Der ungewohnte Weg

Die erstaunliche Leichtigkeit, die manche Genies an den Tag legen, ist zum Teil auch darin begründet, dass sie ganze andere Wege und Herangehensweisen wählen, als üblich ist. Von dem genialen Mathematiker Carl Friedrich Gauß ist bekannt, dass er schon im Alter von 9 Jahren einen, seinen damaligen Lehrer verblüffenden Lösungsweg fand, der es ihm erlaubte, eine Aufgabe, für die die Schüler lange brauchen sollten, in kürzester Zeit zu erledigen.

Ungewohnte Wege, Ansätze und Perspektiven zu wählen, macht mit Sicherheit Genies aus, damit verbunden war, dass sie zudem an sich und ihre Fähigkeiten glauben mussten. Ob sie störrisch oder arrogant sind oder einfach nur einer besonderen Intuition folgen, können wir nicht beurteilen, aber der Durchbruch in neue Regionen gehört geradezu zum Wesen des Genies. Er muss nicht immer Neues schaffen, aber sehr oft gehört es dazu, wenigstens neue Interpretationen darzustellen.

Subjektiv muss Genies oft klar sein, dass ihr Ansatz stimmt. Was sie dazu bringt, die gewohnten Wege zu verlassen oder diese gar nicht erst einzuschlagen, wissen wir nicht, vielleicht ist es eine besondere Befähigung zum analogen Denken, das andere als gewohnte Wege intutitiv stimmig erscheinen lässt. So war Einstein ein Mensch, der wesentlich seiner Intuition vertraute und mathematisch nicht übermäßig begabt war. Er konnte jedoch verborgene Analogien finden und das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden und auch er ging unbeirrt seinen Weg, von dessen innerer Stimmigkeit überzeugt.

Doch es ist nicht der Vorsatz besonders extravagant vorzugehen, sondern im Gegenteil, die Fokussierung auf ein bestimmtes Problem, das mit dem Denken immer wieder umkreist oder, wenn man es anders sagen will, vor dem geistigen Auge immer wieder gedreht und gewendet wird. Im Laufe dieses Prozesses erkennt das Genie Analogien zu anderen Bereichen. Muster also, die sich aufeinander beziehen und im Gegensatz zum Klischee der drögen Wissenschaft sind nahezu alle großen Ideen der Physik aus Analogien geboren.[2]

Vielseitigkeit und Neugier

Auffallend viele Genies sind, was ihre Interessen angeht, relativ breit aufgestellt. Erfolgreiche Analogieschlüsse gelingen auch nur dann, wenn man in dem Bereich, den man kennen lernen will, auf etwas schließt, das man von früher kennt. Das macht auch einen großen Teil des Faszination des Denkens aus, Zusammenhänge zu erkennen. Vermutlich kennzeichnet es das Genie, sie dort zu erkennen, wo andere sie nicht sehen, um schon mal einen Blick in den Bereich “Genie und Wahn” zu werfen. Denn manchmal sieht das Genie Zusammenhänge auch dort, wo keine sind oder alternativ, wo es niemand anderer mehr nachvollziehen kann.

Die Leichtigkeit in der Aneignung von Neuem bringt es vermutlich mit sich, dass das Genie sich mit Vielem beschäftigt. Leonardo da Vinci, Leibniz und Goethe seien hier als Vertreter genannt, neben anderen gelten sie als Universalgelehrte oder -genies. Es kostet sie vermutlich keine große Mühe, sich Dinge anzueignen, die anderen schwer fallen, darüber hinaus ist anzunehmen, dass sie von einer großer Neugierde beseelt sind. Man kann sich kaum vorstellen, dass Genies achselzuckend und desinteressiert durch den Tag gehen, denn sich Fragen zu stellen, die sich vielleicht sonst niemand stellt und einfach ein brennendes Interesse zu haben, gehört mit Sicherheit in vielen Fällen zu dem, was das Genie charakterisiert. Und diese Eigenschaft führt uns vielleicht über eine Kluft, die uns zurück zum Alltäglichen bringt.

Ist das Genie stets männlich?

Melanie  Klein

Melanie Klein, Psychoanalytikerin und eine geniale Forscherin. © Mate Olga under cc

Im Wikipedia-Artikel über Genie ist nach einer Liste von Genies zu lesen: “Die Auswahl zeigt die Abhängigkeit des Geniebegriffs vom kulturellen Kontext: Deutschsprachige Personen sind hier überrepräsentiert.”[3] Überrepräsentierte Regionen in Ehren, aber was nicht thematisiert wird ist, dass die Aufzählung durchweg aus Männern besteht. Ist das Genie also stets männlich?

Auf die Frage gibt es zahlreiche Antworten. Biologische, geschichtliche, sozialpsychologische. Sie werden vermutlich alle ein Stück weit stimmen und aktuell geht der Trend in die Richtung, dass Frauen intelligenter sind als Männer, inzwischen auch Männer bei der Hochbegabung überholt haben, nur können wir uns noch immer keine weiblichen Genies vorstellen. Da geniale Frauen in der Vergangenheit noch viel unvorstellbarer waren, wurden viele ihrer künstlerischen Werke als die Arbeit von Männern angepriesen.

Wie und wodurch auch immer, eine Asymmetrie scheint nach wie vor zu bestehen und man erklärt es sich damit, dass die Streuung bei Männern einfach größer ist, was sowohl biologische als auch soziokulturelle Gründe hat, denn statistisch scheint es so zu sein, dass es mehr männliche Genies und Idioten gibt. Eine echte Erklärung ist das freilich nicht, nur eine Beschreibung.