Für manche Kinder kann die Schule zur echten Qual werden. Auch wenn sie dem Unterrichtsstoff inhaltlich gut folgen können, scheinen die Buchstaben beim Lesen zu verschwimmen, beim Schreiben von Wörtern durcheinander zu purzeln oder ganze Wörter zu fehlen. Studien haben gezeigt, dass die Legasthenie-Ursachen in einer geringen auditiven und visuellen Verarbeitung des Gehirns liegen.

Was bedeutet Legasthenie?

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Legastheniker können Wörter schwer erfassen © Last Hero under cc

Der Begriff Legasthenie steht für Schwierigkeiten beim Erlernen von Lesen und Schreiben. In der Regel sind beide Fähigkeiten im Vergleich zu Gleichaltrigen unterentwickelt. Die Betroffenen weisen trotz dieser Probleme eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz auf (Dilling, Mombour, Schmidt & Markwort, 2006). Von Legasthenie Betroffene können daher in vielen Bereichen außerhalb der Schriftsprache mittlere bis hervorragende Leistungen erbringen.

Wie häufig ist Legasthenie?

Ungefähr 5% der deutschen Erwachsenen haben ein Rechtschreibniveau, das dem von Viertklässlern entspricht (Haffner et al., 1998). Gibt man in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass das Erlernen und Anwenden der Schriftsprache gerade im schulischen Kontext in Deutschland Pflicht ist, kann diese Zahl als hoch angesehen werden.

Legasthenie-Ursachen

Eine Studie von Schneider und Näslund (1999) hat die Vorkenntnisse von Kindern im Kindergartenalter mit ihren Sprachkenntnissen bis zum Ende der Grundschule verglichen. Dabei zeigte sich, dass die phonologische Informationsverarbeitung einen bedeutsamen Einfluss auf den Erwerb von Lese- und Rechtschreibfähigkeiten hat. Diese zeichnet sich durch drei Merkmale aus (Wagner & Torgesen, 1987):

1. Phonologische Bewusstheit

Die phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne meint das Erkennen und Analysieren größerer sprachlicher Einheiten wie Wörter, Silben und Reime. Die phonologische Bewusstheit im engeren Sinne steht für die Fähigkeit, Silbenlaute in kleinere Einheiten zerlegen zu können (Skowronek & Marx, 1989). Die Studie konnte zeigen, dass sich die phonologische Bewusstheit sehr stark auf die Entwicklung der Schreibfähigkeiten auswirkt.

Die Störung der zentralen auditiven Wahrnehmung hat den größten Anteil an dieser Beeinträchtigung. Laut “Phonologie-Defizit-Hypothese” haben Legastheniker Probleme, lautliche Segmente der Sprache zu unterscheiden und im Gedächtnis zu speichern (Schulte-Körne, 2001b). Daher fällt eine Zuordnung einzelner Buchstaben zu den entsprechenden Lauten und umgekehrt sehr schwer. Für dieses Defizit sind Regionen des Großhirns, genauer gesagt der linke temporo-parietale Bereich verantwortlich, die bei der Wahrnehmung und Unterscheidung von Sprachreizen und Lauten bei Legasthenikern in geringerem Maß aktiviert werden (Georgiewa et al., 2002; Paulesu et al., 2001; Rumsey et al., 1997).

Ein weiterer Einflussfaktor liegt in einer Störung der zentralen visuellen Wahrnehmung. Beim Lesen von Pseudowörtern konnte gezeigt werden, dass der occipitale und temporale Cortex verzögert und geringer aktiviert ist (Salmelin et al., 1996). Daher werden Wörter deutlich verzögert wahrgenommen.

2. Sprachgebundenes Kurzeitgedächtnis

Im Kurzzeitgedächtnis werden Informationen für eine begrenzte Zeitdauer gespeichert und dann wieder vergessen. Die Untersuchung hat ergeben, dass Kindergartenkinder, die über relativ gute sprachliche Kurzeitgedächtniskapazitäten verfügen, es in der Schule leichter haben, Lesen und Schreiben zu lernen.
Die Störung der auditiven und visuellen Wahrnehmung äußert sich bei Legasthenikern in Form einer Gedächtnisschwäche für Laute, Buchstaben und Wörter. Diese können im Gegensatz zu nicht sprachlichen Inhalten schlecht gespeichert werden (Schulte-Körne et al., 2003b).

3. Sprachliche Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit

Je schneller das Kind auf seinen Wortschatz zurückgreifen konnte, desto einfacher fällt ihm das Erlernen von Lesen und Schreiben. Bedingt durch die Gedächtnisschwäche wiesen Legastheniker einen geringeren Wortschatz auf und haben es beim Lernen folglich schwerer.

Quellenangaben

  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M.H. & Schulte-Markwort, E. (2006). Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. Bern: Huber.
  • Georgiewa, P., Rzanny, R., Gaser, C., Gerhard, U.J., Vieweg, U., Freesmeyer, D., Mentzel, H.J., Kaiser, W.A. & Blanz, B. (2002). Phonological processing in dyslexic children: a study combining functional imaging and event related potentials. Neuroscience Letters 18, 5-8.
  • Haffner, J., Zerahn-Hartung, C., Pfuller, U., Parzer, P., Strehlow, U. & Resch, F. (1998). Auswirkungen und Bedeutung spezifischer Rechtschreibprobleme bei jungen Erwachsenen – empirische Befunde in einer epidemiologischen Stichprobe. Zeitschrift für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 26, 124-135.
  • Paulesu, E., Demonet, J.F., Fazio, F., McCrory, E., Chanoine, V., Brunswick, N., Cappa, S.F., Cossu, G., Habib, M., Frith, C.D. & Frith, U. (2001). Dyslexia: cultural diversity and biological unity. Science 16, 291, 2.165-2.167.
  • Rumsey, J.M., Nace, K., Donohue, B., Wise, D., Maisog, J.M. & Andreason, P.(1997). A positron emission tomographic study of impaired word recognition and phonological processing in dyslexic men. Archives of Neurology, 54, 562-573.
  • Salmelin, R., Service, E., Kiesila, P., Uutela, K. & Salonen, O. (1996). Impaired visual word processing in dyslexia revealed with magnetoencephalography. Annals of Neurology, 40, 157-162.
  • Schneider, W. & Näslund, J.C. (1999). The impact of early phonological skills on reading and spelling in school: Evidence from Munich Longitudinal Study. In F.E. Weinert & W. Schneider (Hrsg.), Individual development from 3 to 12: Findings from the Munich Longitudinal Study (S.126-153). Cambridge: Cambridge University Press.
  • Schulte-Körne, G., Deimel, W. & Remschmidt, H. (2003b) Rechtschreibtraining in schulischen Fördergruppen – Ergebnisse einer Evaluationsstudie in der Primarstufe. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und – psychotherapie, 1.
  • Schulte-Körne, G. (2001b). Lese-Rechtschreibschwäche und Sprachwahrnehmung. Münster: Waxmann.
  • Skowronek, H. & Marx , H. (1989). The Bielefeld longitudinal study on early identifictation of risks in learning to read and write: Theoretical backround and first results. In M. Brambing, F. Lösel & H. Skowronek (Hrsg.), Children at risk: Assessment, longitudinal research, and intervention (S. 268-294). New York: de Gruyter.
  • Wagner, R. & Torgesen, J. (1987). The nature of phonological processing and its causal role in the aquisation of reading skills. Psychological Bulletin, 101, 192-212.