Den Tempel im eigenen Innen zu errichten oder zu finden, kann sehr hilfreich sein. © Annika Thielmann under cc

Entspannen Sie sich! Das ist oft leichter gesagt, als getan, gerade in diesen Zeiten. Immerhin blicken 58% zuversichtlich ins Jahr 2022.

Aber es wird auch berichtet, dass immer mehr Menschen Angst haben, in dieser Zeit. Es gibt aktuell genügend Gründe sich zu fürchten, wenn man denn will. Das mit dem Wollen ist natürlich etwas provozierend, denn wer will schon Angst haben?

Wenn man das ernsthaft beantworten will, so gibt es durchaus auch eine gewisse Faszination der Angst, auch der Begriff der Angstlust ist bekannt. Manche steigern sich von einer Angst in eine Phase der Erregung oder Wut und auch das Leben am Anschlag kann offenbar eine Lust sein. Es ist zwar nicht gesund, aber manche agieren so, vielleicht weil sie es nicht anders können.

Angst muss nicht nur schrecklich sein, an Eifersucht und Neid hingegen ist eigentlich gar nichts schön, im eigenen Erleben. Auf der anderen Seite kann die Angst dann aber vielleicht mehr als jede andere Empfindung zum Horror werden, wenn man sie nicht mehr kontrollieren kann und sie einen überflutet und mitreißt, wie ein innerer Tsunami. Eine heftige Panikattacke kann mit einem Vernichtungsgefühl einher gehen, da ist dann jede Restlust vorbei, es ist der nackte Horror, die nackte Angst, eine unerträgliche Angst. Im eben verlinkten Artikel sind wir einigen Ursachen nachgegangen, hier wollen wir uns etwas stärker auf einige Lösungswege konzentrieren. Gerade weil zur Zeit mehr Menschen Angst haben.

Es gibt sehr viele, sehr gute Entspannungsverfahren und Techniken

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, man muss sie dann auch anwenden. Ich habe mal gelesen, dass wir Deutsche lieber Bücher über den Nutzen von Waldspaziergängen lesen, als im Wald spazieren zu gehen. Ansonsten tritt die Wirkung von Entspannungsverfahren irgendwann ein, bei Wiki lesen wir:

„Während der Übung eines Entspannungsverfahrens können aktuelle Spannungszustände oft schnell gelöst und chronische Spannungszustände reduziert werden. Nach drei bis vier Wochen regelmäßiger Übung wird der entspannende und beruhigende Effekt im Alltag spürbar, einerseits als eine größere allgemeine Gelassenheit und andererseits als eine bessere Fähigkeit der Selbstregulation, indem der geübte Entspannungszustand willentlich hergestellt werden kann.“[1]

Da gibt es zwei oder drei Probleme. Wenige Wochen, das ist zwar schnell, aber für manche, eben nicht schnell genug. Klar, wir wissen, Fleiß, Planung, Disziplin und Ausdauer sind immer sehr gute Verbündete, aber nicht jeder ist in der Lage sie aufzubringen und – entweder gehört das dazu, oder man betrachtet es separat – vermutlich werden viele Angstpatientinnen nicht zu jenen gehören, die sorgfältig alles planen und diszipliniert durchziehen. Es sind vielleicht eher Menschen, die ohnehin schon nervös und hektisch wirken, nichts lange durchhalten, sich von Rückschlägen schnell frustrieren lassen und so ein Selbstbild speisen, das sie glauben macht, sie seien einfach dumm, unfähig und nichts wert. Das ist der Boden, auf dem dann auch Angst gut gedeiht. Und man kann auch daran was ändern, muss es sogar.

Alle paar Jahre gibt es auch in der Psychologie Modetheorien und -begriffe. Die Selbstwirksamkeit ist so einer. Man erlebt, dass man in der Lage ist, etwas hinzubekommen. Nur erleben sich zutiefst verunsicherte Angstpatienten, die gerade zum erstem Mal in ihrem Leben Panikattacken haben und nicht wissen, was das ist, wo das auf einmal herkommt, wann und ob das jemals wieder aufhört und was sie dagegen machen können, mit Sicherheit nicht als selbstwirksam, sondern maximal weit davon entfernt. Außerdem stellt sich eine Panikattacke nicht als Panikattacke vor, sondern als Gefühl von Angstsymptomen aus dem Nichts, gerne mit dem Gefühl jetzt und hier sterben zu müssen. Von allen Scheißgefühlen gebührt diesem ein Platz unter den Top 3, vielleicht ist es das schlimmste, was ein Mensch erleben kann, in jedem Fall ist es entsetzlich.

Das andere Problem ist, dass es schnellere und bequemere Wege zur Entspannung gibt. Ist doch gut, könnte man sagen und das ist es auch, aber sie bringen mitunter eigene Probleme mit. Gemeint sind Alkohol, Drogen und Medikamente. Besonders der Alkohol wird zur Angstregulation benutzt. Die meisten Menschen sind Entspannungstrinker, die meisten Alkoholiker auch. Der Hintergrund ihrer Sucht ist nicht selten eine Angstthematik. Dann hat man zwei Probleme. Viele können damit umgehen, aber wieder sind es die weniger Disziplinierten, die so zur Verdopplung ihrer Probleme neigen. Durchaus verständlich, aber eben auch schwierig.

Finden Sie Ihren Weg

Das heißt nicht, dass man alles alleine machen muss. Wenn man völlig überrumpelt ist, wird das nicht gelingen, zumindest wäre es nicht der beste Weg. Gerade bei Angst gilt es im Grunde keine Zeit zu vertrödeln, weil die Angst sich dann tiefer fest frisst. Dennoch sollten diese Aussagen nicht demotivieren, man kann immer etwas machen.

Reagiert man schnell, kann nach plötzlich einsetzenden Ängsten, vor dem Auto fahren, etwa nach einem Unfall, mit weniger Stunden Therapie, die Furcht in der Regel schnell wieder beseitigt werden. Hat man in einem echten Trauma grauenhafte Bilder gesehen oder Todesnähe gespürt, kann das länger nachwirken, aber auch hier gibt es gute Möglichkeiten der therapeutischen Hilfe. Es gibt immer wiederkehrende Erfahrungen von sexualisierter und nicht sexualisierter Gewalt in der Kindheit, die zu einer charakteristischen Veränderung der Psyche führen und Jahre später als Symptome ausbrechen, oft in Form einer Borderline-Störung. Darauf gehen wir am Ende noch mal näher ein, denn – Spoiler – Heilung ist hier viel besser möglich als gemeinhin gedacht wird. Also: Entspannen Sie sich!

Anspannung, nein Hochspannung ist auch der charakteristische Zustand in dem sich viele Menschen befinden, die solches erleiden mussten. Und auch wenn es gewiss nicht den einen Zaubertrick gibt, der sofort und bei allen hilft, so gibt es doch effektive Hilfe.

Hilfsmittel zu haben, ist Teil des Weges. Ebenfalls ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass und wie man mit Tricks arbeiten darf und sollte. Regeln und Strukturen, Verlässlichkeit ist etwas, was auf dem Weg zur Entspannung von fundamentaler Bedeutung ist, aber es ist gleichzeitig etwas, bei dem Menschen, die Angst haben, sich zuweilen fundamental eingegrenzt fühlen. Sie können die Regeln anderer einfach nicht ertragen, weil sie sich ihnen anpassen müssen und sich dann ausgeliefert fühlen und sei es nur für eine gewisse Zeit. Sie möchten lieber nach ihren eigenen Regeln spielen, aber oft haben verunsicherte und verängstigte Menschen keine eigenen Regeln, außer vielleicht der einen, sich an keine anderen zu halten.

Das Problem dabei ist, dass das ganze Leben dann Improvisation ist, was an sich super ist, wenn man sich drauf einlassen kann. Menschen, die Angst haben, können genau das aber nicht. Neues überfordert sie, sie haben nichts an dem sie sich orientieren und ausrichten können, keine oder eine zu fragile innere Struktur, die ihnen Sicherheit geben könnte.

Wenn die Innenwelt ein Haufen an Trümmern ist, wofür man selbst nichts kann, so hat man doch die Möglichkeit diesen Trümmerhaufen anzuschauen. Neutral, mit Abstand. Vielleicht aber auch entsetzt, möglicherweise auch traurig oder wütend, das alles ist denkbar. Manchmal braucht man dabei Hilfe, manchmal geht es allein. Vielleicht entdecken Sie etwas in den Trümmern, was noch heil ist und was Sie weiter verwenden möchten. Dann nehmen Sie es an sich und bauen daraus etwas Neues. Zuerst keine Trutzburg, sondern nur eine kleine Hütte, oder sogar nur ein kleines Zelt. Aber es ist Ihres.

Geschützte Räume in Innen und Außen schaffen

Wenn Ihnen das kleine Zelt, aus alten Planen und Plastik viel zu wenig ist, dann schaffen Sie sich einfach einen anderen inneren Ort in der Phantasie. Einen, zu dem nur Sie Zugang haben oder vielleicht noch die, denen Sie den Weg dahin erklären. Eine eigene Insel, ein Tempel, ein heiliger Ort im inneren Wald. Wann immer man will, kann man sich seine eigene Welt schaffen, sie kann ja mehr sein, als nur der Wunsch, alle anderen Welten ebenfalls zur Trümmerwüste zu machen. „Nein, nein, will ich nicht, da spiel‘ ich nicht mit.“ Kennt man manche Biographien näher, kann man das sofort verstehen. Sogar noch den Neid und den Wunsch, das was andere haben, zu zerstören. Auch eine Form der Einheit, wenn alles in Trümmern liegt. Ich habe zwar nichts für mich, aber alle anderen auch nicht.

Die Alternative ist, sich etwas für sich zu nehmen. Nehmen heißt zugleich auch schaffen, umbauen. Wie schnell, geschickt und kreativ man dabei ist, kann man selbst bestimmen, ist dann aber natürlich auch selbst verantwortlich. Nächster Spoiler: Man ist es sowieso, aber man hat alles Recht diese Einsicht erst mal zu verweigern. Wer an die Hand genommen werden möchte, warum nicht? Wer Krücken braucht, sollte welche bekommen. Wer aber gegen die Strukturen anderer Einwände hat, sie sind ja nur Angebote, sollte sich trauen, eigene Welten zu entwerfen.

Innen und Außen scheinen einige Regeln in gleicher Weise zu gelten. Man kann sehr schnell Luftschlösser bauen, schillernde Fassaden errichten, aber sie neigen dazu nicht wirklich zu halten. Doch es gibt auch innere Räume, die Stabilität besitzen, einfach in dem man sie wieder und wieder aufsucht. Wenn Sie sich einen inneren Ort schaffen, an den Sie sich zurückziehen können, der Ihnen Ruhe und Kraft, Schutz und Sicherheit gibt, dann können Sie ihn durch Wiederholung immer besser erreichen. Sie kennen sich dann dort immer besser aus oder können immer mehr Details hinzufügen.

Ähnliches geht, wenn Sie in der Lage sind sehr konzentriert und fokussiert vorzugehen. Aber ängstliche Menschen springen oft gedanklich hin und her. Wiederholung und Konzentration schließen einander nicht aus, sondern ergänzen sich. In Ihnen finden Sie schon zwei Entspannungsverfahren kombiniert, ein imaginatives und Fokussierung. Beide wirken, auch wenn man zweifelt und meint, das sei doch nur Phantasie. Ängste sind auch nur Phantasie. Es sind Erwartungen von Katastrophen, zwar oft auf der Basis eigener Erlebnisse oder wiederholter Suggestionen, aber einen Sadisten zu kennen heißt nicht, dass alle Menschen sadistisch sind.

Geschützte Räume, das sind auch therapeutische Angebote. Was hier erzählt wird, bleibt im Raum, privat. Viele kennen das nicht. Das heißt auch, dass die üblichen Muster, die man aus seiner bisherigen Welt kennt, enttäuscht werden. Ich werde nicht verurteilt, sondern, man will mir helfen. Allenfalls wird mein Verhalten und das, was ich sage gedeutet. Ohne Wertung, Verurteilung, Strafandrohung. Wenn man das nicht kennt, verunsichert es und man ersetzt den fehlenden Part durch seine eigene Phantasie. Die Therapeutin ist bestimmt total sauer auch mich, die sagt das nur nicht. Oder man beginnt zu provozieren, um zu schauen, ob dieses Verhalten wirklich echt ist, oder nur aufgesetzt, gespielt. Damit das nicht eskaliert, werden Therapieregeln aufgestellt, zu Beginn. Wer alle Regeln als Affront betrachtet, ist hier sofort auf Drehzahlen, was an sich nicht schlimm ist, sondern erwünscht. Man kann umstandslos mit der Deutung beginnen und ist gleich mitten im Thema, wenn der Therapeutin vorgeworfen wird, sie sei ja auch nicht anders, als alle anderen. „Wie sind die anderen denn?“ Schon hat man einen Überblick über die Innenwelt, die Beziehungen.

Geschützte Räume sind auch ganz konkret gemeint. Man muss sich eigene Räume schaffen, in denen man die Möglichkeit hat, ungestört zu sein, solange wie man es will und braucht. Man muss sich auch die Zeit nehmen und sich eben nicht von jeder Kleinigkeit ablenken lassen. Wenn es beim ersten mal nicht klappt, kann man das Zeitfenster immer weiter ausbauen, bis man so viel hat, wie man will und braucht. Das bringt riesige Entspannung, wenn man es aushält, sich Freiraum zu nehmen und abzugrenzen. Auch mal ‚Nein‘ zu sagen.

Eine Regel wendet sich nicht selbst an

Wenn Sie das alles können, haben Sie schon viel erreicht. Ihre Welt wird deshalb nicht in drei Tagen besser, aber jetzt haben Sie Zeit und Raum zu überlegen, zu planen, zu phantasieren, zu meditieren und zu schauen, welcher Weg zu Ihnen am besten passt. Machen Sie diese Zeit zu einer besonderen Zeit. Sie können Sie durch irgendwas in besonderer Weise markieren, durch bestimmte Kleidung, Musik, total Stille, ein Räucherstäbchen oder Duft-Öl, ein anderes Licht nur für diese Zeit.

Je mehr Sinne Sie einbinden, umso mehr finden Sie dann, allein durch das sich daraus allmählich entwickelnde Ritual nach Innen, an Ihren dortigen besonderen Ort der Entspannung. Sie können den Weg nach Innen mit Atem und Körperübungen kombinieren und die immer gleichen inneren Wege gehen, bis sie dort ankommen, wo Sie sich so entspannt fühlen, wie es jetzt gerade möglich ist.

Ihre eigenen Regeln können Sie auch im Außen aufstellen. Nicht unbedingt für alle anderen, aber für sich. Sie können sich überlegen, wie weit Sie in einer Situation gehen können, wollen und wie weit nicht. Wenn Sie eigentlich weiter wollen, sich aber nicht trauen, was könnte ihnen dabei helfen? Menschen? Welche? Freunde, Familie, Therapeuten? Ein Tier? Bestimmte Hilfsmittel?

Der Notfallkoffer hat sich bewährt, der Menschen in Angstsituationen daran erinnert, wie sie sich helfen können und ihnen Mittel zur Unterstützung und Ablenkung an die Hand gibt. Beispielhaft hier. Was einem selbst besonders hilft, kann man probieren und natürlich sollte man sich erlauben, auch zu tricksen. Es ist ja für den guten Zweck die eigenen Grenzen zu erweitern. Wenn man es denn will und nur so weit, wie man es selbst will. Tricksen heißt, erlaubt ist alles, was mir gut tut, im Notfall auch ein bisschen mehr als im Normalfall. Man darf die eigenen Regeln auch brechen, denn eine Regel wendet sich nicht selbst an, sie muss immer interpretiert werden. Das heißt, alle Regeln ermöglichen einen gewissen Spielraum. Verlässliche Regel bieten aber auch Schutz und Sicherheit, durch innere Struktur. Das ist der Zusammenhang den man erkennen muss, danach und damit hat man den Rest selbst in der Hand.

Wie gesagt, ’selbst‘ bedeutet nicht, dass man keine Hilfe annehmen sollte, wenn man sie braucht. Innere Struktur ist unsere seelische Architektur, sie macht aus unserer Trümmerwüste, dem Luftschloss oder Kartenhaus ein immer stabileres Gebäude. Heißt, die eigenen Regeln immer mal wieder nachzuschärfen oder zu vergessen ist okay, es zum Normalfall werden zu lassen, geht auf Kosten der inneren Struktur und das ist ein wesentlicher Auslöser der Angst.

Die Psychosomatik der Angst

Symptome weisen oft den Weg in die eigene Unterwelt. © Joe Shlabotnik under cc

Die Psychosomatik der Angst ist einfach, Angst ist ein sehr körperbezogenes Phänomen. Das Wort Angst bedeutet nach seiner Wortherkunft ‚Enge‘ und die zeigt sich regelmäßig auch körperlich in einer Enge der Gefäße, die zu kalten Händen und Füßen und auch zu kalten Schweiß führt und eine Anspannung der Muskeln. Die Augen sind meist aufgerissen, manchmal auch der Mund. Man zittert, das Herz rast, man keucht, bis zur Hyperventilation, man macht sich vor Angst in die Hose und will einfach nur weg, flüchten. Manchmal kann die Tendenz zur Flucht auch in Wut und Kampf umschlagen, es gibt auch das Phänomen, dass, wenn man nicht weg kann, sich auf einmal eine seltsame Ruhe einstellt. Die Angst ist wie weggeblasen, auch wenn man nicht dissoziiert. Eine weitere Reaktion ist das Erstarren, man kommt nicht mehr von der Stelle und macht einfach gar nichts. Aber Enge und Anspannung, das ist das Leitmotiv.

Daraus ergibt sich die Kur. Man muss ‚einfach nur‘ warm, weit und offen werden, zusammengefasst: entspannt. Denn das ist Entspannung. Die Aufforderung: Entspannen Sie sich!, bedeutet nichts anderes als warm, weit und offen zu werden, das hilft dem Körper und Psychosomatik heißt, dass Körper und Psyche nicht getrennt sind, also hilft es auch der Psyche. Das heißt wiederum, was der Seele hilft, hilft dem Körper. Darum Bewegung, Wärme und Ablenkung. Ablenkung vor allen der Gedanken. Denn das Katstrophisieren ist ein fester Bestandteil der Angst. Kurzfassung: Ich kann die Situation nicht bewältigen und kein anderer kann, will und wird mir helfen, weil ich es gar nicht verdient habe und falls es doch einer tut, wird er mich verachten oder verspotten.

In Dauernde Anspannung und Hochspannung schrieben wir:

„Es gibt inzwischen immer mehr Methoden, die gut funktionieren und die Menschen, die dauernde Anspannung und Hochspannung kennen, probieren können. Die eine ist die 5,4,3,2,1 Methode, die darin besteht, dass man sich in einer Stresssituation 5 Dinge in seiner direkten Umgebung für einen kurzen Moment, aber dennoch genau anschaut. Was man sich anschaut, ist völlig egal. Danach versucht man 4 Dinge in seiner direkten Umgebung zu fühlen. Den Druck des Sitzes, die Kleidung auf der Haut, wie das Bein steht oder was es auch sei. Danach versucht man 3 Dinge zu hören. Was höre ich genau jetzt gerade an unterschiedlichen Geräuschen in meiner direkten Umgebung? Schließlich geht es darum 2 Dinge zu riechen, irgendein Hauch in der Umgebung, der gerade die Nase erreicht und dann noch 1 Ding zu schmecken und wenn es der Geschmack im eigenen Mund ist.“

Probieren Sie es mal, das wirkt erstaunlich gut und schnell, ansonsten gibt es den Notfallkoffer, der auch mit verordneteneten Medikamenten für alle Fälle ausgestattet sein darf. Auch hier gerne entlang eines Eskalationsspektrums. Wenn Sie an Bachblüten und Homöopathie glauben, wird sie Ihnen helfen, Sie erweitern damit das Arsenal ihrer Reaktionsmöglichkeiten. Sie bestimmen, was Ihnen gut tut. Je sicherer Sie sind, dass ihr Notfallkoffer ihnen helfen wird, um so weniger werden Sie ihn brauchen. Irgendwann werden Sie ihn zum erstem Mal vergessen und Angst vor der eigenen Courage haben, aber am Ende brauchen Sie vielleicht nur die zwei, drei wichtigsten Dinge daraus, bis Sie auch diese vergessen.

Weite ist gut gegen Enge. Weite der Atemzüge, fließende, weite Bewegungen, aber eben auch Weite der Gedanken und Gefühle. Angstgedanken und -gefühle sind ebenfalls eng und laufen auf genau ein Ziel zu: Die Ausweglosigkeit und den Untergang. Mögliche Gedanken:

Mag sein, dass das jedem gelingt aber ich schaffe das niemals.

Niemand kann verstehen, wie schlecht es mir wirklich geht. Mir geht es viel schlimmer, als allen anderen.

Das kann zwischen Hoffnungslosigkeit und Arroganz pendeln:

Ich habe das Prinzip der Übungen durchschaut. Ist ganz nett für Leute, die das nicht verstehen, mir hilft es leider nicht, da ich weiß, wie der Trick funktioniert.

Es ist gut weit zu werden, auch im Bewusstsein. Wenn Sie zu intelligent sind dann fragen Sie sich, was Ihnen die Angst eigentlich bringt. Es ist ja nicht nur schlecht Angst zu haben und daher leider und dummerweise auf so vieles verzichten zu müssen, was Sie doch ansonsten für Ihr Leben gerne gemacht hätten: Extremkletterer werden. Doch nicht Ihr Herzenswunsch von Kindesbeinen an?

Aber zumindest die gut gehende Firma, Praxis oder Kanzlei vom Vater zu übernehmen, das wollten Sie doch schon immer? Es ist auch vollkommen vernünftig, lukrativ, was kann man heute mehr wollen, die Zeiten werden nicht einfacher. Leider kam die Angststörung dazwischen. Oder hat das vielleicht auch eine gute Seite? Es entbindet einen ja auch von vielen Verpflichtungen oder der Notwenigkeit sich abzugrenzen. Bei etwas, was man nicht kann, lohnt es sich, durch die erste Empörung hindurch, immer auch mal darauf zu lauschen, ob man es denn wirklich will.

Weit zu werden, heißt dann auch den eigenen Schatten zu erkennen. Es ist das, was man nicht sieht, wenn man in sich schaut, auch wenn man ganz ehrlich ist. Wie soll man den Schatten dann erkennen? Er offenbart sich in dem, was einem bei anderen stört und liebt, auch an Symptomen, in Träumen und Phantasien, die einen immer wieder heimsuchen.

Am meisten jedoch in dem, was wir ablehnen. Es ist im Grunde leicht, sich selbst auf die Schliche zu kommen und weiter zu werden, wenn man denn wirklich will. Zwei Regeln würden reichen, aber dazwischen liegen viele Stolpersteine im Weg, manchmal sind es geradezu Bollwerke.

Die heimliche Lust an der Ohnmacht

Es ist so schön zu projizieren und sich zu empören. Manchmal fühlt man sich bedeutend, weil alle gegen mich sind. Ich muss ganz schon wichtig sein, wenn sich tatsächlich alle um einen kümmern und es darauf anlegen, mein Leben schwer zu machen. Es ist gut und legitim, dass man sich über das was einen stört beschweren kann. Die Frage ist eher, ob ich Freude an der Erregung habe, wie ganz zu Anfang schon erwähnt, das gibt es.

Es gibt aber auch einen Narzissmus der Ohnmacht, eine Lust sich zu beklagen, ohne die Absicht, dass wirklich etwas anders wird. Denn wenn man klein ist und leider gar nichts an den Zuständen ändern kann, dann ist es auch nicht schlimm, wenn man es nicht tut und sich statt dessen weiter beklagt. Man könnte auch hier erst mal raten: Entspannen Sie sich! Aber die Not ist hier oft gar nicht so groß. Denn viele lieben es, sich und anderen wechselseitig und immer wieder zu suggerieren, dass man ja nichts ändern kann, an den Umständen. Der Feind ist zu mächtig, es müssten ja auch alle mitmachen, die ganze Welt und das wird niemals passieren. Welch ein Glück aber auch, sonst müsste man noch selbst was ändern, leichter ist es aber vorzurechnen, warum das rein gar nichts bringt.

Die Koalition der Unwilligen hat ihre Unterstützer. Die Gemeinschaft derer, die überzeugt ist, dass es keinen freien Willen gibt, wächst. Obwohl die besseren Argumente auf Seiten derer liegen, die sagen, dass der Mensch sicher einen freien Willen hat. Aber Philosophie ist oft schwer und in der Frage noch ein wenig schwieriger. Wer noch nicht mal frei wählen zu können glaubt, schlägt natürlich noch Nägel in den Sarg, in den er die Freiheit schon gesteckt hat.

Angst in Zeiten von Corona

Kühe haben auch viele eine sehr entspannende Wirkung. © Bad Kleinkirchheim under cc

In der Pandemie grassieren im wesentlichen fünf Ängste.

Die Angst vor Corona selbst. Je nach dem wie alt oder krank man ist, eine sehr nachvollziehbare Furcht.

Zum anderen, die Sorge um die berufliche Existenz. Sehr viele Branchen leiden gerade erheblich und auch das ist nachvollziehbar, wenn das, was man für die Rente zurück gelegt hat, schon aufgebraucht ist und keine geschäftliche Besserung in Sicht.

Da ist die Angst andere anzustecken. Das ist erst mal normal und an sich gut, weil es zeigt, dass man sich um andere sorgt, aber es kann auch übertrieben werden und es kann die Sorge dominieren, man selbst würde verantwortlich gemacht oder sei ohnehin immer schuldig. Auch wenn die Angst überzogen sein kann, das quälende Gefühl ist real.

Außerdem die Angst der Kinder, deren Leben manchmal völlig aus der Bahn geworfen ist und die einfach ihre Freunde und gewohnte Struktur wieder erleben wollen. Doppelt tragisch, weil die Eltern ihnen oft gut helfen könnten, aber oft sich die auch am Anschlag und Kinder merken das häufig und wollen ihren Eltern nicht zur Last fallen.

Man muss gar nichts besonders tun, um den Kindern zu helfen, nicht mal stark sein. Entspannen Sie sich, könnte man auch hier sagen. Es ist oft gut, auch die Sorgen, Trauer, Angst und Wut die man als Eltern hat anzusprechen und mit den Kindern zu teilen und dennoch einen positiven Ausblick geben, dass wir immer zusammenhalten werden, egal was passiert und der ganze Spuk irgendwann vorbei sein wird.

Zuletzt, die Angst derer, die sich wenig oder gar nicht vor Corona fürchten, aber vor den Maßnahmen dagegen oder diese mindestens für unverhältnismäßig halten. Die wollen uns Angst machen. Die wollen uns die Freiheit nehmen. Auch diese Ängste werden, wo sie echt sind und kein politisches Spiel, real erlebt.

An der Stelle würde ich in besonderer Weise sagen, dass man sich keine Angst machen lassen sollte. Vorsichtig sollte man sein, zu ängstlich nicht. Die Freiheit kann einem kaum genommen werden. Die Willensfreiheit schon mal gar nicht, die Handlungsfreiheit schon. Wenn der Ruf nach Freiheit mehr als ein Slogan ist – wenn man immer genau das gerne machen möchte, was gerade, oft durchaus nachvollziehbar, nicht erlaubt oder eingeschränkt ist, klingt das eher nach Trotz – ist er wichtig. Er klingt nur zu oft seltsam schrill, weil er mitunter vom Menschen kommt, die Freiheit und Willkür nicht trennen können oder seltsam inkonsequent sind, wenn sie dann auf facebook den Verlust ihrer Freiheit beklagen.

Doch die Angst ist hier das Thema und da helfen Entspannungsverfahren ganz wunderbar. Man lernt dabei noch etwas dazu und erlebt sich nicht länger wahllos ausgeliefert.

Die seltsame Ohnmachtskoalition und wie man sie dreht

Dass es auch einen Narzissmus der Ohnmacht gibt, hatten wir schon in einem Beitrag dargestellt. Diese Menschen erhalten regelmäßig Beistand von jenen, die da sagen: Da wird den Leuten immer suggeriert, sie seien selbst Schuld. Das oft dann, wenn man Menschen, die sich hilflos und als Opfer fühlen, sagt, dass es Wege gibt, wie man ihnen helfen kann.

Ein oft fieses, nahezu bösartiges Argument. Da diejenigen die es benutzen und gar nicht so selten abspulen, ohne groß drüber nachzudenken, eben genau das tun, nicht groß drüber nachdenken, muss man Nachsicht walten lassen, aber einige wissen, was sie da tun. Abgrenzen möchte ich mich von zwei Seiten. Zum einen von denen, die selbst oft etwas unbedarft, tatsächlich Menschen, die es im Leben schwer erwischt hat, die Schuld dafür andichten möchten.

Ein ganz anderer Punkt ist jedoch, ihnen nicht die Schuld zu geben, aber die Verantwortung für ihr Leben, nach und nach zu übergeben. Warum auch ein echtes Opfer im Leben den Täter in sich finden sollte, dass haben wir hier ausführlich erklärt. Doch das gilt nicht nur für schwere Fälle, sondern allgemein, über Ängste hinaus, aber auch bei diesen. Echte Ursachen oder Projektionen? Egal, die Lösungen sind die gleichen. Ich möchte mich deutlich von denen abgrenzen, die leugnen, dass das hilft, denn das tut es.

Darum ist es gut, schnell eigenen Regeln zu finden und zu interpretieren. Das ist gerade keine Willkür, sondern bedeutet Verantwortung und diese ist die andere Seite der Freiheit. Je ernster man das nimmt, umso besser klappt es. Sie haben es in der Hand, auch Reste von Angst zu behalten. Warum man so etwas Verrücktes überhaupt wollen sollte? Wenn Symptome immer auch ein unbewusstes Machtmittel sind und wenn irgendein Symptom ein Schutz davor ist, etwas nicht tun zu müssen, dann ist diese Einsicht zwar in der Lage, dass man zu sich steht und offensiv einfordert, was mein Symptom bislang ‚dummerweise‘ verhinderte, aber vielleicht bringt man den Mut (noch) nicht auf. Dann ist es nicht schlecht zu hören, dass man einen Teil seiner Symptome ja auch behalten kann, um sich seine Welt so zu gestalten, wie es einem gut tut.

Man hält ja in letzter Konsequenz ohnehin selbst den Kopf dafür hin. Tricks aller Art sind okay, weil man sie ja selbst bezahlt. Wer sich an seine eigenen Regeln nicht hält, schadet direkt ja niemandem, aber sich. Warum überhaupt Regeln? Weil Sie Struktur geben. Struktur ist Ich-Stärke, ist Sicherheit, ist im guten Fall noch Ziel, Sinn und Glück.

In dem Buch Sprunginnovationen, von Rafael Laguna de la Vera und Thomas Ramge wird gewissermaßen von der anderen Seite des Flusses berichtet, über Menschen, die mit großer Zähigkeit, einer guten Portion Besessenheit, einem unerschütterlichen Glauben an sich und ihre Idee eben dieser nachgehen, was zuweilen etwas skurrile Züge hat. Doch diese Menschen, die wirklich etwas in der Welt verändern, waren schon früh von einem Thema eingenommen und die wissen nicht nur genau, wofür sie leben. Wenn man sie fragt, wie sie sich nur so in ein Thema reinhängen können, verstehen sie oft die Frage gar nicht. Es fühlt sich für sie einfach falsch an, es nicht zu tun. Ihr Charakter ist zwischen Genie und Exzentriker und auch diese sind oft vollkommen mit dem Leben ausgesöhnt, wenn sie sich ihrem Thema widmen können.[2]

Sind Sie ein bisschen bekloppt? Super, pflegen Sie es, das ist ein sicherer Weg zum Glück. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, heißt nicht unbedingt brav und angepasst zu sein, sondern fremde Ziele herunter zu dimmen und sein eigenes Ding zu finden, es können auch mehrere parallel oder nach einander sein. Aber ein Gespür für das, was man will zu finden, ist sehr gut.

Übernehmen Sie Verantwortung für Ihr Leben: Sie haben Sie sowieso

Aber eher im Sinne von, Sie sind sich verpflichtet, darum geht es und dann ist auch die Angst ein großartiger Lehrmeister, wenn Sie mit ihr in einen Dialog kommen. Wie breit das Arsenal der Entspannungstechniken ist, sei hier kurz illustriert. Bei Wiki lesen wir:

„Kalsarikännit … ist eine aus Finnland stammende Entspannungstechnik. Das finnische Wort „kalsarikännit“ bedeutet übersetzt so viel wie „sich in Unterhosen daheim alleine betrinken“.“[3]

Die Palette der Möglichkeiten der Spannungsreduktion ist breit, inklusive diverser Arten der sexuellen Befriedigung oder sich eben in Unterhosen daheim alleine zu betrinken. Wobei Letzteres konkret aber vor allem auch übertragen gemeint sein kann. Es geht einfach darum, sich einen Zeitraum zu nehmen, den man ganz für sich hat, sich aus allen Verpflichtungen heraus zieht und in dieser Zeit nur sich selbst gegenüber verantwortlich ist.

Nicht damit man zum Egoisten mutiert, sondern, damit man wirklich mal aus dem Hamsterrad raus kommt und sich nicht noch Entspannungsstress macht, weil man auch da noch eine Liste meint abarbeiten zu müssen.

Leben heißt im Dialog mit der Welt sein. Manche mit Menschen, manche mit Tieren, für einige ist die Begegnung mit Pflanzen ein wunderbarer Einstieg und spirituelle Disziplinen sehen uns ohnehin oft mit allem verbunden. Man kann das Band zum Kosmos gar nicht kappen und noch die seltsamsten Tätigkeiten von Sonderlingen können diese zu glücklichen Menschen machen, die ganz im Moment sind. Angst reißt einen aus dem Moment, mit der bangen Frage, was kommen wird. Kommt man wieder in den Moment, ist nicht nur die Angst weg.

Darum ist es gut, das zu finden, was man wirklich gerne macht, denn dabei kommt man in den Moment. Wir finden ein immer breiteres Arsenal an therapeutischen und außertherapeutischen Möglichkeiten, um Menschen zu helfen. Und immer mehr Einsicht, wie diese kombiniert werden können. Das muss man betonen, weil das Vorurteil in den Köpfen, dass bestimmte psychische Erkrankungen immer die Diagnose lebenslänglich haben, fest in vielen Köpfen sitzt.

Otto Kernberg hat sich ein ganzes, viele Jahrzehnte andauerndes Berufsleben mit vielen dieser Krankheiten beschäftigt. Er kommt, durch Forschungen gestützt zu dem Ergebnis, dass viele Krankheiten, die als unerreichbar galten sogar geheilt werden können, nicht nur gelindert. Die Prognose der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sei mit jedem Lebensjahrzehnt besser, bei Borderline-Störungen, die mit intensiven Form der Angst geplagt sind, ist die Quote so, dass ungefähr zwei Drittel aller Borderline Patienten nach einer guten Therapie geheilt sind.[4] Es sind eher Denkblockaden, die hier im Weg stehen.

Doch auch die bildgebenden Verfahren bestätigen den Optimismus (lesen Sie dazu gerne diesen Artikel) und jeder vertraut eben anderen Ansätzen. Eine schöne Koalition, die am Ende zu individualisierten Angeboten führen wird. Eine Indiviudualisierung, die keine Vereinzelung ist, sondern durch die man sich kennen lernt, weiß, wer man ist, was man will, eigenverantwortlich und selbstwirksam seinen Teil zum Ganzen beitragen kann und gerade so den bewusst erlebten Kontakt zur Um- und Mitwelt pflegen kann.

Seinen Platz im Leben gefunden zu haben und hier wirken zu dürfen, ist eine der nachhaltigsten Formen der Entspannung. Das unter Entspannungsverfahren oder -technik laufn zu lassen, kommt mir allerdings begrifflich ziemlich unangemessen vor. Nehmen Sie Ihren Platz ein, sogar die Angst kann dabei hefen und dann: Entspannen Sie sich!

Quellen:

  • [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Entspannungsverfahren#Wirkungen
  • [2] vgl. das Kapitel III Die Besessenen, in: Rafael Laguna de la Vera und Thomas Ramge, Sprunginnovationen, Econ 2021
  • [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Kalsarik%C3%A4nnit
  • [4] Manfred Lütz, Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?, Herder 2020, S.35