Postmoderne Splitter der Orientierung …

Kompass

Wo soll die Reise hingehen? © spline splinson under cc

Es ist ein altes Spiel, dass die Freiheit, alles zu machen, schnell den Charakter der Willkür annehmen kann. Aber die Freiheit als eine Form freiwilliger Unterwerfung, Verpflichtung oder Einsicht in die Notwendigkeit, erscheint dann doch wieder einigen als Freiheit mit Sternchen und Fußnote versehen.

Nietzsche hat das schon groß gedacht und an dieser Stelle bezieht er auch Position:

„In der Tat, wir Philosophen und »freien Geister« fühlen uns bei der Nachricht, daß der »alte Gott tot« ist, wie von einer neuen Morgenröte angestrahlt; unser Herz strömt dabei über von Dankbarkeit, Erstaunen, Ahnung, Erwartung – endlich erscheint uns der Horizont wieder frei, gesetzt selbst, daß er nicht hell ist, endlich dürfen unsre Schiffe wieder auslaufen, auf jede Gefahr hin auslaufen, jedes Wagnis des Erkennenden ist wieder erlaubt, das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein so »offnes Meer«.“[4]

Doch die Erfahrung zeigt, dass die Tür des Käfigs zu öffnen und viel Spaß in der Freiheit zu wünschen nicht ausreicht. Ist der Tod Gottes so anspruchsvoll, dass er tatsächlich nur etwas für Philosophen und freie Geister ist? Bedeutet er für die anderen wirklich überwiegend Orientierungsverlust? Die Pointe der Mystik ist auch nicht, als ein Ich das ganz große Sinngefüge zu erleben, sondern die Einsicht, dass da niemand ist, der uns retten wird. Die andere Pointe ist, dass das auch nicht schlimm ist. Aber das ist noch weiter weg, ungreifbarer, nichts, woran man sich festhalten kann.

Wem können wir glauben? Es gibt negative Grenzen des Perspektivismus. Egal welches Weltbild wir haben, kommt ein Tsunami, so trifft er uns alle. Doch all die Gleichmacher-Beispiele sind zerstörerische, negative Beispiele. Wenn der Meteor kommt, sind wir alle tot. Hat der Perspektivismus auch positive Grenzen, etwas, worauf wir uns alle einigen können, gar müssen?

… und die große Geschichte 2.0

Der Wunsch, all die Fragmente einzusammeln und zu einer großen Geschichte 2.0 zu integrieren, einem neuen Mythos der kräftig, verbindlich und intelligent ist, ist ein schöner Traum. Die große Geschichte ist allerdings das, was von der Postmoderne als „das alte ontologische Denken“ (Luhmann) kritisiert wurde und was es eigentlich zu überwinden gilt. Wenn heute schon und demnächst noch mehr virtuelle Welten mit den üblichen zusammenwachsen, wird dann alles noch fragmentierter oder gewinnen wir neue Erkenntnisse, Möglichkeiten und Orientierungen?

An was sollen wir uns zukünftig orientieren, wenn wir unsere komplexe Welt verstehen wollen? Meines Erachtens gibt es tatsächlich hierarchisch unterschiedliche Grade der Welterklärungen oder Weltbilder mit typischen Bedürfnissen, Lebens- und Denkweisen. Es scheint sich herauszuschälen, dass die gemeinsamen Überzeugungen, die zentralen Mythen dieser Weltbilder eine Wirkung entfachen, die oft hinter äußeren Einflüssen nicht zurücksteht.

Vielleicht sind diese Wirkungen das positiv verbindende Element. Man kann sie erforschen und praktisch nutzbar machen und das geschieht aktuell in systematischer Weise, indem die Wirkungsweise von Placebos und Nocebos untersucht werden, bei denen neben einer Konditionierung vor allem die Erwartung eine Rolle spielt. Unklar ist, wie weit dieser Effekt reicht, wie lange er andauert und wie weit er sich auf andere überträgt. Wir wissen, dass ein überzeugter Arzt oder Heiler besser wirkt, als einer, der unsicher erscheint. Oder reicht bereits eine gute Show?

Die Weltbild-Methode trägt dem Rechnung, unter anderem basierend auf der Idee, dass man mit den Überzeugungen des Patienten therapieren sollte und nicht gegen sie. Doch wie weit reicht das über das Gebiet von Krankheit und Heilung hinaus? Jeden machen zu lassen, was er will, führt offenbar nicht zu einer größeren Freiheit sondern zu mehr Narzissmus in der Gesellschaft und Narzissten sind gerade dadurch definiert, dass sie sich für andere Menschen, deren Sichtweisen und Bedürfnisse nicht interessieren. Hier wäre ein Training, das einem früh klarmacht, dass es noch andere Menschen gibt und man nicht ein kleiner König oder eine kleine Prinzessin in einem Hofstaat von Bediensteten ist, schon ein Gewinn. Das decken die Religionen ab, aber was kommt danach? Religionen versorgen uns mit Ritualen, können im besten Falle wärmen, dem Leben Sinn und Orientierung geben, doch sie erklären die Welt nicht so gut, dass das allen attraktiv erscheint. Darin ist die Wissenschaft besser, aber sie kann uns nicht sagen, warum wir überhaupt am anderen interessiert sein sollten.

Versuche, das Beste aus der Welt der Religionen in eine säkulare Form zu transferieren, sind nett und bemüht, aber was den Kohl fett macht ist, dass man tatsächlich glaubt und überzeugt ist. Die postmodernen Gehversuche, sich bei den Religionen wie im Gemischtwarenladen zu bedienen und sich von allem das zu mir passende zu nehmen, stellt den Glauben auf den Kopf, denn die Heilkraft der Religionen liegt wesentlich darin, dass man ein Stück weit sich den Religionen oder einer anderen Idee, die größer ist als man selbst, anpasst oder für diese Idee lebt, nicht, dass man das, was größer als man selbst ist, dem eigenen Ich anpasst.

Wenn wir wissen, wie aus Erwartungen Wirkungen werden und diese sich zu langfristigen Überzeugungen verfestigen, wenn wir begreifen, dass es gut und wichtig ist Ideale zu haben, für die man zur Not auch Opfer bringt, können wir noch mal etwas zurückspulen und an der Stelle neu starten, ohne alte Fehler zu wiederholen. Bei der Wahl im September wurde dem Fahren auf Sicht, dem reinen Pragmatismus eine Absage erteilt. Man darf wieder Visionen haben, ohne zum Arzt gehen zu müssen. Wenn wir darauf achten, nicht den ekelhaftesten Lautsprechern nachzurennen, ist das schon ein Schritt in die richtige Richtung. Visionen zu haben heißt Ziele zu setzen, zu sagen, wo es im idealen Fall hingehen soll und es heißt damit, Orientierung anzubieten.

Quellen