Narzissten Empathie – Diese Kombination gehört wohl zu den am häufigsten gestellten Suchanfragen in dem Bereich „Narzissmus“ und „toxische Beziehungen“. Menschen, die in ihrem näheren Umfeld Personen mit stark narzisstischen Charakterzügen haben, möchten verstehen, warum diese so handeln, wie sie es tun.

Narzisstischen Personen sagt man eine gewisse Empathielosigkeit nach. Zudem wird Narzissmus oft mit einem übersteigerten Selbstbewusstsein gleichgesetzt. Gerade Personen mit einem grandiosen Narzissmus wirken überlegen und selbstsicher. Immer wieder blitzt es durch, wie überzeugt sie von ihrer eigenen Besonderheit sind.

Also sind Narzissten ohne Empathie und übertrieben selbstsicher? Ganz so einfach ist es nicht. Aus psychologischer Sicht gestaltet sich das Bild komplexer. Natürlich können auch Fachleute nicht in den Kopf einer narzisstisch motivierten Person schauen, aber Erfahrungen aus Klinik und Praxis sowie Forschungsergebnisse aus Studien können einen Teil zur Aufklärung beitragen. Schauen wir uns die Bereiche Mitgefühl und Selbstwert bei Narzissten/Narzisstinnen einmal genauer an.

Narzissten & Empathie: Haben narzisstische Menschen kein Mitgefühl?

Dass Menschen mit einer stark narzisstischen Charakterausprägung überhaupt keine Empathie besitzen, lässt sich nicht pauschalisieren. Tatsächlich unterscheiden psychologische Fachleute zwischen kognitiver und emotionaler Empathie.

Kognitive Empathie beschreibt die Fähigkeit, zu verstehen, was andere Menschen fühlen. Emotionale Empathie bedeutet dagegen, emotional mitzuschwingen und das Gefühl des anderen nachzuempfinden.

Eingeschränkte affektive Empathie bei Narzissten

Herzen in Pink und Grau auf Steinboden

Haben Narzissten weniger Empathie? Pauschalisieren lässt sich das nicht. © Bastian Greshake Tzovaras under cc

Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit Narzissmus in klinisch relevanter Ausprägung trotz allem über kognitive Empathie verfügen (Giacomo et al., 2023; Ritter et al., 2011). Sie können soziale Situationen lesen, erkennen, was andere Menschen denken oder fühlen, und deren Perspektive verstehen. Eingeschränkt bei Narzissten/Narzisstinnen scheint jedoch die emotionale Empathie zu sein, also die Fähigkeit, den emotionalen Zustand anderer Menschen innerlich mitzuerleben.

Einzelne Hirnbereiche mit verringerter grauer Substanz

Neurowissenschaftliche Untersuchungen an Patient*innen mit einer diagnostizierten Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (Schulze et al., 2013) fanden Hinweise auf Unterschiede in Hirnregionen, die an Empathie beteiligt sind, unter anderem in der linken vorderen Insula sowie in Bereichen des cingulären und präfrontalen Cortex. Es könnte folglich sein, dass bestimmte empathische Prozesse anders ablaufen, etwa, dass emotionales Mitfühlen bzw. inneres Resonieren zum Erleben anderer schwächer ausgeprägt sind. Insgesamt wird das Ausmaß der Einschränkungen bei Empathie auch individuell unterschiedlich sein, je nachdem, wie sehr ein Mensch narzisstisch geprägt ist.

Narzissmus und Selbstvertrauen: Ein fragiler Selbstwert?

Die ehemals so bezeichnete Narzisstische Persönlichkeitsstörung (NPS) wird nicht nur durch ein Anspruchsdenken auf Beachtung, einem Gefühl von Überlegenheit und dem Bedürfnis nach Bewunderung gekennzeichnet, sondern häufig auch durch einen labilen Selbstwert, der stark von äußerer Bestätigung abhängig ist. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch mit narzisstischen Zügen insgeheim unsicher ist. Die Forschung legt allerdings nahe: Hinter der Fassade von Überlegenheit könnte ein empfindliches Selbstbild stehen, welches ständig stabilisiert werden muss.

Während andere Menschen Komplimente genießen können, ohne dauerhaft darauf angewiesen zu sein, und Kritik als unangenehm, aber aushaltbar erleben, kann Kritik für Menschen mit starken narzisstischen Charakterzügen eine deutlich heftigere emotionale Reaktion auslösen. Ablehnung oder das Gefühl, nicht bewundert zu werden, können als Bedrohung für das Selbstbild empfunden werden.

Narzisstische Kränkung

Für Außenstehende wirken die Reaktionen narzisstischer Personen auf eine konstruktive Kritik oder Grenzziehung oft unverhältnismäßig. Aus einer kleinen Kritik entsteht Wut. Aus einer Meinungsverschiedenheit wird ein persönlicher Angriff. Aus einer Grenzsetzung wird eine Kränkung. Die Reaktionen seitens einer narzisstisch motivierten Person können Herabsetzungen, Schuldzuweisungen, Rückzug, Kälte oder Wut sein.

Psychologische Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von einer „narzisstischen Kränkung“. Dabei geht es nicht einfach um ein verletztes Ego, sondern um die Abwehr einer bedrohlichen Erschütterung des Selbstbildes.

Narzisstisches Selbstbild: Wie kommt es zustande?

Nach dem bisherigen Forschungsstand wird davon ausgegangen, dass sich narzisstische Muster auf unterschiedliche Weise entwickeln können.

Ein möglicher Weg ist emotionale Vernachlässigung oder emotionale Abwertung in der Kindheit. Wenn ein Kind wiederholt die Botschaft erhält, nicht gut genug zu sein, kann sich die Überzeugung entwickeln, nur dann liebenswert zu sein, wenn es außergewöhnlich ist. Das Streben nach Bewunderung wird dann zu einem Schutzmechanismus gegen alte Gefühle von Wertlosigkeit.

Ein anderer möglicher Weg liegt in einer übermäßigen Idealisierung. Manche Kinder werden ständig als besonders, überlegen oder besser als andere dargestellt, lernen jedoch wenig über Gegenseitigkeit, Frustrationstoleranz und Empathie. Auch daraus kann ein Selbstwert entstehen, der auf Überlegenheit angewiesen ist und Schwierigkeiten hat, mit Kritik oder Gleichwertigkeit umzugehen.

Außerdem wäre ein Wechsel aus beiden möglichen Wegen als Ursache für eine narzisstische Charakterausprägung denkbar.

Grandios oder vulnerabel?

Mann tanzt, bunte Schatten

Gefangen im Selbstbetrug: Zwischen Grandiosität und Verletzlichkeit © Harald Nykvist under cc

Oftmals wird zwischen zwei Ausprägungen von Narzissmus unterschieden. Neben dem bekannteren grandiosen Narzissmus, der sich u. a. durch Selbstüberschätzung und Extraversion zeigt, gibt es auch den vulnerablen Narzissmus. Diese Form bleibt oft unerkannt, da Betroffene nach außen eher unsicher, zurückhaltend oder sozial gehemmt wirken und deshalb nicht selten andere Diagnosen wie Depressionen oder soziale Ängste erhalten. Dennoch tragen sie in sich einen verdeckten Anspruch, dass ihnen mehr zustehen müsste. Gleichzeitig weisen die Betroffenen hohe Neurotizismus-Werte auf, haben starke Angst vor Ablehnung und reagieren mit Abwertung und Feindseligkeit auf bspw. konstruktive negative Rückmeldungen. Kritik oder Zurückweisung können sie besonders stark treffen und intensive Gefühle von Kränkung, Wut oder Abwertung auslösen.

Beiden Formen gemeinsam ist ein ausgeprägter Mangel an zwischenmenschlicher Verträglichkeit sowie die Tendenz, die eigenen Bedürfnisse über die anderer zu stellen.

Wechsel zwischen beiden Zuständen möglich

Nach heutigem Forschungsstand sind grandioser und vulnerabler Narzissmus keine vollständig getrennten Kategorien, sondern eher unterschiedliche Ausprägungen narzisstischer Merkmale, die bei derselben Person vorkommen können. Viele Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitszügen zeigen nicht ausschließlich grandiose oder ausschließlich vulnerable Merkmale. Stattdessen können sie zwischen beiden Zuständen wechseln. Solange eine Person Anerkennung erhält, kann sie selbstbewusst, dominant und überlegen auftreten. Wird ihr Selbstbild durch Kritik, Zurückweisung oder Versagen bedroht, können Gefühle von Minderwertigkeit, Scham, Angst oder depressiver Verstimmung in den Vordergrund treten. Manche Fachleute sprechen deshalb von zwei Seiten derselben Problematik: Hinter der grandiosen Selbstdarstellung kann sich eben auch eine verletzliche Selbstwertregulation verbergen. Allerdings bedeutet das nicht, dass jeder grandiose Narzisst automatisch stark vulnerabel ist oder umgekehrt. Es gibt Personen, bei denen eine der beiden Ausprägungen deutlich stärker hervortritt.

Die verschiedenen Facetten machen das Störungsbild komplexer, als das stereotype Bild des ständig selbstverliebten und selbstsicheren Narzissten vermuten lässt.

Dimensionaler Ansatz: Narzissmus als Spektrum verschiedener Ausprägungen

Die neuere psychologische Forschung betrachtet Narzissmus zunehmend als ein Spektrum verschiedener Ausprägungen. Mit dem dimensionalen Ansatz der ICD-11 (Klassifikationssystem) können auch vulnerable narzisstische Merkmale diagnostisch besser erfasst werden.

Sind Narzissten glücklich?

Interessanterweise berichten Menschen mit einem eher grandiosen Narzissmus in Studien häufig von einem höheren Wohlbefinden (Sedikides et al., 2024) als andere. Dieser Vorteil scheint jedoch vor allem auf ihr höheres Selbstwertgefühl zurückzuführen zu sein. Menschen mit eher vulnerablem Narzissmus hingegen berichten im Durchschnitt von einem geringeren Wohlbefinden.

Narzissmus und Suchtverhalten

Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass Narzissmus und Suchtverhalten oft eng miteinander verbunden sind. So sind mehr als ein Drittel der Personen mit einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung ebenso von einer Substanzgebrauchstörung betroffen. Substanzgebundene und -ungebundene Süchte (Alkoholsucht, Sexsucht etc.) dienen beispielsweise zur Kompensation unguter Gefühle und eines fragilen Selbstwertes sowie als Flucht vor der Realität.

Die Forschung zu Suizidalität bei NPS ist noch verhältnismäßig begrenzt, dennoch gilt sie als relevantes klinisches Thema, das ernst genommen werden sollte.

Warum sich so wenige Betroffene Hilfe suchen

Frau mit Sonnenbrille vor graubraunem Hintergrund

Ein selbstsicheres Auftreten bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein stabiles Selbstwertgefühl dahintersteht. © Jolene Faber under cc

Die einst so bezeichnete Narzisstische Persönlichkeitsstörung gehört zu den am seltensten behandelten Persönlichkeitsstörungen. Ein Grund dafür liegt in der Erkrankung selbst. Wer Kritik, Fehler oder eigene Schwächen als Bedrohung erlebt, tut sich schwerer damit, anzuerkennen, dass Unterstützung notwendig sein könnte. Häufig suchen Betroffene erst dann Hilfe, wenn zusätzlich Depressionen, Beziehungsprobleme, Ängste oder berufliche Krisen auftreten.

Wie wird die Diagnose gestellt?

In der ICD-11 wird die Narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht mehr als eigenständige Diagnose geführt. Stattdessen verwendet die Weltgesundheitsorganisation ein dimensionales Modell, bei dem zunächst das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung sowie deren Schweregrad (leicht, mittel oder schwer) beurteilt werden. Anschließend werden die vorherrschenden Persönlichkeitsmerkmale beschrieben. Narzisstische Merkmale finden sich dabei vor allem in der Domäne der Dissozialität, zu der Eigenschaften wie starke Selbstbezogenheit, Anspruchsdenken, mangelnde Empathie und die Tendenz gehören, andere Menschen für die eigenen Ziele zu instrumentalisieren.
Je nach Ausprägung können zusätzlich weitere Merkmalsbereiche hinzukommen, etwa eine hohe Kränkbarkeit oder emotionale Instabilität. Eine Person, die früher möglicherweise die Diagnose „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“ erhalten hätte, würde in der ICD-11 daher in der Regel als Person mit einer Persönlichkeitsstörung und ausgeprägten dissozialen Persönlichkeitsmerkmalen beschrieben werden. Dieses Vorgehen soll der Tatsache Rechnung tragen, dass narzisstische Ausprägungen sehr unterschiedlich sein können und sich nicht immer eindeutig in eine starre Diagnosekategorie einordnen lassen.

Warum Beziehungen oft schwierig werden

Die größten Belastungen zeigen sich häufig in engen Beziehungen. Nähe bedeutet für die meisten Menschen Sicherheit und Vertrauen. Für Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur kann Nähe jedoch gleichzeitig die Gefahr bergen, Schwächen oder Verletzlichkeit sichtbar werden zu lassen. Dadurch entstehen oft widersprüchliche Verhaltensweisen. Einerseits besteht ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung und Bewunderung. Andererseits können Kritik oder emotionale Forderungen als Bedrohung erlebt werden. Nahestehende Menschen aus ihrem Umfeld berichten deshalb häufig von einem Wechsel zwischen Nähe und Distanz sowie Idealisierung und Abwertung. Viele dieser Reaktionen laufen automatisch ab und dienen dem Schutz eines fragilen Selbstwertes. Dennoch können sie für das Umfeld erheblichen emotionalen Schaden verursachen.

Fazit: Wie Narzissten ticken

Die narzisstische Persönlichkeit wird häufig mit übersteigertem Selbstvertrauen verwechselt. Aus psychologischer Sicht steht jedoch weniger die Höhe des Selbstwertes als dessen Regulation im Mittelpunkt.

Auch die verbreitete Vorstellung, Narzissten seien grundsätzlich ohne Empathie, greift zu kurz. Studien legen nahe, dass die kognitive Empathie zumeist vorhanden ist, während die emotionale Empathie eingeschränkt sein kann.

Gleichzeitig darf das Verständnis der zugrunde liegenden psychologischen Mechanismen nicht mit einer Entschuldigung für verletzendes Verhalten verwechselt werden. Menschen mit einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung können erhebliche Belastungen in Beziehungen verursachen und ihr Umfeld durch Abwertung, Manipulation oder mangelnde Rücksichtnahme verletzen.

Ein differenzierter Blick auf Narzissmus bedeutet daher, zwei Aspekte gleichzeitig zu berücksichtigen: die realen Auswirkungen auf andere Menschen und die psychologischen Prozesse, die hinter Grandiosität, Kränkbarkeit und dem Bedürfnis nach Bestätigung stehen. Gerade diese Spannung zwischen äußerer Stärke und innerer Verletzlichkeit macht die Narzisstische Persönlichkeitsstörung zu einem der komplexeren Persönlichkeitsbilder der Psychologie.

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