“Mein Chef ist fachlich wirklich eine Niete und tut nur so, als ob er Ahnung hätte.” Mancher Angestellte stellt sich in diesem Zusammenhang häufig die Frage, warum er es mit seinem Können nicht so weit gebracht hat wie sein Vorgesetzter. Neue Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Menschen die zu Selbstüberschätzung neigen meist im Vorteil sind.

Was versteht man unter Selbstüberschätzung?

Mann klettert auf Berg

Mann klettert auf Berg © Daniel Frey under cc

Unter Selbstüberschätzung versteht man eine Form der kognitiven Verzerrung, bei der es zu einer Fehleinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Ausdauer kommt (Myers, 2008). Es besteht die Neigung, eigene Einflussmöglichkeiten auf Aufgaben zu überschätzen (Gervais & Odean, 2001) und sich selbst anderen gegenüber überlegen zu fühlen (Glaser, Langer & Weber, 2005). Häufig findet im Zuge der Selbstüberschätzung auch eine selbstwertverdienliche Attribution statt, indem persönliche Erfolge dem eigenen Können und Misserfolge äußeren Umständen zugeschrieben werden (Ross & Sicoly, 1979).

Ruf der Selbstüberschätzung

Selbstüberschätzung bei Unternehmern und Finanzmanagern wird häufig mit zu riskanten Investitionen und somit mit negativen Konsequenzen für das Unternehmen und die Börse in Zusammenhang gebracht (Birnbaum, 2009; Rettig & Borghardt, 2010). Auch bei Bergkletterern und Autofahrern wird Selbstüberschätzung häufig mit Sicherheitsrisiken assoziiert.

Wann ist Selbstüberschätzung für den einzelnen von Vorteil?

Auch wenn Selbstüberschätzung in unserer Gesellschaft häufig kritisch gesehen wird, bürgt sie für den einzelnen Vorteile. Johnson und Fowler (2011) von der University of California betrachteten Selbstüberschätzung unter dem Aspekt natürlicher Selektion. Sie boten jeweils zwei Personen erstrebenswerte Objekte wie Geld oder Essen an. Diese konnten nun Ansprüche auf das Objekt erheben oder verzichten. Zeigten beide Interesse, kam es zu einem Wettstreit. Erhob nur eine Person Ansprüche, hatte diese das Objekt sicher.

Freiwilliger Verzicht der Gegenseite

Die Forscher betrachteten die natürliche Selektion unter dem Aspekt eigener Fähigkeiten und Ausdauer. Dieser ist nur dann bedeutsam, wenn beide das gewünschte Objekt in Besitz nehmen möchten. Neigt nur einer der Versuchspersonen zur Selbstüberschätzung, so könnte er dieses ohne weitere Anstrengung ergattern. Er müsste hierfür seine Fähigkeiten und Ausdauer also nicht einmal unter Beweis stellen. Hierbei konnte nachgewiesen werden, dass Menschen die Ansprüche anmelden, auch wenn ihr Können geringer ausfällt, sich gegen die durchsetzen, die aus Vorsicht freiwillig verzichten, auch wenn ihre Fähigkeiten und Ausdauer besser sind. Daher setzen sich Selbstüberschätzer gegenüber Personen mit stärkerem Können durch. Folglich fällt der Gewinn bei Selbstüberschätzung höher aus.

Vorhandensein entsprechender Fähigkeiten

Des Weiteren konnte gezeigt werden, dass Selbstüberschätzer mehr Zutrauen in die Aufgaben haben, die sie auch erfolgreich meistern können. Da sie nicht aus falscher Angst verzichten, wird ein möglicher Gewinnverlust vermieden.

Hohes vs. niedriges Aufgabenniveau

Die Angemessenheit von Selbstüberschätzung hängt mit dem Aufgabenniveau zusammen. Bei leichten und alltäglichen Aufgaben besteht eine Tendenz zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten (Moore & Small, 2004). Daher sollte man mit etwas mehr Vorsicht an gewisse Tätigkeiten herangehen. Ein Autofahrer der seine Fähigkeiten überschätzt, kann schnell sich und andere gefährden.

Bei schwierigen Aufgaben neigen Menschen hingegen dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu unterschätzen (Moore & Small, 2004). Bei diesen kann also mehr Selbstbewusstsein und Mut vorteilhaft sein. So kann man die Erfahrung machen, mehr zu können und zu erreichen als man vorher geglaubt hätte.

Im weiteren Verlauf sollte immer abgewogen werden, ob der persönliche Gewinn dauerhaft höher ausfällt als der Verlust. Ist dies der Fall, kann ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung sinnvoll sein (Johnson & Fowler, 2011).

Quellenangaben

  • Birnbaum, C. (2009). Opfer der Selbstüberschätzung. Deutschlandfunk. Online verfügbar (06.10.2011).
  • Gervais, S. & Odean, T. (2001). Learning to be overconfident: Review of financial studies. Oxford University Press for Society for Financial Studies, 14(1), 1-27.
  • Glaser, M., Langer, T. & Weber, M. (2005). Overconfidence of professionals and lay men: Individual differences within and between tasks? Working Paper. Universität Mannheim.
  • Johnson, D.D.P. & Fowler, J.H. (2011). The evolution of overconfidence. Nature, 477, 317-320.
  • Moore, D.A. & Small, D.A. (2004, April). Error and bias in comparative social judgment: On being both better and worse than we think we are. Behavioral Decision Research in Management Conference, North Carolina, Raleigh.
  • Myers, G.D. (2008). Psychologie (2., durchges. Aufl.). Heidelberg: Springer MedizinVerlag.
  • Rettig, D. & Borghardt, L. (2010). Warum Chefs immer wieder an ihrem Ego scheitern. Wirtschaftswoche. Online verfügbar (06.10.2011).
  • Ross, M. & Sicoly, F. (1979). Egocentric biases in availability and attribution. Journal of Personality and Social Psychology, 37, 322-336.