Wann ist man ein Genie?

Es gibt im Grunde keine echten Kriterien, lediglich die Anerkennung anderer. Ähnlich wie beim Weisen oder Erleuchteten fehlen Marker, die uns sagen, wann und warum jemand so zu bezeichnen ist. Annäherungen über den Daumen gibt es sehr wohl und bei deren Nachvollzug haben wir es mit brancheninternen Schwierigkeiten zu tun. Beim Mathegenie liegt das Problem darin, dass schon universitäre Mathematik für die meisten Menschen ein Buch mit sieben Siegeln ist, man kann also selbst – anders als beim Spiel von Lionel Messi – kaum beurteilen, wie eine mathematische Leistung einzuschätzen ist. Aber immerhin liegen ja konkrete Probleme vor, wie mathematische Beweise, die noch niemand gefunden hat und wer sie findet, der kann so schlecht nicht sein.

Schwieriger ist es in der Kunst. Was ist nun eine einzigartige Darbietung, woran erkennt man ein Genie? In der Musik vielleicht noch an der Virtuosität, aber das ist nicht alles. Und wer kann schon genau unterscheiden, ob das, was sich gut anhört, überhaupt richtig gespielt wurde? Oder ist “richtig” gar kein Kriterium mehr für das Genie? So wie alle, können ja schließlich auch alle.

Für den Kunstkenner Peter Raue ist Barnett Newmans “Who’s afraid of Red, Yellow and Blue” das bedeutendste Werk des 20. Jahrhunderts, doch Kritiker sagen, es könne auch die Arbeit eines Malergesellen sein. Ist das immer ein Kriterium, zu sagen: “Kann ich auch”? Ist es allein die Kunstfertigkeit die zählt, etwas filigran, naturgetreu oder aufwendig zu gestalten? Es ist schwierig, es auf diesem Terrain zu sagen, aber es wäre so unfair wie falsch, zu behaupten, Kunst sei beliebig.

Vielleicht hat die Technik noch mehr als der Sport die besten Karten im Bezug auf die Nachvollziehbarkeit genialer Erfindungen. Niemand versteht, wie ein Kernspintomograph oder ein Smartphone funktioniert, aber viele haben die Möglichkeit, es zu benutzen. Um nicht von Autos, Brücken, Häusern, Dampfmaschinen, Klimaanlagen und Espressomaschinen zu reden und Sonstigem, was unser Leben erleichtert, in einem Ausmaß, das wir uns nur noch selten bewusst machen, weil es so normal geworden ist, weil der Kampf ums Überleben bei uns längst nicht mehr auf der Agenda steht.

Die Philosophie als Liebe zur Weisheit sollte den engsten Bezug zum Genie haben. Da sich hier aber in der Tat viele sehr gute Denker tummeln, gibt es auch viel Kritik und der eine hält denjenigen für genial, den der andere als überschätzt empfindet. Philosophie ist zu einem hohen Maße die Folgerichtigkeit von Argumenten und damit ein Aspekt der Logik von Aussagen und wie Schach oder Mathematik eine Form des folgerichtigen Schließens.

Genie und Wahnsinn

Johann Sebastian Bach

Johann Sebastian Bach. Sein musikalisches Genie beeindruckt bis heute. Elias Gottlob Haussmann under gemeinfrei

Gerade auf mathematisch-logischem Gebiet gibt es einen Zusammenhang zwischen Höchstleistungen und Schizophrenie. Zum Teil werden genetische Einflüsse angenommen, aber alles in allem ist auch hier ein komplexer und kaum aufzulösender Zusammenhang biopsychosozialer Natur zu vermuten.

Das Genie versteht, was wir nicht verstehen. Das könnte man zunächst als Auszeichnung empfinden, hat aber den Nachteil, einsam zu machen. Wer etwas mehr weiß als der Durchschnitt, ist sozial an der Sonne, weil er als intelligent gilt und Intelligenz ist sexy und hilfreich. Man ist im Basislager der Evolution beim Aufstieg auf den Berg. Man trifft dort viele Menschen und kann sich gut fühlen, weil man einer der Privilegierten ist, denn Intelligenz genießt nahezu überall einen hohen Stellenwert. Das wirkliche Genie aber ist ein Extremsportler, fast immer bei der Erstbesteigung. Dahin kommen andere zu seiner Zeit in der Regel nicht. Eine wunderbare Aussicht, aber da der Mensch immer auch ein Beziehungswesen ist, möchte er seine Eindrücke und Erkenntnisse, wenigstens in einigen Fällen, gerne mitteilen. Doch wenn man seine Umwelt überfordert und einen niemand versteht, ist das Gefühl nicht einfach Stolz, und auf der Seite der Zuhörer Bewunderung, sondern oft verstörend. Man würde sich gerne mitteilen, doch selbst die Gutwilligen können nur mit den Schultern zucken. Schön ist das gewiss nicht. Wird man dann noch angefeindet, weil man nicht oder falsch verstanden wird, oder weil, was es durchaus nicht selten gibt, die geniale Erkenntnis in einem Bereich des Lebens einen nicht vor grandiosen Irrtümern in anderen schützt, wird die Sonderleistung zunehmend zur Bürde. Echte Universalgenies sind eine Rarität und vermutlich etwas entspannter als jene mit Genieleistungen in Teilbereichen.

Das Genie sieht Muster und analoge Beziehungen, wo wir keine sehen. Vermutlich hat das auf der biologischen Seite auch etwas mit Dopamin zu tun, was in Gedanken zur Sucht näher ausgeführt wurde. Aber ist man ein Genie, weil man wahnsinnig ist oder wird man wahnsinnig, weil einen niemand versteht? Schwer zu sagen. Das Genie entzieht sich zuerst der Massen, dann auch den Experten.

Man sollte allerdings keine falschen Umkehrschlüsse ziehen, denn längst nicht jeder, der nicht verstanden wird, ist genial. Er könnte sich auch einfach schlecht ausdrücken oder störrisch sein und seine Fehler nicht einsehen. Wer meint, er verstünde alles besser, sollte in aller Regel kein Problem damit haben, die Sichtweise der anderen Seite, kurz, knapp und präzise darzustellen und daran scheitern viele, wenn nicht so gut wie alle, die meinen, ihre Erkenntnisse seien einzigartig. Es ist wohl richtig und erfreulich, dass viele sich, vor allem in jungen Jahren, die wirklich großen Fragen des Lebens immer wieder neu vorlegen. Fragen nach dem Sinn, dem Tod, der Religion, der Ethik, der Liebe und der Existenz. Sich das zu fragen, ist wunderbar. Nur wurde über all diese Fragen schon intensiv und auch von Genies nachgedacht und wenn man wirklich am Ball bleibt, staunt man wie tief und gründlich diese Themen behandelt und durchdrungen wurden und in Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Psychologie, Religion und Spiritualität.