Klärung als gemeinsame Methode

Ein schöner Ort zum Philosophieren, zur Therapie oder zum Lebensgenuss. © Mike Licht under cc

Es wurde und wird viel darüber spekuliert, was Philosophie denn nun sei, von der Liebe zur Weisheit ist da die Rede, aber lebensnäher ist die Klärung der Begriffe, die die Tätigkeit der Philosophen in weiten Teilen definiert. Dies ist eminent wichtig und das, was in den Streits des Alltags übersehen wird. Da wird dann gesagt dies und das sei ungerecht, falsch oder naiv, aber letztlich führt das selten zu einer Lösung, oft aber dahin, dass man an einander vorbei redet.

Nicht selten ist es genau das, was man mehr oder weniger bewusst will. Das ist Teil des normalen Erregungsprogramms bei vielen Menschen, sich aufzuregen, zu empören, alles ungerecht und schrecklich zu finden, vielleicht einfach weil man sich dann lebendig fühlt. Manchmal kann es gut sein, wenn man Luft ablässt, aber schon vor längerer Zeit hat man herausgefunden, dass man tüchtig Dampf abzulassen vor allem zu einem führt: Zu noch mehr Erhitzung und Druck im Kessel. Oder anders gesagt, zu Stress und Aggression. Irgendwann kann man den Zug aus eigener Kraft kaum noch stoppen und wird die Geister, die man rief, nicht mehr los.

Deshalb ist es so wichtig, in Situationen in denen man einander so gut wie es möglich ist verstehen will, zu klären, was der andere eigentlich genau meint, wenn er einen bestimmten Begriff verwendet. Intuitiv meint man, dies sei doch wirklich jedem klar, aber Paartherapeuten können davon berichten, dass es auch in langen Beziehungen Unklarheiten darüber gibt, was der andere etwa unter Liebe versteht.

Umso wichtiger in einer Therapie zu klären, was der andere meint, denn der Therapeut will den Patienten so gut es irgend geht verstehen. Manchmal ist dem Patienten selbst nicht klar, was er meint, aber auch dies zu sehen, ist hilfreich für die Diagnose. In anderen Fällen kann ein Patient, etwas, was dem Therapeuten merkwürdig vorkam ausräumen. Die Klärung der Begriffe ist zentral für die Kommunikation und Diagnose in der Psychotherapie.

In der Philosophie liegen zwischen der unterschiedlichen Bedeutung von Begriffen Welten. Man könnte meinen, das gelte vor allem für irgendwelche Fachbegriffe, für die man Jahre lang studiert haben muss, um sie überhaupt zu verstehen, aber mitnichten. Es sind gerade die einfachen, alltäglichen Begriffe, die jeder versteht, mit denen jeder erfolgreich umgeht, an denen sich Philosophen die Zähne ausbeißen.

Nicht weil sie dumm wären oder irgendwann nur noch um die Ecke denken können, nein, sondern weil wir Begriffe im Alltag gar nicht genau definieren müssen. Wenn alle Unklarheiten ausgeschlossen werden sollen, befindet man sich in der Welt der DIN Normen oder der Antragsformulare und Erläuterungen von Ämtern. Diese sind für Normalsterbliche kaum zu verstehen, weil sie sehr präzise sind. Hier hat alles seine feste Bedeutung, die man irgendwo nachschlagen kann, wenn man Spaß daran hat sich in die Amtssprache einzuarbeiten. Manche machen daraus auch ein Kabarettprogramm.

Unsere Alltagssprache ist unscharf und darf es sein, hier zählt der Erfolg, dass man ungefähr verstanden wurde, bekommt, was man will. Eines der einflussreichsten philosophischen Bücher des 20. Jahrhunderts versucht den Begriffe ‘Sein’ zu klären. Und was ist nun genau ‘Leben’? Mal ganz zu schweigen von Begriffen wie ‘Wahrheit’ oder’ Gerechtigkeit’ oder die schon angesprochene ‘Freiheit‘.

Die Klärung des Begriffe ist fundamental für Philosophie und Psychotherapie.

Eine Analogie zur künstlichen Intelligenz

Bei der künstlichen Intelligenz (KI) stieß man auf ähnliche Probleme. Nachdem die Rechner immer leistungsfähiger und dadurch kleiner und billiger wurden und irgendwann in den 1970ern ein kleiner Taschenrechner viel schneller und besser rechnen konnte, als ein Mensch, um nur kurze Zeit später den damals amtierenden Schachweltmeister vom Brett zu putzen, dachte man, nach dieser vermeintlichen Kränkung für die Menschheit, der Computer könne im Grunde bald alles besser, als der Mensch. Aber da die KI dem Menschen in dem was man für geistige Höchstleistungen hielt überlegen war, dachte man, der Rest sei nur ein ein Klacks, ein paar Details des schnöden Alltag. Daran hat man sich dann komplett die Zähne ausgebissen, weil man das Alltagswissen, was man so nebenher drauf hat, einem Computer erst beibringen muss und das ist so umfangreich und komplex, dass man daran gescheitert ist.

Das begrenzt dann auch die Möglichkeiten technischer Utopien, von denen man so viel hört. Gerade im Alltag wird es kompliziert, in der Praxis und in der näheren Bestimmung der Begriffe. Unsere Alltagsbegriffe sind vielschichtig und unbestimmt, fassen wir aber nach, wird es auch dort problematisch, denn er und sie könnten in einer Beziehung beide von Liebe reden, aber etwas unterschiedliches damit meinen.

Ziele der Psychotherapie

Die Psychotherapie hat grob gesagt zwei Ziele, die sich pragmatisch danach richten, wozu ein Patient in der Lage ist. Das erste Ziel ist, Patienten (wieder) zu befähigen, am normalen Alltag teilzunehmen, weil der Patient in aller Regel davon am meisten profitiert, wenn er in diesen eingebunden ist. Da aber etwas, was einmal aus der selbstverständlichen Normalität herausgefallen ist, nun viel bewusster und behutsamer gelebt und mitunter zurück erobert werden muss, ist damit schon eine erhöhte Aufmerksamkeit verbunden, die der Reflexion nahe kommt. Man muss ja bewusst erleben, dass man jetzt gerade Stress hat, einem Zwang oder Drang unterliegt und sich erinnern, was man eventuell, dagegen zu tun, gelernt hat. Ein Mitglied der Gesellschaft zu sein, das in der Lage ist, im Alltag mehr oder minder normal mitzumachen, ist etwas, was als entstressend, entlastend und beglückend empfunden wird[link], oft sogar von denen, die das leugnen, sofern es ihnen dann doch gelingt, mitzumachen.

Das ist auch ein Vorwurf, der der Psychotherapie mitunter gemacht wird, sie mache die Menschen nur wieder funktionsfähig und schicke sie dann zurück, in den alltäglichen Wahnsinn. Psychotherapie ist jedoch nicht ideologisch, sondern Anwalt des Einzelnen, der Hilfe braucht, unabhängig von der privaten Meinung. Das nächste und man könnte sagen eigentliche Ziel ist jemandem zu helfen ein reifes, reflexives Individuum zu werden. Darum versucht die Psychotherapie auch, die Ausflüge ins Allgemeine: die politischen Umstände, die Lage der Welt und so weiter immer wieder auf die Bedeutung für den Einzelnen zurück zu führen und daraufhin abzuklopfen.

Der reflexive Mensch ist dann auch keiner, der einfach so in der Welt funktioniert und alles kritiklos und opportunistisch mit macht, sondern eben jemand, der sich Gedanken über dies und das macht. Psychotherapie ist das konsequente Trainingsfeld, um nicht ständig vor sich selbst davon zu laufen, sondern sich zu fragen, ob man da braucht und will, was es für einen selbst und für die anderen, die mit einem in enger Beziehung leben bedeutet. Sich Gedanken über die Umwelt und das gesellschaftliche Ganze zu machen, ist an sich prima, kann aber auch eine Flucht vor sich selbst sein und gute Psychotherapeuten lassen das nicht zu.

Findet man sich in sich und seinen engsten Beziehungen aber zurecht, ist es eine sehr organische und psychotherapeutisch erwünschte Geschichte, wenn man sich für etwas engagiert, aus dem man nicht nur einen Nutzen für sich zieht, einfach auch, weil man heute weiß, dass, wenn man nicht im eigenen Saft köchelt, die Ich-Schwäche abnimmt. Aber wohin es einen da zieht, das muss man selbst rausfinden, Psychotherapeuten sind eben keine Ratgeber, sondern regen im besten Fall zur Reflexion an, so dass man begründet etwas vor sich und anderen vertreten kann.

Im Zuge dieser reflexiven Einstellung eines reifen Ichs (zur Präzisierung, was das ist siehe Diagnosen und Kategorisierungen in der Psychotherapie) tauchen dann im Ich ganz von Selbst philosophische Fragestellungen auf, die keinesfalls rein abstrakter Natur sind, sondern ganz direkt mit den Verhältnissen zu tun haben, in denen man sich vorfindet, ohne sich sofort damit abzufinden, dass die Dinge eben sind, wie sie sind und nicht zu ändern seien. Wo immer es möglich ist, ist Psychotherapie alles andere und deutlich mehr, als der Versuch, jemanden windelweich angepasst in die Welt zu entlassen. Auch die Philosophie ist keinesfalls vom Leben abgekoppelt, weil die Erkenntnisse aus vermeintlich entlegenen Welten sehr direkt auf unseren Alltag zu übertragen sind. Philosophie und Psychotherapie sind enge Verwandte und keinesfalls willfährige Mitspieler in vermeintlich nicht zu ändernden Abläufen.

Quellen