Dissoziation-Symptome können unterschiedlich ausfallen. Sie betreffen die Wahrnehmung, das Erinnerungsvermögen, Gefühle, Körperempfindungen oder das Erleben der eigenen Identität. Viele Menschen können ihre Beschwerden zunächst gar nicht einordnen. Manche fragen sich, ob das Gefühl von Unwirklichkeit, innerer Distanz oder Erinnerungslücken eine Dissoziation sein könnte. Andere erleben diese Symptome bereits seit Jahren, ohne zu wissen, dass es dafür einen psychologischen Begriff gibt. Da sich Dissoziation unterschiedlich äußern kann, wird sie von Betroffenen oft nicht sofort erkannt oder als Stress, Erschöpfung oder Konzentrationsproblem fehlinterpretiert.

Dissoziation Symptome: Typische Auffälligkeiten

Dissoziation beschreibt einen Zustand, in dem bestimmte Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gefühle, Gedanken oder Körperempfindungen vorübergehend oder andauernd vom bewussten Erleben abgespalten werden. Wie sich das anfühlt, kann sehr unterschiedlich sein. Zudem können mehrere dissoziative Symptome gleichzeitig auftreten oder sich im Verlauf verändern. Symptome einer Dissoziation können sich beispielsweise so zeigen:

  • geistiges Abdriften und Schwierigkeiten, im Hier und Jetzt präsent zu bleiben; Gefühl, auf „Autopilot“ zu funktionieren; vermindertes Interesse an der Umgebung oder am aktuellen Geschehen; Gefühl, gleichzeitig anwesend und doch abwesend zu sein
  • Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme; Arbeitsaufgaben, bspw. am Schreibtisch, brauchen übermäßig lang, weil man immer wieder in „gedankliche Löcher“ fällt
  • Gefühl, neben sich zu stehen oder sich selbst wie aus der Ferne wahrzunehmen; Gefühl, nicht vollständig mit dem eigenen Körper verbunden zu sein
  • verminderte Wahrnehmung von Schmerz, Hunger, Müdigkeit oder Erschöpfung; innere Distanz zu den eigenen Gefühlen; emotionale Taubheit, Leere oder abgepufferte Gefühle
  • Gedanken wirken weit weg, schwer greifbar oder nicht klar zugänglich
  • Umgebung wirkt unwirklich, fremd, gedämpft oder wie durch einen Schleier; Gefühl, dass die Außenwelt weiter entfernt wirkt als gewöhnlich; auch Situationen werden wie aus der Distanz erlebt statt mittendrin
  • Zeit vergeht ungewöhnlich schnell oder langsam (wie in Zeitlupe oder mit regelrechten Cutts zwischendrin, die den Tag zeitlich straffen)
  • Erinnerungslücken, „weiße Flecken“ oder Wahrnehmungslücken; Probleme, sich an Teile eines Gesprächs oder einer Tätigkeit zu erinnern
  • innere Bilder, Gedanken oder Erinnerungen treten stärker in den Vordergrund als die Gegenwart

Viele Betroffene beschreiben Dissoziation als eine Art innere Abwesenheit oder Entkopplung – so als wäre die Verbindung zu sich selbst, dem eigenen Körper oder der Umgebung vorübergehend abgeschwächt. Sie fragen sich dann zum Beispiel: „Warum fühlt sich alles so unwirklich an?“ Dissoziationen können klinisch auffällig sein, treten aber auch im Alltag auf, beispielsweise wenn man längeren Phasen von Stress ausgesetzt ist.

Ursachen von Dissoziation

Zeichnung eines Gesichtes mit Strichen

Dissoziation-Symptome reichen von leichtem Wegtreten bis hin zu ausgeprägten Erinnerungs- und Wahrnehmungsstörungen. © CHRISTIAAN TONNIS under cc

Dissoziation kann als psychologischer Schutzmechanismus verstanden werden, der in Zusammenhang mit verschiedenen Belastungen und psychischen Erkrankungen vorkommen kann. Sie tritt beispielsweise in Erscheinung, wenn eine Situation als so belastend, bedrohlich oder überwältigend erlebt wird, dass das Gehirn die Verarbeitung der Eindrücke vorübergehend einschränkt. Dadurch entsteht eine Distanz zu Gefühlen, Körperempfindungen, Erinnerungen oder der aktuellen Situation.

Die Ursachen von Dissoziation sind vielfältig. Häufig zeigen sie sich im Zusammenhang damit:

  • Traumatische Erlebnisse wie körperliche, sexuelle oder emotionale Gewalt
  • Vernachlässigung in der Kindheit
  • Unfälle, Naturkatastrophen oder andere lebensbedrohliche Ereignisse wie Krieg, Flucht oder Gewalterfahrungen
  • Schwere Verluste oder belastende Lebenskrisen
  • Anhaltender Stress und Überforderung
  • Angst- und Panikzustände
  • Depressionen oder andere psychische Erkrankungen
  • Schlafmangel und extreme Erschöpfung

Besonders oft wird Dissoziation mit Traumatisierungen (durch Gewalterfahrung, Kriege etc.) in Verbindung gebracht. Wenn „Flucht“ oder „Kampf“ nicht möglich sind, kann das Nervensystem in einen Zustand des Erstarrens oder der Abspaltung wechseln. Dies „hilft“ in der akuten Situation, das Erleben erträglicher zu machen. Problematisch wird es, wenn dieser Schutzmechanismus auch später immer wieder aktiviert wird, obwohl die Gefahr längst vorbei ist.

Aber: Nicht jede Dissoziation ist auf ein Trauma zurückzuführen

Wichtig ist, zu verstehen, dass nicht jede Dissoziation auf ein Trauma zurückzuführen sein muss. Auch starke emotionale Belastungen, chronischer Stress oder Ängste können dissoziative Symptome auslösen. Nicht selten kommen sie auch bei Betroffenen von destruktiven Beziehungen mitsamt Gaslighting, Manipulation, kurzum: Emotionaler Gewalt, vor. Die Übergänge hin zu einem traumatischen Erleben von Belastungssituationen sind individuell verschieden und durchaus fließend.

Manche Menschen erleben Dissoziation-Symptome in Ausnahmesituationen, während sie bei anderen häufiger oder über längere Zeiträume auftreten. Ob Symptome einer Dissoziation vorkommen, ist beispielsweise abhängig von dem persönlichen Erfahrungshintergrund und der individuellen Vulnerabilität, der sozialen Einbettung sowie der verfügbaren Unterstützung und der Art und Dauer einer Belastung. Einige Betroffene erleben nur kurze Momente des Wegtretens, während andere unter ausgeprägten Gedächtnislücken oder Veränderungen ihres Identitätserlebens leiden.

Formen der Dissoziation: Wie sich Dissoziation äußern kann

Dissoziation-Symptome können sich auf unterschiedliche Weise äußern. Neben den hier beschriebenen Formen kennt die Klinische Psychologie und Psychiatrie weitere Erscheinungsbilder wie z. B. dissoziativer Stupor, Bewegungs- und Sensibilitätsstörungen oder psychogene Krampfanfälle. Nachfolgend haben wir einige häufig auftretende Erscheinungsformen aufgeführt.

1. Depersonalisation

Bei der Depersonalisation steht die Entfremdung von der eigenen Person im Vordergrund. Damit einher gehen beispielsweise folgende Dissoziation-Symptome:

  • Gefühl, sich selbst wie von außen zu beobachten (wie in einem Film)
  • Gefühl, nicht vollständig im eigenen Körper zu sein
  • Körper kann fremd wirken
  • sich „neben sich stehend“ fühlen
  • Gedanken erscheinen ungewohnt oder distanziert
  • Gefühle werden oft nur noch gedämpft wahrgenommen

Charakteristisch ist, dass das Realitätsbewusstsein erhalten bleibt: Die Betroffenen wissen, dass es sich um ein subjektives Erleben handelt.

2. Derealisation

Bei der Derealisation richtet sich die Entfremdung auf die Umgebung. Das kann sich beispielsweise so anfühlen:

  • Welt wirkt plötzlich unwirklich, fremd oder traumartig
  • Gefühl, als würde man durch eine Glasscheibe auf die Umwelt blicken
  • Personen und Gegenstände erscheinen weit entfernt
  • Farben und Geräusche können verändert wirken
  • Umgebung wirkt teilweise flach, künstlich oder verzerrt

Obwohl die Umgebung verändert wahrgenommen wird, bleibt das Realitätsbewusstsein in der Regel erhalten. Betroffene wissen meist, dass die Veränderung von ihrer Wahrnehmung ausgeht und nicht von der Außenwelt.

3. Dissoziative Amnesie

Frauengesicht mehrere Kopien

Dissoziation ist ein Schutzmechanismus, bei dem sich die Verbindung zu Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen oder der Umgebung vorübergehend verändert. © Mike Finn under cc

Eine dissoziative Amnesie äußert sich durch Erinnerungslücken, die über ein normales Vergessen hinausgehen.

  • Bestimmte Zeitabschnitte fehlen vollständig im Gedächtnis oder belastende Ereignisse können nicht erinnert werden
  • Tage oder einzelne Erlebnisse wirken zerstückelt
  • Betroffene beschreiben häufig „weiße Flecken“ in ihrer Erinnerung

Die Dauer solcher Gedächtnislücken kann von wenigen Minuten bis zu längeren Zeiträumen reichen. Oft wissen die Betroffenen nicht, was während dieser Zeit geschehen ist.

4. Dissoziative Taubheit und emotionale Abspaltung

Dissoziation kann sich auch in einer verminderten Wahrnehmung von Gefühlen und Körperempfindungen äußern.

  • emotionale Leere
  • Gefühl, innerlich abgestumpft zu sein
  • Gefühle wirken abgepuffert oder gar nicht mehr zugänglich
  • körperliche Signale wie Schmerz, Hunger, Müdigkeit oder Erschöpfung werden nur noch eingeschränkt wahrgenommen

Die Abspaltung von Gefühlen und Körperempfindungen kann eine Reaktion des Nervensystems auf starke Belastung sein und vorübergehend Abstand zu überwältigenden Emotionen schaffen. Für viele Betroffene fühlt es sich an, als würde ein innerer Schutzschalter die Intensität von Gefühlen und Empfindungen herunterregeln.

Von der Öffentlichkeit die größte Aufmerksamkeit erfahren hat wohl die Dissoziative Identitätsstörung, auf die wir nachfolgend kurz eingehen wollen.

5. Dissoziative Identitätsstörung (DIS)

Die dissoziative Identitätsstörung gilt als eine der schwersten Formen der Dissoziation. Sie ist durch verschiedene Identitätszustände oder Persönlichkeitsanteile gekennzeichnet, die jeweils eigene Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster aufweisen können. Zwischen diesen Zuständen können Erinnerungslücken auftreten. Die unterschiedlichen Anteile tragen häufig verschiedene Bedürfnisse, Überzeugungen oder Erinnerungen in sich. Die Störung wird häufig mit schweren und wiederholten Traumatisierungen in der Kindheit in Verbindung gebracht. Wichtig ist dabei die Abgrenzung zu normalen Persönlichkeitsanteilen: Menschen mit einer DIS erleben nicht lediglich unterschiedliche Seiten ihrer Persönlichkeit, sondern deutlich voneinander getrennte Selbstzustände.

Wann sollte man bei Dissoziationen professionelle Hilfe suchen?

Kurze Momente des Tagträumens oder Wegtretens kennt fast jeder Mensch. Wenn dissoziative Symptome jedoch häufiger auftreten, über längere Zeit bestehen oder den Alltag beeinträchtigen, kann es sinnvoll sein, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Dies gilt insbesondere, wenn:

  • die Symptome Angst oder starken Leidensdruck auslösen
  • deutliche Erinnerungslücken auftreten
  • das Gefühl von Unwirklichkeit oder Entfremdung regelmäßig wiederkehrt
  • Beziehungen, Arbeit oder Alltag beeinträchtigt werden
  • belastende oder traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit bestehen
  • Selbstverletzung, Suizidgedanken oder andere psychische Beschwerden hinzukommen
  • die Symptome plötzlich neu auftreten oder deutlich zunehmen

Wichtig ist außerdem, körperliche Ursachen ärztlich abklären zu lassen. Beschwerden wie Bewusstseinsstörungen, Gedächtnisprobleme, Krampfanfälle, Schwindel oder Wahrnehmungsveränderungen können auch andere medizinische Ursachen haben und sollten untersucht werden.

Fazit

Dissoziation-Symptome können sich auf verschiedenste Weise äußern – von einem kurzen Gefühl der Unwirklichkeit bis hin zu ausgeprägten Veränderungen von Erinnerung, Wahrnehmung oder Identität. Oft handelt es sich um einen Schutzmechanismus des Gehirns und Nervensystems, der in belastenden Situationen helfen soll, mit überwältigenden Erfahrungen umzugehen. Werden die Symptome jedoch häufiger, belastender oder schränken sie den Alltag ein, kann eine professionelle Abklärung helfen, die Ursachen besser zu verstehen und geeignete Unterstützung zu finden.

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