Die linkisch-gehemmte Seite der grandiosen Variante

junger Mann verbirgt Gesicht hinter Knie, schwarzweiß

Auch Schwäche kann dazu führen, dass man im Mittelpunkt des Geschehens steht. © Felix Montino under cc

Doch es gibt noch eine andere Seite der grandiosen Variante der Ich-Schwäche. Dabei handelt es sich um Menschen, die sich großartig und bedeutend fühlen, denen es aber nicht gelingt, ganz nach oben zu kommen. An sich ist das nicht schlimm, nicht aber, wenn man den Drang zum Gipfel verspürt.

Dann muss man Erklärungen finden, die einem plausibel erscheinen lassen, warum man nicht ganz oben steht, obwohl man doch da hingehört. Da Selbstkritik oft nicht die Sache vom Menschen mit Ich-Schwäche ist – zum Umgang mit Kritik, unten mehr – werden die Gründe zumeist in der Umgebung gesucht. Andere werden nicht etwa vorgezogen, weil sie bessere Leistungen bringen, sondern, weil sie protegiert werden, sich besser anbiedern oder Gegenleistungen anbieten können.

Die selbstidealisierende Phantasie muss immer mehr Lücken schließen, die Erklärungen werden immer fragwürdiger, die Kluft zwischen der Selbsterklärung und dem, wie andere Menschen das eigene Leben deuten, wird immer größer. Um diese zu überbrücken müssen die Entwertungen oft noch größer werden, die Konstrukte noch wackeliger. Unsere Selbstbilder können durchaus auch etwas unrealistisch sein, auch ist die Grenze zwischen Phantasie und Realität keinesfalls so starr, wie man oft glaubt und doch hat der Raum in dem Phantasie und Realität sich mischen und wechselwirken auch einen Ausgang auf der anderen, ich-starken Seite des Saals.

Es sind oft Phantasien, die in die Richtung gehen, dass man zu genial ist, um den normalen Weg einer Ausbildung oder Karriere zu gehen, den alle anderen auch gehen und als Genie irgendwie entdeckt wird oder Stufen überspringen kann und gleich einen Chefposten bekommt. Da das nicht so oft passiert, sucht man Schuldige. Nicht etwa, dass die eigenen Ansprüche etwas maßlos sind, sondern zumeist sind die anderen einfach zu blöd um zu erkennen, was in einem steckt.

Das kann in Fällen, wo Ärger, Kränkungen und maßlose Ansprüche sich zusammen hochschhaukeln auch schon mal gefährlich werden, wenn die Phantasien immer aggressiver werden oder die Konstrukte zerfallen und alles verloren erscheint. Amokläufe oder erweiterte Suizide sind in letzter Zeit thematisiert worden.

Verbindende Elemente der beiden Seiten

Wir haben zwei Seiten der Ich-Schwäche identifiziert. Eine Seite von Menschen, die eher still und leidend sind und gar nicht die Wunsch haben ins Rampenlicht zu kommen, im Mittelpunkt zu stehen, denen es unangenehm ist Aufmerksamkeit zu erregen, ja, die manchmal sogar eine panische Angst davor haben. Auf der anderen Seite sind die Helden des Lebens, die strahlend und manchmal rücksichtslos ihren Weg gehen und durchaus Erfolge im Leben erzielen können (die ihnen vermutlich oft nicht reichen) und die Gruppe jener, die ebenfalls hoch hinaus wollen, aber es aus Mangel an Talent oder Beharrlichkeit nicht schaffen und die dann schnell frustriert sind.

Die graue Maus in der Ecke und der Star auf offener Bühne, schroffer könnte der Kontrast kaum sein. Und doch gibt es Aspekte, an denen man die gemeinsame Wurzel der Ich-Schwäche erkennen kann.

Das Gefühl im Mittelpunkt zu stehen

Es ist eigentlich weniger ein Gefühl, als zu einem gewissen Teil berechtigt. Dass der Star – damit ist nicht immer und nur der Showstar gemeint, es kann auch der Abteilungsleiter, der Chefarzt oder jemand in repräsentativer oder leitender Position gemeint sein – im Mittelpunkt steht, wundert nicht so sehr. Es ist weder ehenrührig, noch pathologisch, wenn man Führungspositionen anstrebt. Im Gegenteil können das oft sehr intelligente und verantwortungsvolle Menschen sein.

Es kann sogar sein, dass man eine Ich-Schwäche durch reale Erfolge – und sozialer Aufstieg ist ein Erfolg – nicht nur kompensieren, sondern sogar ein Stück weit therapieren kann. Wer im Laufe seines Aufstiegs mit der Verantwortung wächst, der ist gut dabei. Nicht immer gelingt das und dann kann sich die Diskrepanz zwischen sozialem Erfolg und privatem Unglück sogar noch vergrößern. Manchmal kann das einfach Pech sein, doch es kann auch psychologische Ursachen haben, die mit dem Narzissmus in der Liebe zu tun haben.

Weniger klar ist, dass und warum sich auf einmal – und irgendwie verdächtig häufig – Menschen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wiederfinden, die das eigentlich gar nicht wollen. Jedenfalls nicht offensiv. Oft sind es Menschen, die eine Art von Rücksichtnahme einfordern und das kann mehrere Gründe haben. Sie können gesundheitlich beeinträchtigt sein oder auch ein schweres Schicksal haben. Schnell wird klar, so wie immer und überall läuft es mit ihnen nicht. Sie brauchen eine Sonderbehandlung, nicht weil die großartig sind oder sein wollen, sondern, weil es sie schwer erwischt hat.

Was man auf diese Weise bekommt, ob man will oder nicht, ist jede Menge Aufmerksamkeit. Nicht im Sinne von Bewunderung und Beifall, sondern oft im Sinne von Rücksicht und Sonderrechten. Aber es ist eine Aufmerksamkeit, der man sonst nicht zuteil wird, zumindest eine, die man sich sonst hart erarbeiten muss. Wenn es einem besonders schlecht geht, fühlt man sich zwar alles andere als großartig, aber man kriegt Aufmerksamkeit geschenkt. Das kann sich einschleifen, teilweise von früher Kindheit an. Wenn sich niemand für mich interessiert, außer, wenn ich krank bin, ist das Kranksein irgendwann gar nicht mehr so unattraktiv. Wenn Schmerzen, Kreislaufprobleme, eine Erkältung oder Atemnot mich dazu bringen, dass ich etwas Unangenehmes nicht machen muss, dann kann sich das durchaus zu einem Muster verdichten, das immer dann auftritt, wenn sich jemand einer Situation nicht gewachsen fühlt oder für etwas nicht einstehen will oder kann.

Auf diese Weise oder auch wenn man sonst wie benachteiligt ist, bekommt man eine Sonderbehandlung, die sonst eigentlich niemand kriegt. Und auf einmal ist da doch wieder der Besonderheitsanspruch, nur dieses Mal versteckter. Und auch hier, wie bei den Menschen in Führungspositionen, gilt, dass nicht jeder der krank oder benachteiligt ist, damit zwingend etwas erreichen will. Zwar ist der Zusammenhang als primärer und sekundärer Krankheitsgewinn bestens bekannt, aber er gilt nicht in allen Fällen, selbst dann nicht, wenn wir natürlich auf Kranke oder anders Benachteiligte im Normalfall immer besondere Rücksicht nehmen. Aber es könnte ein Baustein sein, der es wert ist beachtet zu werden.