Überall wartet die Arbeit, überall kann man sich mit ihr zugrunde richten. © The Preiser Project under cc

Zu viel Arbeit tötet. In einem sogar recht erheblichen Ausmaß.

Zu diesem Ergebnis kamen Auswertungen von Studien und Erhebungen, die die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen getragen haben. Die Grenze ab wann Arbeit zu einem erheblichen Gesundheitsrisiko wird, ist recht genau zu beziffern, es sind 55 Stunden in der Woche.

Vor allem das Risiko für Schlaganfälle und Herz- und Kreislauferkrankungen steigt drastisch an. Zu etwa gleichen Teilen sorgen beide zusammen für etwa 745.000 Tote im Jahr. Die Zahl der Coronatoten beträgt aktuell 3,5 Millionen, die Dunkelziffer wird noch mal so hoch geschätzt, so dass man auf bislang etwa 7 Millionen Tote käme. 8 Millionen sterben laut WHO jedes Jahr an den Folgen des Rauchens. Ist also alles relativ, andererseits sind das zur Zeit auch die größten Killer.

Am Tag der Veröffentlichung hörte und las man reichlich über diese Nachricht, danach eigentlich nichts mehr. Was soll man auch damit anfangen in einem Land, in dem sich viele stark bis vorrangig über Arbeit definieren? 55 Stunden, das ist viel. Die normale Arbeitsmenge liegt bei uns zwischen 35 und 40 Stunden in der Woche. Andererseits, wenn der Samstag noch dazu kommt und die eine oder andere Stunde noch dran gehängt wird, ist die 55 Stunden Grenze schnell durchbrochen.

Viele Selbstständige sind gefährdet

Viele Selbstständige können ein Lied davon singen. Auf 55 Stunden in der Woche und mehr kommen sie locker. Vor allem wenn sie sich am Markt etablieren wollen. In der ersten Zeit. Zwei oder drei Jahre plant man da ein, in denen man ranklotzt und auf Urlaub mehr oder weniger verzichtet. Dann soll es besser werden, wenn alles nach Plan geht. Aber es geht nicht immer alles nach Plan. Oder der Andrang ist unerwartet groß. Gründe mehr zu arbeiten, als man eigentlich wollte und sollte findet man immer.

Es ist auch eher ein Langzeiteffekt. Wer einmal 60 oder 70 Stunden arbeitet, fällt nicht gleich tot um und es sind auch eher die Älteren. Wer zwischen dem 45. und dem 74. Lebensjahr 55 Stunden gearbeitet hat, der ist hoch gefährdet. Hoch gefährdet bedeutet, dass zu viel Arbeit der führende Faktor für Berufskrankheiten ist. Von den Spätfolgen betroffen sind vor allem Menschen zwischen 60 und 79.

Aber die Jahre in denen man viel arbeitet summieren sich schnell. Die ersten zwei der drei, okay, dann muss man mal hier mit einspringen, obwohl man es eigentlich nicht wollte, dann macht man dort eine Zweigstelle auf, weil es gut läuft und plötzlich ist man doch mehr aktiv, als beabsichtigt. Läuft es dann an einer Stelle nicht so, muss man sich reinhängen und tut es auch. Auf einmal sind zehn Jahre um. Der Stress verführt vielleicht noch zu einem ungesunden Lebenswandel, man macht nicht den Yogakurs um runter zu kommen, sondern raucht und trinkt ein wenig mehr als man sollte.

Auch Angestellte kann es erwischen

Der prekäre Punkt bei den Angestelltenverhältnissen ist das Home Office. Eigentlich eine tolle Sache. Der Weg zur Arbeit fällt weg, wenn keine Konferenz ansteht, fängt man an, wann man will. Es wird gemunkelt, man würde nicht so viel arbeiten wie im Büro, weil es ja doch nicht so genau kontrolliert werden kann, aber Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen die auch vor Corona schon Home Office machen konnten dies als Privileg empfanden und daher eher noch mehr arbeiteten.

Es fällt aber für viele noch etwas weg. Der klare Schnitt zwischen Arbeit und Privatsphäre. Zu Hause ist man in der Regel befreit von der Arbeit, beim Home Office setzt man sich auch abends um 22 Uhr noch dran und macht noch dies oder das. Es hängt vom Typ ab, ob man das als Fluch oder Segen empfindet. Doch die Barriere zwischen der Arbeit und dem Privaten ist durch die ständige Erreichbarkeit in den letzten Jahren ohnehin weggefallen. Hier noch ein paar mails, da noch ein Anruf vom Chef. Ob man nicht doch kann, am Wochenende, obwohl man eigentlich schon was anderes vor hatte. Alltagsplanung ist heute oft selbst schon eine logistische Großtat. Man will die Kollegen nicht im Stich lassen und so sagt man zu. Oft in der Pflege. Das alles erhöht den Level an Stress, weil man nie sicher sein kann, dass nicht doch noch ein Anruf kommt.

Es ist keine Seltenheit mehr, dass man von einem Job, auch in Vollzeit heute nicht mehr leben kann. Dann macht man eben noch einen anderen. So mancher Multijobber fühlt sich pudelwohl, weil er seine Freiheit genießt, aber eben nicht jeder. Für viele sind mehrere Lobs purer Stress, der aber sein muss, weil die Zeiten lange vorbei sind, in denen es normal war, dass ein Alleinverdiener in Vollzeit spielend eine Familie ernähren konnte.

Dann ist da noch das große Thema Überstunden. Von 38 Stunden bis zu 55, das ist eine stattliche Lücke von 17 Stunden. Etwa 29% der Arbeitnehmer in Deutschland macht nach eigenen Angaben keine wöchentliche Überstunden, ein Drittel mindestens 6 – 10 und etwas mehr als 10% kommen in die 55+ Stunden Zone.

Typisch für manche ist es auch, dass man sich Arbeit mit nach Hause nimmt. Das gibt es schon länger. Manche, weil sie das Pensum einfach nicht schaffen, einige aus Wichtigtuerei und nicht zu vergessen, etliche aus Krankheitsgründen.

Warum arbeiten wir eigentlich so viel?

Auch hier gibt es nicht die eine Antwort, sondern mehrere, die in einander übergehen.

Spaß und Notwendigkeit

Der erste Grund ist einfach Spaß an der Arbeit. Natürlich ist nicht jeder Tag ein Jubeltag, doch die meisten Deutschen gehen gerne zur Arbeit, immerhin 77%. Klingt an sich gut, ist aber der weltweit schlechteste Wert.[1] 2010 gingen noch 86% der Deutschen gerne zur Arbeit.[2] Was denen mangelt, die nicht gerne arbeiten, sind Sinn und Ziel, man will flexibel, kreativ und nachhaltig arbeiten. Wo das nicht der Fall ist, werden die Leute bei weitem häufiger krank, das nützt keinem. Die Mehrheit arbeitet dennoch gerne und wenn man das tut, arbeitet man auch gerne etwas mehr. Das ist die beste Variante.

Ein anderer wichtiger Grund ist die pure Notwendigkeit. Sie existiert in mehrfach versteckter Form. Einmal auf einem unteren Niveau, dann aber auch auf einem mittleren. Wir leben noch immer von zwei Mythen, die sich längst in Rauch aufgelöst haben. Nummer eins ist, dass Bildung und Fleiß sich in jedem Fall lohnt und Nummer zwei, dass man Arbeit auch findet, wenn man nur will. Statt dessen ist die neue Arbeitsrealität eher die, das auch sehr gebildete Menschen wenig Geld verdienen, wenn sie den ‘falschen’ Beruf haben, aber der ist oft jener, der sie wirklich interessiert.

Arbeit zu finden, ist alles andere als leicht. Einerseits werden zwar vielfach Fachkräfte gesucht, aber andererseits gibt es eine größere Konkurrenz auf dem Markt der austauschbaren Jobs, in denen viel Druck aufgebaut wird und man schnell gefeuert wird, wenn man die oft schlechten Bedingungen nicht akzeptiert. Aber selbst als Spüler, Paketbote, Putzfrau, Packer oder Sortierer muss man heute schon etwas können, um überhaupt genommen zu werden. Die Notwendigkeit auf dem unteren Niveau bedeutet, dass Menschen einfach jede Form der Arbeit machen müssen, um irgendwie zu überleben. Von Luxus ist hier keine Rede, von einer Aussicht auf Besserung auch nicht. Menschen arbeiten dann in Vollzeit und darüber hinaus, ohne die Aussicht, dass sich das jemals ändern wird. Als ‘working poor’ sind sie schon länger bekannt. Dieses Segment ist nach unten offen, hier geht es um Saisonarbeiter, die jene Tätigkeiten ausführen, die kein Einheimischer freiwillig machen würde, von der Arbeit auf Großschlachthöfen über diverse Erntehelfer Tätigkeiten. Am unteren Ende steht der Arbeiterstrich, an dem man für einen Tag seine Arbeitskraft anbietet, eine Realität auch mitten in Deutschland 2021. Man weiß es irgendwie, will es aber nicht wissen, Paketboten, Haushaltshilfen und Call Center Jobs, sind immer die anderen. In der Jugend kann das auch mal ganz spannend sein, als Dauerarbeit dann eher weniger.

Die andere Art der versteckten Notwendigkeit sollten wir aber auch näher betrachten. Die Zeiten in denen einer, meistens der Mann, sich hocharbeiten und in gut bezahlten Jobs etablieren und bequem eine Familie ernähren konnte, sind vorbei. Man kann in Deutschland finanziell noch immer recht geht leben, wenn man eine Familie oder besser nur ein Paar ist und zu DINKs (double income, no kids) gehört, aber auch das doppelte Einkommen wird zunehmend zur Notwendigkeit. Wo die Arbeit Selbstverwirklichung ist, sind vielleicht beide an der Sonne, aber dass einer Vollzeit und der andere mindestens Teilzeit arbeitet, besser aber auch Vollzeit, schon wegen der Rente, eventueller Trennung und so weiter, bringt mancherlei Einschränkungen mit sich. Hat man Kinder, müssen diese versorgt werden, außerdem will man in der Freizeit nicht noch unbedingt das Haus putzen, für manche ist auch Arbeit im Garten eher eine zusätzliche Anstrengung, diverse handwerkliche Reparaturarbeiten will man in der kargen Freizeit dann auch eher nicht ausführen und so kann und muss man für alles Hilfskräfte einstellen.

Das kann durchaus zu einer Entfremdung vom eigenen Leben führen. Man ist auf seinem Fachgebiet kompetent, vom Rest hat man keine Ahnung mehr, aber Angestellte. Klar, die Wohnung glänzt, der Garten ist hübsch, die Kinder sind versorgt, das kann durchaus gut klappen, aber der Schuss kann auch nach hinten losgehen. Können aus irgendwelchen Gründen nicht mehr beide arbeiten, ist das Leben auf einmal nicht mehr so komfortabel und das Geld für das Versorgungsnetzwerk fehlt. So stellt sich ein gewisser Zwang zur Arbeit von beiden ein, für die Kinder ist man nicht mehr unbedingt die privilegierte Person, was tiefere Bindungen verhindert und wiederum einen funktionalistischen Lebensansatz begünstigt. Alles wird etwas flacher, oberflächlicher und beliebiger. Wir müssen nicht darauf warten, dass das eintritt, denn das ist die Zeit in der wir leben.

Ein Funktionalismus, der tief in unsere Beziehungen eindringt und uns suggeriert, wir könnten uns jederzeit, den passenden Menschen aussuchen, der optimal auf unsere aktuellen Bedürfnisse und unsere Lebenssituation zugeschnitten ist. Teilweise idealisiert, als Polyamorie, bei der es dann für jede Facette der eigenen Bedürftigkeit das perfekt passende Gegenüber geben soll. Tiefere Beziehungen stellen sich aber dann ein, wenn man zusammen durch Höhen und Tiefen geht, wo man gemeinsam Krisen meistert und eben nicht, wenn man den anderen austauscht, wenn es nicht mehr ins Konzept passt.

Es ist gut, den inneren Zusammenhang zwischen der Konkurrenz um Lebenszeit zu betrachten, die (nicht) miteinander verbracht wird und welche Auswirkungen das auf die Psyche hat.