Individuell und kollektiv: Revolutionen

Kirche im Schnee

Gleich wie man zur Religion steht, ist sie ein Leuchtturm der Sinnstiftung und Orientierung. © fusion-of-horizons under cc

Die Welt erklärt zu bekommen, einen Sinn zu sehen, ist dem Menschen ein Bedürfnis, eines, was mindestens gleichberechtigt neben dem Wunsch nach Freiheit und Versorgung steht. Eine Orientierung zu haben, ist ungeheuer wichtig. Hat man einmal eine Erklärung für die Geschehnisse in der Welt gefunden, so verteidigt man diese, oft mit Zähnen und Klauen. Dies ist individuell nicht anders als in Kollektiven und auch in Institutionen des Wissenserwerbs. Hier wie da ist Erkenntnis kein stetig und linear voranschreitender Prozess, in dem ein Erkenntnisbaustein zum anderen kommt, sondern man wehrt neue mögliche Erkenntnisse und abweichende Daten zunächst ab. Man will davon nichts wissen, macht sie verächtlich oder lächerlich.

Das wird den Grund haben, dass man die Fundamente seiner Welterklärungen nicht täglich wechselt, schon weil dies unökonomisch ist. Das Individuum und das Kollektiv des Alltags kann sich das besser leisten, als die Erkenntnismaschine Wissenschaft, aber auch hier hat Thomas Kuhn dargestellt, dass die Struktur des Fortschritts stets ein Sprung, eine Revolution ist, die dann einsetzt, wenn man abweichende Daten nicht mehr guten Gewissens negieren kann, sondern beachten muss. Das gilt für uns als Einzelpersonen genauso. Wir lassen uns unsere Überzeugungen nicht ohne weiteres nehmen, auch hier müssen gravierende abweichende Daten kommen.

Der deutsche Osten oder: Die immer wieder vertagte Hoffnung

Nun geht eine in Teilen unsympathische Revolution vom deutschen Osten aus. Ausgrenzung und Ignoranz ist der falsche Weg. Zwar stimmt es, dass die intellektuellen Vordenker der Neuen Rechten oft Westimporte sind, aber Hinweis darauf, dass die oft wohlhabenden Lebemänner der rechten Parteien nun nichts mit dem Lebensstil derer zu tun haben, die sie vertreten wollen, gilt für die linken Parteien ebenso.

Und dass rechte Parteien gerade da stark werden, wo es Fremde kaum gibt, ist nach der Wahl auch keine These mehr, die zu halten ist. Zwar sind Migranten im Osten tatsächlich rar, aber außerhalb dieses Bereichs bekommen rechte Parteien vor allem dort viele Stimmen, wo der Anteil an Armut und Zugewanderten hoch ist.

Der mehrfach enttäuschte Glaube an eine bessere Welt ist vielleicht die bessere Erklärung. Die Erklärungen und Beschwörungen, dass es uns doch gut geht, sie ziehen nicht mehr. Das uns verbindende Wir ist kaputt, mindestens in Teilen, immer mehr Leute fühlen sich nicht mehr dazugehörend und nicht mehr zu wissen, wohin man gehört, ist ein Zeichen des Verlustes an Orientierung.

Es gibt um Osten Menschen, die erst die Diktatur der Nazis und dann der DDR über sich ergehen lassen mussten und als dann doch endlich alles besser werden und die Landschaften blühen sollten, erleben mussten, wie sie von Geschäftemachern übers Ohr gehauen wurden und ihre Landstriche eher austrockneten als blühten. Doch die Enttäuschungen und das Gefühl, dass sich keiner für ihr Schicksal interessiert, ist kein Privileg des Ostens mehr, ob in Bremerhaven, dem Ruhr-Gebiet oder den Vorstädten in Köln und Berlin, überall gibt es Regionen in denen sich Menschen abgehängt fühlen, weil sie es sind. Doch auch das lehrt uns der Blick in den Osten. Die Überzeugung einiger, dass Menschen, nur weil sie Atheisten sind, die besseren Menschen seien, darf man nach diesem gesellschaftlichen Experiment auch bezweifeln. Allein, der Glaube an Gott ist in vielen deutschen Regionen inzwischen so wenig sinnstiftend und orientierungsgebend, wie der Glaube an steten Fortschritt und dass es “uns” so gut wie nie geht.

Global ist manches anders

Weltweit ist die Dynamik der Religionen ungebrochen, sehr zur Überraschung der Eurozentristen, die davon ausgingen, dass der Siegeszug eines Weltbildes, das atheistisch, kapitalistisch, humanistisch und auf technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt fixiert ist, nur noch eine Frage der Zeit ist. Nun erlebt man Europa selbst uneins und an Einfluss und Vitalität verlierend.

Sind das nun Stufen der Weltbilder die miteinander ringen oder gibt es so ein hierarchisches Nacheinander gar nicht, sind alle Perspektiven und Deutungen gleichberechtigt? Es ist mal wieder kompliziert. In der Regel meint man, die wissenschaftlich-rationale Weltsicht würde die mythisch-religiöse ablösen und sei dieser an erklärender Kraft übergeordnet. Doch im mythisch-religiösen Kontext gibt es eine Orientierung, für alle verbindliche Gebote und Verbote und die Frage, warum man sich moralisch verhalten sollte, ergibt hier kaum einen Sinn, die Antwort ist: Weil Gott das so will. Dass man das alles lächerlich und hinterwäldlerisch findet, mag sein, aber genau diese Lesart stößt ja gerade an ihre Grenzen. Die Rationalität finden manche durchaus irisierend, doch vielen ist sie zu kalt und dröge. Und, etwas einzusehen heißt nicht, dass man sich auch dran hält. Das Dreieck Freiheit, Versorgung und Orientierung muss überdies ausgewogen sein. Unsere stillschweigend gefühlte Überlegenheit gerät ins Wanken, vielleicht weil sie die Frage nach der Orientierung vernachlässigt. Doch das ist eher eine praktische Frage.

Theoretisch stoßen wir auch an Grenzen. Der Idee, dass Gott die Menschen machte, wurde schon früh die Idee gegenübergestellt, dass der Mensch Gott machte, schon bei den alten Griechen, später noch einmal explizit ausformuliert bei Feuerbach. Doch da ist noch etwas, denn es gibt Kräfte, von denen unklar ist, ob wir sie oder sie uns benutzen. Sprache, Kommunikation, aber auch die Sexualität, die Gene und aus Sicht einiger auch die Teme (technischen Meme). So schreibt Freud:

“Die Sexualität (ist) nicht gleichzustellen den anderen Funktionen des Individuums, da ihre Tendenzen über das Individuum hinausgehen und die Produktion neuer Individuen, also die Erhaltung der Art zum Inhalt haben. Sie zeigt uns ferner, dass zwei Auffassungen des Verhältnisses zwischen Ich und Sexualität wie gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die eine, nach welcher das Individuum die Hauptsache ist, das die Sexualität als eine seiner Bestätigungen, die Sexualbefriedigung als eines seiner Bedürfnisse wertet, und eine andere, derzufolge das Individuum ein zeitweiliger und verlängerter Anhang an das quasi unsterbliche Keimplasma ist, welches ihm von der Generation anvertraut wurde”[3]

Auch das ist irgendwie verwirrend, da diese Systeme auch noch eigene Gesetzmäßigkeiten haben, denen sie nachgehen und wir manchmal frei agieren, indem wir diesen Gesetzmäßigkeiten nachgeben, ein anderes mal aber indem wir uns dagegen stellen.