Nervensystem regulieren – heißt nicht, immer ruhig und entspannt zu sein, sondern nach Stress und Anspannung wieder in einen Zustand innerer Sicherheit zurückzufinden. Viele Betroffene von traumatischen oder lang anhaltenden belastenden Erfahrungen kennen vor allem zwei Zustände des Nervensystems: nervliche Übererregung mit viel Angst und Nervosität und emotionale Taubheit. Dazwischen liegen jene Phasen, in denen man weder von den Ängsten überflutet wird, noch sich wie abgeschaltet fühlt. In dieser Phase ist man ruhig und das Nervensystem gut reguliert, doch leider hält sie bei den meisten Betroffenen nicht lange an.

Nervensystem regulieren: Modell des Toleranzfensters

Ein hilfreiches Modell, um diese unterschiedlichen Zustände zu verstehen, ist das sogenannte Toleranzfenster, im Englischen „Window of Tolerance“. Anhand dieses Modells wollen wir die Phasen der Übererregung und Untererregung des Nervensystems sowie den Zustand eines optimal regulierten Nervensystems deutlich machen.

Übererregung: Wenn das Nervensystem auf Alarm steht

Bei einer Übererregung (Hyperarousal) bzw. Überstimulierung befindet sich das Nervensystem in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Betroffene fühlen sich häufig, als könnten sie innerlich kaum noch abschalten. Selbst kleinere Belastungen können dann schnell als überwältigend oder bedrohlich erlebt werden. In einem solchen Zustand können Dinge plötzlich riesig erscheinen, die du unter anderen Umständen durchaus bewältigen könntest. Eine zusätzliche Aufgabe, eine unerwartete Nachricht oder eine kritische Bemerkung reicht aus, um das Gefühl entstehen zu lassen: Ich kann gerade nicht mehr. Das liegt nicht unbedingt daran, dass dieser einzelne Auslöser außergewöhnlich belastend ist. Beeinflussend ist auch, wie stark dein System bereits aktiviert war, bevor er hinzugekommen ist.

Mann mit Hand an der Stirn sitzt auf Treppe

Das Nervensystem zu regulieren, kann bei starkem Stress und früheren, sehr belastenden Erfahrungen herausfordernd sein. © aaayyymm eeelectriik under cc

Typische Anzeichen einer Übererregung können sein:

  • anhaltende innere Anspannung
  • Unruhe und Reizbarkeit
  • Gedankenkreisen und Sorgen
  • verstärkte Ängste
  • das Gefühl, dass vieles bedrohlich oder gefährlich ist
  • schnelle Überforderung bei kleinen Belastungen
  • erhöhte Wachsamkeit (Hypervigilanz)
  • Schreckhaftigkeit
  • Schlaf- und Konzentrationsprobleme
  • körperliche Symptome wie Herzrasen, schnelle Atmung, Schwitzen oder Muskelanspannung

Der Zustand der Übererregung liegt – bildhaft veranschaulicht – sozusagen oberhalb der Grenze des Toleranzfensters. Dein Nervensystem hält ständig Ausschau nach möglichen Gefahren. Wird diese Alarmbereitschaft zu stark oder hält sie zu lange an, kann das System irgendwann in die entgegengesetzte Richtung wechseln und regelrecht „herunterfahren“.

Untererregung: Wenn das Nervensystem „abschaltet“

Bei einer Untererregung (Hypoarousal) bzw. Unterstimulierung fährt das Nervensystem seine Aktivierung deutlich herunter. Statt innerer Alarmbereitschaft stehen nun Rückzug, Erschöpfung und ein Gefühl des „Abgeschaltetseins“ im Vordergrund. Betroffene können sich mit ihren Gefühlen, ihrem Körper und ihrer Umgebung weniger verbunden fühlen.

Typische Anzeichen einer Untererregung können sein:

  • starke Erschöpfung
  • innere Leere
  • emotionale Taubheit, also das Gefühl, wie betäubt zu sein
  • Rückzug und das Bedürfnis, sich abzuschotten
  • Antriebslosigkeit
  • inneres Erstarren
  • ein vermindertes Körpergefühl oder körperliche Taubheit
  • verlangsamtes Denken und Konzentrationsprobleme
  • Gefühl, weit weg oder nicht richtig anwesend zu sein
  • mögliche dissoziative Symptome

Die Untererregung liegt unterhalb des Toleranzfensters. Die Aktivierung des Nervensystems ist so weit abgesunken, dass es zunehmend schwerfällt, emotional präsent und handlungsfähig zu bleiben.

Wechsel zwischen Über- und Untererregung möglich

Eine sehr starke oder länger anhaltende Übererregung kann in einen Zustand der Untererregung übergehen, in der eine verminderte Aktivierung stärker in den Vordergrund tritt. Dieser Ablauf ist jedoch keineswegs zwingend. Zum Beispiel kann Untererregung auch unmittelbar als Reaktion auf eine externe Überforderung oder eine als unausweichlich erlebte Bedrohung auftreten, ohne dass zuvor eine deutlich wahrnehmbare Phase der Übererregung bestanden hat. Das Nervensystem mobilisiert also nicht unbegrenzt immer mehr Energie. Wird eine Belastung als nicht mehr bewältigbar erlebt, können andere Schutzreaktionen wichtiger werden.

Folglich ist dieser Vorgang kein einfacher biologischer Schalter. Übererregung führt nicht zwangsläufig zu Untererregung – und beispielsweise auch dissoziative Zustände lassen sich neurobiologisch nicht grundsätzlich mit einer einheitlichen körperlichen Untererregung gleichsetzen. Menschen reagieren unterschiedlich. Ein und derselbe Mensch kann je nach Situation verschiedene Reaktionsmuster zeigen.

Das Toleranzfenster ist vor allem ein hilfreiches Modell, um ein subjektiv oft schwer verständliches Erleben einzuordnen: Mal fühlt sich alles zu viel an, mal nach beinahe gar nichts – und der regulierte Bereich dazwischen scheint manchmal erstaunlich klein zu sein.

Das Toleranzfenster: Der optimale Zustand

Trockener Ast im Wald

Ein strapaziertes Nervensystem ist nicht flexibel regulierbar. © spline splinson under cc

Das Toleranzfenster beschreibt den Bereich, in dem dein Nervensystem ausreichend reguliert ist. Auch wenn du Stress oder stärkere Gefühle erlebst, bleibst du innerlich so stabil, dass du mit der Situation umgehen kannst. (Ausgenommen bei starkem oder anhaltendem Stress, mit dem kein Mensch auf Dauer wirklich gut umgehen kann.)

Innerhalb deines Toleranzfensters kannst du:

  • Stress und Belastungen bewältigen, ohne unmittelbar aus dem Gleichgewicht zu geraten
  • Gefühle wahrnehmen und zulassen, ohne von ihnen vollständig überwältigt zu werden
  • auch in schwierigen Situationen klar denken und handlungsfähig bleiben
  • deine Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen
  • dich nach einer Belastung wieder leichter regulieren und ins innere Gleichgewicht zurückfinden

Das bedeutet keineswegs, dass du vollkommen ruhig oder entspannt sein musst. Du kannst gestresst, traurig, wütend oder aufgeregt sein und trotzdem noch klar denken, Entscheidungen treffen und angemessen handeln.

Stell dir beispielsweise vor, du hast ein schwieriges Gespräch vor dir. Natürlich wird dein Herz schneller schlagen und du wirst vermutlich auch angespannt sein. Solange du trotzdem noch zuhören, überlegen und deine Gedanken formulieren kannst, befindet sich deine Aktivierung in einem Bereich, den du bewältigen kannst.

Menschen mit einem breiteren Toleranzfenster können eine stärkere Aktivierung regulieren, bevor sie von ihren Gefühlen überwältigt werden oder in einen Zustand des Rückzugs geraten. Wie gesagt: Es handelt sich nicht um eine exakt messbare biologische Zone, sondern um ein psychologisches Modell, das unterschiedliche Zustände von Aktivierung und Regulationsfähigkeit anschaulich beschreibt.

Woher stammt das Konzept des Toleranzfensters?

Das Konzept Window of Tolerance wurde in den 90er Jahren von dem US-amerikanischen Psychiater Daniel J. Siegel entwickelt. Siegel beschäftigte sich mit der Frage, wie frühe zwischenmenschliche Erfahrungen, soziale Bindungen, Gehirnentwicklung und emotionale Regulation miteinander zusammenhängen.

Später wurde das Konzept unter anderem im Bereich der Traumatherapie aufgegriffen. Das Modell liefert eine anschauliche Erklärung dafür, warum ein Mensch unter Belastung nicht einfach nur „mehr Stress“ empfindet, sondern sich die Qualität seines gesamten Erlebens verändern kann.

Trauma und Nervensystem: Wenn das Toleranzfenster schmaler ist

Unser Nervensystem lernt aus Erfahrungen. Hat ein Mensch wiederholt Situationen erlebt, die von Angst, Hilflosigkeit, Kontrollverlust oder Unberechenbarkeit geprägt waren, kann sein System später empfindlicher auf bestimmte Belastungen reagieren. Zu den Faktoren, die beeinflussend wirken können, zählen unter anderem Trauma, chronische Belastung sowie aktuelle Einflussfaktoren:

  • traumatische Erfahrungen – insbesondere wiederholte oder lang anhaltende Erfahrungen von Angst, Hilflosigkeit oder Kontrollverlust
  • chronischer Stress – das Nervensystem befindet sich über längere Zeit in erhöhter Belastung
  • unsichere oder unberechenbare Beziehungen – besonders frühe Erfahrungen können die Entwicklung der Emotions- und Stressregulation beeinflussen
  • wiederholte Grenzverletzungen oder fehlende Sicherheit – das System lernt, stärker auf mögliche Gefahren zu achten
  • anhaltende Überforderung – wenn Belastung dauerhaft größer ist als die vorhandenen Möglichkeiten zur Erholung und Regulation
  • Schlafmangel und Erschöpfung – reduzieren vorübergehend die Fähigkeit, Belastungen zu regulieren
  • aktuelle Krisen oder starke Belastungen – auch ein normalerweise breiteres Toleranzfenster kann zeitweise enger werden
  • fehlende Möglichkeiten zur Regulation und Erholung – etwa wenn Rückzug, Pausen oder unterstützende Beziehungen fehlen

Ein schmales Toleranzfenster ist nicht ausschließlich eine Traumafolge. Auch bei grundsätzlich gut regulierten Menschen kann es beispielsweise durch Stress, Schlafmangel sowie akute Belastungen vorübergehend enger werden.

Belastungserleben bildet nicht zwingend Realität ab

Wichtig in Bezug auf die individuell erlebte Belastungsgrenze ist es, zu erwähnen, dass die gegenwärtige Situation objektiv nicht genauso gefährlich sein muss wie die ursprüngliche Erfahrung. Manchmal genügen bestimmte Reize, die bewusst oder unbewusst mit früheren Belastungen verbunden sind. Das können beispielsweise ein bestimmter Tonfall, Kritik, Streit, Zurückweisung, Kontrollverlust oder das Gefühl sein, einer Situation ausgeliefert zu sein.

Bildlich gesprochen kann das Toleranzfenster nach traumatischen oder chronisch belastenden Erfahrungen schmaler sein. Dadurch wird die Grenze zur Überforderung schneller erreicht. Ein Konflikt, den jemand an einem guten Tag noch bewältigen kann, kann in einem bereits belasteten Zustand eine sehr starke Reaktion auslösen.

Das soll nicht unbedingt heißen, dass ein Mensch grundsätzlich weniger belastbar ist. Vielmehr ist es so, dass sein Nervensystem bei bestimmten Belastungen schneller einen Aktivierungszustand erreicht, der deutlich schwerer reguliert werden kann.

Nervensystem regulieren: Lässt sich das Toleranzfenster erweitern?

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Beim psychologischen Modell des Toleranzfensters geht man davon aus, dass es einen Bereich optimaler Aktivierung beim Nervensystem gibt, außerhalb dessen kann es zu Übererregung oder Untererregung kommen. © Rosmarie Voegtli under cc

Selbstredend kann man sein Nervensystem nicht so trainieren, dass es irgendwann auf gar nichts mehr reagiert. Ebenso wenig funktioniert es, sich möglichst vielen belastenden Situationen auszusetzen, um vermeintlich „härter“ zu werden.

Sinnvoller sind wiederholte Erfahrungen von bewältigbarer Belastung und anschließender Regulation, die dein Nervensystem fühlen lassen, dass Belastungen emotional aushaltbar sind und die Gefühlsregulation nicht komplett überfordern. Dadurch kann dein Nervensystem mehr Aktivierung und Belastung regulieren, ohne so schnell in Über- oder Untererregung zu geraten.

Du machst nach und nach die Erfahrung:

  • Ich kann angespannt sein, ohne dass mich die Anspannung vollständig überwältigt.
  • Ich kann schwierige Gefühle wahrnehmen und trotzdem bei mir bleiben. Meine Gefühle werfen mich nicht aus der Bahn.
  • Ich kann die Herausforderung trotz meiner Gefühle bewältigen, indem ich klar denke und handeln kann.
  • Und wenn mich etwas aus dem Gleichgewicht bringt, kann ich anschließend wieder in einen ausgeglichenen Zustand zurückfinden.

Ansätze zur Beruhigung des Nervensystems

Verschiedene Ansatzpunkte können nützlich für dich sein, um das Nervensystem zu regulieren und langfristig wieder mehr Spielraum im Umgang mit Belastungen zu entwickeln. Hilfreich können beispielsweise sein:

  • Bewusste Atmung: Eine ruhige, insbesondere verlängerte Ausatmung kann helfen, körperliche Anspannung zu reduzieren.
  • Bewegung: Spaziergänge, Sport oder andere Formen körperlicher Aktivität können Stress abbauen und einen Ausgleich zu hoher Aktivierung schaffen.
  • Ausreichend Erholung: Schlaf, Pausen und bewusste Erholungszeiten geben dem Körper Gelegenheit, nach Belastungen wieder herunterzufahren.
  • Verlässliche Beziehungen: Sich bei anderen Menschen sicher und angenommen zu fühlen, kann die eigene Regulation unterstützen. Diese Regulation im Kontakt mit anderen wird auch als Co-Regulation bezeichnet.
  • Eigene Grenzen und Bedürfnisse wahrnehmen: Regulation steht nicht dafür, immer mehr aushalten zu lernen. Ebenso wichtig ist es, rechtzeitig zu erkennen: Das wird mir zu viel. Ich brauche eine Pause, Abstand oder Unterstützung.
  • Bewältigbare Schritte statt Überforderung: Kleine Herausforderungen, die zwar Aktivierung auslösen, aber noch zu bewältigen sind, können neue Erfahrungen von Sicherheit und Selbstwirksamkeit ermöglichen.
  • Eine verlässliche Tagesstruktur: Wiederkehrende Abläufe, ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten und eingeplante Erholungszeiten können dem Alltag mehr Vorhersehbarkeit geben und Belastung reduzieren.
  • Psychotherapeutische Aufarbeitung: Bei ausgeprägten Traumafolgen kann eine traumasensible Psychotherapie unterstützen, Auslöser und Schutzreaktionen besser zu verstehen, traumatische Erfahrungen zu bearbeiten und neue Möglichkeiten der Regulation zu entwickeln.

Reminder: Ein „Ruhigstellen“ des Nervensystems ist weder möglich noch zielführend noch gewollt. Ziel ist es nicht, Herausforderungen vollständig zu vermeiden, sondern immer wieder die Erfahrung zu machen, Belastung bewältigen und anschließend wieder in einen regulierten Zustand zurückfinden zu können.

Reguliertes Nervensystem: nicht immer ruhig

Das Nervensystem zu regulieren steht also nicht dafür, ständig entspannt zu sein. Ein gut reguliertes Nervensystem reagiert auf das Leben. Es kann hochfahren, wenn etwas wichtig oder bedrohlich ist. (Dein Herz wird wahrscheinlich immer vor einem schwierigen Gespräch schneller schlagen. Du kannst auch bei einer Grenzüberschreitung wütend werden und nach einem anstrengenden Tag erschöpft sein.) Entscheidend ist die Flexibilität. Dein System kann sich aktivieren, ohne dauerhaft im Alarmzustand festzustecken. Und es kann herunterfahren, ohne dass du dich vollständig von dir selbst und deiner Umwelt abschotten musst.

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