Den Egoismus überwinden

Doch es geht auch anders. Ken Wilber beschreibt diesen Schritt in seinem Buch “Eros Kosmos Logos: Eine Jahrtausend-Vision”, als den Schritt zur Identifikation mit der Gruppe, der Familie, dem System. Auch das ein innerer, immens bedeutsamer Schritt. Nun bin ich nicht mehr für andere da, damit ich meine Extrawurst bekomme, sondern ich bin nun mit mehr identifiziert als meinen rein egozentrischen Bedürfnissen und freue mich, wenn es anderen gut geht, wenn die anderen gesund und glücklich sind. Ich gerate in Sorge, wenn das nicht der Fall ist. Wem das gelingt, der hat die Fesseln seines Egoismus gesprengt. Man hat immer noch eigene Bedürfnisse, aber der Fokus ist hier nicht mehr allein auf mich gerichtet, sondern auf meine Gruppe, der Schritt von der Egozentrik zur Soziozentrik. Ich verstehe, dass ich nicht der Nabel der Welt bin und versuche meine Rolle in der Welt zu spielen, um meinen Teil zum Ganzen beizutragen. Das ist keine Kapitulation, sondern in Wahrheit eine Befreiung, denn nun muss ich nicht mehr ständig aus der Rolle fallen, fühle mich nicht durch jede Regel und Norm persönlich gekränkt und eingeschränkt.

Identifikation mit dem Wir

Zwei Männer überqueren Gebirgsbach, Rucksack, Handreichung

Auch versierte Einzelkämpfer brauchen zuweilen eine helfende Hand. © Tomas Sobek under cc

Im Grunde ist alles was nun noch folgt – und das können viele weitere bedeutende Schritte sein – eine Erweiterung des “Wir”. Denn das “Wir” bezieht sich nicht nur auf die Familie, die Peergroup, die anderen Katholiken oder Fans meines Fußballvereins, sondern man kann der Frage ja weiter, grundsätzlicher nachgehen. Das “Wir”-Gefühl scheint das zu sein, was den Menschen vom Affen unterscheidet, eine Ansicht, die auch der Psychologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello vertritt. Diese “Wir-Intentionalität” ist “die Fähigkeit, ‘mit anderen zusammen an kooperativen Aktivitäten mit geteilten Zielen und gemeinsamen Absichten’ teilzunehmen”.[4]

Der Philosoph Robert Brandom würde das ähnlich sehen und ergänzen:

Wenn wir uns selbst als vernünftig auszeichnen – als diejenigen, die im Raum der Gründe leben und sich bewegen und daher für uns Dinge verstehbar sein können –, dann ziehen wir zur Abgrenzung eine Fähigkeit heran, über die durchaus auch Wesen ganz anderer Herkunft und Verhaltensweise verfügen könnten.[5]

Ob philosophisch oder aus Sicht mancher Verhaltensforscher und Psychologen, so richtig im Leben angekommen sind wir erst, wenn wir ein “Wir”-Gefühl entwickelt und damit unseren Egoismus überwunden haben. Das soziozentrische Wir erweitert sich schließlich zum, wie Ken Wilber es nennt, weltzentrischen Wir, das jedem Menschen die gleichen Rechte zuspricht und wird möglicherweise um ein spirituelles Wir erweitert, das in buchstäblich jedem anderen das erleuchtete Ganze, Christus-Bewusstsein oder die Buddha-Natur erkennt.

Wichtige Unterschiede

Es ist wieder Wilber, der auf einen bedeutsamen Unterschied hinweist: Es gibt die verbreitete, doch letzten Ende kurzsichtige Sichtweise, dass Kinder keine Vorurteile haben. Diese erwerben sie tatsächlich erst, was manche zu dem Vorurteil gebracht hat, die an sich fairen Kinder würden durch Erziehung nur “verbildet”. Das ist insofern falsch, weil hier nicht zwischen der Unfähigkeit Klassen zu bilden und der Fähigkeit Vorurteile zu überwinden unterschieden wird. Kinder können noch gar keine komplexen Rollen und Klassen bilden, insofern “verstehen” sie Vorurteile noch nicht und obendrein interessieren sie sich auch nicht sonderlich für andere. Aber das sollten wir nicht verherrlichen und vor allem nicht mit der anzustreben Eigenschaft verwechseln Vorurteile wirklich hinter sich zu lassen.

Gesunder Egoismus und gesunde Aggression

Gibt es weiter Egoismus, auch wenn man Schritt über die Egozentrik hinaus gegangen ist? Ja, denn gesunder Egoismus oder Narzissmus ist einfach die Fähigkeit sich das Leben angenehm zu gestalten und ein Stück vom Kuchen zu nehmen. Dieser Egoismus setzt aber andere nicht herab und nutzt sie nicht aus. Und natürlich kann der besser und effektiver helfen, dem es selbst gut geht. Wer aus dem letzten Loch pfeift, ist als Helfer oft nicht geeignet.

Der Mensch ist kein bloßer Replikator

Egoistische Systeme, so hatten wir gesehen, sind an der Replikation oder Weitergabe ihrer Informationen interessiert. Der Mensch mag zum Teil aus solchen Systemen bestehen, auch seine Gene sind egoistisch, wenn Gene denn egoistisch sind. Auch er agiert in Systemen, die sich selbst erhalten wollen und einen gewissen Grad an Anpassung verlangen.

Aber der Mensch besitzt Kreativität und Willensfreiheit, die ihm einerseits die Fähigkeit geben sich in bestehenden Systemen zurechtzufinden, ihm darüber hinaus aber die Fähigkeit verleihen die Systeme für sich dienstbar zu machen. Er ist ein reflexives Wesen und kann gewissermaßen aus sich heraustreten, die eigenen Motive hinterfragen, ist nicht nur Teilnehmer, sondern auch Beobachter. Er kann sich irgendwann fragen, warum er eigentlich tut, was er tut und ob er das wirklich will, authentischer und autonomer werden.

Er kann daher in einem System, einer Gemeinschaft mitspielen, muss sich aber nicht total anpassen. Man kann in verschiedenen Systemen agieren, ohne sich mit Haut und Haaren zu verkaufen, man kann Stopp sagen, aussteigen, aus den Konventionen und Normen.

Reflexionen

Mir ist unklar, warum es in den letzten Jahren eine Tendenz gibt, den Menschen und seine Möglichkeiten ein freies und selbstbestimmtes Leben zu führen abzuwerten. Fast möchte man von einer gewissen Lust sprechen, den Menschen überall als ausgeliefert und unfrei anzusehen. Kurioserweise scheinen manche ein gewisses (nicht selten aggressiv-überhebliches) Selbstbewusstsein aus der vermeintlichen Tatsache zu ziehen, dass sie zu wissen glauben, dass sie unfrei sind. Noch skurriler wird es, wenn das Selbstbewusstsein auf dem Boden der Behauptung wächst, es gäbe eigentlich gar kein Ich und man selbst hätte das besser begriffen und mutiger akzeptiert, als alle anderen. Der Selbstwiderspruch dieser Aussagen schreit einen geradezu an.

Moralische Entlastung könnte ein Motiv sein, das auch Christian Geyer vermutet. Vom Konkreten, von der Verantwortung.[6] Wenn keiner frei ist, kann jeder machen, was er will, ich auch, ich kann dann eben nichts dazu. Aber die Rechnung geht nicht auf. Und sie geht nie auf, das ist das Problem. Egal ob philosophisch, psychologisch, selbst die Zunft der Neuro- und Soziobiologen sieht die steilen Thesen der Vergangenheit inzwischen deutlich kritischer.

Letztlich bleiben Freiheit und Verantwortung die beiden Seiten der gleichen Münze. Wer das eine wegwirft, verliert auch das andere. Die vermeintliche Entlastung führt nach meiner Beobachtung nur zu einem Orientierungsverlust – kurzfristig scheint alles möglich, aber nichts gewiss zu sein – und das Individuum pendelt irgendwo zwischen zielloser Langeweile und sind offen für die Angebote des Extremismus, der die Welt dann wieder klar und einfach erklärt. Wir wollen Erklärungen und Deutungen und sie scheinen in der Tat ein ungeheuer wichtiger Teil unseres Lebens zu sein, aber muss es immer die aller simpelste Variante sein?

Ist der Mensch ein Egoist? Mitunter, aber er kann auch anders. Wir haben die Wahl. Wir sollten sie nutzen, denn es ist ein Privileg.

Quellen:

  • [1] Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1989,1994 by Richard Dawkins, dt. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, Mai 1996, S. 22f
  • [2] Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2006, dt. Ullstein-TB, 2008, S. 299
  • [3] Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2006, dt. Ullstein-TB, 2008, S. 304f
  • [4] http://www.zeit.de/2009/16/PD-Tomasello/komplettansicht
  • [5] Robert Brandom, Expressive Vernunft, 1994, dt. 2000 Suhrkamp, S.37
  • [6] Christian Geyer, Hirnforschung und Willensfreiheit, Suhrkamp 2004, S.14f