Die entwicklungspsychologische Kränkung

Stilisierte Darstellung der Evolution vom Affen über den Menschen zum Roboter

Führt der Weg der Evolution vom Menschen zum Roboter? © Taymaz Valley under cc

Die Entwicklungspsychologie ist eine vielseitige Sparte, die bei aller Vielfalt ein recht durchgängige Botschaft hat: Entwicklung ist ein voranschreitender Prozess, der zumindest anfangs hin zu immer mehr Komplexität geht. Entwicklung ist auf eine Weise wie ein riesiger Fahrstuhl, der immer höher fährt und für eine längere Zeit anhält und die Türen öffnet, so dass alle Insassen einen Eindruck von der jeweiligen Ebene gewinnen können.

Wenn es sie hinzieht zu dieser Ebene, wenn diese Welt und ihre bevorzugten Spiele und Aktivitäten ihnen liegt, sind sie gewillt auszusteigen und diese Ebene zu betreten, hier mitzuspielen, mitzuleben, mit allem, was dazu gehört. Hat man sich auf dieser Ebene ausgetobt, steigt man irgendwann wieder in der Fahrstuhl ein und fährt ein Stockwerk höher, um die dortige Welt zu besichtigen und die hier üblichen Lebensweisen mitzumachen. Es läuft etwas unbewusster als in diesem Bild beschrieben.

Doch eine weitere Erkenntnis ist, dass es nie so einfach, so eindimensional, so höher = komplexer = besser ist, wie man es denken könnte, wenn man sich anfangs mit dem Thema befasst. Denn der Mensch ist ein vielschichtiges, ambivalentes Wesen und genau diese Ambivalenz, diese Brüche und Widersprüche machen ihn interessant und sexy. Die zu gerade und glatte Biographie ist irgendwann einfach langweilig.

Das Leben des Dichters Gottfried Benn, den wir oben kennen lernten und der die Stellung des Menschen literarisch in oft provokativ verletzenden Bildern verarbeitete, ist ein Beispiel für diese Mischung. Zu wortmächtigen Formulierungen in der Lage, die oft ihresgleichen suchen, war er im Umgang mit seinem nächsten Umfeld oft schmerzhaft kalt und vernachlässigend, allerdings als Arzt hilfsbereit und auch für die von der Gesellschaft Ausgestoßenen engagiert. Benn war zudem naturwissenschaftlich und philosophisch ungeheuer gebildet und nahm obendrein an politischen Diskussionen teil. Ein starker Bruch zwischen den hohen und niederen Aspekten, gibt es bei ihm in vielerlei Hinsicht. “Genie und Barbar”, dieser Titel einer Benn Biographie, fängt es treffend ein. Benn lebte nicht nur diese Ambivalenz, er sah sieh auch. Er konnte einen kenntnisreichen Prosatext über Goethe und die Naturwissenschaften schreiben, legendär dichten und dann in einem Brief, an eine seiner vielen Liebschaften, nach einem Zoobesuch, bei dem er vor allem die Affen betrachtete, einen ganz anderen Wesenskern des Menschen erblicken und zu sinnieren:

“Die Tiere machen einen ja nachdenklich. Wir gehen doch noch außerdem zum Friseur u. begaunern die Kundschaft, sonst alles ebenso. Sich lausen u. wichsen, – Kinder, Kinder! Das nennt sich Schöpfung!”[5]

Sind wir nur etwas andere Tiere, auf Überleben und Fortpflanzen geeicht? Offenbar auch, aber nicht nur. Und in einzelnen Menschen oder einzelnen Gruppen von Menschen, zu unterschiedlichen Zeiten, unterschiedlich stark gemischt.

Aber sind wir nun gekränkt, weil die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums steht? Ich glaube, man muss schon mit der Lupe suchen, um Menschen zu finden, die heute noch so empfinden. Mit diesem Wissen aufzuwachsen ist so selbstverständlich, wie mit einem Kühlschrank aufzuwachsen. Die Abstammung des Menschen aus der Kette der biologischen Evolution bereitet einigen religiösen Menschen offenbar wirklich heute noch Kopfzerbrechen. Aber eben einigen, längst nicht allen. Freuds Kränkung nicht mal Herr im eigenen Haus zu sein bedarf der Interpretation. So richtig die Feststellung ist, so wenig würde es dann Sinn machen eine Psychoanalyse auf der Taufe zu heben. Denn diese setzt auf die Erweiterung der Kompetenzen und Freiheit des Ich, durch Einsicht und ungeschönte Erkenntnis.

Aber diese Erkenntnis lautet nicht, dass der Mensch nur ein willenloses Triebtier ist, sondern allenfalls, dass er auch ein biologischen Dispositionen ausgesetztes Wesen ist. Kann man sich dadurch gekränkt fühlen? In der eigenen Therapie gewiss, doch wenn man das mal konfrontiert hat, ist es eine Erkenntnis von großer Schönheit, dass dies etwas ist, was uns alle verbindet, inklusive der Versuche dies immer wieder, mehr oder weniger geschickt, zu leugnen.

Liegt denn wenigstens in der Neurobiologie eine kollektive Kränkung verborgen? Für ein bestimmtes Kollektiv vielleicht, doch wie wir sahen, nehmen Mitglieder anderer Kollektive dies sogar zum Anlass um sich anhand dieser Erkenntnis selbst zu erhöhen. Kollektive Kränkungen finden wir also auch hier eher nicht. Dasselbe mit der Abhängigkeit des Menschen von der Natur und dem Aufschwung der KI zu ungeahnten Höhen. Es gibt, wie wir sahen, Menschen, die eine eigenartige Befriedigung dabei empfinden, den Menschen endlich oder wenigstens so bald wie möglich degradiert zu sehen.

Was unterscheidet uns?

Gibt es dennoch etwas, was uns trennt, anders macht? Vom Tier und von der künstlichen Intelligenz grundsätzlich unterscheidet? Nachdem über Jahre ein Kriterium nach dem anderen, revidiert wurde, hat sich doch eines gehalten: Die Sprache. Und zwar ein besonderer Aspekt der Sprache. Kommunizieren tun Tiere auch. Die Affekte, die Fähigkeit sie auszudrücken und zu lesen sind sogar ein Kommunikationssystem, was vermutlich die Brutpflege der Säugetiere intensivierte und optimierte. Tiere kommunizieren also differenziert und erfolgreich und auch einige Roboter lässt man schon kommunizieren, weil sie so besser lernen, als wenn sie programmiert werden.Und im Gegensatz zu dem was wir oft denken, waren die Menschen früherer Zeiten nicht nur fitter, also kräftiger und ausdauernder, sondern sie hatten sogar ein größeres Gehirn als heute, was ein Indiz für eine höhere Intelligenz ist. Und doch war es nicht die Intelligenz, die alles veränderte, sondern vermutlich die Sprache.[6] Was aber macht unsere Sprache einzigartig?

Wir sind Wesen, die einander Gründe geben. Aber, ist das so entscheidend? Vermutlich ja. Um einander unsere Handlungen und Absichten begründen zu können, müssen wir wissen, was wir zu tun gedenken und es dann auch tun. Ansonsten werden wir irgendwann unglaubwürdig. Gründe zu geben bindet uns in ein unglaublich kompliziertes Geflecht von Behauptungen und dem argumentativen und tatkräftigen Beleg dieser Behauptungen ein. Und mehr noch. Wir wissen, dass wir zur Begründung verpflichtet sind und dass man Konsequenzen aus unseren Behauptungen erwartet.

Wenn wir sagen: “Das ist rot”, wissen wir, dass wir damit eine Aussage über Farben getroffen haben. Rot richtig erkennen und sagen: “Das ist rot”, kann aber auch ein Papagei oder ein Roboter mit Farbsensor und Sprachmodul. Wo also ist der Unterschied? Der Roboter tut das Richtige, weiß aber nicht, was er tut. Er gewinnt sogar im Schach und Go gegen den Menschen, aber die Frage, ob ihn dieser Sieg überrascht hat oder ob er damit gerechnet hat, kann er nicht beantworten. Sie bedeutet ihm nichts. Ein Vogel kann reihenweise richtige Sätze sagen, weiß aber auch nicht, was sie bedeuten. Man kann einen Vogel darauf trainieren zu sagen: “Die Schere zwischen Arm und Reich geht in unserem Land immer weiter auseinander”, aber der Vogel weiß nicht, was er da gesagt hat. Der Satz bedeutet für ihn, ein paar leckere Nüsse zu bekommen, aber inhaltlich nichts. Uns schon.

Das heißt, wir stellen Behauptungen auf und sind darauf festgelegt, diese auch einzulösen. Entweder durch Begründungen oder Erläuterungen, wenn unsere Behauptungen abseits des Mainstream sind, oder durch Taten. Begründen wir unsere Meinungen nicht, schlecht oder unzureichend oder tun wir nicht, schlecht oder unzureichend was wir sagen, sinkt unser sozialer Kontostand und wir gelten zunehmend als unglaubwürdig und unzuverlässig. Nicht bei einem einmaligen Verstoß, es sein denn, dieser ist sehr gravierend, aber wenn wir systematisch unseren Ruf zerschießen, ist das in den meisten Fällen nicht gut, es sei denn, wir wollen Karriere als Provokateur machen, dann gehört das eventuell zum guten Ton und abseits des Mainstream zu stehen ist Teil der eigenen Identität.