Die eigenartige Lust an der Degradierung

Fast interessanter als die Tatsache des Sieges der KI über den Menschen, ist die Reaktion darauf. Gehört das Ereignis nun auch zu den kollektiven Kränkungen? So hört man es öfter. Von Menschen, denen es einen merkwürdige Freude zu bereiten scheint die Stellung des Menschen an sich klein zu reden, den Menschen zu degradieren. Freilich hört sich das aus ihrer Sicht ganz anders an. Aus der ist es so, dass der Mensch die kollektive Kränkung noch immer nicht verarbeiten kann, nicht der Nabel der Welt zu sein. Wir könnten irgendwelche religiösen oder althergebrachten Überlegenheitsgefühle nicht ablegen, so hört und liest man es. Eine komische Haltung, der man in vielen Spielarten begegnet. Bei Menschen, die es feiern, dass die KI endlich so intelligent und mächtig ist, wie der Mensch. Nicht anders war es zur Blütezeit der Willensfreiheitsdiskussion zwischen Philosophen und Neurodeterministen, die den Journalisten und Herausgeber eines Buches zum Thema Christian Geyer zu folgenden Zeilen animierte:

“Versuchshalber könnte man den Spieß natürlich auch umdrehen und der Frage nachgehen: Was macht die Idee unser Wille sei unfrei eigentlich so sexy? Welche psychischen Disposition ist nötig, um die Psyche zu verabschieden, um die Evidenz seiner Erlebens-Perspektive (“Ich kann auch anders”) zu den Akten nehmen und stattdessen die Perspektive des Labors übernehmen zu wollen (“Freiheit ist eine Illusion”)? Vermutlich ist es die Abstraktion selbst, die exakte Entlastung vom Konkreten, die attraktiv wirkt. Wie viele Enttäuschungen mit der Konkretion des eigenen Ichs müssen vorangegangen sein, bevor man geneigt ist, dieses Ich in den Abstraktionen der Hirnforschung zu Verschwinden zu bringen?”[4]

Geyers Antwort ist: Entlastung. Ich kann ja nichts dazu, meine Hirnzellen waren es. Da ist was dran und doch erklärt es nicht die heimliche Lust dieser Pose, die in der Botschaft liegt: Ich weiß, wie unbedeutend wir sind und ich kann das ertragen. Der stille Nachsatz ist: Und wenn du nicht meiner Meinung bist, zeigt das nur, dass Du es offenbar nicht ertragen kannst. Die gute alte zirkuläre Begründung, die letztlich falsch ist. Oft sind es wissenschaftsgläubige Menschen, die mit einer gewissen Vehemenz diesen Standpunkt vertreten. Doch auch in spirituellen Kreisen trifft man auf den eigenartigen Stolz Niemand zu sein.

Ein Wettkampf in Unbedeutenheit, Niemandsein, vorgeblicher Demut und Herabsetzung. Nicht dadurch, dass man noch ein wenig unbedeutender, ein noch kleinerer Teil des Ganzen ist, sondern dadurch, dass man das versteht und erträgt, überragt man die anderen, die Dummen, die die meinen, die seien mehr, als sie sind. Und genau darum ist man ja doch wieder ein bisschen besser. Kann sich absetzen und dozieren. Und das wird dann auch reichlich getan, ohne diesen performativen Widerspruch reflektiert zu haben.

Die subjektivistische Kränkung

Eine merkwürdige Geschichte. Man will am Ende doch wieder mehr sein, anders sein, sich abheben. Wer ist hier eigentlich gekränkt? Diejenigen, die ihren Sturz vom Sockel befürchten oder diejenigen, die nicht sehen und anerkennen können und wollen, dass sie selbst liebend gerne auf einem Sockel stehen? Und auf dem steht: Ich weiß und kann es besser. Da dieser Anspruch möglicherweise zu ehrlich ist, wird er in sein Gegenteil verkehrt: „Ich weiß besser, wie unbedeutend wir sind und ich kann besser ertragen, dass es so ist.“ Ein hoher bis maßloser Selbstanspruch, verpackt in eine scheinbar bescheidene bis demütige Botschaft.

Wer ist eigentlich gekränkt und sind es wirklich kollektive Kränkungen, die da wirken? Hier handelt es sich offenbar um Menschen, die mit den offen formulierten Ansprüchen des Ich so ihre Schwierigkeiten haben, die aber gleichzeitig von diesen Ansprüchen nicht lassen können und zu einer sozial etablierten Form greifen. Die hinter einer Fassade der Demut verborgene Besserwisserei. Geyers Frage, wie viele Enttäuschungen mit der Konkretion es Ich es hier gegeben haben mag, ist nicht unberechtigt.

Ich weiß nicht, ob jeder der nach wie vor eine Sonderstellung des Menschen sieht jemand ist, der kollektive Kränkungen nicht anzuerkennen vermag, und das, was die scheinbar Klugen so alles wissen einfach nicht ertragen kann. Aus genannten Gründen halte ich das eher für eine etwas unterkomplexe und schlecht reflektierte Antwort, die die Reaktionsbildung verkennt, die darin oft liegt.

Was setzte man nicht alles in Gang um das Subjekt loszuwerden: Es gibt kein Ich (unterm fMRT sieht man keines); wenn doch, dann ist es ohnehin ferngesteuert, wahlweise vom Hirn, vom Kapitalismus und außerdem besitzen inzwischen genügend Tiere auch ein Ich. Und trotz allem (oder vielleicht auch: deshalb) bricht überall diese fiese kleine Version des Ich wieder durch, in der sich scheinbar grundlos jemand in seiner Grandiosität sonnt und sich für so wichtig hält, dass er der ganzen Welt sein Leben per Bild oder Video möglichst in Echtzeit zur Verfügung stellen möchte: Hier bin, das esse ich gerade, ich steige soeben aus der Bahn. Wow.

Wir erinnern uns, das grandiose Selbst ist besonders tief gekränkt, wenn es irgendwann doch mal einen anderen Menschen wahrnimmt und erkennt, dass der gar nicht so begeistert ist, wie man es von sich selbst ist. Dieser starke Drang wahrgenommen und anerkannt zu werden, ist schon irgendwo peinlich, doch er wird nicht besser, wenn man ihn in der klammheimlich verdrucksten Version lebt, die wir eben vorstellten. Es ist irgendwo enttäuschend, ja kränkend, sich selbst dabei zu beobachten, wie man hochspringt und den Finger reckt und sich in einer der vielen Varianten rufen hört: “Hier ich. Nimm mich bitte wahr. Sag mir bitte, dass ich toll bin.” Ein gutes Mittel sich selbst in dieser Pose nie zu sehen, ist auf Reflexion großzügig zu verzichten. Aber gerade dann bleibt man einer von vielen, genau die Variation Mensch, die man am allerwenigsten sein möchte.

Gibt es eine Erlösung aus diesem Dilemma?