Perspektivwechsel

Nicht nur hier brauchen wir einander. © Maximillia Cieszynski under cc

Schaut man sich eine allgemein beliebte Religion wie den Buddhismus mal genauer an, so muss man fragen: Woher kommt eigentlich die Überraschung? Aus Sicht des Buddhismus ist die Grundsituation des Lebens hier auf Erden, die des Leidens. Der Buddhismus bietet dann, wenn man das Kleingedruckte liest, gar nicht so einfache Wege aus dem Leid an, aber dass wir hier im demnächst vollendeten Paradies leben können, davon war nie die Rede.

Auch andere Strömungen, die nicht aus der Aufklärung gespeist sind, sehen unser Leben keineswegs als zunehmende Erfolgsgeschichte an und selbst wer sich den Fortschritt auf die Fahnen geschrieben hat, muss sich mit seiner Dialektik und Ambivalenz beschäftigen oder Scheuklappen aufsetzen. Einfach zu sagen, das sei eben eine fatalistische Perspektive, die mit religiösen Glaubenssystemen einher geht, hieße zu kurz zu springen, mit Nietzsche finden wir jemanden im Herzen Europas, der unsere christliche Lesart gegen den Strich bürstet und auch nicht in einer Kuschelwelt landet. Immerhin war Nietzsche die Ungeheuerlichkeit des Schrittes bewusst, Gott zu töten.

Der Fatalismus ist jedoch nicht nur schlecht. Er hat im Grunde zwei positive Komponenten: Demut und Gelassenheit. Zur Gelassenheit kann er führen, weil er von der Gewissheit ausgeht, dass die Dinge in letzter Konsequenz ohnehin nicht in unserer Hand liegen. Das muss nicht dazu führen, dass man sich um nichts mehr kümmert, sondern man kann den Rahmen einfach enger ziehen und sich vornehmen, sich selbst und die eigene Umgebung in Ordnung zu bringen und zu halten, für den Rest muss man sich nicht zuständig fühlen, da gibt es andere, der demütige Aspekt.

Manchen ist das zu eng und bieder, sie wollen statt dessen die Welt über politische Weichenstellungen verändern, aber der nagende Befund bleibt: Unser Leben ist zur Zeit nicht schön. Die Institutionen, denen man ehedem vertraute, haben so gut wie alle an Ansehen verloren. Es ist nicht der Lebensstandard, auch wenn nach wie vor die Sicherheit der Mitglieder der Mittelschicht auch im Alter dazu zu gehören schrumpft, was ebenfalls nagend ist, ist die kollektive Desorientierung. Ein westliches Weltbild existiert derzeit eigentlich nicht. Der Optimismus ist reduziert. Einerseits sieht eine Mehrheit die eigene Zukunft optimistisch, die der Gesellschaft jedoch nicht. Das geht quer durch Europa, alle Alters- und Bildungsklassen. Durch die Pandemie bedingt ist die persönliche Verunsicherung nun auch gewachsen, das Glücksgefühl der Deutschen moderat gesunken und vielleicht stimmt es, dass Lebenssinn an die Stelle des Lifestyle gerückt ist.

Komm’ lass uns die Welt besser machen, ist ein Aufruf der dazu passt. Kein Aktionismus, kein so tun, als ob. Aber auch keine Selbstbestrafung oder -verdammung. Ein besseres Leben kann und soll Spaß machen und es spricht viel dafür, dass das kein Wunschdenken ist, sondern sich von selbst ergibt, wenn man den Blick auf die Psyche der Menschen richtet.

Wann ist die Welt eigentlich besser?

Das ist eine der entscheidenden Fragen und Hürden. Denn wann und wodurch die Welt gut und lebenswert ist, da hat jeder andere Vorstellungen, gemäß seiner eigenen Lebenssituation, Sozialisation, geographischen und kulturellen Prägung. Relative Armut in Deutschland ist mit Leid verbunden, aber weltweit vermutlich eine Luxussituation. Sich das bewusst zu machen, hilft aber nicht wirklich, da der Mangel hier real ist und so gravierend, dass er zu einer drastischen Einschränkung der Lebenserwartung führt.

Dass eine Minderheit auf Kosten einer Mehrheit lebt ist, wird zunehmend als ungerecht empfunden, den Spieß einfach umzudrehen macht aber die Welt auch nicht viel besser. Das Bild ist heterogen, wir müssen an den passenden Stellen das stärken oder ergänzen, was eben dort gebraucht wird. Das kann nicht mit dem Gießkannenprinzip oder dem einen Ansatz für alle klappen.

Was, wenn wir uns vornehmen, wirklich niemanden zurückzulassen? Das Problem, was viele heute mit an sich wichtigen Themen haben, ist im Grunde nur, dass sie andere wichtige Themen verdecken. Einen Schiedsrichter, der uns sagt, was denn nun das wirklich wichtigste Thema ist, gibt es nicht. Wer gerade verhungert, wird nicht den Wunsch nach Freiheit als unbedingten Impuls fühlen. Wer jedoch in einem paranoiden Überwachungsstaat lebt, wird nicht glücklich, wenn man ihm erzählt, dass er doch immerhin nicht verhungert. Die einen haben Angst vor dem Rentenloch der nächsten Jahre, die junge Generation befürchtet, ihre Rente gar nicht mehr zu erleben, weil das Leben der Menschen ernsthaft (nicht nur durch den Klimawandel) bedroht erscheint, manche denken gar nicht so weit, weil sie Angst vor dem Ende des Monats haben, wenn für die letzten Tage regelmäßig kein Geld da ist, 2021, mitten in Deutschland.

Dennoch sind erreichte Sozialstandards, politische Freiheit, ein Recht auf Privatsphäre und vieles mehr, keine Wellnessthemen, denn in dem Moment, wo man sie verloren hat, wird einem das bewusst, ähnlich wie bei der Gesundheit, die man für selbstverständlich hält, bis zum Verlust. Also noch mal: Was, wenn wir uns vornehmen, wirklich niemanden zurückzulassen? Auch nicht jene, mit deren Positionen wir nicht auf Anhieb oder vielleicht auch später nicht übereinstimmen. Man kann sich zwar wünschen, wie die Menschen auf der Welt gestrickt sein sollten, nur sind sie es oft nicht. Man kann sich über Egoisten ärgern, nur sind manche Vorgaben, die andere darauf verpflichten wollen ständig an andere zu denken oft erschreckend selbstgerecht, zum anderen juckt echte Egoisten das einfach nicht.

Ich reite immer wieder auf Entwicklungsstufen und Weltbildern herum, weil ich der Meinung bin, dass hier der Schlüssel liegt. Das muss freilich ausformuliert und ausprobiert werden.

Der nächste Schritt: Innen und Außen verbinden

Wenn die Welt besser werden soll, muss sie in vielen Regionen der Welt auf unterschiedliche Weise besser werden, je nach dortigem Bedarf und dazu gehören nicht nur Brunnen, Schulen oder Wahlurnen, also institutionelle und infrastrukturelle Formen, sondern eben auch ein Blick auf die psychische Entwicklung.

Bei diesem Blick ist man inzwischen von einem einfachen höher = besser weg gekommen, wichtig sind zwei Erkenntnisse. Entscheidend ist nicht das ferne Ziel, sondern der nächste Schritt. Die andere Erkenntnis: Jede Stufe kennt ihre Übertreibungen und Entartungen, doch jede Stufe der Entwicklung hat auch positive Komponenten, die geborgen und erhalten bleiben müssen.

Das ist wichtig, aber nicht selbstverständlich, weil es oft den Versuch gibt, am besten ganze Entwicklungsstufen abzuschaffen. Die mythische oder konventionelle Stufe von Anpassung, Gehorsam und einem Einüben von Regeln, Werte und Normen ist vielen ein Dorn im Auge. Die Idee ist, dass man, wenn man hier erst angekommen ist, es mit der Freiheit für immer vorbei ist. Die Entwicklungspsychologie erzählt uns jedoch, dass diese Stufe eine Vorbedingung ist, um in eine reife Ausgewogenheit zwischen sozialer Verantwortung und individueller Freiheit zu kommen. Das ist ein Weg der misslingen kann, aber oft genug gelingt er, wenn man die Stufe verweigert, kommt man jedoch nicht über Vorformen hinaus, bei denen sich dann alles um das eigene Ich dreht. Das ist eben Egoismus oder Narzissmus. Wenn wir aber dennoch alle mitnehmen wollen, muss man auch Egoisten und Narzissten ein attraktives Angebot machen und deren einfache Frage ist: Was habe ich davon?

Diese Frage ist legitim, aber wir können sie beantworten. Narzissten und Egoisten sind keine glücklichen Menschen. Sie sind fundamental verunsichert, ihre Grandiosität ist kompensatorisch, um ihre immer wieder mal durchbrechende und zerstörerische, gefühlte Nichtswürdigkeit zu kompensieren. Sie setzen andere herab und müssen ständig rudern um besonders zu erscheinen, das ist für alle Beteiligten aufreibend. Die Welt besser zu machen, heißt auch hier bei der psychischen Verfasstheit anzusetzen. Da das nicht nur für Narzissten gilt, ist es vor allem der nächste Schritt der kulturell Kreativen, also jener, die Einfluss haben, weil sie verstehen und Ideen in die Welt setzen, das Innen mit dem Außen zu verbinden. Nicht irgendwie und in Sprechblasen, sondern verstehend erkennen, wie und wo beides ineinandergreift.

Wir schauen viel darauf, was wir äußerlich brauchen: Mindestlohn, bezahlbare Mieten, Grundeinkommen, die Möglichkeit zur kulturellen Teilhabe oder was auch immer es sei, wir schauen und wissen wenig, was uns eigentlich innerlich fundamental ernährt und was wir dort brauchen, um ein besseres Leben zu führen. Man muss die beiden Bereiche nicht gegen einander auszuspielen und sollte es auch nicht, denn sie ergänzen und bedingen einander.

Was brauchen wir, damit im Inneren die Welt besser wird?

Fundamental für eine bessere Innenwelt sind stabile und verlässliche Beziehungen. Der Mensch ist ein Beziehungswesen, die einen mehr, die anderen weniger, aber um Beziehungen dreht sich so ziemlich alles in unserer Psyche. Je tiefer die Beziehungen, desto verlässlicher und das heißt eben gerade auch, dass man zusammen durch dick und dünn geht. Familie, Freundschaften und intime Partnerschaften sind die Konstellationen dafür. Beziehungen kann man aber auch zu Tieren und sogar zur Pflanzen, und zur Gesamtheit der Natur aufbauen.

Sinn kristallisiert sich immer mehr als weiterer Baustein heraus. Wir wollen nicht einfach nur so dahin leben, sondern unser Leben soll gut, gelungen und sinnvoll sein. Den Sinn im eigenen Leben muss jeder selbst suchen und finden, es muss nicht immer die eine Sache sein, zu der man sich berufen fühlt, viele durchleben parallel oder nach Phasen gestaffelt mehrere Aspekte des Daseins und finden diese sehr bereichernd. Sehen wir Sinn im Leben, sind wir bereit Opfer zu bringen, über uns hinaus zu wachsen und haben ein gewisses Ziel vor Augen.

Menschen sind ambivalent. Einerseits wollen wir kooperieren, uns andererseits aber auch unterscheiden und Anerkennung haben. Kooperation ist ein fundamentaler innerer Antrieb, wir kooperieren aber nur mit Menschen, die selbst auch kooperieren. Tut das jemand nicht, haben wir ein Gefühl der Ungerechtigkeit, was einige bis zur Raserei bringen kann, damit ist nicht zu spaßen.

Wir sind also durchaus bereit ein Leben mit und für andere zu führen, solange wir dafür Lob und Anerkennung bekommen oder diese anderen lieben oder achten. Sind wir hinreichend mit Anerkennung gesättigt und nicht narzisstisch, können wir unser Ich in den Dienst einer größeren Sache stellen, die dann nicht nur als Verlängerung des Selbst die Um- und Mitwelt instrumentalisiert, sondern in der wir im besten Sinne selbstvergessen aufgehen können. Eine befriedigende Erfahrung von Einheit, die ebenfalls wichtig sind, um den Alltag ertragen zu können.

Viele rollen mit den Augen, wenn heute aus dieser oder jener Ecke von Verzicht die Rede ist. Doch machen wir uns einen Moment ehrlich und fragen uns, wenn wir unsere innere Welt betrachten, wie es eigentlich dort mit Erfüllung oder Verzicht aussieht. Haben wir alles, was wir als Mensch so brauchen? Schöpfen wir es so aus, dass wir ein zufriedenes oder sogar glückliches und erfülltes Leben führen? Oft genug muss das Äußere herhalten und soll das ersetzen, was uns innerlich fehlt? Genau das geht in aller Regel nicht gut.