Auf Formen der Aggression, emotionale Gewalt und seelischen Missbrauch in der Partnerschaft, sind wir in einzelnen Artikeln über die Hypochondrie, die emotionale Erpressung und den sekundären Krankheitsgewinn bereits eingegangen, so dass ich den Fokus hier auf die Sexualität der Narzissten richte, ein buntes Thema, das natürlich auf die Partnerschaft insgesamt rückwirkt, da Sexualität ein Element jeder Paarbeziehung darstellt:

Sexualität und Narzissmus

Sexualität ist für Narzissten oft merkwürdig unbefriedigend, selbst dann, wenn wie sehr viel Sex haben und einen Orgasmus erreichen. Unbefriedigend deshalb, weil Sexualität im besten Fall eine Art Dialog ist, bei dem man zu zweit neue Regionen erkundet und der vor allem dadurch noch intimer wird, dass man seine eigene Sexualität findet. Narzissten sehen auch im Bett eher sich als den anderen was diesen Dialog verhindert und die Zweisamkeit manchmal auf sportliche Aspekte einkürzt: Wie groß, wie oft, wie laut, wie ekstatisch, wie variantenreich, am Ende die Frage: “Na, wie war ich?” Auch hier, die ganz große, perfekte Show, die manchmal das Liebesfest zum Stellungskrieg werden lässt.

Der amerikanische Kultautor David Foster Wallace bemerkte dazu, dass nicht nur der Macho im Bett ein narzisstisches Problem haben könnte, sondern auch der “Frauenversteher”, der sein Ego scheinbar ganz zurückstellt und voller Aufmerksamkeit sie glücklich machen kann, so gut, so anders, so einfühlsam wie eben niemand sonst.[2]

Promiskuität

Sexualität kann die Ebene sein, die Narzissten zur Anerkennung nutzen, wenn sie dort erfolgreich sind, das heißt sexuell attraktiv und nicht gehemmt. Die Zahl oder das soziale Ansehen der Liebhaber oder der Eroberungen hat dann eine narzisstische Komponente, ich bin toll, weil ich jede(n) haben kann. Die Geliebte kann jeder Ehefrau ihren Mann wegnehmen oder ihn ganz anders beglücken, als die langweilige Ehefrau oder “Mann” ist der wilde Stier, der sie alle haben kann und irgendwann aufgehört hat zu zählen, wie viele es waren. Ein Gefühl der Macht über andere, das Narzissten oft wichtig ist.

Die Promiskuität, häufig wechselnde Sexualpartner ist daher eine Variante narzisstischer Sexualität und so schräg und chaotisch die Beziehungen mitunter sind, es ist immerhin ein Austausch und eine Öffnung zum anderen da. Denn narzisstische Sexualität hat noch eine andere Seite, eine gehemmte.

Sexuelle Hemmungen

Sexuelle Hemmungen können verschiedene, in der numerischen Folge abnehmende Schweregrade haben und betreffen Hemmungen:

  1. Sich überhaupt mit einem anderen zu erregen.
  2. Den genitalen Verkehr betreffend.
  3. Die Erregung beim genitalen Verkehr aufrecht zu erhalten.
  4. Einen Orgasmus zu erreichen.

Gerade bei narzisstischer Pathologie finden wir neben der Promiskuität auch eine ausgeprägte sexuelle Hemmung und zwar mitunter bis zur schwersten Form, der Unfähigkeit sich mit einem anderen Menschen sexuell zu erregen. Der psychologische Hintergrund ist der intensive bewusst und unbewusste Neid, der das ganze narzisstische Dasein durchsetzt. So ist auch der narzisstische Hass oft auf etwas gerichtet, was man gerne hätte (und sei es nur, weil andere es haben) von dem man aber weiß, dass man es nicht bekommen wird und deshalb zerstören will, denn, was ich nicht kriege, soll niemand haben. Oder kurz: Die Kirschen in Nachbars Garten sind immer süßer, als die eigenen.

Dieser oft uneingestandene Neid ist sehr weitreichend, bis in die Sexualität. Dort führt er dazu, dass der Narzisst sich vielleicht nicht als perfekt empfindet und schwer verunsichert ist, weil es andere perfektere Körper gibt und man nicht glaubt, dass man sexuell attraktiv sein könnte. In einer weiter fortgeschrittenen Form führt der Neid dazu, dass man es nicht tolerieren kann, jemand anderen zu brauchen (eine für einen Narzissten oft unerträgliche Vorstellung) was zur Hemmung führt, sich mit einem anderen sexuell zu erregen. Manchmal ist Masturbation kein Problem, das heißt, mit einem realen anderen kann man keinen Sex haben, mit einem phantasierten anderen aber doch. Bei den schwersten Formen sexueller Hemmung erlischt sogar diese Fähigkeit und man kann sich nicht einmal mehr selbst sexuell erregen. Selbst einen phantasierten anderen zu brauchen, kann nicht ertragen werden kann und damit erlischt jedes sexuelle Interesse.

Don Juanismus

Der Don Juanismus bezeichnet die oben beschriebene Promiskuität von Männern, die sexuell sehr aktiv sind, die aber doch bei aller quantitativen Menge in puncto Liebe unerfüllt sind, weil ihnen die Integration von Leidenschaft und Zärtlichkeit misslingt. In einer narzisstischen Variante handelt es sich um Männer, die Anerkennung über sexuelle Leistungsfähigkeit suchen. Es gibt noch eine Variante des Don Juanismus der mit einer neurotischen Hemmung einher geht und dem ähnelt, was man bei Frauen oft als Hysterie bezeichnet, eine unbewusste Abwehr von Sexualität bei gleichzeitigem intensiv sexuell aufreizendem Verhalten.

Wenn Sex als der Gipfel dessen gilt, was zu erreichen gibt und der sexuelle Höhepunkt nicht wie erwartet befriedigt oder dennoch etwas im Paarleben fehlt, kann man versuchen das durch Masse zu kompensieren und hat dann auch noch das Argument des Erfahrenen: “Ich weiß, wie es geht, ich hab sie alle gehabt.” Hier muss die Trauer über das nicht Erreichbare nicht konfrontiert werden, kennt man die Welt der Sexualität doch vermeintlich besser als alle anderen.

Hure oder Madonna

Ein andere, recht kuriose Variante der sexuellen Hemmung ist der Hure-Madonna-Komplex. Er besteht darin, dass ein Mann eine Frau vergöttert, mit ihr aber keinen Sex haben kann, also impotent ist, während er mit anderen Frauen leidenschaftlichen Sex ohne Potenzschwierigkeiten haben kann, diese Frauen aber als Schlampen oder Huren entwertet und nicht lieben oder achten kann. Ganz offensichtlich ist hier die Integration von Leidenschaft und Sorge, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit nicht gelungen und der Mann lebt in einer Spaltung dieser als inkompatibel erlebten Bereiche.

Das etwas kitischige, ins Ideale erhoben Bild einer reinen, makellosen Frau, die selbstverständlich kein Interessse an (einer als schmutzig erlebten) Sexualität haben kann und die durch den sexuellen Akt besudelt und verunreinigt würde (und nicht mehr als ideal angesehen werden könnte). Dem gegenüber die sexuell aktive Frau, die als erregend erlebt wird, die man aber nicht respektieren kann, da sie an solchen “Sauereien” Spaß hat. Eine Projektion einer sexuellen Hemmung, die ebenfalls bei neurotischen aber auch häufiger bei narzisstischen Männern auftaucht.