Scapegoating (englisch für „zum Sündenbock machen“) beschreibt ein psychologisches Muster in Gruppen, beispielsweise einer Familie, bei dem ein Familienmitglied immer wieder die Schuld für Konflikte oder Probleme zugeschrieben bekommt. Dabei geht es in der Regel weniger um das tatsächliche Verhalten dieser Person als um ihre Funktion innerhalb des Familiensystems.
Der Sündenbock ist nicht zwangsläufig der Mensch, der die meisten Fehler macht. Vielmehr wird er zum Träger all dessen, was eine Familie nicht sehen, fühlen oder aussprechen möchte. Solange sich die Aufmerksamkeit auf eine einzelne Person richtet, muss sich das Familiensystem nicht mit den eigentlichen Ursachen seiner Schwierigkeiten auseinandersetzen.
Die unausgesprochene Botschaft lautet: „Wenn diese Person anders wäre, hätten wir kein Problem.“
So entsteht der Eindruck, dass die familiären Spannungen von einer einzelnen Person ausgehen – obwohl sie häufig Ausdruck einer Dynamik sind, an der viele beteiligt sind.
Scapegoating: Sündenbock-Rolle seit der Kindheit
In unzähligen Familien beginnt diese Dynamik bereits sehr früh. Ein Kind gilt als „schwierig“, „zu empfindlich“, „rebellisch“, „anstrengend“ oder „immer schuld“. Während Geschwister Fehler machen dürfen oder Verständnis erfahren, wird dieses Kind häufiger kritisiert, strenger beurteilt oder für Konflikte verantwortlich gemacht.
Nicht selten genügt es schon, dass das Kind besonders sensibel ist, viele Fragen stellt, Ungerechtigkeiten anspricht oder sich weniger leicht an familiäre Regeln anpasst. Es muss nicht aggressiv oder auffällig sein. Manchmal reicht es bereits aus, reflektierter zu sein.

Beim Scapegoating werden familiäre Konflikte und Spannungen auf eine einzelne Person übertragen, die dadurch zum Sündenbock der Familie wird. © Sludge G under cc
Mit der Zeit hört das Kind immer wieder ähnliche Botschaften:
- „Immer musst du Ärger machen.“
- „Warum kannst du nicht so sein wie dein Bruder?“
- „Wegen dir gibt es ständig Streit.“
- „Du übertreibst mal wieder.“
Wenn immerzu solche Rückmeldungen erfolgen, beginnt das Kind, sie zu verinnerlichen:
- „Mit mir stimmt etwas nicht.“
- „Ich bin das Problem.“
- „Wenn ich anders wäre, wären alle glücklicher.“
Diese Überzeugungen können das Selbstwertgefühl nachhaltig negativ prägen.
Die Rolle im Familiensystem von Geburt
Familiäre Rollen entstehen nicht unbedingt durch das „Benehmen“ eines Kindes. Manchmal entwickeln sie sich durch Geburtsreihenfolge, Temperament, unterschiedliche Bedürfnisse und vor allem dadurch, welche „Plätze“ innerhalb der Familie bereits besetzt sind.
Stellen wir uns eine Familie mit drei Kindern vor:
Das älteste Kind ist bereits im Jugendalter. Es ist zwar schon weitgehend selbstständig, beansprucht aber noch die typischen Pubertätsprobleme. Zwei jüngere Kinder liegen alterstechnisch etwa zwei Jahre auseinander. Die Eltern selbst haben Probleme. Der Vater beansprucht viel Aufmerksamkeit und ist der dominante Part in der Familie. Die Mutter ordnet sich unter und flüchtet sich in Kompensationsverhaltensweisen wie regelmäßige Shoppingtouren und vermehrter Alkoholkonsum.
Das mittlere Kind ist lauter. Es widerspricht, fordert Aufmerksamkeit ein, reagiert stärker auf Spannungen und beansprucht dadurch viel Zeit und Energie. Auf seine Art reagiert das Kind auf Unstimmigkeiten im Familiensystem und macht sie durch sein Verhalten sichtbar. Würden die Eltern auf dieses Kind mit zunehmender Kritik reagieren, würde dieses Kind durch Scapegoating zum Sündenbock gemacht werden. Es wäre das schwarze Schaf.
Die Mutter ist jedoch psychisch schon so überfordert, dass es dieses mittlere Kind gewähren lässt. Sie gibt öfter nach, weil sie sich nicht noch mehr Stress einhandeln möchte. In Streitereien zwischen den beiden jüngeren Kindern gibt sie diesem Kind immer mehr Recht, ermahnt das andere Kind wesentlich mehr, weil sie sich erhofft, dass dadurch schneller wieder Ruhe einkehrt. In dieser Konstellation wird folglich das jüngere Kind zum Sündenbock gemacht, obwohl es im Grunde viel umgänglicher ist.
Also macht das jüngere Kind die Erfahrung: „Ich gelte weniger.“ Es nimmt sich zurück, muss mehr einstecken, darf sich weniger wehren, wird mehr zurechtgewiesen, soll sich nicht behaupten etc. Kurzum: Es soll möglichst wenig Probleme machen.
So werden auch Überverantwortliche zum Sündenbock
Ein Kind kann die Spannungen einer Familie nicht nur dadurch tragen, dass „Schuld auf ihm abgeladen wird“. Es kann sie auch dadurch tragen, dass es „mehr Verantwortung übernimmt und die Bedürfnisse anderer ausgleicht“.
Streng genommen ist das nicht unbedingt klassisches Scapegoating. Psychologisch steht dahinter jedoch ein verwandter Mechanismus: „Eine einzelne Person trägt überproportional viel von dem, was eigentlich im gesamten Familiensystem verteilt werden müsste.“
Eine Person trägt eigentlich die Schuld an einem Konflikt – doch der anderen wird die Verantwortung dafür zugeschrieben. Eine Person darf ihre Wut ausleben – und die andere wird übermäßig zur Räson gerufen, damit wieder Frieden herrscht. Jemand beansprucht Raum – und ein anderes Kind muss lernen, möglichst wenig Raum zu brauchen.
Auf diese Weise können sich Geschwister völlig unterschiedlich entwickeln – obwohl sie auf dasselbe Familiensystem reagieren.
Das stille Kind als Ausgleich
In vielen Familien wird das Kind am ehesten übersehen, das „funktioniert“. Es bekommt vielleicht sogar Anerkennung dafür: „Auf dich kann man sich wenigstens verlassen.“ „Mit dir hatten wir nie Probleme.“
Was wie ein Kompliment klingt, hat eine Kehrseite. Womöglich hatte dieses Kind durchaus Probleme. Es hat nur erfahren, dass sich niemand dafür interessiert.
Während ein klassischer Sündenbock die Spannungen einer Familie dadurch trägt, dass er zum vermeintlichen Problem gemacht wird, trägt der Überverantwortliche sie auf eine andere Weise: Er wird zur vermeintlichen Lösung. Beides kann dazu führen, dass ein Mensch eine Last übernimmt, die niemals allein seine hätte sein dürfen.
Warum dysfunktionale Familien einen Sündenbock brauchen

Gesunde Familien leben von Verbindung: Sie reden miteinander, hören einander zu, verbringen gemeinsam Zeit, spielen und lachen – und tragen Konflikte offen und respektvoll aus. © Kevin Dooley under cc
Aus psychologischer Sicht erfüllt der Sündenbock eine wichtige Funktion innerhalb eines dysfunktionalen Familiensystems. Jede Familie entwickelt im Laufe der Zeit Strategien, um mit Belastungen umzugehen. Manche sprechen offen über Probleme, was der gesunde Weg wäre. Andere vermeiden Konflikte, verdrängen Schwierigkeiten und halten nach außen den Schein einer harmonischen Familie aufrecht.
Wenn belastende Themen unausgesprochen bleiben (bspw. emotional dysregulierte Väter oder Mütter), braucht das System eine Erklärung dafür, warum sich in ihm Spannungen zeigen. Eine einzelne Person als Ursache zu betrachten, ist für diese dysfunktionalen Familien einfacher, als die gesamte Dynamik infrage zu stellen.
Denn würde die Familie anerkennen, dass beispielsweise emotionale Vernachlässigung, Alkohol, Gewalt, Kontrolle, ständige Kritik oder fehlender Respekt eine Rolle spielen, müssten viele Beteiligte (also die Eltern) Verantwortung übernehmen. Das kann Angst, Schamgefühl oder Schuldgefühle auslösen.
Somit erscheint es emotional einfacher, die Verantwortung auf eine Person zu verlagern. Der Sündenbock stabilisiert so unbewusst das bestehende System. Dabei ist es egal, ob eher die laute oder die leise Person zum Sündenbock gemacht wird.
Geschwister als Teil der Dynamik
Scapegoating wird zu einer Familiendynamik. Kinder orientieren sich an den Bewertungen ihrer Eltern. Wenn sie über Jahre erleben, dass ein Geschwisterkind regelmäßig kritisiert, beschuldigt, abgewertet oder benachteiligt wird, übernehmen sie diese Sichtweise manchmal unbewusst.
Hinzu kommt ein weiterer unbewusster Mechanismus: Wer sich der Sündenbock-Zuschreibung anschließt, gerät selbst seltener ins Visier. Für ein Kind kann das eine Form des Selbstschutzes sein. So wird die Rolle des Sündenbocks immer wieder bestätigt und zum Selbstläufer.
Wenn der Sündenbock beginnt, die Wahrheit auszusprechen
Viele Menschen erkennen die familiären Muster erst Jahre später. Und so sprechen sie oft erst im Erwachsenenalter aus, was zuvor keiner an Familienproblemen auszusprechen wagte. Im Erwachsenenalter beginnen viele, ihre Kindheit in der Retrospektive zu betrachten. Sie haben einen zunehmenden Abstand zu den Eltern und so auch Raum, für sich Fragen zu stellen.
- „War das wirklich normal?“
- „Warum musste ich mich immer entschuldigen?“
- „Warum war ich scheinbar immer das Problem?“
Im Zuge der Selbstaufarbeitung verändert sich die Sichtweise der Betroffenen. Zum ersten Mal hinterfragen sie, was sie verletzt hat, warum die Eltern sich so verhielten, wie sie es taten, und dass sie so nicht mehr behandelt werden möchten.
Dieser Prozess ist wichtig und essenziell für die Selbstheilung. Leider setzt sich dadurch in vielen Familien mit destruktiven Mustern eine unschöne Dynamik fort. Als erwachsene Person, die reflektiert, sich gesund abgrenzt und ihren eigenen Weg gehen möchte, kann man diese Dynamik jedoch mit innerem Abstand betrachten und aushalten, ohne sich erneut in alte Rollen und Muster hineinziehen zu lassen.
Warum der Sündenbock erneut „zum Problem“ wird
Paradoxerweise führt der Schritt, ein offenes Gespräch mit den Eltern führen zu wollen, in dysfunktionalen Familien häufig zu neuen Konflikten. Nun wird die Person, die darüber spricht, zum Thema. Das ist zumeist die Person, die am meisten unter den unschönen toxischen Mustern innerhalb einer Familie zu leiden hatte. Der Sündenbock.
Statt eines offenen Gespräches heißt es in der Familie nun:
- „Warum musst du immer wieder damit anfangen?“
- „Du bringst nur Unruhe in die Familie.“
- „Früher war doch alles gut.“
- „Lass die Vergangenheit endlich ruhen.“
Durch solche Aussagen muss das eigentliche Problem weiterhin nicht betrachtet werden. Manche Eltern geben irgendwann dem Gesprächswunsch ihres Kindes nach und bemühen sich, das Vergangene aufzuarbeiten. Doch das ist in verhältnismäßig wenigen Familien der Fall.
Schweigen schützt das System
Zahlreiche Familien mit ungesunden Verhaltensweisen haben über die Jahre unausgesprochene Regeln entwickelt.
- Über bestimmte Themen wird nicht gesprochen.
- Bestimmte Menschen dürfen nicht kritisiert werden.
- Gefühle werden heruntergespielt.
- Konflikte werden möglichst schnell beendet.
Wer diese Regeln einhält, gilt als loyal. Wer sie infrage stellt, wird schnell als schwierig erlebt. Tatsächlich macht derjenige lediglich sichtbar, was vorher bereits vorhanden war. Er beendet das Schweigen. Und eben dies verunsichert ein destruktives Familiensystem gehörig, das sich über Jahre an dieses Schweigen angepasst hat.
Der Preis des Sündenbocks bzw. des Überverantwortlichen

Manchmal wird die Rolle des Sündenbocks bereits von Kindesbeinen an innerhalb der Familie zugeschrieben und über Jahre hinweg aufrechterhalten. © Insights Unspoken under cc
Für die betroffene Person können die Folgen bis tief ins Erwachsenenalter hineinreichen. Viele ehemalige Sündenböcke – ob laut, leise oder überverantwortlich – kämpfen später unter anderem mit:
- Selbstzweifeln: Die eigene Wahrnehmung, Gefühle und Entscheidungen werden immer wieder infrage gestellt.
- Emotionaler Dysregulation: Starke Gefühle können schwer zu regulieren sein – oder werden lange unterdrückt, bis sie sich irgendwann entladen. Oder sie sind schlichtweg nicht mehr fühlbar, weil sie abgeschnitten vom Bewusstsein sind.
- Ungünstigen Kompensationsstrategien: Überanpassung, Perfektionismus, People Pleasing, übermäßige Kontrolle oder Vermeidung helfen kurzfristig, Unsicherheit zu bewältigen.
- Überverantwortlichkeit: Man fühlt sich schnell für die Gefühle und Probleme anderer zuständig.
- Schwierigkeiten mit Grenzen: Nein zu sagen oder eigene Bedürfnisse durchzusetzen kann Schuldgefühle und Angst vor Ablehnung auslösen.
- Bindungsproblemen: Nähe kann gleichzeitig ersehnt und als unsicher erlebt werden. Manche klammern, andere ziehen sich zurück oder wechseln zwischen beidem.
- Konfliktunsicherheit: Kritik oder Spannungen werden schnell als Bedrohung für die Beziehung erlebt.
- Geringem Selbstwert: Die früh erlernte Vorstellung, „schwierig“, „zu viel“ oder „nicht gut genug“ zu sein, kann lange fortbestehen.
Was früher eine fehlerhafte Dynamik im Familiensystem war, wird so zu einem „persönlichen Problem“ im Erwachsenenalter – auch wenn die ursprüngliche Situation längst vorbei ist.
Stimmen meine Erinnerungen?
Menschen erinnern Situationen unterschiedlich. Sie interpretieren Ereignisse verschieden. Das ist ganz normal. Deshalb ist aus therapeutischer Sicht nicht die Frage relevant: Wer hat Recht, wer Unrecht? Sondern: „Wie hat es jede einzelne Person erlebt?“ Und: „Darf innerhalb dieser Familie überhaupt offen darüber gesprochen werden?“
- Darf jemand sagen: „Das hat mich verletzt“, ohne dafür beschämt oder abgewertet zu werden?
- Dürfen Grenzen gesetzt werden?
- Wird Verantwortung für das eigene Verhalten übernommen?
- Dürfen unterschiedliche Erinnerungen nebeneinander bestehen?
In Familien mit einer gesunden Beziehungsdynamik müssen nicht alle einer Meinung sein. Die Mitglieder können unterschiedliche Wahrnehmungen aushalten, ohne dafür eine Person zum Problem zu erklären.
Sündenbock in der Familie: Ein neuer Blick
Nicht jede Familie mit Konflikten entwickelt eine Sündenbock-Dynamik. Wo sie aber entsteht, richtet sie den Blick in der Regel auf die falsche Person. Der Sündenbock ist allgemein nicht der Auslöser der familiären Spannungen. Er ist lediglich derjenige, der sichtbar macht, was das Familiensystem bislang durch Anpassung, Schweigen und Verdrängung zusammengehalten hat.
Ein offenes Gespräch zur Aufarbeitung in der Familie kann heilsam sein. Bleibt es jedoch aus, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die eigene Aufarbeitung unmöglich ist. Heilung ist nicht davon abhängig, dass andere die eigene Wahrnehmung bestätigen sowie Verantwortung übernehmen und sich entschuldigen. Vielmehr besteht der wichtigste Schritt darin, die damaligen Dynamiken selbst zu verstehen und die eigene Rolle darin neu einzuordnen. So können betroffene Sündenböcke und Überverantwortliche trotz Scapegoating in der Familie die ungesunden Muster und Zuschreibungen nach und nach ablegen. Sie haben sie viel zu lange für andere getragen. Sie müssen erkennen, dass nicht sie das eigentliche Problem waren und dass nicht sie diese Verantwortung hätten tragen müssen.
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