehung und wenig Respekt, kann dann die Folge sein.

Der sichere Bindungsstil

Singles, die im Ursprung über einen sicheren Bindungsstil verfügen, also weder ängstlich noch vermeidend geprägt sind, die in ihrem Sein mütterlich/väterlich bestärkt wurden und sich der Liebe der Eltern beständig zuverlässig sicher sein konnten, sind solche, die später als glückliche Singles beschrieben werden können. Diese Menschen haben sich oft bewusst für das Single-Dasein entschieden. Sie pflegen ausreichende Sozialität, sind zufrieden mit ihrem Beruf und ihrem Leben – und genießen sogar Phasen der Einsamkeit.

Den einstigen elterlichen Bindungsstil aufzuarbeiten, könnte also ein Ansatz für ein glückliches und nicht eingeredetes, selbstgewähltes Single-Dasein sein. Wie so oft, ist es also die Arbeit an sich selbst, die einen Single zu einem glücklichen Single werden lässt. Übrigens: Menschen mit einem sicheren Bindungsstil haben auch eher die Chance auf eine gesunde, glückliche Partnerschaft auf Augenhöhe.

Definition: glücklich verheiratet

DePaulo schlussfolgert, dass nach dem sogenannten “Honeymoon Effekt”, also der Anfangsphase einer Ehe, die stärkere Zufriedenheit bei Verheirateten gegenüber der von Singles nachlassen soll. In Langzeitbefragungen wurden Verheiratete zu verschiedenen Zeiten der Ehe interviewt. Es zeigte sich, dass Verheiratete mit fortgeschrittener Ehedauer genauso glücklich oder unglücklich waren wie Singles. Unabhängig vom Beziehungsstatus bleibt schlussendlich der Mensch übrig mit seiner psychologischen Ausstattung der innewohnenden (Un-) Zufriedenheit. Ob nun als “Single at Heart” oder auf der Suche nach der großen Liebe: die Arbeit an sich selbst steht unabhängig davon im Zentrum eines glücklichen Lebens. Allerdings nicht ausschließlich …

We do have some good longitudinal data following the same people over time, but I am going to do a massive disservice to that science and just say: if you’re a man, you should probably get married; if you’re a woman, don’t bother.

Paul Dolan, Psychologe

Die derzeitige Ehe als Beziehungsform und der Mensch

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Der Honeymoon-Effekt lässt Verheiratete zunächst glücklicher sein. © David Joyce under cc

Nach Sichtung einiger Langzeitdaten resümiert der britische Psychologe und Professor an der London School of Economics Paul Dolan, dass Männer durchaus von einer Heirat profitieren können, Frauen dagegen eher weniger. Das ist ein gesellschaftliches Problem, bedenkt man, welche Auswirkungen eine solche Entwicklung auf die zukünftige Fortpflanzung unserer Art haben könnte.
Gemäß Dolan, Bestsellerautor von Happiness by Design, seien Singles weitaus glücklicher. Die traditionellen Marker für ein erfolgreich gelebtes Leben – eine Beziehung einzugehen und Kinder großzuziehen – würden seiner Meinung nach nicht wirklich mit Glück korrelieren. Allein schon folgender Unterschied stößt nach Dolan unangenehm auf: Ist der Partner im Raum, antworten Eheleute, dass sie sehr glücklich seien. Werden sie hingegen alleine befragt, kommen die Sorgen auf den Tisch. Und diesbezüglich seien die negativen Auswirkungen der Ehe für Frauen wesentlich größer als für Männer. Was einerseits den Frauen finanzielle Sicherheit bietet, während nach wie vor sie es sind, die sich überwiegend um die Kindererziehung kümmern, ist im zweiten Schritt die größte Falle für verheiratete Frauen: die finanzielle und lebensbezogene Abhängigkeit, die ein Ungleichgewicht in der Ehe mit sich bringen kann.

Die Ehe – und nun?

Ungeachtet der “Risiken”, die eine Ehe mit sich bringen kann, betont Dolan allerdings auch anhand der Studienergebnisse den emotionalen, finanziellen und gesundheitlichen Nutzen einer Ehe für Männer und Frauen, dank eines höheren Einkommens, der gegenseitigen Unterstützung und der Ruhe, die man einander schenkt.

Das Fazit hinsichtlich der Kunst, ein glücklicher Single zu sein, lautet: Wer sich nach partnerschaftlicher Verbundenheit und einer Familie sehnt, sollte die Suche nach dem richtigen Partner niemals aufgeben. Eine Beziehung beziehungsweise allgemein eine familiäre Konstellation, welche durch Wertschätzung geprägt ist, kann überaus wohltuend für die Seele sein. Wer lieber alleine leben mag, der sollte sein Single-Dasein von Herzen genießen. Für beide Lebensformen gilt, sich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich bewusst seinen persönlichen Problemen, Ängsten und Trotzreaktionen zu stellen. Denn ob man glücklich oder unglücklich ist, hängt letztlich nicht vom Beziehungsstatus ab.

Welche Werte im Leben haben Singles versus Verheiratete? Lest hier.