Schritt 3: Die anderen Wesen sind nicht allmächtig und alles ist viel komplizierter

Irgendwann kann das Ich wieder verschwinden, langsam, manchmal aber auch sehr schnell. © tom_bullock under cc
Dass das Ich erscheint und verschwindet hat mit dem Zeitalter der Aufklärung noch einmal eine besondere Relevanz bekommen. Die Gedanken der Aufklärung und die technischen Neuerungen der industriellen Revolution darf man nicht zu getrennt sehen, weil sie Hand in Hand gingen. Das Zeitalter der Aufklärung stellte neue Fragen und rückte den Menschen in die Mitte, die industrielle Revolution sorgte dafür, dass ein Gott immer weniger gebraucht wurde. Doch die technische Seite ist nur ein Aspekt, der Schritt zu Gottes Tod ist in seiner Ungeheuerlichkeit selten reflektiert worden, Nietzsche war sich dessen bewusst.
War es zu einem größeren Teil in mythischen Kulturen noch die Aufgabe des Ich sich vorwiegend in den Dienst zu stellen – wenn man nicht vergisst, dass mythische Zeiten durchaus rational waren und rationale Zeiten einen Sinn im Leben kennen – so wurde der Mensch eigenverantwortlicher und auch der Alltagsmensch gewann an Bedeutung. Zumindest hätte es laut Drehbuch der Aufklärung so sein sollen, doch mit der Technisierung kam es zugleich zu einer immer stärkeren Funktionalisierung des Lebens und das bedeutete auch eine Abkehr von der Innenwelt.
Abkehr von der Innenwelt meint, dass wir für Inneres, Psyche, Gedanken oft vorrangig äußere Ursachen suchen. Sehr viel wird heute durch Neurobiologie, Einflüsse der Umwelt und allerlei versteckte Manipulation zu erklären versucht. Man suggeriert uns, wir seien berechenbar durch ein paar Klicks, manche behaupten, eine eigene innere Welt würde im Grunde gar nicht existieren.
Ironischerweise ist in dieser Zeit auch die Psychoanalyse entstanden, gut 100 Jahre nach der Aufklärung. Zudem gelang es die Grundkomponenten der Materie weiter zu zerlegen, Röntgen verhalf uns dazu, dass wir ins Innere des Körpers schauen konnten, doch bis heute ist es nicht gelungen, die Bereiche wieder zusammen zu führen. Die starke These dieses Weltbildes ist, dass alle Formen der Subjektivität im Grunde fehlerhaft sind und das Ziel ist es, die Welt objektiv zu beschreiben. Alle Arten der Innerlichkeit wurden versucht uns auszutreiben.
Die Psyche hat bis heute eine eigenartige Sonderrolle. Sie ist irgendwie dazu da Probleme zu produzieren, wie Ängste, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, verhält sie sich ruhig, beachtet man sie eigentlich nicht. Dann ist Psyche etwas, was sich zwischen unseren Ohren abspielt, aber mit dem Leben nicht viel zu tun hat, Privat- und Geschmackssache. Dabei ist es doch so, dass wir alles, was wir wahrnehmen und erleben können, ausschließlich mit oder durch unsere Psyche erleben. In Psychologismus ist das näher ausgeführt. Das Ich, was in der Zeit der Aufklärung entstand, ist eine Mischempfindung. Physischer Körper, Gedanken, Gefühle und Wille gehören zu ihm und all das zusammen nennen wir Ich.
Schritt 4: Die äußere Erklärung scheint nicht zu reichen und alles wird noch komplizierter
Es gibt verschiedene Interpretationen der Gegenwart. Die Zeiten sind unbestreitbar kompliziert, viele Menschen sind überfordert, Beiträge wie Überfordert, sowie Psychologische Selbsthilfe oder Spirituelle Selbsthilfe haben wir nicht zuletzt aus diesem Grund geschrieben. Aus einer mehr theoretischen Sicht erleben wir nach meiner Einschätzung das Ende des Naturalismus, das ist das Weltbild hinter den Naturwissenschaften.
Das heißt nicht, dass die Naturwissenschaften schlecht oder falsch sind, aber ihr größter Bonus ist ihre erklärende Kraft und die verschwindet allmählich. Jüngstes Beispiel sind die eher mauen Ergebnisse der letzten Dekade des Gehirns, in der man Neurowissenschaften und KI kombinieren wollte.
Ansonsten beginnen auch weitere Gewissheiten der Vergangenheit zu bröckeln. Ob man das nun Zeitenwende, narzisstische Epidemie[graugold], neue Weltordnung, Krise der Demokratie oder wie auch immer nennen will ist Geschmackssache. Gewissheiten fallen, der Umgang mit den Medien ist ein anderer geworden, Begriffe wie Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit werden intensiv diskutiert, die alten Narrative scheinen nicht mehr zu passen, ob es in Richtung Zerfall in Richtung Faschismus oder einer Synthese in Richtung eines intelligenten Pluralismus geht wird die Zeit zeigen, momentan werden beiden Tendenzen zugleich stärker.
Es gibt verschieden Lesarten darüber, was das für das Ich bedeutet. Die eine geht so, dass man sich vom Zentrum aus, durch das Mandala des Lebens an den Rand und die äußerste Peripherie – und die gefühlte äußerste Entfernung von der Einheit – hindurch lebt, bis zu einem äußersten Punkt der Krise, der Entfremdung und schließlich der Umkehr. Es kommt zu einer Wendung nach innen, die Rückreise beginnt, der Mensch bewegt sich wieder auf die Einheit, auf das Zentrum zu.
Projektionen werden zurück genommen. Die Eltern waren nie allmächtig, man erkennt das normalerweise im Laufe des Lebens und sieht auch sie unter dem Einfluss diverser Bedingungen und Muster. Eine andere: Man hat sich von der Einheit nie entfernt, geht ja auch gar nicht, das erkennt man auf der Rückreise immer klarer. Die andere Lesart lautet, dass es keinen Weg zurück gibt, sondern dass das Ich erscheint und verschwindet und es sich dabei um eine durchgehende Bewegung handelt.
Vielleicht nicht um einen linearen Fortschritt, eher ist es ein Mäandern, aber man will ja schließlich auch was erleben, bevor man die Nase voll hat und das Buch mit der Aufschrift ‚Ich‘ dann freiwillig zuklappt. Beim Schritt 4 wird die Innenwelt mit berücksichtigt und mit Erkenntnissen der Außenwelt verbunden. Man erkennt, dass sich inmitten der Objektivierungen des Subjekt und damit das Ich immer wieder darstellt.
Schritt 5: Das Ich verschwindet
Die Natur des Ich scheint es zu sein, ständig mit irgend etwas verwickelt zu sein. Weil da draußen Objekte sind, anderes ist, bin ich, als jemand, der diese Objekte erlebt. Bäume, Autos und Mitmenschen. Aber auch zu unserem Körper haben wir eine komische Beziehung, einerseits sind wir der Meinung wir seien unser Körper, andererseits betrachten wir unseren Magen, unser Knie oder was auch immer oft als Objekt.
Aber wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass auch das Ich ein Objekt ist. Genauer, es ist nicht ein Objekt, sondern es besteht aus Objekten. Wir können nicht nur unseren Körper betrachten, sondern auch unsere Gedanken und Gefühle. Aber wer ist es, der das dann beobachtet, wenn nicht doch irgendwie ich? Aber was oder wo ist das Ich ohne all diese Objekte? Objekte zu akzeptieren heißt auch, einen Dualismus zu akzeptieren. Wenn die Objekte des ‚Ich bin der und der/die und die‘ verschwinden, bleibt das ‚Ich bin‘ übrig.
Man weiß, dass man ist oder existiert. Angst hat man in den meisten Fällen davor, dass man eines Tages nicht mehr existiert, was passiert wenn man mit seinem Körper-Ich identifiziert ist. Spirituelle Traditionen behaupten, dass das Ich eine Art Fake ist, das vergeht, wenn man insbesondere versucht es zu stellen. Fokussiert man sich auf die Suche nach dem Ich und erkennt, dass außer dem ‚Ich bin‘ nichts darüber hinaus existiert, was von Dauer ist, kann man das Ich schwächen und schließlich verschwinden lassen.
Warum sollte man überhaupt auf die Idee kommen? Weil manche der Meinung sind, dass das Ich mit Leiden verbunden ist. Wie? Indem man Angst vor dem Tag hat, an dem der Körper vergeht. Ist man mit einem Körper-Ich identifiziert, ist an dem Tag alles aus. Ist man mit dem ‚Ich bin‘ identifiziert, ist das nicht der Fall. Wie das Ich erscheint und verschwindet kann man dann selbst erleben und wir stehen gerade an einer Schwelle, an der diese Ansätze breiteren Raum gewinnen.
Es mag seltsam klingen, dass das Ich weg sein könnte, aber wenn wir uns überlegen, was wir noch vor kurzem für dauerhaft gehalten haben. Raum und Zeit, doch sie sind nur relativ. Die Demokratie eine fest geglaubte Größe, erscheint auf einmal wackelig. Selbst das, was wir für unser Universum halten, könnte im nächsten Moment vergehen. Schließlich könnte sich auch das Ich als eine Illusion entpuppen. Wenn das Verschwinden des Ich mit Freiheit und Glück verbunden ist, wie uns spirituelle Traditionen versprechen, wäre das ein gewaltiger Gewinn, allein, wir wollen vom Ich nicht ablassen.
Man braucht sich ’nur‘ immer weniger mit der Welt zu verbinden und auf sie einzulassen, weder auf die Gedanken, Gefühle oder äußeren Erscheinungen, dafür immer wieder zu untersuchen wo das Ich ist und die Gedanken auf sich selbst zu lenken. Die Wendung nach innen ist komplett. Was erleben Menschen, denen das geschehen ist? Für sie ist alles Ich, ein ‚Ich bin‘. Alles was ist, sind sie. Dass das Ich erscheint und verschwindet, ist kein großes Wunder, sondern etwas, was wir jede Nacht im Schlaf erleben.