Eine konservative Kränkung?

Soziale Kontakte und Hausmusik, sich um die Enkel zu kümmern, das sei die beste Prophylaxe gegen Demenzerkrankungen, sagt der Hirnforscher und Psychiater Manfred Spitzer. Sein Kollege Gerhard Roth erzählt in einem aktuellen Interview, dass beim Lernen die Qualität des Lehrer das A und O sei. Ob er begeistert ist und den Spaß, den das Lernen machen kann, authentisch vermittelt. Darauf kommt es an, der Rest sind Fleiß und Wiederholungen. Wie aktiv entdeckend oder frontal der Unterricht stattfindet, ist Roth zufolge nachrangig. Das Kind sollte man nicht zu früh fordern. Auf einmal entdecken wir hier ganz klassische Ansichten und Modelle, im Namen der Wissenschaft.

Fast könnte man den Eindruck habe, dass unser wissenschaftsgläubiges Weltbild, selbst eine Kränkung erlitten hat, eine konservative Kränkung, eine Bewegung, die in mancherlei Hinsicht zurück zu den Wurzeln will. Doch auch das ist nicht das ganze Bild. Während es vor allem die Wissenschaften sind, die sich mit dem Menschen beschäftigen, in denen eine gewisse konservative Wende zu beobachten ist, gibt es andere Bereiche in Wissenschaft und Technik, die nach wie vor zu neuen Dimensionen vorstoßen.

Kränkungen durch Computer und künstliche Intelligenz

Ein Go Brett mit Steinen

Früher als erwartet besiegte künstliche Intelligenz den Menschen beim Go. © Luis de Bethencourt under cc

Gerade in dieser Zeit sind wir Zeuge einer Zuspitzung dieser Entwicklung geworden. Was ist passiert? Schon vor 20 Jahren hat das Computersystem Deep Blue den damals amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow geschlagen. Zuerst in einer Einzelpartie, dann unter Turnierbedingungen. Damals eine Sensation, doch Schach ist vergleichsweise simpel, was die Möglichkeiten der Züge und ihrer Kombinationen angeht. Hier reicht einfach die rohe Rechenkraft aus, um überlegen zu sein. Beeindruckend, aber wiederum auch nicht zu beeindruckend.

Doch nun wurde erstmals einer der weltbesten Go-Spieler, Lee Sedol, vom Brett gefegt, erneut von einem Computersystem. Und beim Go ist etwas anders. Hier reicht nicht die reine Rechenleistung, da die möglichen Züge des Spiels unübersehbar groß werden, so dass auch der stärkste Computer in die Knie geht. Aber statt dessen kann AlphaGo etwas, was bisher in dieser Komplexität dem Menschen vorbehalten schien: Lernen, kreativ sein, so etwas sie eine Intuition entwickeln.

Das Ende der geistigen Überlegenheit des Menschen?

Erst mal durchatmen. Dass Maschinen hilfreiche Werkzeuge für uns sind, ist nicht neu, dafür benutzen wir sie ja. Jeder primitive Taschenrechner ist zigfach schneller als wir. Jeder Kran stellt und ins puncto Kraft in den Schatten. Niemanden hat das bislang gestört. Für Recherchen benutzen wir Online-Enzyklopädien, weil dort mehr Wissen zu finden ist, als ein einzelner Mensch. Wir entscheiden, wann wir welches dieser Hilfsmittel benutzen, wobei wir beim Smartphone oft kaum noch anders können, viel zu sehr ist es Teil des Lebens geworden. Aber mindestens theoretisch könnten wir das Smartphone weglegen und ausmachen, das Ding braucht uns, macht von sich auch nichts.

Natürlich ist auch AlphaGo von Menschen mit Daten gefüttert worden, aber dann kam der Punkt an dem das System begann, gegen sich selbst zu spielen. 13 Millionen Partien. Und dann war es zu Zügen fähig, die vollkommen neu für den Menschen waren. Offenbar nicht nur durch Rechenpower, sondern mit Kreativität, Intelligenz und Selbstlernen. Und so warnen Forscher und Computerpioniere vor dem Tag, an dem die künstliche Intelligenz (KI) klüger als der Mensch ist.

Was aber heißt besser, klüger, intelligenter? Wir sind es ja längst gewohnt mit Wesen zusammen zu leben, die oftmals besser sind als wir. Tiere sind schneller, stärker, mit besseren Sinnen ausgestattet als wir Menschen. Dafür stellen wir sie kognitiv in den Schatten, so denken wir. Doch man kann Affen das Zählen beibringen und wenn sie das gelernt haben und mit dem Finger auf die auf einem Bildschirm zufällig verstreute Zahlen in der richtigen Reihenfolge tippen sollen, können sie das ungleich schneller als ein Mensch. Das sind kognitive Leistungen. Wir gelten außerdem als besonders anpassungsfähig, doch vermutlich stellen uns Ratten und Bakterien hier bei weitem in den Schatten. Ist unsere Überlegenheit von je her nur eingebildet gewesen? Der Mensch ist Generalist, er kann vieles ziemlich gut und möglicherweise gibt es eine hervorstechende Eigenschaft, die ihn bislang von allen anderen Wesen unterscheidet. Doch dazu später.