Was man für Glück und psychische Gesundheit braucht

Wo soll das hinführen und wie soll das alles klappen? Die Sorgen wachsen. Das Rettende auch? © Yann Cœuru under cc

Wir wissen heute immer besser, was man braucht, um ein glückliches, entspanntes und gelungenes Leben zu führen. All diese Punkte hängen zusammen und unterstützen oder hemmen einander. Da sind zunächst Beziehungen. Liebesbeziehungen, aber auch solche zur Familie und langjährigen Freunden sind sehr wichtig. Es hängt auch hier vieles zusammen, so dass eine frühe Störung in der Möglichkeit intakte Beziehungen einzugehen, oft durch zu viele Spitzenaffekte, Auswirkungen sowohl auf intime Liebesbeziehungen hat, als auch auf die Fähigkeit tiefe und stabile Freundschaften einzugehen. Das kann sich, etwa durch Psychotherapie, ändern, gedreht werden und dann kann es sein, dass eine tiefe Freundschaft der Wegbereiter dafür ist, dass man später in der Lage ist Liebesbeziehungen einzugehen oder das Verhältnis zu Familienmitgliedern hier und da zu klären.

Der andere wichtige Punkt ist der Sinn oder ein Ziel im Leben. Eine Perspektive, ein Leitstern, ein Ideal. Irgendwo in der Mitte zwischen beiden steht die Arbeit, nicht nur im Sinne der Lohnarbeit, aber im Sinne einer regelmäßigen Tätigkeit, die man gewissenhaft ausführt und für die man neben dem Lohn vor allem auch soziale Anerkennung bekommt. Man arbeitet in der Regel nicht nur für sich, aber auch nicht nur für andere. Man kann sie in vielen Fällen, seinen Neigungen entsprechend wählen, von daher kann Arbeit etwas sein, was das Leben mit Sinn erfüllt und auch einige Aspekte stabiler Beziehungen können hier gelebt werden.

Über die Arbeit hinaus, die das leisten kann, aber nicht muss, ist es ungeheuer wichtig einen Sinn in seinem Leben zu sehen, zu wissen, wofür man aufsteht, wofür man lebt. Es ist nahezu unglaublich, was Menschen ertragen können, wenn sie einen Sinn in ihrer Tätigkeit oder Perspektive ihrem Leben sehen, gleichzeitig bricht vieles zusammen, wenn dieser Sinn nicht mehr da ist.

Der letzte Punkt ist ein Wertefundament oder Moral. Auch dies ist ein stark motivierendes Gefühl, etwas machen zu sollen. Sowohl aus Liebe und Freundschaft, als auch aus dem, wofür man brennt wächst ganz organisch das Gefühl einer Verpflichtung. Einem Menschen eng verbunden zu sein, heißt natürlicherweise auch, sich ihm verpflichtet zu fühlen. Dasselbe gilt für ein Lebensziel. Man setzt sich dafür ein, nicht weil man muss, sondern weil es ein inneres Bedürfnis ist. Dem anderen soll es gut gehen, der Sache, der man sich verpflichtet hat, auch. So entsteht ein stabiles Dreieck aus Moral oder Werten, Sinn oder Zielen und engen und stabilen Beziehungen.

Der Kaiser ist nackt

Wenn Beziehungen, Sinn und Moral notwendige Bausteine zum Glück sind, dann ist im Kontrast nicht schwer zu erkennen, woran es uns mangelt. Wir sehen Einbußen in allen genannten Bereichen, wenn wir den Blick weiten und über die Jahrzehnte schweifen lassen. Lange Jahre sind Beziehungen unsicherer geworden, zugleich wandelt sich unser Familienmodell, was neue Chancen, aber auch Verunsicherungen mit sich bringt. Zwar sind private Beziehungen noch am ehesten ein Ort der Ruhe, aber neue Modelle werfen die Frage über den Status der Beziehung immer wieder neu auf.

Moral stiftende Instanzen sind heute selbst in der Krise, zu viele einer Doppelmoral überführt und angeprangert. Der Kirche und der Politik vertraut die Jugend in Europa immer weniger, nicht aus Desinteresse, sondern weil sie unschwer erkennt, dass der Kaiser nackt ist. Wo das alles hinführt und hinführen soll, wissen wir aber auch noch nicht. Es gibt kein übergeordnetes Ziel, auf dass sich alle einigen könnten, weder weltweit, noch europaweit, nicht mal bundesweit.

Fortschritt ohne Ziel ist ein Trip, sagt einfach ‘weiter so’, behauptet, dass alles besser wird, ohne diese Behauptung einlösen zu können. In Deutschland boomt ein Niedriglohnsektor, das und der demografische Wandel hat zur Folge, dass immer weniger Stellen besetzt werden. Längst ist nicht mehr Arbeitslosigkeit das Problem, sondern immer mehr offene Stellen, die niemand mehr haben will. Viel Arbeit, schlechte Bedingungen, wenig Lohn, das ist keine attraktive Kombination mehr.

Leistung und Effizienz sind kein Selbstzweck mehr, auch der Zug ist abgefahren, weil zunehmend weniger erkennbar wird, dass es uns gut geht. Man mag über die Diagnose Burnout streiten, dass es uns besser geht, kann man wchwer belegen. Einer von vier Deutschen ist psychisch krank. Ängste, Depressionen und Suchterkrankungen liegen vorne. Das ist keine Randgruppe mehr, sondern mehr als die größte Volkspartei an Stimmen bei der Bundestagswahl einfahren konnte. Psychische Erkrankungen in einer kranken Welt?

Nicht nur die Quellen innerer Widerstandskraft versiegen, man muss auch im Blick haben, dass die Probleme der Welt nicht kleiner werden. Das Land ist zerfallen in Segmente mit einer unterschiedlichen Entwicklungshöhe und die Entwicklung stagniert oder regrediert vor allem mittleren und unteren Bereichen. Zudem sind nicht alle Probleme gleichwertig. Wenn auch nur der Verdacht besteht, ein Thema könnte gravierende Auswirkungen auf den Fortbestand der Menschheit haben, ist dem unter Gesichtspunkten der Risikoethik besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Die Zerstörung einer Umwelt in der Menschen gut leben können, durch den Klimawandel, den Abbau an Biodiversität, Bevölkerungswachstum, Energiehunger, Müll und Zunahme von Seuchen ist ein reales Problem, was den Kampf um verbleibenden Lebensraum und Ressourcen bedeuten wird. Der Abbau des Hungers in der Welt stagniert. Ohne Zukunftsperspektive zu leben heißt jedoch nicht nur ohne intakte Natur, sondern die jungen Menschen bei uns wollen auch nicht in Armut leben. Wohlstand ist das Thema was mit Umweltschutz vereint werden muss. Wie es mit der Rente wird steht in den Sternen und selbst die Lebenserwartung sinkt nicht nur in den USA, sondern auch bei uns. Cybermobbing und -terror kommen als neue Formen noch dazu, Spannungen auf der weltpolitischen Bühne ebenfalls. Wir haben reale Probleme und weniger innere Ressourcen um ihnen zu begegnen, das Resultat sind mehr psychische Erkrankungen.

Eine Form der Anpassung?

Aggression und Zynismus nehmen zu. Ängste und Depressionen ebenfalls. Beim Narzissmus ist die Lage umstritten, die einen sehen geradezu eine Epidemie, die anderen die Zahlen stabil und eher niedrig, ein wachsendes Prinzip Narzissmus zu konstatieren könnte eine Brücke sein. Wir sind Zeitzeugen einer Welt im schnellen Wandel. Damit muss man erst mal klar kommen und die Eindrücke kollektiv und für sich geordnet kriegen. Manchmal schaffen wir es einfach nicht. Nicht jeder sagt bewusst nein dazu, es gibt viele Arten, wie wir uns verweigern. Ängste und Depressionen können dazu gehören.

Aber auch die Anpassung in Form einer kalten, zynischen bis hämischen Einstellung gegenüber der Um- und Mitwelt kann eine Option sein. Kurzfristig gibt sie einem ein Korsett. So ist sie eben, die Welt: Jeder gegen jeden. Allenfalls rottet man sich kurzfristig zu Zweckbündnissen oder Events zusammen, die Spaß bringen und gerne auch mal geschmacklos werden. Die ‘sozialen Medien’ sind hier Brandbeschleuniger. Doch auch das trägt nicht dauerhaft. Man schafft sich ein dickes Fell an, aber zu Ende überlegt ist das eine Strategie auf verlorenem Posten.

Menschen mit Angst oder Depressionen würden oft gerne mitmachen, schaffen es aber nicht mehr. Häufig ist ein Blick auf die psychosomatische Seite hilfreich. Ich kann nicht, heißt oft genug, ich will nicht, was man sich aber selbst noch nicht eingestehen kann, da es wie eine Niederlage wirkt. Im Anschluss stellt sich oft die Frage, wie es denn dann weiter gehen soll. Der oft angeprangerte Rückzug ins Private. muss keine schlechte Option sein. Die Welt mag globaler werden, unsere Kraftquellen liegen im Kleinen, Privaten, Regionalen und Dezentralen. Je größer die Systeme und Strukturen werden, desto anonymer, kälter und funktionalistischer werden sie in der Regel. Die Aufrechterhaltung des Systems wird irgendwann zum Selbstzweck, ob es noch ein gutes System ist, wäre die Frage nach Sinn und Ziel. Wir sollten sie uns zu stellen erlauben.

Wir wissen heute immer mehr, können das nur noch nicht gut sortieren. So auch dies: Es gibt den Gegensatz zwischen echten und eingebildeten Problemen im Grunde nicht. Sind Zukunftsängste, Albträume, Cybermobbing oder Projektionen nun reale Probleme oder doch nur übertrieben bis illusionär? Real ist, was in der Welt ist und das ist nicht nur das, was vor uns auf dem Tisch steht oder eine physische Adresse hat.

Es gilt, neben einer oberflächlicher Gläubigkeit, auch den Nihilismus zu überwinden, nicht zu zelebrieren. Nicht, damit der Laden läuft, sondern aus einem vitalen Eigeninteresse. Wenn man einfach so dahinlebt, in der Überzeugung, das Leben habe ohnehin keinen Sinn, bleibt als letztes Ziel wenigstens Spaß dabei zu haben. Gelangt man zu der Einsicht, dass auch der platte Hedonismus eine Kümmerversion des Lebens ist, werden die Karten neu gemischt. Wo die Sinnlosigkeit zur Pseudorechtfertigung wird sich amoralisch verhalten zu können und man glaubt, dass Menschen einander ohnehin nur übers Ohr hauen und bestenfalls Zweckbündnisse eingehen, stabilisieren sich die Gründe wechselseitig. Das ist exakt die negative Seite von Beziehungen, Sinn und Moral, die wir als Stabilisatoren des Glücks kennen lernten.

Psychische Erkrankungen in einer kranken Welt?

Eine Gegenbewegung gibt es auch. Sie besteht aus Menschen, die mit den alten Formeln nichts mehr anfangen können, Politik eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung sehen und die im kleinen Umfeld aktiv werden. Hier kann man nämlich etwas ändern und muss nicht auf die nächste Runde einer zunehmend leer drehenden Bürokratie warten.

Graswurzelbewegungen, Privatleute und dezentrale Gruppen, die die Welt besser machen wollen und damit schon längst begonnen haben. Sie wollen die 200. breiige Erklärung, warum das alles keinen Sinn hat, obwohl man ja durchaus gerne würde einfach nicht mehr hören. Ihr unerschütterlicher Optimismus ist durchaus eine Tugend, schon weil sie dem Optimisten viel bringt. Man hat von Regressionen die Nase voll, kündigt sein Opferabo und die Vitalität kehrt in die Psyche zurück. Es hat wieder einen Sinn, das Leben. Ein Baustein von Glück und Stabilität.

Dass sich keine oder noch keine Bewegung herauskristallisiert, die die Massen überall auf der Welt mobilisiert – nicht einmal das Thema Klima zieht aktuell so stark – muss kein Hindernis sein. Vielleicht ist es die intelligente Reaktion auf die breite Vielfalt an aufgeschobenen Problemen und der immer breitere Aufbruch zu einem integralen Denken und Handeln.

Dabei wird nicht alles mit einer neuen Farbe überstrichen, sondern man beginnt dort, wo ohnehin die größten eigenen Stärken liegen und nutzt diese. Ob man Musiker ist oder neue Wohnprojekte gründet, Bio-Landwirt oder den Alltag von Menschen organisiert und ihnen hilft, neue Impulse in Medizin und Pflege bringt, den Nachbarn hilft, die Welt neu denkt, all das sind kleine Steine in einem großen Mosaik, das noch nicht fertig ist. Vielleicht braucht es eine große Erzählung, vielleicht ist die Idee die Welt besser zu machen und den Beitrag des anderen dabei zu respektieren bereits das neue Bild, dessen Konturen wir langsam erahnen. Dieses in Beziehung treten ist aber zugleich die zweite Säule zur eigenen Gesundung.

Die Selbstverpflichtung ergibt sich daraus ganz von selbst. Aggressionen, zerstörerische Kräfte und auch die Lust daran sind eine Realität im Leben und in der Psyche aller Menschen, die man nicht zu leugnen braucht. Moral und Werte auf die man sich verpflichtet sind kein Resultat antiquierter Predigten mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern die dritte Säule der psychischen Gesundheit. Nun kann man das alles nicht einfach anknipsen, aber als verstehender Ausblick kann es helfen. Denn Liebe oder das Gute ist die andere Realität des Lebens. Nicht jeder kann sie zu allen Zeiten und gleichermaßen sehen, aber wenn man sie in einer der Säulen lebt und erlebt, braucht man nicht mehr darüber zu diskutieren, ob es sie wirklich gibt. Man ist ja längst selbst agierender Repräsentant dieser Kräfte, die sich gegenseitig stabilisieren und bedingen. Sie können der Welt helfen und psychische Erkrankungen abbauen, indem sie ihnen, die Basis entziehen. Jeder einzelne, der die Zusammenhänge durchdringt ist ein Steinchen mehr im funkelnden, neu entstehenden integralen Mosaik.